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„Kunst braucht mehr als Fördergelder“ – Elisabeth Hartung über neue Allianzen in der Kultur

Ein neun Meter langer Plüschfisch, Gaming-Avatare und Gespräche im Glas-Iglu: Die Ausstellung „NEUE WELTEN“ bringt junge Kunst aus München in die Bergson Gallery. Hinter dem Projekt steht die Kunstwissenschaftlerin und Kulturmanagerin Elisabeth Hartung – Mitglied im Rotary Club Bogenhausen. Im Gespräch mit Mucbook erklärt sie, warum Kunst mehr braucht als Fördergelder — und weshalb neue Allianzen immer wichtiger werden.

Hallo Elisabeth, Du hast vor allem in München viele Projekte mit zeitgenössischer Kunst in München initiiert und geleitet. Aktuell stehst Du hinter der Ausstellung NEUE WELTEN in der Bergson Gallery. Was hat es damit auf sich?

Elisabeth Hartung: Dahinter steht bürgerschaftliches Engagement für die junge Kunst, ihren Mut und ihre Gestaltungskraft und für München als eine Stadt der Produktion und Präsentation zeitgenössischer Kunst.

In der Ausstellung kommen erstmals 19 Arbeiten der Preisträger:innen des Kunstpreises NEUE WELTEN in einem privatwirtschaftlichen Ausstellungsraum zusammen. Der Preis selbst wurde vom Rotary Club München-Bogenhausen initiiert und finanziert. Seit 5 Jahren wird er in Kooperation mit dem Akademieverein München e.V. realisiert, um Absolvent:innen der Akademie der Bildenden Künste die Realisierung einer Arbeit zu ermöglichen, ihnen eine neue Öffentlichkeit und ein neues Netzwerk zu erschließen.

© Jeremias Ganz

Was konkret erwartet die Besucher:innen in der Ausstellung?
Die Begegnung mit junger Kunst aus München und eine Reise zu 19 Stationen, also zu 19 künstlerischen Arbeiten, die sich unter dem Motto NEUE WELTEN künstlerisch mit zentralen Themen unserer Gegenwart beschäftigen, die auch relevant für die Zukunft sind.

Die Besucher tauschen ein in digitale Welten, werden mit sozialen und ökologischen Fragen konfrontiert, sind eingeladen den Blick hinter Kulissen zu werfen und immer geht es um Dialoge und Fragen unseres Zusammenlebens. Manche Arbeiten sind irritierend, manche humorvoll, manche poetisch.

Du kennst die Szene in München seit vielen Jahren sehr gut. Wie schwer oder leicht haben es Künstler:innen derzeit?

Das Thema Raum ist in dieser schönen und reichen Stadt besonders eklatant. Angesichts des Mangels an Wohn- und Arbeitsräumen sind die Kommunen besonders gefragt. Es braucht in meinen Augen einen Masterplan, der nachhaltig auch privates Investment ermöglicht und in die Schaffung von Räumen für künstlerische Projekte einbezieht und neue Wege geht. Neben Räumen brauchen Künstler aber insbesondere Sichtbarkeit und Anerkennung als Gestalter und Impulsgeber und sie brauchen Aufträge.

Erwischt die aktuelle wirtschaftliche Lage Künstler:innen existenziell?

Kunst als Beruf ist immer eine besondere Herausforderung. Angesichts der wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Situation spitzt sich die Lage zu. Es geht jetzt auch um die Rolle von Kunst für unsere Kultur und Demokratie. Fällt diese Wertschätzung weg, hat das Auswirkungen auch auf die ökonomische Situation.

Etatkürzungen wirken sich immer unmittelbar auf die Kunst aus. In Städten wie Augsburg oder Nürnberg wurden die Kulturreferate abgeschafft. Da schwingt Bedeutungsverlust mit. Umso wichtiger ist es, dagegenzuhalten und neue Allianzen zu bilden, die sich für die Kunst einsetzen.

Das macht unter anderem der Rotary Club München, dem du angehörst. Was ist das genau?

Rotary ist ein internationales Netzwerk. In lokalen Clubs kommen Menschen aus unterschiedlichen Berufsfeldern zusammen – Ärzte, Anwälte, Medienleute usw. Ich vertrete im Rotary Club Bogenhausen den Bereich Kunst und Design.

Ziel ist es, Gutes für die Gesellschaft zu tun, gerade in einer reichen Stadt wie München gibt es viele Bereiche, in denen nicht alles glänzt.

© Bergson/Dirk Tacke 

Dr. Elisabeth Hartung hat viele innovative Kunstprojekte auf den Weg gebracht und geleitet – von ihren Anfangen mit der FOE 156 über die Luitpold Lounge und die PLATFORM München bis zum 50. Jubiläum der Olympischen Spiele in München 2022.

Woher kommen die Fördergelder?

Von den Mitgliedern selbst. Alle zahlen regelmäßig Beiträge in den Sozial- und Kulturförderverein, aus dem unterschiedliche Projekte finanziert werden.

Auch aus Firmenvermögen?

Nein, es sind private Mittel, auch wenn Unternehmer:innen Mitglieder sind. Manche engagieren sich besonders für Projekte, die ihnen am Herzen liegen. Sie stiften zusätzliche Mittel oder engagieren sich ehrenamtlich.

Ihr habt den Kunstpreis „Neue Welten“ 2021 ins Leben gerufen. Warum?

Es soll ein Stück Empowerment für die junge Generation sein. Damit sie mit Mut und neuen Ideen an die Gestaltung der Stadt herangehen. Damals war Corona und wir haben gesehen: Die existenziellen Grundbedürfnisse sind zwar abgedeckt, aber Menschen kommen nicht mehr zusammen, Museen haben geschlossen, Veranstaltungen fallen aus.

Wir haben uns in dieser Situation gefragt, was wichtig für die Zukunft ist. Uns wurde klar, Kunst ist ein wichtiger Bestandteil der Stadt und Dialog über die Kunst ist wichtiger Teil unserer demokratischen Öffentlichkeit.

© Jeremias Kanz

Wer kommt für den Preis in Frage?

Um einen Konzeptvorschlag für NEUE WELTEN einreichen zu können, mussten die Künstler:innen von ihren Professor:innen nominiert werden. Eine Shortlist von fünf Leuten konnte dann ihre Vorschläge gegen ein Honorar von 500 Euro auszuarbeiten und vor einer öffentlichen Jury zu präsentieren, die dann die Preisträger bestimmten (bis zu 6.000 Euro Preisgeld Anm. d. Red).

Sollte die öffentliche Hand Kunst und Kultur trotz Haushaltskrise fördern wie bisher?

„Wie bisher“, das ist zu allgemein und pauschal gesagt. Die Herausforderung und Chance unserer Zeit liegt darin, zu überlegen: Was kann man mit vorhandenen Ressourcen machen? Wie kann man es anders gestalten als angesichts der finanziellen Lage nur zu fordern: „Die Fördertöpfe müssen so und so voll sein“.

Grundsätzlich ist es problematisch, wenn der Rotstift immer zuerst bei der Kultur angesetzt wird. Die Freiheit von Kunst steht schon im Grundgesetz und die Schaffung von Bedingungen, diese zu erhalten und zu fördern, sollte weiterhin selbstverständlich sein.

Das kann auch mit angewandten Maßnahmen etwa bei der Stadtentwicklung sein. Hier liegen neue Aufgabenfelder für Kunst und Gestaltung gemeinsam mit Investoren und bürgerschaftlichem Engagement. Darin liegt die Chance, fernab eines „weiter wie bisher“ nachzudenken.

© Barbara Gruppe Rotary Club München Bogenhausen

Hast du Beispiele?

Konkret denke ich natürlich in München an die PLATFORM, die auch im Hinblick auf neue gesellschaftliche und wirtschaftliche Aufgabenfelder für Kunst gegründet worden war. (Elisabeth Hartung war Gründungsdirektorin und langjährige Leiterin, Anmerkung der Red.),

In Nürnberg widmete sich unter meiner Leitung das temporäre Projekt „Zukunftsmusik“ der Transformation des leerstehenden Kaufhofs in der Innenstadt mit Kunst und Kultur. Gegen ein faires Honorar haben dort Künstler Projekte realisiert und neue Zukunftsvisionen erlebbar gemacht.

Museen und Galerien werden weiter ein wichtiges Forum für Kunst sein, aber es gibt auch neue Arbeitsfelder und es tun sich neue Handlungsräume auf.

Ist private Kunstförderung also das Zukunftsmodell?

Zumindest ist sie eine große Chance. Es gab immer schon eine enge Beziehung zwischen privaten Auftraggeber:innen und Künstler:innen, auch als Impulsgeber und enge Berater. Das ist keine neue Verbindung. Die private Kunstförderung kann die öffentliche nicht ersetzen, aber sehr wohl erweitern und die Rolle der Kunst stärken.

Macht sich Kunst dadurch nicht abhängig von privaten Geldgebern?

Kein Künstler und keine Künstlerin ist gezwungen, einen Auftrag anzunehmen. Es ist eine Erweiterung der Möglichkeiten.

Für ein Unternehmen zu arbeiten kann sehr spannend sein. Es ist ein Dialog etwa mit der Architektur oder der Unternehmenskultur. Die Kriterien und Prozesse sind da oft ähnlich wie bei allen Projekten außerhalb der klassischen Kunstinstitutionen, auch bei Kunst im öffentlichen Raum sind immer die räumlichen, zeitlichen und sozialen Koordinaten zu berücksichtigen.

Künstler wollen ja keine Almosen. Es geht um Wertschätzung und darum, dass Kunst als wichtige gesellschaftliche kreative Leistung verstanden wird – gerade, weil sie frei ist und ungewohnte Perspektiven einbringt.

Müssen Menschen vielleicht auch bereit sein, mehr zu zahlen?

Wichtiger ist zunächst, dass Kunst und Kultur für alle zugänglich bleiben und nicht zu einer rein ökonomischen Entscheidung werden. Ob zehn Euro und mehr Eintritt automatisch mehr Wertschätzung erzeugen, würde ich infrage stellen.

Deshalb ist es uns auch wichtig, dass unsere neue Ausstellung „Neue Welten“ in der Bergson Gallery ohne Eintritt zugänglich ist.

© Jeremias Kanz

Kommen wir noch mal zur Ausstellung NEUE WELTEN zurück. Was steht auf dem Programm kommenden Donnerstag, 21. Mai?

In Anwesenheit vieler Künstler:innen gibt es um 18 Uhr eine Führung und Interessent:innen können im Glas-Iglu an einem Gespräch teilnehmen. Dann gleiten wir in einen unterhaltsamen Abend im Bergson Kunstkraftwerk, bei dem das Buch NEUE WELTEN vorgestellt wird. Und es gibt einen Talk mit den Künstler:innen über Ihre Profession und Linn Born, Unternehmerin, Kunstsammlerin und stellvertretende Vorsitzende des Akademieverein München e.V.

Welche gezeigten Werke fallen dir spontan ein?

Jede Arbeit hat ihren eigenen Zauber. Alexander Scharf führt in die Welt des Gaming: Er nutzt Avatare, um zwischen der digitalen und der realen Welt zu vermitteln. Am Boden zwischen verschiedenen Arbeiten ist ein neun Meter langer Plüsch-Fisch von Merlin Stadler gestrandet – im Pazifik, bei Japan, gilt er als Vorbote von Katastrophen. Stichwort Klimakrise. Er ist in der Ausstellung aber nicht glitschig, sondern knuffig. Man kann das so lesen: Wir müssen lernen, das drohende Unheil zu umarmen. Es ist schon Teil der Gegenwart.

Auch “Raumfragen” ist dabei – unsere ersten Preisträger, die inzwischen als gemeinnütziger Verein, kreative Lösungen gemeinsam mit Menschen vor Ort etwa in Neuperlach entwickeln und bauen.

© Jeremias Kanz

Was würde dich als junge Künstlerin stolzer machen – ein eigenes Werk in der Pinakothek oder im Eingangsbereich einer großen Firma wie BMW und Allianz?

Kunst will wirken und dafür braucht sie Orte, an denen Menschen ihr begegnen können. Das kann ein Museum sein, oder ein Foyer in einem Unternehmen oder der öffentliche Raum.

Für mich wäre es daher kein grundsätzlicher Unterschied. Gerhard Richter hängt bei BMW und in der Pinakothek, um einen der ganz bekannten Namen zu benennen. Entscheidend wäre für mich als Künstlerin, fair bezahlt zu werden — und dass es Orte und Situationen gibt, an denen meine Arbeit wertgeschätzt wird und Menschen mit meiner Kunst in Kontakt kommen. Aber ich bin keine Künstlerin, sondern Kunstwissenschaftlerin und Managerin. Ich sehe meine Aufgabe darin, unterschiedlichste Menschen und Kontexte zusammenzubringen, Brücken zu bauen und neue Formate zu entwickeln, die helfen, neues Denken zu etablieren.

In aller Kürze:

Was? NEUE WELTEN Rotary Club München-Bogenhausen zu Gast im Bergson 1ST FLOOR

Ausstellungslaufzeit: 27. April – 02. August 2026 (Eintritt frei!)

Führung, Buchpräsentation & Talk: Do, 21. Mai, ab 18: Uhr @Bergson

Anmeldung: kostenlos hier

Wo? Am Bergson Kunstkraftwerk 2, 81245 München

Künstler*innen: Zarah Abraham, Shirley Cambonie, Yuhao Chen & Xenia Hartok, Roman Cherezov, Lara Cooc, Pierre-Yves Delannoy, Lena Grossmann, Nikolai Gümbel, Leonhard Huber & Dominik Schreiner, Sri Maryanto, Rosa Pfluger, Raumfragen – Adrian Sölch & Raphael Krome, Alexander Scharf, Anna Schübel, Merlin Stadler, Karolina Vocke, Tabata von der Locht, Janina Totzauer, Julia Walk

Zur Person:
Dr. Elisabeth Hartung ist erfahrene Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin und Kulturmanagerin, die insbesondere in München viele innovative Kunstprojekte auf den Weg gebracht und geleitet hat, – von ihren Anfangen mit der FOE 156 über die Luitpold Lounge und die PLATFORM München bis zum 50. Jubiläum der Olympischen Spiele in München 2022. Nach langjährigen Tätigkeiten in leitenden Positionen für die Städte München und Nürnberg, ist sie als Beraterin und Managerin für unterschiedlichste Auftraggeber mit ihrer Dienstleistungsagentur kunst-buero tätig und baut Brücken zwischen Kunst und Wirtschaft, Öffentlichkeit und Stiftungen.

Beitragsbild: © Jeremias Ganz