Für den SpaceNet Award hat Karina Luger den Text „Audi 80 GT Coupé 5s” geschrieben. Dafür wurde sie im Rahmen der Preisverleihung ausgezeichnet.
Kultur

Audi 80 GT Coupe 5s

Karina Luger
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von Karina Luger 

Schlecht schaut er aus, der Toni. Der Krebs. Beim Stammtisch hüstelt er vor sich hin und er hat stark abgenommen. Das bekümmert den Helmut sehr. 

Seit der Toni die Manuela geheiratet hat, seit er nach Bayerbrunn gezogen und beim Stammtisch aufgeschlagen ist, seither sind sie befreundet. Also schon ewig. Und jetzt sitzt er zusammengesunken mit rasselndem Atem in der „Schwarzen Traube“ und ist glücklich, dass er da noch sitzen kann. Tragisch, sowas. Der Toni tut dem Helmut leid. 

Der Reihe nach zahlen die Anwesenden ihre Rechnung und schlurfen in die Nacht davon. Helmut und Toni zahlen auch, trinken ihr Glas noch leer und verlassen die „Schwarze Traube“ gemeinsam. Draußen scheint der Mond. Der Toni steht da und schaut in den Himmel hinauf. Der Helmut will schon den Autoschlüssel zücken, wirft einen Blick auf den schweigenden Toni, schaut auch in den Himmel, ob man da vielleicht etwas Wichtiges sieht, schaut wieder den Toni an. 

Weißt, Helmut,“ sagt der „bei mir, da dauert es nicht mehr lang.“ 

Aber geh,“ sagt der Helmut und will das Unübersehbare nicht bestätigen. „Du hast es bis hierher geschafft. Du lebst jetzt gesund, du schaffst es noch lang. Viele Jahre. Das kannst du mir glauben.“ Der Toni holt seinen Blick vom Firmament und heftet ihn auf seinen alten Freund. 

Nein, Heli, so ehrlich muss man sein. Ein paar Wochen noch. Ich spür das.“ 

Der Helmut sagt nichts. Was soll er sagen. Im Grunde hat der Toni recht. Sie wissen es beide und schweigen ein Weilchen. Still ist es am Marktplatz. Ganz still. 

Heli, ich muss dir was zeigen“ sagt der Toni schließlich „Komm, wir fahren zu mir. Die Manuela hat mich hergefahren, bring du mich heim.“ 

Was zeigen?“ fragt der Helmut skeptisch. „Was musst du mir denn zeigen?“ 

EIN Mensch muss davon wissen, bevor ich sterb“ sagt der Toni. „Ich kann die Manuela nicht damit allein lassen.“ 

So kennt der Helmut den Toni nicht. Vernebeln die schweren Medikamente ein bisschen den Verstand? Was könnte sein Freund ihm zeigen wollen, von dem der Helmut nicht längst weiß? Sie haben einander doch immer so gut wie alles erzählt! 

Schweigend sitzen sie nebeneinander im Auto und der Helmut kutschiert den Toni heim. Kaum steht der Wagen still, müht sich der Toni rasselnd atmend aus dem Sitz. „Komm“ sagt er. „Hinten herum. Ich hol noch schnell die Taschenlampe.“ 

Was hat er vor? Schnaufend kommt er mit einer Taschenlampe zurück, deren grelles Licht einen Weg ausleuchtet bis zu der Holzhütte hinter Tonis und Manuelas Anwesen. Ein kleiner Bauernhof war das einmal. Als die Kinder weggegangen sind, haben sie den Betrieb stillgelegt. Die landwirtschaftlichen Gebäude stehen seither nutzlos herum. 

Hilf mir“ sagt der Toni und stemmt einen der hölzernen Torflügel auf. 

In der geräumigen Hütte fällt der Lichtkegel der Taschenlampe auf einen abgestellten Ladewagen, Heugabeln und Rechen hängen an der Wand. „Ganz nach hinten“ sagt der Toni und würde der Helmut ihn nicht so gut kennen, es würde ihn direkt gruseln. Was ist nur los mit ihm? 

Er folgt ihm zögernd bis in die hinterste Ecke. Das Taschenlampenlicht tanzt über den alten Traktor und im Schatten kauerndes Gerümpel. An der hinteren Querwand erstreckt sich aufgeschichtetes Brennholz und dahinter steht ein abgedecktes Ding. Helmut schluckt. „Was ist das?“ 

Toni zerrt an der Abdeckung. Helmut gibt sich einen Ruck und hilft ihm, sie zu entfernen. Darunter kommt Lack zutage. Roter, kirschroter Lack. Ganz blank, top Zustand. Ein Auto. Ein Audi. Bestimmt dreißig Jahre alt. 

Ein Audi 80 GT Coupe 5s.“ sagt Toni. Helmut schaut, berührt das Auto. 

Wie neu. Mit dem kannst sofort bei einer Oldtimerschau mitfahren.“ 

Mit dem kann keiner bei einer Oldtimerschau mitfahren“ sagt der Toni. Helmut schaut ihn an, versteht nicht. 

Das ist das Fluchtauto, das RAF-Mitglieder 1983 bei der versuchten Entführung des Innenministers gefahren haben und das keiner gefunden hat. Dreiundvierzig Jahre lang nicht.“ 

Helmut fällt buchstäblich aller Ausdruck aus dem Gesicht. 

WAS?? Was sagst du da? RAF?!!“ 

Kannst dich nicht erinnern? 1983 gab es einen Entführungsversuch, bei dem der Innenminister Strauber hätte gekidnappt werden sollen. Hätte. Ist nicht gelungen. Der Strauber hat so gefuchste Personenschützer gehabt, da ist das Ding vereitelt worden.“ 

Helmut ist sprachlos. 

Er findet sich gar nicht wieder. 

Er schnauft und merkt, wie ihm kalt wird. Eiskalt. 

Er dreht Worte in seinem Mund, schaut das Auto an, schaut den Toni an und bringt nur zustande: „Spinnst du??“ 

Na.“ sagt der Toni. „Das ist das Fluchtauto. Jahrelang haben die von der Polizei danach gesucht.“ 

Und…“ rappelt der Helmut mühsam die Infos in seinem Kopf zusammen „Du warst bei der RAF?? Bist du komplett…!!“ 

Die Manuela hat mich gerettet. Darum hab ich doch auch ihren Namen angenommen. Schachinger.“ 

Aber bei der RAF!!“ schreit der Helmut. „Des ist ja… des ist…“ 

Psssscht!!“ zischt der Toni. „Du weckst ja die Manuela auf.“ 

Ja, weiß die das! Dass du ein gesuchter Verbrecher bist!! Was hast du denn alles gemacht, Himmel Herrgott! Und nichts hast du zu mir gesagt! NIX!!“ 

Sympathisant war ich. Sympathisant. Verbrecher war ich keiner. Gekannt hab ich sie halt alle, die von der dritten Generation. Durch meinen Bruder, den Ludwig. Der war dabei und der hat auch was gemacht und deswegen ist der heute in Paraguay.“ 

Helmut schüttelt den Kopf und kann nicht fassen, was er da hört. 

Mein Freund, mein bester Freund! Der war bei der RAF. Und der hat ein polizeilich gesuchtes Fahrzeug daheim hinter seinem Ladewagen. Ich pack das ned.“ 

Aber ich bin doch derselbe Toni“ sagt der Toni kleinlaut. „Ich bin doch nur ein Mitwisser, kein Mittäter und eines kann ich dir sagen, Nächte habe ich nicht geschlafen deswegen. Nächtelang.“ 

Und die Manuela…??“ 

Die Manuela hat an mich geglaubt und ein paar alte Spezln haben mir über ihre Kontakte geholfen, dass ich ein normales Leben hab führen können.“ 

Mitten unter uns in Bayerbrunn.“ 

Mitten unter euch in Bayerbrunn und jeden Tag hab ich dem Herrgott dafür gedankt, obwohl ich es sonst nicht so hab mit der Religion.“ 

Sie stehen einander gegenüber. Der Helmut schaut ihn an, den Toni, im kalten Taschenlampenlicht, wie er da steht, abgemagert und ausgezehrt und er muss an die vielen gemeinsamen Stunden denken, die Urlaubsreisen mit den Kindern und den Frauen nach Italien und wie sie einander immer geholfen haben. Immer. 

Aber dass du mir das nicht sagst, dass du die Karre versteckst!“ 

Hättest du auch schlecht schlafen sollen?“ 

Nein, aber vielleicht hätte ich dir helfen können.“ 

Wie denn? Was hätten wir denn gemacht mit dem Ding? Eingegraben? Gesprengt?“ Beide wenden sich dem halb bedeckten Audi zu. 

Verstehst du jetzt, was ich für ein Problem hab? Wenn ich tot bin, weiß die Manuela erst recht nicht, wohin mit dem Trumm!“ 

Weiß sie, was das grundsätzlich ist unter deiner Plane?“ 

Nein. Ich hab ihr nur gesagt, da steckt ein heißes Ding drin und es ist besser, wenn sie nichts davon weiß und gesehen hat sie es nie und gehört hat sie auch nichts, wenn sie mal einer fragen sollte.“ 

Hat einer gefragt?“ 

Nein. Es hat nie einer gefragt. Meine Spur haben die Kumpels vom Ludwig ganz und gar ausradiert. Und viel war ja nicht auszuradieren. Ich war ein bisschen Zuträger und Schmieresteher und Materialorganisierer. Ich hab keinen umgebracht, keinen entführt, keinen erpresst. Ehrlich, Heli.“ 

Helmut schaut ihn von der Seite an. 

Weißt, was mich wirklich ärgert?“ 

Toni schüttelt den Kopf. 

Auch wenn du seit 1983 einen abgängigen Großindustriellen in der Gefriertruhe hättest, wärst du mein Freund. Man macht in der Jugend viel Blödsinn. Aber dass du mir nix gesagt hast, alle die Jahre!“ 

Es war besser so.“ sagt der Toni, und ringt nach Atem. „Jetzt brauch ich dich ja eh. Jetzt schaffe ich das nicht mehr allein. Du musst mir helfen und es eilt, bevor ich sterb.“ 

Reiß dich zusammen“ sagt der Helmut. „Untersteh dich und stirb, bevor uns eingefallen ist, was wir mit deinem Geheimnis hier machen. Wenn du mich jetzt allein lässt mit deinem Verbrecherfahrzeug, dann bin ich bis über das Fegefeuer hinaus bös auf dich.“ 

Naja,“ sagt der Toni kleinlaut „aussuchen kann ich mir es auch nicht gerade, wann er mich holen kommt, der Boandlkramer.“ 

Heute auf alle Fälle nicht mehr“ sagt der Helmut grimmig. „Ich fahr jetzt heim und überleg mir was. Ist er denn noch fahrtüchtig, der Audi?“ 

Sogar Benzin ist drin“ sagt der Toni. „Fast vollgetankt.“ Helmut seufzt und betrachtet noch einmal den unversehrten Lack. 

Er hat dem Wickerl gehört. Meinem Bruder, dem Ludwig,“ sagt der Toni. „Wir waren ja beide bei Audi in Ingolstadt. Dort ist der Ludwig mit den RAF-lern in Kontakt gekommen. Zehn Jahre hat er für so ein Auto gespart.“ 

Helmut schnaubt durch die Nase und schüttelt den Kopf. „Mein Freund der Toni, ein Terrorist.“ Der Toni hustet, schaut den Helmut treuherzig an und zuckt mit den Schultern. 

Ich fahr heim,“ sagt der Helmut. „Morgen ist auch wieder ein Tag. Uns ist immer was eingefallen. Es wird uns auch dieses Mal was einfallen.“ 

Hoffentlich“ sagt der Toni, richtet die Taschenlampe auf den festgetretenen Lehmboden und sie wenden sich zum Gehen. 

Am nächsten Abend sitzen sie in Tonis kirschrotem Problem und überlegen, wie man es beseitigen könnte. 

Bist du dir denn sicher, dass die von der Polizei wissen, dass das genau der Audi 80 ist, denn die suchen? Oder gesucht haben…“ fragt der Helmut einfach mal so. 

Die haben den Ludwig enttarnt und herausgefunden, dass er sich einen roten Audi 80 gekauft hat, einen GT Coupe 5s. Die wissen alles über die Karre. “ sagt der Toni. „Die Motornummer hab ich unkenntlich gemacht, aber das allein ist ja gewissermaßen das Eingeständnis, dass da was nicht stimmt. Ich hab mich nie getraut, das Auto zu verscherbeln. 

Hm“ sagt der Helmut und schaut durch die Windschutzscheibe auf die Holzwand vor ihnen. „Irgendwas muss uns einfallen, wie wir den loswerden“ sagt er schließlich. 

Sie schweigen gemeinsam eine lange Minute. „Notfalls müssen wir ihn hinausfahren ins Martinsried und ihn dort anzünden. Es hilft nichts.“ 

Zwei Tage später begegnet Helmut wie durch eine himmlische Fügung der Lösung des Problems. Als er in Bayerbrunn aus der Bank auf den Marktplatz tritt, fällt ihm ein Mann mit dunkler Hautfarbe auf, der den älteren dort geparkten Autos ein Kärtchen hinter die Scheibenwischer steckt. 

Auch Helmuts Auto hat so ein Kärtchen abbekommen. Er tritt näher, pflückt es von der Scheibe und betrachtet es skeptisch. „Autoexport“ steht da in großen Lettern. Und in kleineren Buchstaben steht auf dem Kärtchen „Ich kaufe Ihr Auto für Export nach Afrika. Gute Preis, Barzahler.“ 

Helmut durchflutet ein Gedanke. Autoexport nach Afrika… Er ruft sofort den Toni an und noch am selben Abend rollt der Kleinwagen des Autoexporteurs Samuel Okoro auf Tonis Hof. 

Toni hat mit Helmuts Unterstützung seine Holzhütte ausgeräumt, alles Gerümpel aus dem Weg geschafft und den Audi herausgefahren. 

Herr Okoro ist begeistert von dem Auto. Allerdings erahnt er ziemlich schnell, dass mit dem Ding etwas nicht stimmt, weil der Toni und der Helmut müssen gestehen, dass der Wagen keine Papiere hat und dass man auch die Motornummer nicht mehr erkennen kann. 

Herr Okoro zieht beide Augenbrauen hoch und wägt Risiken gegeneinander ab. Dann geht er telefonieren. Toni und Helmut schauen einander an. Ruft der die Polizei? Herr Okoro aber kommt gut gelaunt von seinem Telefonat zurück und verkündet: „Wir nehmen Auto. Chef hat Freunde. Auto kommt in Container und Container kommt nach Afrika und keiner schauen in Container. Fertig!“ Herr Okoro zahlt bar, am Abend holt ein Lastwagen den Audi ab. Helmut und Toni sehen dessen Rücklichter in der Nacht versinken. 

Mensch“ sagt der Toni. Nur „Mensch“ und der Heli versteht genau, was er damit sagen will.