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Champions League: Der Diebstahl von München

Letzte Artikel von Sebastian Gierke (Alle anzeigen)

Italien schimpft, die Bayern lächeln. Und auch wenn sich an der Säbener Straße schon einige zu Höherem berufen gefühlt haben. Das CL-Hinspiel gegen Florenz mit einem vom Schiedsrichter geschenkten Tor hat gezeigt: Im europäischen Wettbewerb sind die Bayern nur Außenseiter.

Sie hätten auch höher gewinnen können. Die Münchner Bayern. 3:1 mindestens. Vielleicht 4:1. Wie befreit spielten sie auf, drückten den AC Florenz in deren Hälfte und hatten Chance um Chance. Genau fünf Minuten lang. Genau ab dem Zeitpunkt, da der norwegische Schiedsrichter Henning Ovebro, in enger Zusammenarbeit mit seinem Linienrichter Geir Age Masovn Holen einen Kopfballtreffer von Miroslav Klose durchgewunken hatte, einfach so, in der 88. Minute des Champions League Achtelfinal-Hinspiels gegen den AC Florenz. Dabei hatte Klose nach der Vorlage von Ivica Olic fast grotesk eindeutig im Abseits gestanden. Doch das Ergebnis lautete nun plötzlich 2:1 für die Bayern. Dabei blieb es, obwohl die Münchner, nach einer ebenfalls umstrittenen roten Karte gegen Florenz schon 17 Minuten über einen Mann mehr verfügten und in den nach dem Tor verbleibenden vier Minuten inklusive Nachspielzeit stürmten, wie man es nach den überzeugenden Vorstellungen der vergangenen Wochen eigentlich über 90 Minuten erwartet hätte.

Die Gäste aus Florenz fühlten sich dagegen um den verdienten Lohn für ein ausgezeichnet geführtes Spiel gebracht. Juan Vargas empfahl dem Unparteiischen, sich besser „umgehend die Augen untersuchen lassen.“ „Das ist eine Schande“, zürnte Club-Boss Andrea Della Valle. Kapitän Riccardo Montolivo klang fast milde, als er zugab, sich „etwas verarscht“ zu fühlen. Deutlich wurden die italienischen Gazetten: „Was für ein Diebstahl in München“ und „Skandal“ titelten sie – nicht ganz zu Unrecht.

Den Münchner dürfte das herzlich egal sein. Einige Spieler konnte sich ob des Schiedsrichter-Geschenks ein verschämtes Lächeln nicht verkneifen, sagten artig Danke. Der Schütze des wunderlichen Tores selbst hatte „das Gefühl, im Abseits“ gestanden zu haben. Kloses Grinsen aber sagte: „Hat doch jeder gesehen.“ Trotzdem meinte der Stürmer: „Tor ist Tor. Ich habe auch schon Tore geschossen, wo ich nicht im Abseits stand und es wurde gewunken.“ Und Mario Gomez, der nach einer auffällig unauffälligen Leistung schon vorzeitig vom Feld beordert worden war, witzelte, dass es auch „von etwas weiter weg ausgesehen habe wie Abseits“.

Deutlicher wurde sein Trainer Louis van Gaal: „Das war klar abseits, da hatten wir sehr viel Glück.“ Er lachte nicht. Und auch die meisten seiner Spieler verließen das Stadion nachdenklich. „Wir haben nicht gut gespielt außer in den letzten fünf Minuten“, sagte Kapitän Mark van Bommel mit Grabesmiene. Bastian Schweinsteiger und Phillip Lahm stimmten in die Kritik ein. Sie hatten Recht. Selbst an den zuletzt gestiegenen Ansprüchen gemessen, hatten die Münchner an diesem für sie schon deshalb so wichtigen Abend, weil wohl nur bei einem Weiterkommen gegen Florenz überhaupt noch eine Chance besteht, Franck Ribéry in München zu halten, dem Druck nicht standgehalten. Gestritten kann allenfalls darüber werden, ob die Bayern-Mannschaft erzwungenermaßen schlecht spielte, oder selbst bei einem schlechteren Gegner kaum ein Pass den Mitspieler gefunden hätte. Natürlich, man spielte gegen eine Abwehr, die gegen die Offensivreihen aus Lyon und Liverpool in der Vorrunde lediglich zwei Treffer kassierte, die gut organisiert stand und extrem schnell von einer auf die andere Seite verschob.

Doch Louis van Gaal diagnostizierte: „Wir haben das nicht mit unserem Gehirn gelöst.“ Vor allem Franck Ribéry fand über weite Strecken des Spiels kein Mittel. Man sollte das nicht überbewerten. Ribérys überragende fußballerische Problemlösungskapazitäten stehen auch nach einem solchen Abend nicht in Frage. Das Spiel gegen Florenz gibt aber Anlass zur Sorge, dass das kollektive fußballerische Vermögen der Bayern noch nicht groß genug ist, Probleme von internationalem Niveau zu lösen. Nach zwölf Siegen in Serie fühlten sich einige in München ja schon zu Höherem berufen. Doch mag die nationale Konkurrenz auch zittern – am Samstag geht es gegen Nürnberg, wohl mit dem erst 19-jährigen Diego Contento links in der Verteidigung, den van Gaal gegen Florenz überraschend für den verletzten Daniel van Buyten (zwei Wochen Pause) brachte. In der Champions League bleibt der FC Bayern nach diesem Spiel Außenseiter. Immerhin, gegen Florenz hat man trotz eines gefährlichen Gegentores zu Hause die Favoritenrolle gerade noch ins Rückspiel gerettet. Halt, nein, das hat ein Norweger für die Münchner erledigt.