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Der weiß-blaue Gaul mit der Nummer 1860

Sophia Willibald
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1860 Fans halten zusammen und zu ihrem Verein – trotz aller Tiefen. Unsere Autorin hat eine Familie besucht, die den Löwen seit Generationen treu bleibt.

In Gedenken an Hilde Nikel

“Hörst‘as?”
“Wie? I hör nix.”
“Die wetzen schon ihre Krallen – die Löwen.”

Hilde Nikel erzählt von den lang vergangenen Samstagnachmittagen mit ihrem Mann – einem eingefleischten Löwenfan. Wenn ein Spiel vom TSV 1860 anstand, war das Programm klar.

Das weiß auch die Tochter der zu diesem Zeitpunkt 89-Jährigen nur zu gut. Stefanie Nikel (64) wurde der Fankult der Löwen in die Wiege gelegt. „Ich war fast jeden zweiten Samstag mit meinem Vater auf dem Fußballplatz – und ich bin gern gegangen.“ Die Fangeschichte in der Familie ist lang. Sogar Hilde Nikels Vater war bereits treuer Anhänger von 1860.

Eine Zahl, die verbindet

Die Zahl ist für die Löwenfans Kult. Nicht umsonst kostet eine lebenslange Mitgliedschaft exakt 1860€. Dass der Verein seine Erstgründung bereits zwölf Jahre vorher hatte, scheint heute weniger von Bedeutung. Der Hype um die 1860 war auch in der Familie Nikel deutlich zu spüren. Oft ließ Herr Nikel die kleine Stefanie wissen, dass es doch so viel schöner gewesen wäre, wenn sie am 01.08.1960 geboren worden wäre. Für Fußballaußenstehende ist diese Hingabe nur schwer nachzuvollziehen.

Woher rührt das gigantische blaue Feuer in Löwenfans wie Herrn Nikel? Und brennt es wirklich ein Leben lang nach dem Motto: „Einmal Löwe, immer Löwe“?

Gemeinsam durch Höhen und vor allem Tiefen

Die Fußballgeschichte des TSV 1860 ist ein ewiges Auf und Ab. Die Löwen kämpfen sich ganz nach oben. Bis sie 1965 an der absoluten Fußballspitze stehen. Die weiß-blaue Mannschaft gewinnt die Deutsche Meisterschaft. Doch wer hoch fliegt, fällt tief. Und die Löwen fallen tief, sehr tief.

1982 entzieht der DFB dem Verein wegen fehlender wirtschaftlicher Mittel die Lizenz für den Profifußball. Ein finanzieller Super-GAU jagt den anderen. Anfang der 2000er werden den Löwen die Visionen von 1860-Präsident Karl Heinz Wildmoser zum Verhängnis. Zusammen mit dem FC Bayern soll das größte Stadion Münchens gebaut werden – die Allianz Arena. Eine fatale Entscheidung, wie sich bald herausstellt. Nicht nur wirtschaftlich ist die neue Arena ein rotes Tuch für Sechzig.

Denn bei den Fans wächst die Sehnsucht nach der alten Heimat, dem „kuscheligen Grünwalder Stadion“, wie Hilde und Stefanie Nikel es liebevoll nennen. Nicht-Löwen mögen den kargen Betonklotz oben am Giesinger Berg kaum wahrnehmen. Doch wagt man sich ins Getümmel während eines Spiels, packt einen der Charme des bald hundert Jahre alten Stadions. Von weitem hört man schon die Löwen, wie sie ihre Krallen wetzen. In der Fankurve drängen sich die Weiß-Blauen in Sechzigmontur mit ihren selbstgebastelten Fahnen. Seit ein jordanischer Investor einen großen Teil der Einnahmen aus dem Fanshop erhält, werden die Fans kreativ.

Ein unbeliebter Eigentümer rettet die Löwen vor der 5. Liga

Hasan Ismaiks Gesicht prangt groß auf einigen Fahnen und auch der laut gegrölte Liedtext:
“Scheiss auf den Scheich,
 scheiss auf sein Geld,
 egal was er sagt,
 egal was er denkt”, ist eindeutig.

Stefanie Nikel wünscht sich Ismaik ebenfalls aus dem Verein. „Jeder echte Löwenfan wäre natürlich happy, wenn man den nicht bräuchte.“ Aber der Verein braucht ihn nun mal, sonst wäre er damals in die fünfte Liga abgestiegen, erklärt sie. Doch der Löwe ist genügsam, wie Hilde Nikel es auf den Punkt bringt: „Wenn du nicht leiden kannst, richtig leiden, dann darfst du kein Sechzigerfan sein.“ Auch der 50-jährige Thomas Veber kennt „viele Löwenfans, die zwar seit Jahren schimpfen, aber doch nicht loslassen können.“

Wenn der TSV also eines kann, dann auf seine Gefolgschaft zählen. Das scheint auch das zu sein, was die Menschen so packt – das Gefühl, wenn alle in der Fankurve die gleichen Zeilen schreien und im selben Takt hüpfen. Es macht den Eindruck, als wäre es am Ende ganz egal, ob Sechzig gewinnt oder mit einer weiteren Niederlage vom Platz zieht. Die Fans werden niemals müde – auch nicht im stillen Kampf der Sticker. Überall in Giesing kleben die weiß-blauen Zeugnisse ihrer Treue. Ab und zu verirrt sich ein roter FC-Bayern-Sticker, der aber sofort unter mehreren 1860-Aufklebern begraben wird.

Wenn Hilde Nikel in letzter Zeit ein Spiel der Sechziger verfolgte, kamen sie ihr vor „wie ein Pferd, das galoppiert und rennt und rennt und am Platz sagen alle: ,Ah, der gewinnt!‘ Und zwischen 50 und 100 Metern wird der Gaul immer langsamer.“ „Und bricht zusammen vor dem Ziel“, fügt ihre Tochter hinzu. Und diese Saison sei die Startbox geöffnet worden und er sei einfach stehen geblieben – der weiß-blaue Gaul mit der Nummer 1860.

1860 ist für viele Fans ein Lebensgefühl. Die im Artikel verwendeten Fotos stammen von Sebastian Huber. Sie sind zuerst, gemeinsam mit vielen weiteren, erschienen im aktuellen MUCBOOK im Rahmen einer weiteren Geschichte über die Löwen. Schau doch mal rein, wenn dich das Thema interessiert!