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Der Münchner Künstler Franz Wanner beschäftigt sich in seiner Ausstellung „Eingestellte Gegenwarten“ im Lenbachhaus mit dem Thema Zwangsarbeit im Nazismus.

Ausstellungsansicht Franz Wanner. Eingestellte Gegenwarten / Foto: Ernst Jank
Plexiglas gilt als modern und flexibel. Und es werden verschiedenste Dinge damit hergestellt. Ein paar davon sind in der Ausstellung „Eingestellte Gegenwarten“ von Franz Wanner im Münchner Lenbachhaus zu sehen. Dazu gehören Polizeischilde, museale Vitrinenhauben oder Teststücke, die man zur Weltraumforschung ins All schießt. Das zentrale Ausstellungsmotiv ist aber eine Schutzbrille aus Plexiglas, die auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen geborgen wurde. Über die inhaftierte Person, die mit der selbstgebauten Brille ihre Augen schützen wollte, weiß man nichts. Dafür ist in der Ausstellung etwas über die Firma Röhm & Haas zu erfahren, die „Plexiglas“ 1933 als Warennamen einführte. Etwa dass man ihr als „schattenlos“ gepriesenes Material von 1936 an für Flugzeugfenster in der Rüstungsindustrie einsetzte.
Auf der Website der noch heute existierenden Röhm GmbH liest man davon nichts. Auch über das Thema NS-Zwangsarbeit wird heute allgemein wenig gesprochen. Dabei gab es unter der NS-Herrschaft etwa 30.000 Zwangsarbeiterlager und von der Kriegs- und Landwirtschaft bis hin zu Museen kaum einen Bereich, in dem Zwangsarbeit nicht zum Einsatz kam. Genau diese Lücke zwischen der Realität und dem, worüber in Deutschland gesprochen, was erinnert wird, das ist es, wovon die Ausstellung „Eingestellte Gegenwarten“ von Franz Wanner handelt. Und es ist auch das, womit sich der Münchner Künstler seit Jahren intensiv befasst.
Die erwähnte Plexiglas-Brille ist dabei eines von vielen Objekten, auf die Wanner stieß, als er sich für eine Ausstellung im KINDL in Berlin mit den rund 3000 ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlagern in der Hauptstadt befasste. Aber: „Die Brille hat mich am stärksten berührt“, verrät der 51-Jährige am Telefon. „Weil die Person die am Körper getragen hat, um ihr Augenlicht zu schützen. Und weil sie diese selbst angefertigt hat.“ Denn an Schutz war bei Zwangsarbeit nicht gedacht. Weswegen Wanner hinter der Brille, die im Lenbachhaus nicht real, sondern fotografisch ausgestellt ist, eine „Geste des Widerstands“, der Selbstbehauptung sieht. „Diese Person hat ihr Leben riskiert, um sich selbst zu schützen und hat sich so dem NS-Terror widersetzt.“

Ausstellungsansicht: KINDL, Berlin, Franz Wanner. Mind the Memory Gap, 2024, Foto: Jens Ziehe
Was hast du damit zu tun?
In der deutschen Bevölkerung war Widerstand dagegen selten. Gleichzeitig sind laut Wanner „gegenwärtig 80 Prozent der Auffassung“, ihre Vorfahren hätten mit der damaligen Ausbeutungspraxis „nichts zu tun gehabt“. Gemeint ist damit: die eigene Firma, die eigene Branche, die eigene Familie. „Spätestens dort endet jede Auseinandersetzung“. Da werde, so der Künstler, das „sogenannte Eigene“, diese „fragwürdige Konstruktion“ zu einer „Festung“. Bei Wanner, der in Bad Tölz geboren wurde, führte gerade das dazu, in die eigene Familiengeschichte zu blicken. Er fand heraus, dass es in dem Sägewerk, in dem seine Großmutter aufwuchs, ebenfalls Zwangsarbeit gab.
Dass das so war, erfuhr Wanner aus Archiven. Nicht von der Familie, nicht irgendwo öffentlich im Ort. Und das war auch schon 2013 so, als er sich für seine Ausstellung „Gift – Gegengift. Krankheitsbilder einer Stadt“ im Museum für Photographie Braunschweig das erste Mal mit dem Thema NS-Zwangsarbeit in Bad Tölz befasste. Dort gab es sogar eine Außenstelle des KZ Dachau, wie er im Archiv der dortigen Gedenkstätte erfuhr. In der Selbsterzählung von Bad Tölz kam das dagegen, so Wanner, „an keiner Stelle“ vor. Und nicht nur das. Während er damals an der Ausstellung arbeitete wurden die Räume des ehemaligen Außenlagers stillschweigend abgerissen. Und so etwas ist auch in der Nähe von Ottobrunn passiert, wie die Videos „Bereinigung I & II“ im Lenbachhaus zeigen.
Auch bei Ottobrunn gab es ein KZ-Außenlager, dessen noch vorhandene Bausubstanz der Besitzer des Geländes aber 2017 entfernte. Um dort ohne Genehmigung eine Gewerbehalle zu bauen. Und das „im vollen Wissen aller beteiligten Behörden“, wie Wanner sagt. Hinzukommt, dass der Freistaat Bayern nebenan, Stichwort „Bavaria One“, Europas größten Luft- und Raumfahrt-Campus baut. Das heißt: Hier wird von vielen Seiten weg-, dafür von Wanner umso genauer hingeschaut, der als Professor an der HFBK Hamburg lehrt. Und der derzeit zwischen München, Hamburg und Zürich im Dreieck pendelt, weil er aktuell noch eine Residency am Harun Farocki Forum in Zürich hat.
Die Papst-Beerdigung als Wendepunkt
Ein zentraler Lebensort sei, sagt er, aber weiterhin München. Hier hat Wanner Kunst studiert, nachdem er zuvor eine Foto-Lehre und eine Filmausbildung absolviert hatte. Mit der Folge, dass er 2005 als TV-Kameramann bei der Beerdigung von Johannes Paul II. in Rom beteiligt war und „diesen medialen Irrsinn“ miterlebte. Ein Erlebnis, dass er heute als „Kipppunkt“ beschreibt. Weil er merkte, wie sehr die offiziell gewünschte Darstellung den eigenen Interessen widersprach. Deshalb der Wechsel ins „Kunstfeld“, wo sich Wanner heute „gut aufgehoben“ fühlt. Und wo er mit seiner Arbeit schon einiges Aufsehen erregte. Im Lenbachhaus war er 2016 und 2017 bereits an Ausstellungen beteiligt. „Eingestellte Gegenwarten“ ist dort seine erste Einzelpräsentation. Und es ist eine Ausstellung, über die man in München sicherlich noch sprechen wird.

Franz Wanner, Mind the Memory Gap, 2022, Video (Farbe, Ton) / Video (color, sound), 13:30 Min. / 13:30 min. © Franz Wanner
Auf einen Blick
Franz Wanner. Eingestellte Gegenwarten
24. März 2026 – 19. Juli 2026
Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München
Luisenstraße 33
80333 München
T +49 (0) 89 233 969 33
Öffnungszeiten
Montag: geschlossen
Dienstag bis Sonntag
und feiertags: 10–18 Uhr
Donnerstag: 10–20 Uhr
Eintrittspreise
Regulär: 10 Euro
Ermäßigt: 6 Euro
Jahreskarte regulär: 25 Euro
Jahreskarte reduziert: 15 Euro
Jeden ersten Donnerstag im Monat
von 18 bis 22 Uhr freier Eintritt
Der Audioguide ist im Preis inbegriffen.