Leben
FC Bayern: Mehr als die Summe der einzelnen Teile
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Ein schlechtes Spiel. Ein ausnehmend schlechtes Spiel sogar. Das hat der Mark van Bommel abgeliefert, am Freitagabend gegen die TSG 1899 Hoffenheim. Der Kapitän des FC Bayern München hat in dieser Saison schon einige Male alles andere also überzeugt, aber eine solch miserable Leistung? Trotzdem ist der FC Bayern Tabellenführer gewesen, kurz. Die Gründe.
Nicht nur, dass er das Spiel verlangsamte, dass es wirkte, als liefe eine Zeitlupe, sobald er am Ball war. Das ist man schon gewöhnt. Nein, obwohl er sich immer extra viel Zeit nahm, landeten seine Pässe meist beim Gegner. Doch: Dieser miserable van Bommel ist ein perfektes Beispiel, um zu zeigen, was die Mannschaft des FC Bayern im Moment ausmacht.Â
Die gewann nämlich trotz des in der ersten Halbzeit desaströsen, in der zweiten zumindest kämpferisch überzeugenden van Bommel souverän mit 2:0 gegen Hoffenhein und konnte das lange so geschundene Ego weiter aufpolieren: nach einer, in FC-Bayern-Maßstäben gemessenen, halben Ewigkeit von 51 Spieltagen war man zumindest für 19 Stunden wieder Tabellenführer.
Und obwohl es bis kurz vor Schluss nur 1:0 stand, hatte man nie das Gefühl, dass Hoffenheim noch einmal zurück ins Spiel finden würde, dass der siebte Pflichtspiel-Sieg in Folge für den FC Bayern irgendwann in Gefahr sei.
Das konnte man nur zu einem geringen Teil den stark ersatzgeschwächten Kraichgauern anlasten. Die Bayern hatten das Spiel im Griff. „Das ist ein ganz anderer FC Bayern. Da ist Bewegung drin. Zuvor hat sich immer nur der bewegt, der den Ball hat“, so drückte es Ehrenpräsident Franz Beckenbauer nach dem Spiel aus. Und Trainer Louis van Gaal sagte: „In der ersten Halbzeit waren wir nicht gut. In der zweiten Halbzeit waren wir besser. Wir hätten mehr Tore schießen müssen. Ich habe gesagt, wir wollen Angst verbreiten, das hat man sehen können.“ Und: „Im Trainingslager waren wir noch besser.“Â
Im Training hat van Gaal seine Mannschaft mittlerweile so geformt, dass sie seinem Ideal in einigen Momenten bereits relativ nahe kommt – beängstigend nahe für die Konkurrenz. Der selbsternannte Prozess-Trainer arbeitet an einer Mannschaft, die nicht wie ein Uhrwerk funktioniert, sondern wie ein komplexer Organismus, bei dem alles mit allem zusammenhängt.  Wenn beim Uhrwerk ein Teil ausfällt, bricht das gesamte System zusammen. Dem Organismus FC Bayern gelingt es im Moment dagegen, Komplettausfälle fast ohne Probleme zu kompensieren. Läuft es bei van Bommel nicht, springt der Junior-Chef auf dem Platz, sein Nebenmann vor der Abwehr, Bastian Schweinsteiger ein. Wird Martin Demichelis überlaufen, hat das Holger Badstuber schon lange vorher antizipiert und sich in Stellung gebracht. Trifft Mario Gomez trotz einer Vielzahl bester Chancen nicht, sorgt der eingewechselte Miroslav Klose für die Entscheidung. Klose sagte nach dem Spiel: „Ich will wieder dorthin, wo ich in guten Zeiten war. 2010 soll mein Jahr werden.“ Das klang etwas unpassend an diesem Abend, an dem keine fußballerischen Einzelschicksale im Vordergrund standen, sondern das Funktionieren einer Mannschaft. Mario Gomez traf da schon eher den richtigen Ton: „Der letzte Tick hat noch gefehlt. Aber wir werden vor dem Tor noch konsequenter sein, dann werden wir auch noch mehr Tore schießen und automatisch Erster sein“, sagte er. Es klang nicht überheblich, es klang, als wäre keine andere Entwicklung möglich.
Das immer besser werdende Zusammenspiel dieser individuell so guten Fußballer erkennt man nur schwer, wenn man sich die Mannschaftsteile einzeln betrachtet, mit den Augen dem Ball folgt. Dann erkennt man nicht das große Ganze, dazu braucht man den Blick von oben. Da sieht man dann, dass sich die Bayern auf dem Platz wie an unsichtbaren Fäden bewegen, jeder immer unter Einbeziehung der Bewegungsrichtung seiner Mitspieler. Das Ganze ist mehr als die Summe der einzelnen Teile. Selbst die Antritte des überragenden Arjen Robben wirkten wie einstudiert, gar nicht anarchisch.
Und draußen auf der Bank sitzt der große Zampano. Bei ihm laufen die Fäden zusammen. Louis van Gaal wird Mark von Bommel auch nächste Woche wieder aufs Feld schicken. Er ist Teil des Ganzen.