Dominik Kraus, Foto: @andreasgregor
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Neuer Wind im Rathaus: So will Krause München verändern

Emily Steinecker

Was für ein überraschender Abend: Dominik Krause gewinnt die Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt – und zwar deutlich. Er erhält 56,4 Prozent. (Hier kannst du sehen, wie dein Stadtteil abgestimmt hat) Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) kommt nur auf 43,6 Prozent der Stimmen. Nach zwölf Jahren ist also Schluss für Reiter – er beendet seine politische Karriere noch am gleichen Abend und meldet sich – so zitiert die SZ einen Sprecher – „bis auf Weiteres“ krank. Am Wahlabend zeigte er sich selbstkritisch: „Ich hab’s verbockt, es ist meine Schuld.“  Zuletzt stand Reiter stark in der Kritik, weil er jahrelang Geld vom FC Bayern München für einen Posten im Verwaltungsbeirat bekommen hatte, ohne sich dies vom Stadtrat genehmigen zu lassen. Seinen Posten beim Rekordmeister legte er daraufhin nieder.

Bei den Grünen dagegen herrscht Euphorie. Schließlich war man bis vor zwei Wochen nicht einmal sicher, ob es überhaupt für die Stichwahl reicht. Immerhin stellte die SPD seit 1948 mit nur einer Unterbrechung (1978–1984) durchgehend den Oberbürgermeister in München. Jetzt übernimmt zum ersten Mal in der Geschichte ein Grüner das Rathaus.

Dominik Krause selbst sagt dazu: “Ich bin in München geboren und aufgewachsen und ich glaub es gibt keinen größeren Traumjob als in seiner Heimatstadt Oberbürgermeister sein zu dürfen.”

 

Doch wer ist Dominik Krause?

Der 35-jährige Physiker ist in München geboren und in Moosach sowie Untermenzing mit zwei Geschwistern aufgewachsen. Auf seinem Instagram Account bezeichnet er sich selbst als „Münchner Kindl“. Heute lebt er mit seinem Verlobten Sebastian, einem Hausarzt, in Giesing.

In die Politik verschlug es ihn durch einen Neonazi Aufmarsch während seines Zivildienstes, der ihn so schockierte, sodass er aktiv werden wollte. Er trat den Grünen bei und kam 2014 als junger Student in den Stadtrat. Seit 2023 ist er 2. Bürgermeister und engagiert sich auch als stellvertretender Vorsitzender des Vereins „München ist bunt“, der sich gegen Extremismus starkmacht. Im Wahlkampf blieb Krause stets freundlich, selbst als Reiter wegen der Affäre mit dem FC Bayern unter Druck stand. Persönliche Angriffe? Fehlanzeige. Stattdessen betonte er die gute Zusammenarbeit.

Dominik Krause mit dem erfolgreichen Wahlkampfteam der Grünen auf der “Meisterfeier” in der Muffathalle. Foto: Andreas Gregor

Dominik Kraus, Foto: @andreasgregor

Was Krause anders machen will: der 7-Punkte-Plan

Kurz vor der Stichwahl legte Krause ein Sofortprogramm mit sieben konkreten Maßnahmen vor, die er als Oberbürgermeister sofort ändern möchte. Daran wird er nicht nur nach den ersten 100 Tagen gemessen werden.

  1. Eine neue Verwaltungskultur

Die Stadtverwaltung soll kollegialer und lösungsorientierter arbeiten. „Der Oberbürgermeister ist der Chef der Verwaltung. Er muss Führung übernehmen und die Richtung vorgeben. Aber er muss auch Teamplayer sein und den Kolleg:innen vertrauen“, steht in seinem Programm geschrieben. Die bisherige Referenten-Runde will Krause in ein echtes Stadtkabinett verwandeln, in dem Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Mitarbeitende sollen motiviert werden, schneller zu handeln, mehr Eigenverantwortung übernehmen und weniger Angst vor Fehlern haben.

  1. Leerstand in Wohnraum umwandeln

In München stehen rund 1,8 Millionen Quadratmeter Büroflächen leer. Diese Flächen sollen künftig in Wohnungen umgewandelt werden. Krause will eine neue Umwandlungsagentur gründen, die Eigentümer:innen berät und einen Überblick über leerstehende Gebäude erstellt. Nach seiner Rechnung könnten so etwa 10.000 Wohnungen entstehen – und dieses Potenzial soll voll ausgeschöpft werden. Dabei sollen auch neue rechtliche Möglichkeiten genutzt werden, etwa der „Umbauturbo“, der flexiblere Bauvorschriften erlaubt und Wohnraum auch in Gewerbegebieten möglich macht.

  1. Zentralstelle gegen sogenannten Mietwucher

Die Stadt will stärker gegen überhöhte Mieten vorgehen: Online-Inserate sollen geprüft werden, Vermieter:innen bekommen bei Problemen zunächst Hinweise, bei wiederholten Verstößen drohen Bußgelder. Krauses Plan besagt: „Die Stadt München wird sich schützend vor Mieter:innen stellen“, ähnlich wie es Frankfurt, Heidelberg oder Freiburg bereits tun.

  1. Taskforce für Kultur und Gründung

München braucht Räume für Künstler:innen, Initiativen, Vereine und Startups. Krause will eine Taskforce einrichten, die ungenutzte Flächen identifiziert, Eigentümer:innen anspricht und kreative sowie wirtschaftliche Nutzung fördert. Modelle wie Erbbaurecht oder kooperative Entwicklung sollen helfen, Flächen effizient zu nutzen, ohne dass die Stadt alles selbst verwalten muss. So könnten neben Zwischennutzungen auch langfristige Projekte oder Startups einfacher Platz finden.

  1. Bürokratieabbau mit der Münchner Wirtschaft

München ist ein wichtiges wirtschaftliches Zentrum – vom Startup bis zum DAX-Konzern. Damit das so bleibt, will Krause Abläufe in der Verwaltung verschlanken, das Once-Only-Prinzip konsequent anwenden und gemeinsam mit der Wirtschaft Prozesse verschlanken. Außerdem soll ein „Bürokratie-Monster“-Wettbewerb zeitraubende Verfahren sichtbar machen und abbauen.

  1. ÖPNV zur Chefsache machen

Der ÖPNV ist aktuell über mehrere Ämter und Ausschüsse verteilt Dadurch dauern Entscheidungen oft zu lange. Krause will die Aufgaben bündeln, eine interne Lenkungsgruppe unter seiner Leitung einrichten und die interfraktionelle ÖPNV-Taskforce wiederbeleben. So könnten Entscheidungen schneller und zentral getroffen werden.

  1. Ein Baustellen-Fonds

Baustellen sollen effizienter laufen und für Anwohnende, Pendler:innen und Geschäfte weniger Stress bedeuten. Vollsperrungen sollen so kurz wie möglich sein, und Nacht- oder Rund-um-die-Uhr-Baustellen werden nur geprüft, wenn es wirklich nötig ist. Außerdem soll ein Fonds eingerichtet werden, der zusätzliche Kosten übernimmt: zum Beispiel für Schilder, Wegweiser, Informationen für Anwohnende oder Unterstützung für betroffene Läden.

Wie es jetzt weitergeht

Bis zum 1. Mai ist Dieter Reiter trotz Krankmeldung offiziell noch im Amt, dann übernimmt am 11. Mai mit feierlicher Amtseinfühurng Dominik Krause. Der neue Stadtrat startet ebenfalls Anfang Mai.

Mit welchen Mehrheiten Krause regiert, ist noch offen, auch wenn er selbst in Interviews immer wieder die SPD favorisiert. Seit Montag laufen schon die Koalitionsverhandlungen. Die Grünen wollen erstmal mit allen demokratischen Parteien sprechen – zuerst mit ihrem bisherigen Koalitionspartner der SPD. Krause schließt aber auch eine Zusammenarbeit mit der CSU nicht aus. Tatsächlich hat Clemens Baumgärtner (CSU) nach Krauses Wahlerfolg schon angeboten, gemeinsam an Veränderungen zu arbeiten.

Egal, wer Koalitionspartner wird – sicher ist: Die Aufgaben sind groß, von Wohnungsbau über Verkehr bis hin zu Verwaltung und Kultur. Die nächsten Jahre hat er also ordentlich zu tun.

Titelfoto: Andreas Gregor