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Probleme im Stadtbild – warum sich München mit der Dekolonialisierung so schwertut
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Was haben Franz Adolf Eduard Lüderitz und Hermann von Wißmann gemeinsam?
Richtig: Beide waren zentrale Akteure der deutschen Kolonialherrschaft, die für viele Menschen in den eroberten Gebieten von Leid und Gewalt geprägt war – und beide werden bis heute im Münchner Stadtplan geehrt. Straßen tragen ihre Namen, ganz selbstverständlich, als wären sie unproblematische Figuren der Geschichte.
Die Debatte ist nicht neu – und genau darin liegt das Problem. Seit Jahren wird in München über Straßennamen und mögliche Umbenennungen gestritten – mit erstaunlich wenig Konsequenzen. Bis heute wurde nur eine einzige Straße tatsächlich umbenannt: die ehemalige Von-Trotha-Straße, benannt nach einem der Verantwortlichen für den Völkermord an den Herero und Nama, heißt seit 2006 Herero-Straße.
Was in der Diskussion oft verloren geht: Kolonialismus ist nicht irgendwo anders passiert, sondern ist auch Teil der Münchner Stadtgeschichte.
Die Benennung von Plätzen und Wegen ist nur der sichtbarste Teil des Dramas. Nicht der Ursprung des Problems – sondern der Punkt, an dem öffentlich verhandelt wird, wie wir mit unserem kolonialen Erbe umgehen wollen.
Wer erinnert wird – und wer nicht
Besonders deutlich wird das an einer Geschichte, die in München kaum jemand kennt. 1820 brachten die Naturforscher Johann Baptist von Spix und Carl Friedrich Philipp von Martius zwei indigene Kinder aus Brasilien nach München: Juri und Miranha.
In München lebten sie im Umfeld der Wissenschaftler, wurden untersucht, vermessen und beschrieben – Praktiken, die damals Teil einer rassistischen „Forschung“ waren. Beide starben wenige Monate später. Die Quellen verweisen auf Krankheiten und die Belastungen der Reise sowie des Aufenthalts. Juri und Miranha wurden auf dem Alten Südlichen Friedhof beerdigt. Ihre Grabstelle existiert heute nicht mehr.
Spix und Martius hingegen bleiben sichtbar präsent: bis heute tragen Münchner Straßen ihre Namen.

Foto: Eva Bahl
Genau hier setzt die Kritik an. Der Historiker Dr. Simon Goeke betont, dass Erinnerung nicht zwangsläufig an Ehrungen gebunden sein muss:
„Man kann an Kolonialgeschichte erinnern, ohne Täter und Tatorte zu ehren. In dem Sinne würde ich bei Straßennamen mit Kolonialbezug immer sagen: Ja, es braucht eine Umbenennung, es braucht eine Perspektivverschiebung. Und es gibt so viele Menschen, die im antikolonialen Widerstand aktiv waren oder antirassistisch gearbeitet haben, dass man wirklich nicht lange suchen muss, um geeignete Namen zu finden und die Geschichte weiterhin in Erinnerung zu behalten.“
Die Wiesn als kolonialer Schauplatz
Kolonialismus war in München aber nicht nur Forschungsgegenstand – sondern Unterhaltung. Die Spuren führen bis an den Ort bayerischer Tradition schlechthin: das Oktoberfest.
Bereits 1876 fanden dort sogenannte Völkerschauen statt. Menschen aus kolonisierten Regionen wurden als Attraktion präsentiert, als „exotischer“ Blickfang für das Publikum.
Erschreckend ist, wie lange das Teil der Normalität war: Völkerschauen gehörten bis 1959 zum Oktoberfest. Und auch danach verschwanden die dahinterliegenden Denkmuster nicht einfach. 2013 sorgte ein Schießstand auf der Oidn Wiesn für Kritik, an dem Schwarze Köpfe als Zielscheiben dienten. Verteidigt wurde das mit dem Verweis auf „Tradition“. Entfernt wurde der Stand erst nach öffentlicher Diskussion.
Was Münchens Museen erzählen
Auch Münchens Museen tragen ein zweifelhaftes Erbe. Besonders deutlich wird das im Museum Fünf Kontinente, dessen Sammlungen zu großen Teilen während der Kolonialzeit entstanden sind.

Foto: Nicolai Kästner
Ein zentrales Beispiel ist der kamerunische Schiffsschnabel Tangué. Er wurde 1884 vom deutschen Konsul Max Buchner während militärischer Auseinandersetzungen in Douala aus dem Haus von Kum’a Mbape entnommen und nach München gebracht. Die koloniale Aneignung ist ungewöhnlich gut dokumentiert. Trotzdem wird die Rückgabe des Objekts bis heute verweigert – mit Verweis auf rechtliche Fragen der Erbfolge.
Dr. Simon Goeke sagt dazu im Interview:
„Wenn man sich die Dauerausstellungen anschaut, sieht man: Viele Objekte stammen immer noch klar aus kolonialem Raub und wurden noch nicht restituiert. Wir sind da erst am Anfang und das gilt nicht nur für Museen.“
Warum die Aufarbeitung stockt
Ob im Stadtplan, auf dem Oktoberfest oder in den Museen: Die kolonialen Spuren in München sind sichtbar. Die Frage ist also nicht, ob sie existieren – sondern wie wir mit ihnen umgehen.
Die Aufarbeitung kommt nur langsam voran. Das liegt aber nicht daran, dass die Stadt nichts tut. In den vergangenen Jahren wurden Expert*innengremien eingesetzt, umfangreiche Dossiers erarbeitet und Kriterien entwickelt, um historisch belastete Straßennamen zu bewerten. Die Grundlagen sind da.
Und doch zieht sich die Umsetzung. Empfehlungen liegen vor, sagt Dr. Simon Goeke, nun sei es „ein Akt, der die Stadtverwaltungsebene betrifft“. Warum trotzdem so wenig passiert, erklärt er weniger mit fehlender Einsicht als mit politischen Abwägungen.
Gerade bei Straßennamen zeigt sich, wie unbequem Erinnerung sein kann. Umbenennungen seien erinnerungspolitisch sinnvoll, politisch aber heikel:
„Mit der Umbenennung von Straßennamen kann man wahrscheinlich keine neuen Wähler*innen gewinnen, aber es gibt viele Leute, die eine Partei nicht wählen werden, weil sie für die Umbenennung von Straßen ist.“
Auffällig ist dabei: Widerstand oder Zustimmung aus der Bevölkerung erklären den Stillstand nur bedingt. In Trudering sprach sich eine Bürgerversammlung gegen Umbenennungen aus, in Bogenhausen hingegen ausdrücklich dafür – passiert ist in beiden Fällen bislang wenig. Für Goeke zeigt das, dass Entscheidungen weniger vom Votum der Bürger*innen abhängen als von politischer Vorsicht:
„In der politischen Gemengelage sieht keine der regierenden Parteien einen Vorteil darin, Straßen umzubenennen.“
Die Aufarbeitung stockt also nicht, weil sie abgelehnt wird – sondern weil sie als konfliktträchtig gilt.
Bewegung kommt aus der Zivilgesellschaft
Während politische Entscheidungen Zeit brauchen, wird die Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe in München vor allem von zivilgesellschaftlichen Initiativen vorangetrieben. Projekte wie mapping.postkolonial.net, Stadtführungen oder die Ausstellung Decolonize München im Münchner Stadtmuseum 2014 machen Kolonialgeschichte an konkreten Orten in München fest – und verschieben damit den Blick auf die Stadt.
Warum dieser Ansatz so zentral ist, erklärt Dr. Simon Goeke im Interview: „Auch wenn München jetzt keinen Hafen hatte und nicht die Hauptstadt war, hat der Kolonialismus auch hier Spuren hinterlassen.“ Entscheidend sei, wie diese Geschichte erzählt werde: „Geschichte wird dadurch greifbarer und anschaulicher, wenn man sie mit Orten verbindet, an denen Leute wohnen – also zum Beispiel mit Straßen, Gebäuden oder Denkmälern.“

Foto: Katrin Winkler
Diese Orte sind damit Teil einer erinnerungspolitischen Entscheidung – darüber, wessen Geschichte sichtbar bleibt und wessen nicht.
Ein Blick über München hinaus
Ein Blick über München hinaus zeigt: Die Auseinandersetzung mit kolonialem Erbe ist kein lokales Phänomen. Ihr Verlauf unterscheidet sich jedoch stark von Land zu Land. Kolonialgeschichte ist historisch unterschiedlich gewachsen – entsprechend verschieden fallen auch der politische Umgang und die Formen der Aufarbeitung aus. Als wichtiger Impuls gilt bis heute der französische Savoy-Sarr-Report von 2018, der Rückgaben kolonial geraubter Kulturgüter erstmals systematisch einforderte. Auch in Deutschland gab es zuletzt Schritte in diese Richtung– etwa mit der Rückgabe eines Teils der Benin-Bronzen an Nigeria. Solche Entwicklungen zeigen, dass Veränderungen möglich sind, wenn der Umgang mit kolonialem Erbe als politische Aufgabe verstanden wird.
Deutschland bringt dafür wichtige Voraussetzungen mit. In der Aufarbeitung der NSVergangenheit und der SED-Diktatur wurden über Jahrzehnte Strukturen, Debattenräume und Bildungsangebote aufgebaut. Dieses Wissen und diese Erfahrung könnten auch für die Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte angewandt werden.
Daraus ergibt sich die Chance, auch die Kolonialgeschichte künftig selbstkritischer und reflektierter zu behandeln.