Kultur, Nach(t)kritik
Zu kurz geschossen
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M.I.A. in der Münchner Muffathalle. Das war ein kurzes, aber eindrucksvolle Musik-Massaker. Knapp ein Dutzend Songs wurden vor der großen Videoinstallation abgefeuert. Dann beendete die 35-Jährige ihr Konzert so schonungslos und direkt wie sie es sonst in ihrer Musik ist.
Die Lara Croft des Elektrotrash ballerte in den knapp 60 Minuten reichlich Energie in die Menge. Zuweilen wurde man das Gefühl nicht los, das Publikum ist so mit Staunen beschäftigt, dass es kaum ans Feiern denkt. Und Gänsehaut-Momente zur Elektro-Ekstase gab es schließlich genug. Schon beim zweiten Song lud die charismatische Sängerin, Tochter von tamilischen Einwanderern, zu einer kollektiven Afro-Tanzperformance auf die Bühne.
Sie selbst verzog sich dabei hinter ein Rednerpult und mimte den Diktator. Politik, Krieg und Kanonen sind aus der Musik der Sängerin auch in den neuen Songs wie “Born Free” nicht wegzudenken. Wer ihr Leben kennt, weiß warum: Nach der Geburt in London verbrachte Mathangi „Maya“ Arulpragasam ihre Kindheit bis zum 10. Lebensjahr im bürgerkriegsgeplagten Sri Lanka. Ihr Vater schloss sich den tamilischen Tigern an. Das Mädchen floh mit der Mutter in ein Londoner Flüchtlingslager. So blinkt auf den Videoscreens oft und viel Pixel-Blut. Aber man muss eingestehen, dass sich dicke Gewehre treffsicher als Musikinstrument eignen. Entsprechend wütend war M.I.A. einst, als MTV eigenmächtig die Schüsse in ihrem Hit Paper Plane durch weniger eindeutige Töne ersetzte.
Der Erflog von M.I.A., der Frau, die im Flüchtlingslager groß geworden ist, erinnert an das Märchen vom Aschenputtel. Nach ihrem Kunststudium lernte die zierliche Frau bei Peaches das Musikmachen mit der Groovebox, brachte 2005 ihr erstes Album raus und ist heute mit Benjamin Bronfman, dem Sohn des US-Warner-Chefs, verlobt. Mit dem Milliardärs-Sohn hat sie inzwischen ein gemeinsames Kind. Was ihr zu gönnen ist.
Man kann davon ausgehen, dass M.I.A. spätestens jetzt die Mechanismen der Musikindustrie kennt. Ihren neuesten Track hat sie viral auf einer rätselhaften Website gepostet. Die Frau mit dem ungewöhnlichen Lebenslauf bricht auch in der Muffathalle gerne herkömmliche Pop-Traditionen. Wenn sie sich bäuchlings durch die Menge tragen lässt, mit ein paar Sprüngen federleicht den Boxenturm erklimmt und von dort das Mikro in die Menge wirft – ausgerechnet bei dem Song auf den alle warten. “All I wanna do – peng peng peng peng – and take your money” – dem Hit aus Slumdog Millionaire.
M.I.A. sitzt auf dem Boxenturm und schaut den anderen beim Singen zu. Und wie es sich für eine politische Aktivistin gehört, ist sie konsequent. Am Ende bricht sie auch die Gesetze des Konzertgeschäfts: Statt der Zugabe erwartet die Zuschauermenge das grelle Saallicht. Klick. Die Besucher blicken sich in die Augen. Viele wissen noch immer nicht so richtig wie ihnen jetzt widerfahren ist. Sie ahnen nur, dass Konzert ist aus – und M.I.A., sie blieb wohl weit unter ihren Möglichkeiten.
Darum gibts die Zugabe eben im Netz.
Fotos: Tobias