Aktuell, Stadt
“Zwischen Planung und Umsetzung liegt die Kommunalwahl“ – über die Zukunft des Westend-Kiez
- “Zwischen Planung und Umsetzung liegt die Kommunalwahl“ – über die Zukunft des Westend-Kiez - 26. Februar 2026
- Kunst über Ego und Gemeinschaft: „Nur die Bereitschaft zum Perspektivwechsel kann in eine gute Zukunft führen“ - 12. Dezember 2025
- Eine „Altstadt für alle“: Masterplan für Münchens Mitte - 27. Oktober 2025
Wandel braucht Weile – seit 2020 arbeitet die Münchner Initiative Nachhaltigkeit (MIN) an der Idee des „Westend-Kiez“. Ziel ist es, das dicht bebaute Quartier schrittweise umzugestalten, mit mehr Grünflächen und neuen Aufenthaltsorten. Inspirieren ließ man sich von den autoreduzierten Superblocks in Barcelona. Der Umbau von Parkplätzen und Straßen in Spielplätze und Aufenthaltsflächen gilt auch als Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels. Durch Entsiegelung und mehr Grün soll die Lebensqualität in Münchner Wohnvierteln trotz Hitzewellen und Starkregen langfristig gesichert werden kann.
Mit Blick auf die anstehende Kommunalwahl steht das Vorhaben nun an einem entscheidenden Punkt. Ob und wie schnell die Planungen für ein dauerhaftes „Nachbarschaftsviertel“ im Westend umgesetzt werden, hängt maßgeblich von den politischen Weichenstellungen ab.
Im Interview mit MUCBOOK spricht Initiatorin Sylvia Hladky über Erfolge sowie Lernprozesse – und auch darüber, warum sie trotz politischer Unsicherheiten optimistisch bleibt.

Das Projekt „Westend-Kiez“ gibt es nun seit fünf Jahren. Wie haben die Anwohner:innen auf die bisherigen Projekte reagiert?
Wenn man im öffentlichen Raum etwas verändert, kommt man automatisch mit den Menschen ins Gespräch. Sobald neue Elemente wie Hochbeete aufgestellt werden, bleiben Passant:innen stehen und stellen Fragen. Gerade bei solchen Begrünungsaktionen überwiegt die positive Resonanz: Viele freuen sich über mehr Grün im Viertel.
Außerdem wurden alle Projekte wissenschaftlich vom Lehrstuhl für Geografie der LMU begleitet. Die Studierenden haben Befragungen durchgeführt. Die Ergebnisse sind auf unserer Website unter der Rubrik „wissenschaftliche Begleitung“ veröffentlicht. Sie zeigen deutlich, dass die Mehrheit der Befragten die Veränderungen unterstützt. Kritische Stimmen gibt es zwar, sie bleiben aber meist sachlich und vereinzelt.
Sie betonen, wie wichtig der Austausch mit den Menschen für Ihre Projekte ist. Bei dem Projekt Kazmairallee wurden Anwohner:innen sogar ganz konkret eingebunden, etwa beim Gießen der Bäume. Wie gut hat diese Form der Beteiligung funktioniert? Planen Sie, solche Modelle künftig weiterzuführen?
Grundsätzlich wünschen wir uns bei solchen Projekten immer, dass Verantwortung von den Anwohner:innen übernommen wird. Das funktioniert allerdings unterschiedlich gut, je nach Rahmenbedingungen.
2022 haben wir in der Schießstättstraße 50 Hochbeete aufgestellt. Ein Problem war dabei die Wasserversorgung. In diesem Fall hatten wir großes Glück, weil uns der Projektmanager des Schwanthaler Forums einen Wasseranschluss zur Verfügung gestellt hat, den wir kostenlos nutzen durften. Parallel dazu haben wir im Umfeld Anwohner:innen angesprochen und gefragt, ob sie beim Gießen zu helfen würden. Das hat insgesamt gut funktioniert.
Ähnlich war es dann in der Kazmairallee. Dort hatte eine Hausbesitzerin uns ihren Wasseranschluss zur Verfügung gestellt und sich gleichzeitig bereit erklärt, selbst mitzugießen. Dazu haben sich umliegende Gastronomiebetriebe und Gewerbeinhaber beteiligt. Besonders schön war die Beteiligung der beiden Kindergärten in der Kazmairallee. Die Einrichtungen waren sofort begeistert und haben das Gießen gemeinsam mit den Kindern übernommen. Das hat uns sehr gefreut, denn dadurch wächst die Identifikation mit dem Projekt enorm.

Kennt sich aus mit Autos: Sabine Hladky war früher Leiterin des Verkehrszentrums des Deutschen Museums.
Nicht jeder Freiraum entfaltet Wirkung
Sie haben gesagt, dass das Projekt insgesamt gut angenommen wurde. Gleichzeitig gab es vereinzelt Kritik. Was sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Gründe für Kritik?
Im Wesentlichen geht es um Parkplätze, das ist der zentrale Konfliktpunkt. Wir haben bislang keine umfassenden Umgestaltungen vorgenommen, sondern bestehende Parkflächen anders genutzt. Aber immer dann, wenn Parkplätze entfallen, gibt es Diskussionen.
2022 erhielt ich kurz nach Projektbeginn die Rückmeldung vom Kreisverwaltungsreferat, dass sich Anwohner:innen über den Wegfall von Parkplätzen beschwert hätten. Interessanterweise legte sich der Protest nach etwa zwei Wochen. Viele Menschen arrangieren sich offenbar mit der neuen Situation.
Wir haben außerdem festgestellt, dass nicht jede Form der Umgestaltung gleich gut angenommen wird. Im Jahr 2022 hatten wir eine größere Parkplatzfläche als konsumfreien Aufenthaltsraum gestaltet. Zwar fanden sonntagabends gut besuchte Konzerte statt, tagsüber blieb die Fläche aber weitgehend leer. Grund dafür war sicherlich auch die Hitze. Diese Erfahrung hat uns gezeigt, dass solche Freiräume unter nicht immer die erhoffte Wirkung entfalten.
Wie gehen Sie mit Widerstand und kritischen Stimmen aus der Nachbarschaft um?
Wichtig ist zunächst das Gespräch. Bevor wir Projekte umsetzen, gehen wir durch die Straße, sprechen mit Gewerbetreibenden, Einrichtungen und Anwohner:innen. Wir stellen ihnen unsere Ideen vor und die meisten reagieren positiv.
In der Kazmairallee beispielsweise haben viele gefragt, wann die Bäume endlich kommen. Es gab aber auch deutlichen Widerstand. Ein Kfz-Sachverständiger war, vor allem wegen der Parkplätze, strikt gegen die geplanten Baumstandorte. Wir haben über eine Stunde diskutiert. Am Ende haben wir seine Position respektiert, aber auch klargestellt, dass das Projekt genehmigt ist und umgesetzt wird.
Entscheidend ist, die Argumente ernst zu nehmen und zu erklären, warum wir Parkplätze umwidmen. Wenn jemand sagt, der Parkplatz sei unverzichtbar, fragen wir nach den Gründen und weisen gleichzeitig auf die langfristigen Herausforderungen hin. Die Sommer werden heißer, und Bäume leisten einen wichtigen Beitrag zur Kühlung des Stadtraums. Es geht also nicht nur um Gestaltung, sondern um Klimaanpassung und Lebensqualität in der Zukunft.

“Wann kommt denn jetzt der Baum?”
Sie begleiten das Projekt nun seit mehreren Jahren. Wenn Sie heute zurückblicken: Wie hat sich das Vorhaben aus Ihrer Sicht verändert?
Wir haben am Anfang selbst noch gedacht, es sei ein Projekt. Inzwischen wissen wir: Es ist ein Prozess. Das war eine wichtige Erkenntnis. Angefangen haben wir mit sechs Hochbeeten, die wir nach fünf oder sechs Wochen wieder abbauen mussten. Das ist weder nachhaltig noch entfaltet es einen wirklichen Effekt. Es ist wie ein Wanderzirkus: Man kommt, baut etwas auf, erzeugt Aufmerksamkeit – und verschwindet wieder. Aus meiner Sicht ist das eine Verschwendung von Ressourcen und Zeit.
Ich habe das damals auch deutlich gegenüber dem Mobilitätsreferat gesagt: Wenn man wirklich etwas verändern will, muss es eine größere Fläche betreffen und über einen längeren Zeitraum laufen. Erfreulicherweise wurde darauf reagiert. Im darauffolgenden Jahr wurden uns 40 Schrägparkplätze genehmigt, und nicht nur für vier Wochen, sondern für vier Monate. Das war ein wichtiger Schritt. Und diese Möglichkeit gilt inzwischen stadtweit, nicht nur für uns. Das war die erste spürbare strukturelle Veränderung.
Ein großer Meilenstein war schließlich der Beschluss des Stadtrats im Sommer 2024, im Westend ein Nachbarschaftsviertel als Pilotprojekt umzusetzen und konkrete Planungen zu beauftragen. Das war ein echter Erfolg.
Gleichzeitig vergeht zwischen diesen einzelnen Schritten oft viel Zeit, wie gehen Sie damit um?
Die langen Zeiträume zwischen politischen Beschlüssen und konkreter Umsetzung sind tatsächlich eine Herausforderung. Viele Menschen im Viertel fragen mich: „Wann kommt denn jetzt unser Baum?“ Dann muss ich erklären, dass die Planung noch läuft. Das ist manchmal schwierig, weil Erwartungen entstehen.
Deshalb versuchen wir, das Thema im Viertel präsent zu halten. Wir haben beispielsweise den „Tag des guten Lebens“ organisiert, bei dem sich auch Anwohner:innen eingebracht haben. 2024 haben wir einen „Wunschbaum“ durchs Viertel geschickt. Das war eine Installation, an der Menschen ihre Wünsche für das Westend anbringen konnten. Die Resonanz war überraschend groß. Die gesammelten Anliegen haben wir ausgewertet und als Broschüre an das Mobilitätsreferat und an das Referat für Klima- und Umweltschutz übergeben.

Wie würden Sie heute die Zusammenarbeit mit der Stadt München, insbesondere mit dem Mobilitätsreferat, beschreiben?
Die Zusammenarbeit ist im Laufe der Zeit deutlich intensiver und positiver geworden. Natürlich gibt es klare Vorgaben und Zuständigkeiten und selbstverständlich bewegen wir uns innerhalb dieser Regeln. Aber ich erlebe die Referate als zunehmend dialogbereit.
Es ist möglich geworden, Vorhaben inhaltlich zu diskutieren. Das empfinde ich als sehr wertvoll. In der Verwaltung arbeiten viele engagierte Menschen, die offen für neue Ansätze sind, auch wenn sie innerhalb der Regeln handeln müssen.
Unser Ziel ist es, eine Art Bindeglied zu sein: Wir nehmen Stimmungen, Wünsche und auch Kritik aus dem Viertel auf und tragen sie in die Verwaltung. Gleichzeitig erklären wir umgekehrt, warum bestimmte Prozesse Zeit brauchen oder warum nicht alles sofort umgesetzt werden kann. Diese Vermittlungsrolle ist anspruchsvoll, aber sie ist entscheidend, wenn Umgestaltung gelingen soll.
Auf der einen Seite steht also die zunehmend gute Zusammenarbeit, auf der anderen Seite besteht aber auch die Sorge, dass das Projekt politisch ins Stocken geraten könnte. Wie sollte die Stadt das Projekt denn Ihrer Meinung nach möglichst gut und dynamisch voranbringen?
Mein zentraler Wunsch wäre zunächst, dass der Stadtrat in einem ersten Schritt klar entscheidet: Ja, wir wollen dieses Pilotprojekt „Nachbarschaftsviertel“ im Westend umsetzen. Denn Mobilitätsreferat und Baureferat können nicht allein handeln.
Der nächste wichtige Schritt wäre, dass nach dieser Entscheidung zügig mit der Umsetzung begonnen wird. Die Menschen im Viertel möchten sehen, dass tatsächlich etwas passiert. Beteiligungsverfahren sind wichtig, und es ist richtig, Anregungen und Wünsche aufzunehmen. Aber danach sollte man auch konkret werden.
Am besten würde man nach einer erfolgreichen Umsetzung nicht wieder jahrelang zögern, sondern das Konzept auf weitere Quartiere übertragen. Natürlich funktioniert nicht alles überall gleich. Was im Westend passt, muss in anderen Stadtteilen möglicherweise anders gedacht werden. Aber genau das ist Teil eines Lernprozesses.
Man wird nie alle überzeugen können. Entscheidend ist, ob eine Mehrheit die positiven Effekte selbst erleben kann. Wenn das gelingt, sollte man den Mut haben, die nächsten Schritte zu gehen. Und eben nicht alles endlos zu zerreden oder immer neue Prüfaufträge abzuwarten, sondern pragmatisch weiterzumachen.
Trotz politischer Unsicherheiten und langer Prozesse wirken Sie weiterhin sehr entschlossen. Was gibt Ihnen die Energie so engagiert dabeizubleiben?
Ich spüre, dass sich etwas bewegt hat in diesen fünf Jahren. Es wächst die Bereitschaft, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Die Projekte wirken ins Viertel hinein und schaffen Bewusstsein. So hoffen wir, dass bei künftigen Beteiligungsverfahren viele Menschen bereits eine Vorstellung davon haben, warum Veränderungen sinnvoll sind.
Mit der Zeit lernt man auch viel dazu und entwickelt ein Gespür dafür, was machbar ist. Das hilft, realistischer zu planen. Gleichzeitig haben wir inzwischen gute, konstruktive Kontakte in die Referate und verstehen besser, warum bestimmte Schritte Zeit brauchen oder formale Vorgaben einzuhalten sind.
Motivierend ist auch die Rückmeldung aus der Verwaltung, dass wir als Initiative Dinge ausprobieren können, die für die Stadt selbst deutlich komplizierter wären.
Und letztlich ist mein größter Antrieb der Klimawandel. Vieles werden wir nicht mehr verhindern können, aber wir müssen uns anpassen. Das ist für mich keine Option, sondern eine Notwendigkeit, auch wenn Prozesse langsam sind.

In der Maxvorstadt gab es bereits Interesse an Ihrem Kiez-Ansatz. Sehen Sie dort, oder auch in anderen Stadtteilen, das Potenzial für ein ähnliches Nachbarschaftsprojekt?
Grundsätzlich bieten sich vor allem die dicht bebauten Innenstadtviertel an, also alle Bereiche innerhalb des Mittleren Rings. Diese Stadtteile kämpfen mit denselben Herausforderungen, insbesondere mit zunehmender Überhitzung. Daher ist der Handlungsdruck in genau diesen Vierteln besonders hoch, was Verkehrsberuhigung und Klimaanpassung angeht.
Es gibt inzwischen auch andere Initiativen wie „Altstadt für alle“, die in eine ähnliche Richtung gehen. Das ist wichtig. Je mehr solche Projekte sichtbar werden, desto stärker entsteht bei Anwohner:innen der Wunsch: „Das hätten wir in unserem Viertel auch gern.“ Und genau das ist entscheidend. Es geht nicht darum, den Menschen etwas überzustülpen, sondern darum, dass der Impuls aus dem Quartier selbst kommt.
Aus der Maxvorstadt kam die konkrete Anfrage, ob wir unsere Baumstandorte nicht einmal dort erproben könnten. Allerdings war es so, dass wir die Bäume nur bereitgestellt bekommen haben und deshalb nicht selber weitergeben konnten.
Und zu guter Letzt: Welche konkreten Projekte oder Veränderungen planen Sie für das kommende Jahr?
In diesem und im kommenden Jahr möchten wir mit einem „Wandertisch“ im Viertel unterwegs sein. Dabei handelt sich um eine einfache Biergarnitur, mit der wir an verschiedenen Orten Station machen, um ins Gespräch zu kommen. Es soll um ganz praktische Fragen gehen, von Hochbeeten bis hin zu Fernwärmeanschlüssen. Im Moment starten wir das Projekt „Das Westend blüht auf”. Wir greifen dabei die Idee eines Anwohners auf, der an seiner Hausfassade Stockrosen gepflanzt hat. Man braucht dazu nur ein wenig Erde und Samen. Das Ergebnis ist sehr beeindruckend. Wir hoffen, dass wir möglichst viele-Hauseigentümer dafür gewinnen können.
Aber natürlich gibt es auch politische Unsicherheiten. Zwischen Planung und Umsetzung liegt die Kommunalwahl, und niemand weiß, wie sich der Stadtrat zusammensetzen wird. Sollten sich die Mehrheiten stark verändern, könnte das Auswirkungen auf das Projekt haben. Dennoch bleibe ich optimistisch. Noch besteht die Chance, dass die Planungen beschlossen werden und in die Umsetzung gehen.
Uns ist wichtig, dass die Menschen gut informiert sind und die Möglichkeit haben, sich fundiert einzubringen. Letztlich bleibt es ein Prozess und wir versuchen, ihn gemeinsam mit den Menschen im Viertel weiterzuführen.
Alle Fotos: Münchner Initiative Nachhaltigkeit