Alle Artikel von Martin Lorenz
macht den Musik-Blog mapambulo http://mapambulo.blogspot.com/


Zwischen gewagt und gewohnt
von

The Moonband
„Back In Time“
(Millaphon)

Wer hat eigentlich behauptet, dass es für eine Band einfacher sein soll, die Songs anderer statt der eigenen zu spielen? Continue reading “Zwischen gewagt und gewohnt” »

15. Mai 2015
Live | Kommentieren


Alles muss raus!
von

Sleaford Mods
Support: Night Shirts
Feierwerk, München, 28. April 2015

Es ist dann tatsächlich kein Hipster zu sehen gewesen (waren wohl bei Tocotronic), auch wenn zuvor noch einmal auf eine größere Location umgebucht wurde. Aber neben Schmocks, Spießern, Yuppies und Nerds zählen Hipster eben zur meistgehassten Sorte Mensch bei den Sleaford Mods aus Nottingham, ihnen gilt ihre ganze und ausdrückliche Verachtung und auch selbstbewusste Exemplare dieser Gattung werden wenig Lust darauf verspüren, für zwei Stunden auf das Übelste beschimpft zu werden. Und so versammelte sich eine erstaunlich inhomogene Schar gehobenen Alters vor der Bühne, um sich die derzeit interessanteste Band von der Insel aus der Nähe anzuschauen. Nun klingen ja die Platten der beiden “rude boys” schon verteufelt gut und frisch, live kommt diese Mischung aus stakkatoartigen Raptiraden und scheppernden Elektrobeats noch aggressiver, noch energischer rüber. Dabei ist die Arbeit während der Aufführung etwas ungleich verteilt: Während sich der Job von Soundfrickler Andrew Fearn darin erschöpft, die Tracks vom Notebook abzurufen und seinem Kollegen ansonsten, die Bierflasche in der Hand, einfach (und wortwörtlich) beizustehen, leistet Jason Williamson Erstaunliches. Als extrem hochgepitchte Rhythmusmaschine spuckt, zischt, bellt und schreit er mit präzisem Timing eine wütende Suada nach der anderen ins Publikum, die Halsschlagader wölbt sich unter dem verzerrten Gesicht – alles muss raus! Einem Überdruckkessel gleich ist er unentwegt damit beschäftigt, seinen giftigen, ätzenden Dampf abzulassen, ganz selten einmal läßt er sich dafür zu einer Art schrägen Gesangs hinreißen. In den Liedpausen stolziert Williamson dann höchst amüsiert und unter dem Johlen des Publikums als stolzer Gockel um’s Mikrophon – der Mann ist einfach eine Schau. Nach anderthalbstündiger Dauerattacke auf alles Unliebsame, Eitle, Aufgeblasene und Zeitgemäße (in Amerika würde man diese Konzerte wahrscheinlich mit einem einzigen, anhaltenden Piepton versehen müssen) ist aber selbst für ihn Schluss mit Bissig – Abgang mit Applaus. Und der Bayern-Fan nebendran musste eingestehen, dass er mit den Sleaford Mods den deutlich besseren Teil dieses Abends erwischt hatte.

29. April 2015
Nach(t)kritik | Kommentieren


“Eins, zwei, drei, vier …”
von

Wanda
Support: Monsterheart
Backstage, München, 26. April 2015

Wer sich Wanda aus Wien in beschaulicher Clubatmosphäre anschauen möchte, kommt zumindest in München ein knappes Jahr zu spät – zu gut/geil/leiwand (you name it) war ihr Debüt „Amore“ aus dem letzten Herbst, als dass man sich lange mit dem Status eines Geheimtipps aufhalten musste. Insofern wäre man nicht verwundert gewesen, wenn die endlose Schlange vor dem seit Wochen ausverkauften Backstage (Dimension #suedfruechte #ddr) ausschließlich aus kartenlosen Nachzüglern bestanden hätte. Continue reading ““Eins, zwei, drei, vier …”” »

28. April 2015
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Frei Schnauze
von

Flake
“Der Tastenficker”

(Schwarzkopf & Schwarzkopf)
München, Hugendubel, 23.04.2015

In der beliebten Rubrik „Very important things we learned about…“ wollen wir heute mal über Buchlesungen reden – aus aktuellem Anlass, versteht sich. Continue reading “Frei Schnauze” »

25. April 2015
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Kleinkrieg
von

Zugezogen Maskulin
Support: Kenji451
Kranhalle, München, 9. April 2015

So, ganz genau so hatte man sich das auch vorgestellt, als einem Anfang des Jahres das neue und ohne jede Übertreibung grandiose Album von Zugezogen Maskulin unterkam: Wirrer Blick, autistische Zuckungen, Adrenalin bis unter die Halskrause – blitzgescheite, giftige Rhymes von provinzgeschulten Plattenbaukindern. Testo und Grim 104 jedenfalls kokettieren auf’s Großartigste mit den Klischees, die sie selbst bedienen: Den Berliner Hipstern geben sie die durchgeknallten Dorfdeppen, denen Langeweile und Crystal Meth die letzten Hirnzellen weggebrutzelt haben und die nach Rotkohl, Kartoffeln und Rouladen stinken, sobald sie nur ihr vorlautes Maul aufreißen. Den Münchnern wiederum präsentieren sie sich als kampferprobte Straßenköter, Kiezbewahrer und Todesdrogenjunkies, maximal geflasht, immer unter Strom und allzeit bereit, sich im Dienste der Moshpit Knochen und Stimmbänder zu ruinieren. Und auch wenn der Sound etwas schrottig, die Beats von Buddy Kenji451 eine Spur zu blechern rüberkommen – die Unterhaltung funktioniert. Stakkato-Raps feiern die neuen wie die alten Stücke, ununterbrochene Bewegung, ein Hetzen und Stolpern durch die deutsche Spießerhölle – Schnappatmung rules. „Entartete Kunst“, „Scheiterhaufen“ wunderbar – „Alles brennt“ und „Plattenbau O.S.T.“ sowieso, spielerische Authentizität, die manchmal auch wehtun muss. Nach neunzig Minuten wacht man schweißgebadet auf, wie aus einem Albtraum. Der grauweiße Rauch hat sich verzogen, der Krieg ist vorbei – für heute.

13. April 2015
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Prag im Strom: Der Regen bleibt aus
von

Gerade erst gelesen: „Das Flüstern des Kein-Ohr-Hasen“ – keine Ahnung, wie man auf so eine Überschrift kommt. Denn Prag haben mit dem Blockbuster von Knautschgesicht Til Schweiger so gar nichts zu tun und sie sind auch weit davon entfernt, eine Nora-Tschirner-Band zu sein. Continue reading “Prag im Strom: Der Regen bleibt aus” »

29. März 2015
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Der Wechselbademeister
von

Funny van Dannen
Muffathalle, München, 12. März 2015

Verwundert ist nur, wer durch Zufall da hineingeraten ist. Verwundert darüber, dass Menschen gesetzten Alters mit beseelten Gesichtern ein Konzert verlassen, auf dem zuvor ein Mann zwei Stunden lang über folgende Dinge gesungen hat: Farbeimer, Fische (auch bärtige), Gartenschläuche, Kartoffelschalen, Regenwürmer, Korkenzieherlocken, Nebelmaschinen, Eurythmieschuhe, Plastikbälle, Tierposter und Bonobo-Affen. Continue reading “Der Wechselbademeister” »

13. März 2015
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Keine Jugend ohne Schmerz
von

Jesper Munk
„Claim“
(Warner)

Kann man ihm das wirklich zum Vorwurf  machen? Dass der Junge im zarten Alter von zweiundzwanzig Jahren eine Musik macht, die ihre Geschichte und Kraft aus der leidvollen Lebenserfahrung von Sklaverei und Rassentrennung zieht, die also mehr als viele andere Spielarten des Rock Unglück und Verzweiflung zum Grundthema machte und macht? Größere Verwerfungen sind aus dem Lebenslauf des Jesper Munk nicht bekannt, der Sohn von Rainer Germann (Cat Sun Flower) dürfte sogar eine recht behütete Kindheit genossen haben. Manches Bild und manche Zeile lassen einen trotzdem schmunzeln, wie er zum Beispiel für das Video zu „Courage Of Love“ die Attitüde des verwilderten Outlaws pflegt und sorgsam abgerissen durch die triste Pampa zieht, oder wie er seine Schuld am Scheitern mit „whiskey from the barman and cocaine from a friend“ betäubt („Guilty“). Doch wenn Blues nur die Sache alter Männer wäre, weil man erst dann die passende Vita vorzuweisen hat – es wäre arm um diese Musik bestellt.

Keine White Stripes, denn diese hatte Vorbild Jack White mit genau 22 gegründet, vom fabelhaften Benjamin Booker, ebenfalls mit 22 gestartet, wüsste die Welt rein gar nichts und selbst Munks großem Fürsprecher Jon Spencer würden entscheidende Jahre in der Biographie fehlen. Gehen wir besser davon aus, dass der gebürtige Münchner selbst jetzt schon einiges an Herzschmerz, jugendlicher Seelenqual und Wut erlebt hat (die ja immer so schwer wiegen, wie sie derjenige wahrnimmt, den sie betreffen). Egal also, ob er die „Reeperbahn“ nur vom Hörensagen oder aus eigener Erfahrung kennt, auch in den Songs seines neuen, zweiten Albums findet sich ein gerütteltes Maß an Kraft und Leidenschaft, genug jedenfalls, um dem Jungen seine Geschichten bereitwillig abzukaufen. Der Sound beseitigt ohnehin jeden Zweifel – was er da zusammen mit Jon Spencer, Sebastian Weiss (aka. Sepalot/Blumentopf) und Produzent Mocky an dreckigen Riffs, stampfenden Drums und souligem Georgel zusammengemischt hat, verdient einigen Respekt (dass das Viele am Ende nur noch auf einem Doppelalbum unterzubringen war, ist dabei fast schon frech zu nennen).

Eine kratzige, abgelebte Stimme also, die nicht nur bei „The Parched Well“ verblüffend an King Krule erinnert, satter Background, sparsame Bläser und viel, viel virtuos verschrägter Gitarrenkrach – Munk vermag seinem Instrument eine Klangvielfalt zu entlocken, die schwer beeindruckt. Das groovt mal sehr lässig wie bei „Shakespeare And Heartbreak“, barmt und vibriert nach alter Schule zum Herzerweichen „… there’s no rehab for lovers …“ („Clean“) oder klappert und pocht trocken in bester Voodoo-Manier für „It Takes Two“ – es ließe sich ein Vielzahl von Beispielen nennen, die dem Album eine Wandlungfähigkeit und Frische verleihen, welche in in diesem Alter wohl nur sehr selten zu finden sind. Misstrauen ist da fehl am Platz, eher die Angst, der Junge könnte zu schnell zu groß werden und sein Talent zu billig verkaufen. Andererseits – ein paar negative Erfahrungen haben noch niemandem geschadet, Munk hätte ja glücklicherweise das Zeug dazu (siehe oben), sie auf seine Weise gewinnbringend zu verarbeiten. http://jespermunk.de/

Jesper Munk spielt am 29.04. in der Münchner Muffathalle.

09. März 2015
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Gescheit getanzt: “City of O” by Pollyester
von

Pollyester
„City Of O“
(Disko B/Schamoni Musik)

Gepasst hätte es wohl, gemeint war’s aber nicht: Polina Lapkovskaja aka. Pollyester hatte für den Titel ihres neuen Albums keinesfalls den Sadomaso-Chic der Pauline Réage im Sinn. Vielmehr verweist “City Of O” auf die künstlerische Nachbildung des Orionsternzeichens in Form einer Fantasiefestung (Hannsjörg Voth/Ingrid Voth-Amslinger) in der marokkanischen Wüste, ein “Sehnsuchtsort” der Münchner Electroformation, so zumindest das Label. Continue reading “Gescheit getanzt: “City of O” by Pollyester” »

05. März 2015
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Monobo Son: Trotzdem
von

Monobo Son
„Jambo“

(International Bohemia)

Ganz so vorbehaltlos abfeiern wie noch vor ein paar Jahren möchte man die andauernde Lust am bayerischen Dialekt und Brauchtum heute nicht mehr. Vor Zeiten ließ sich beobachten, wie sich eine Reihe von jungen Künstlern, Filmemachern, Autoren und Musikern erfolgreich aufmachte, dem traditionell Mundsprachlichen die Hinterwäldlerei und Volkstümelei auszutreiben und es zum Sinnbild für eine vielgestaltige, weltoffene und zugleich traditionsbewusste Lebensart zu machen. Seit aber versucht wird, dem Ganzen mit werbewirksamer Umarmung der staatlichen Kulturamtlichkeit die Spontaneität und Unangepasstheit auszutreiben, seit sich ein Heimatministerium um die Einhaltung der richtigen Linie kümmert, alle vom ‘Mia-Gfui’ (Focus) beseelt sind und dahoam sowieso dahoam is, läßt sich eine gewisse Sättigung, ja Überdrüssigkeit kaum mehr verbergen.

Sei’s drum: Manuel Winbeck gehört als Posaunist von La Brass Banda quasi zur Speerspitze des besagten Aufbruchs, mittlerweile hat er sich mit Monobo Son ein zweites Standbein zugelegt – „Jambo“ ist nach einer EP aus dem Sommer 2013 das Langspieldebüt der fünf Musiker. Dass Winbeck die Rolle als Bandleader nicht übernommen hat, weil er unbedingt mal etwas vollkommen anderes probieren musste, glaubt sofort, wer die Stücke seiner neuen Formation hört – so weit entfernt von den Ideen seines Wegbegleiters Stefan Dettl ist das nämlich gar nicht. Denn natürlich, das gehört zu Winbecks Selbstverständnis und Vita, speist sich der Sound des Quintetts zu großen Teilen aus der bekannten Mixtur von traditioneller Brassmusik mit bayerischer Eigenart und den verschiedensten Einflüssen von Jazz, Afrobeat, (ganz viel) Dance und (ein wenig) Rock.

Hinzu kommt eine offenkundige Vorliebe für Mediterranes, mit der sympathisch hingenuschelten Liebeserklärung an „Angela“ als Münchner Jovanotti gleich zu Beginn nimmt er Anlauf zum eigentlichen Servus: „Aber i bin in Italien, i hob des Fenster obikurbelt und die Haar a weng verwirbelt in Italien, i woas ned wann i wiederkimm, i woas ned ob i wiederkimm.“ – Hilfsausdruck Autofahrerhit (würde der Brenner sagen). Mittendrinnen, davor und danach erfreulich viele elektronische Spielereien, behutsam klopfende Beats und stetiges Wippen, denn in erster Linie ist „Jambo“ tatsächlich eine Tanzplatte geworden. Allerdings sind es mehr die in sich gekehrten, verstohlenen Bewegungen, die hier dem sachten Rhythmus folgen, jazziger Technopop wie bei „Eierspeis“ ist eher die Ausnahme.

Dann doch besser der dezente und charmante Schwung von „Gscheider“, eine leichtfüßige Konsumkritik wie „Nimmer Normal“ oder das Hypochonder-Mantra „Wenn i da hi druck“ – Dance scheint bei Winbeck stets etwas sehr intimes zu sein und weil ihm die Geschichte vom „König von der Strass“ nicht ganz fremd sein kann, glaubt man den Stücken herauszuhören, dass er sie zunächst einmal für sich selbst singt. Eine Platte also, die den Spaß an der zeitgemäßen Umdeutung herkömmlicher Blasmusik-Klänge wachhält, ohne im allzu seichten Trend mitzuschwimmen. Apropos unfreiwillige Umarmung: Kürzlich behauptete eine Moderatorin des BR in einem Beitrag über Andreas Hofmeir, Winbecks Ex-Kollegen bei La Brass Banda, die Tuba sei bekanntlich seit jeher ein Lieblingsinstrument dessen ganz droben gewesen – wer kenne schließlich nicht das Gebet: „Vater, der tu-bist im Himmel“ … Ein Witz so flach, dass wohl beide schon wieder drüber lachen können …

14.02.  Neubeuern, Auers Livebühne
21.02.  Dornstadt, Wildwechsel
27.02.  Schwabmünchen, Museumstraße
28.02.  Seehausen, Westtor
07.03.  Siegsdorf, Cafe Weinmüller
11.03.  Berlin, Badehaus Szimpla Musiksalon
19.03.  Regensburg, Alte Mälzerei
25.03.  München, Substanz
26.03.  Pfarrkirchen, Club Boogaloo
27.03.  Landau, Kuki

06. Februar 2015
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Wem die Stunde schlägt
von

 

Das Weiße Pferd
„Münchner Freiheit“
(Sub Up Records)

Das liest man jetzt häufiger. Also, diesen Satz von wegen: „Das Weiße Pferd machen die Musik der Stunde.“ Mmh, fragt man sich: Machen die das nicht schon immer? Scheint also die Stunde dem einen oder anderen etwas länger zu schlagen? Denn wenigsten die Hälfte des bunten Haufens hat schließlich schon mit Kamerakino einen ähnlichen Wahnwitz gezimmert, Sanchez, Meyhöfer, Lapkovskaja, Wühr, Tagar, waren alle mit dabei. Und der Pöschl Albert mit Queen Of Japan und Dis*ka auch kein unbedingtes Kind von Sachlichkeit. Und trotzdem stimmt’s wohl, denn „die Stunde“ von heute, also das Leben und was es bestimmt, ist bei genauer Betrachtung manchmal ebenso irre, abgedreht, unerklärlich und schwer zu fassen. Das Weiße Pferd haben mit der Veröffentlichung ihres dritten Albums gleich noch ein altehrwürdiges Label ihrer Heimatstadt reanimiert – das klingt jetzt ausnahmsweise mal sehr rational. Für den Rest allerdings, also die „Münchner Freiheit“ selbst, muss man schon ein gewisses Maß an Aufgeschlossenheit mitbringen, um die Vielzahl an Querverweisen, Referenzen und Parallelen wenigstens halbwegs auf die Reihe zu bekommen (kann man natürlich auch gänzlich bleiben lassen, der Spaß sollte fast derselbe sein).

Ein jedes Stück der Platte für sich eine unglaubliche Ansammlung verrückter Assoziationen, Songs, die einen nicht an die Hand, sondern lieber gleich auf den Arm nehmen, hier wird überhöht, persifliert, kontrapunktiert, dass es kein Halten gibt. Mal linsen Foyer Des Arts um die Ecke, treffen Lou Reed und James Brown den „Underclass Hero“ (bzw. dessen Hinterteil), während Mick Jagger im „Straßenkämpfer“ (vs. „Street Fighting Man“) seine Widmung bekommt. „Akkordarbeit“ landet trotz sonorer Stimmlage bei „Jenseits von Eden“ und den Scherben, und Ramone‘s „Uptown Girl“ wird einfach umgesungen und abgetaut. Mal also mit direktem Bezug, ansonsten wie ein jeder mag, die Stücke funktionieren als Gedankenspielplätze, Haftung wird nicht übernommen. Das ist beileibe nicht albern oder blöde, eine Replik wie „Teutsche Machos“ zu den gängigen Bildungsbürgervorurteilen könnte kaum böser sein: „‘Na, wer kocht bei euch zu Haus? Etwa der Mann?‘ fragt Onkel Biolek die türkischen Gäste in Bio’s Bahnhof … Teutsche Machos, halb so wild, teutsche Machos haben ihr Bild von den Machos aus dem Süden.“

Weil vieles dem Dada verpflichtet scheint, gibt es nur wenige Stücke, deren Sinnhaftigkeit sich so schnell erschließt wie dieses, auch „Die Zukunft“ ist so eins: „Alle, wir und ich, gehen dahin wo die alten Männer sind … die alten Männer sind noch nicht alt genug“ – und wer will, der reflektiert schnell, dass damit wohl unsere Gesellschaft gemeint ist, regiert und normiert und begrenzt von den Ideen und Idealen alter Menschen. „Hört das denn nie auf?“ fragt der Klappentext und sofort hat man Mutter parat: „Die Jungen hassen die Alten, bis die Jungen die Alten sind…“, Besserung also nicht in Sicht. Die Musik des Ein-Pferd-Kollektivs (weitere Assoziation Richtung Animal-Collective-Hipstertum) steht den Worten in nichts nach, bunt verquirlt, vielschichtig, experimentell, jazzig, hypernervös, auch mal zum Gleichklang verwoben mit dem dringlichen, leidenschaftlichen Mantra des „I Want It With You Song“. Liedhaftes? Eher selten. Eine Herausforderung allemal. Heute morgen in der Zeitung gelesen: „Albano und Romina Power machen wieder gemeinsam Musik.“ Auch weird. Und auch Musik zu Stunde. Beides: Felicitá. http://dasweissepferd.de/

20.02.  München, Milla (Release Party)

23. Januar 2015
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Wenn schon, dann so.
von


Leonie singt
„Leonie singt“

(Gutfeeling Records)

Dunkle Gedanken können durchaus eine geeignete (wenn nicht sogar die einzig gültige) Triebfeder für das Gelingen wirklich guter Songs abgeben – das weiß nicht nur, wer sich die wohltuende Schwermut von Element of Crime seit Jahren über die gebeugte Schulter legt wie einen wärmenden Schal aus dicker, weicher Wolle. Und passenderweise klingt die Musik von Leonie Felle manchmal wie die jüngere, weibliche Entsprechung zum alten Grummler Sven Regener. So und noch viel mehr. Denn nur mit dieser einen Referenz würde man der Fotografin, Künstlerin und Sängerin, die gerade bei Gutfeeling Records ihr mit Spannung erwartetes Debüt veröffentlicht, wohl kaum gerecht werden. Allein der Umstand, dass „Leonie singt“ von Andreas Staebler, Kopf und Stimme des Münchner Vielklangkollektivs G.Rag Y Los Patchekos Hermanos, produziert worden ist, bürgt für Abwechslung und Eigenständigkeit gleichermaßen – die ersten zwölf Songs zusammen mit Hagen Keller, Sascha Schwegeler und Jakob Egenrieder bestechen dann auch durch Vielfalt und Originalität.

Genausowenig, wie sich Felle für eine Sprache entscheiden mag (und gut daran tut), so wenig lässt sie sich auf einen Stil festlegen: Da stehen sparsame, fast zarte Arrangements neben raumgreifenden Rocknummern, treffen erdiger Blues und schiefer Honkytonksound auf chansonhafte Melodien, Akkordeon auf Kontrabass, Mundharmonika auf Megaphon und elektrische Gitarre auf eine singende Säge.
Im Gedächtnis haften dabei, wie erwähnt, vor allem die Stücke von der Schattenseite des Lebens, es hat hier viele davon. Schon die Einstiegszeilen lassen angenehm frösteln: „Yesterday it killed me, today I’m dead, but I’m sleeping and dreaming in heavens bed … sure I’m six feet under, sure I’m dead and cold, sure we come asunder, sure I wasn’t old“ – ein “bag of bones”, lebendig begraben, drastischer kann man Trennungsschmerz kaum illustrieren.
Dazu das wohldosierte Geraspel der Leadgitarre, das später auch „Schön“ und „Abend“ begleitet, wunderbar traurige Lieder von nüchterner Ehrlichkeit. „Es gibt nicht vieles auf der Welt was zählt, doch du und ich allein, das wär doch schon was – oder nicht? Ich würd nichts sagen, würd nur zuhörn, würd nichts fragen, bin ganz da – da nur für dich. Ach, wär das schön!“ Und später: „Was soll ich um was trauern, das es ja gar nicht gibt? Was soll ich um wen trauern, der mich ja gar nicht liebt?“

Natürlich passt auch das Covermotiv der schweren, aufgewühlten See (eine Arbeit von Felle selbst), bestens zu den Enttäuschungen, vergeblichen Sehnsüchten und trostsuchenden Gedanken, die Felle in bildhafte Worte fasst, zu einem Album also, wo Schönheit und Glück zumeist nur im Konjunktiv erscheinen. Denn selbst wenn das Wasser anfangs noch den kindlichen Träumen von unbekümmerter Sorglosigkeit als Kulisse dient („I Wish I Could Sleep Like A Child“) – am Ende ist es doch nur das kalte Dunkel, welches erbarmungslos über einem zusammenschlägt: „Make a hole for me in the sea, waves ought to go down above me. They should rage and romp, let them whirl me around, until I have found my deep blue bed in the sea…“ („Watery Grave“). Vielleicht nicht gerade der passende Soundtrack für einen erwartungsfrohen Jahresanfang, aber keine Sorge, auch in den kommenden Monaten wird sich reichlich Gelegenheit bieten, der Lakonie und Melancholie in den Liedern von Leonie Felle nachzuhören. Denn: Wenn schon betrübt, dann bitte so. www.leoniesingt.de

Leonie singt tritt im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung “15 Jahre Club Zwei” am 31. Januar in der Münchner Muffathalle auf.

03. Januar 2015
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Ein langer Atem
von

Iceage
Strom, München, 27. November 2014

Fast mochte man ihn kurz in den Arm nehmen und trösten, denn die Laune war – wer wollte es ihm verdenken – nicht gerade die beste: Eine Stunde nach Konzertbeginn stand Elias Bender Rønnenfelt, Sänger der dänischen Noisepunk-Formation Iceage, schon wieder allein mit Zigarette und Bier vor dem Münchner Strom und sah ziemlich betreten drein. Nicht sein Abend, nicht der seiner Band. Eine Viertelstunde vor Programmbeginn hatte Kermit, die verfilzte Nervensäge, noch sein Lamento “It’s not easy beeing green” vom Band in die gähnende Leere singen dürfen. Und es wurde schnell klar, dass er mit seinen Problemen nicht allein war – ebenso schwierig dürfte es nämlich sein, mit den Erwartungshaltungen des Publikums klarzukommen. Noch schwieriger: Dass an einem Abend nur ganze siebzig (70!) Menschen kommen, die eine Erwartung dabeihaben. Und das bei einer Gruppe, die vor einigen Wochen eines der mutmaßlich besten Rockalben des Jahres vorgelegt hatte, deren mutiger Schwenk vom ohrenbetäubenden Lärm zu windschiefem, düsteren Rock’n Roll in allen führenden Musikplattformen und –magazinen hoch gelobt worden war. Wrong time, wrong place?

In der Rückschau betrachtet vielleicht, dennoch kann man sich ein kleines „Shame on you, Munich!“ nicht ganz verkneifen, gerade weil das dritte Album ein so gutes war und jetzt die spannende Frage im Raum stand, wie die vier Männer denn den deutlich facettenreicheren Sound wohl live hinbrächten. Nun, die Trompeten und Pianos von „Plowing Into The Field Of Love“ hatte jetzt ehrlicherweise niemand erwartet, trotzdem: Obwohl Iceage vornehmlich neues Material spielten, taten sie dies überwiegend noch im „Youth Brigade/You’re Nothing“-Modus, dem brachialen der Vorgänger also, der nicht viele der ungewohnten Zwischentöne zuließ. Die lässig arrogante Attitüde bei Rønnenfelt stimmte zwar – wirrer Blick, torkelnder Tanz – eine kleine Moshpit (bei der Zuschauerzahl schon eine Herausforderung) ließ sich auch bewerkstelligen, allein die Songs kamen etwas zu mächtig rüber. “What’s gone is best forgotten” lautet eine Textzeile aus “Let It Vanish”, man hätte der Band gewünscht, dass sie den Ratschlag auch selbst beherzigt. So konnten wunderbare Nummern wie “The Lord’s Favorite”, “Abundant Living” oder “Cimmerian Shade” leider nicht ihr komplettes Potential entfalten, weniger rohe Gewalt und etwas mehr Feingefühl hätten hier sicher gutgetan. Eine knappe Stunde, keine Zugabe, dann war’s vorbei – die Kiste mit den Shirts und Platten haben sie dann aber doch noch ausgepackt und Rønnenfelt hat wenigstens ein aufmunterndes Schulterklopfen bekommen. Manchmal braucht es eben einen längeren Atem…

28. November 2014
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Ironiefreie Zone
von

Mutter
Milla, München, 14.11.2014

„Menschliche Widersprüche sind das Faszinierendste, was es gibt. Sie auszusprechen erscheint mir ganz normal.“ (Max Müller, SPEX) Continue reading “Ironiefreie Zone” »

18. November 2014
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Einfache Wahrheiten
von


Motörhead

Support: The Damned, Skew Siskin
Zenith, München, 10.11.2014

Fünfzig Euro für die einfachste aller Wahrheiten: „Hello, we are Motörhead and we’re playing Rock’n’Roll!“
Continue reading “Einfache Wahrheiten” »

11. November 2014
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Das eigene Tun
von

Kofelgschroa
„Zaun“
(Trikont)

Entschleunigung, das muss mal gleich zu Beginn gesagt werden, ist ein scheußliches Wort. Seit es Workout-Seminare für ausgebrannte Hedgefonds-Manager braucht, treibt dieser Begriff sein Unwesen, mit ihm werden isotonische Joghurtkulturen, multifunktionale Aussteigertextilien und andere must-have‘s für potente Selbstoptimierer beworben. Continue reading “Das eigene Tun” »

09. November 2014
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Das freundliche Grollen des Donnergottes
von



Swans
Support: Pharmakon
Feierwerk, München, 1. November 2014

Zuvor war er wieder eine Zeit unterwegs, machte sich ein wenig auf der Bühne zu schaffen, versorgte sich an der Bar und fast hätte man erwartet, der Mann an der Tür würde ihn noch nach seinem Einlassstempel fragen – kein Kreischen, kaum einen Raunen, allenfalls ehrfürchtiger Respekt. Continue reading “Das freundliche Grollen des Donnergottes” »

02. November 2014
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First Aid Kit: Die ganze Palette
von

First Aid Kit
Support: Jo Rose
Muffathalle, München, 5. Oktober 2014

Es ist schon verblüffend, mit welch einfachen Mitteln man die Lautstärke einer aufgekratzten Halle auf Wohnzimmernivau herunterdimmen kann.
Continue reading “First Aid Kit: Die ganze Palette” »

07. Oktober 2014
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Mehr als 1560 Worte
von

Fiva
Support: Average
Ampere, München, 15. September 2014

Gerade erst durfte man lesen, dass Eminem sich mit einem seiner Songs ins Guinness-Buch gerappt hat – 1560 Worte füllen den Track und natürlich hört sich das beeindruckend an. Nina Sonnenberg alias Fiva MC würde, spräche man sie darauf an, diese Meldung wahrscheinlich auf ihre eigene Art charmant weglächeln Continue reading “Mehr als 1560 Worte” »

25. September 2014
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Gelungene Spielpause
von

Poliça
Support: Scarlett O’Hanna
Strom, München, 24.06.2014

Eine gute Terminplanung kann für das Gelingen einer Konzertreise – sagen wir es vorsichtig – von Vorteil sein. Die Booking-Agentur der amerikanischen Band Poliça hat, zumindest mit ihren deutschen (und englischen, haha!) Terminen, soweit keinen Fehler* gemacht, wäre der Auftritt der Band auf zwei Tage später gelegt worden – nun, man hätte nach dem Umzug von der Freiheizhalle ins kleinere Strom vielleicht noch einmal umbuchen müssen, der Ballsport diktiert dieser Tage schließlich den Lebensrhythmus. Continue reading “Gelungene Spielpause” »

25. Juni 2014
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“Chaos und Unvollkommenheit sind meine Freunde”
von

In dieser Woche startet die US-amerikanische Band Poliça zu einer zweiten Tournee-Runde quer durch Europa, am nächsten Dienstag sind sie auch wieder einmal in München zu Gast. Schwierig, oder vielleicht sogar unnötig, mit der Band nochmals einen Anknüpfungspunkt zu ihrem grandiosen Album „Shulamit“ zu suchen – warum also nicht mal ein paar grundsätzliche Fragen zum Thema Livekonzerte an Sängerin Channy Leaneagh …

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18. Juni 2014
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Von Platzhirschen und zarten Pflänzchen
von

Mehmet Scholl
„Miss Milla“

(Millaphon Records)

In schlechter Regelmäßigkeit wurden auch früher schon bei bevorstehenden fußballerischen Großereignissen die maßgeblichen Balltreter zu ihren Musikfavoriten befragt – Continue reading “Von Platzhirschen und zarten Pflänzchen” »

02. Juni 2014
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Pop und Pose
von

Dieser Mann ist etwas sonderbar. Selbst Late-Nighter David Letterman (ganz sicher nicht arm an Erfahrungen) durfte ihn mit Band vor einigen Wochen in seiner Show begrüßen und zeigte sich einigermaßen beeindruckt von der Performance des Leadsängers. Die Rede ist von Future Islands.

Continue reading “Pop und Pose” »

30. Mai 2014
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Up and out
von

Sharon Jones and The Dap-Kings
8. Mai, München, Tonhalle

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09. Mai 2014
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Nimm zwei!
von

Eigentlich sind das ja, will man genau sein, zwei Konzerte in einem: Zunächst einmal bietet sich natürlich die fabelhafte Gelegenheit, die nach langer Krankheit Continue reading “Nimm zwei!” »

05. Mai 2014
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Circus Maximus
von

Wer sich wirklich noch nicht ganz sicher war, dem genügte einfach ein Blick auf die beseelten Gesichter der umstehenden Mitbesucher, um endgültig zu wissen: Viel perfekter als The Notwist an diesem Abend kann man ein Konzert nicht spielen Continue reading “Circus Maximus” »

14. April 2014
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King Of Cool
von

King Krule
Atomic Café, München, 8. April 2014
Support: Thidius

Und wieder dreht sich’s hauptsächlich um die Stimme. Archy Samuel Marshall, genannt King Krule, darf man gewiß als eine Art Antithese zur handelsüblichen Rampensau (vgl. hierzu: Jan Delay) betrachten Continue reading “King Of Cool” »

10. April 2014
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Macht was gegen hässlich
von

Jan Delay und Disko No. 1
Strom, München, 6. April 2014

Da ist er also, der Herr mit der markanten Knödelstimme aus Hamburg-Eppendorf – Clubgigs mit Jan Delay, Scheiße Alter, sowas gibt’s noch?! Continue reading “Macht was gegen hässlich” »

08. April 2014
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Schöne Halbwahrheiten
von

Fred Raspail
„French Ghost Songs Part II“

(Gutfeeling Records)

Für all jene, die sich bislang gefragt haben, wie es wohl klingen mag, wenn sich Franzosen um Countryfolk kümmern, haben die umtriebigen Perlentaucher vom Obersendlinger Label Gutfeeling für etwas Nachhilfe gesorgt: Seit Ende vergangenen Jahres taucht auch Fred Raspail in ihrem gut sortierten Portfolio auf und legt nun endlich sein neues Album vor. Continue reading “Schöne Halbwahrheiten” »

21. März 2014
Live | Kommentieren


Die schöne Seite der Nacht
von

Darkside
Muffathalle, München, 15. März 2014

Support: High Water

Natürlich wusste man ungefähr, was einen erwartet. Es liegt in der Natur elektronischer Musik, dass sie auf der Bühne kaum Platz für überraschende Wendungen läßt, einmal ins Powerbook programmiert, lassen sich die einzelnen Soundsegmente nur noch begrenzt variieren. Und da Nicolas Jaar und Dave Harrington im Netz nicht mit Tourmitschnitten geizen, durfte sich wer will schon mal umschauen und –hören im Klangkosmos der beiden trendigen Tüftler aus New York. Trotzdem mochte man sie, wenn sie schon mal mit ihrem umjubelten Projekt vor der eigenen Haustür gastieren, natürlich nicht verpassen. Continue reading “Die schöne Seite der Nacht” »

17. März 2014
Kultur,Nach(t)kritik | Kommentieren