Kultur, Live

40 Jahre Embryo – außerweltlich, unfassbar

Sebastian Gierke

Journalist, frei, in München und im Netz.
Sebastian Gierke

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Ich bin ja eigentlich für den Pop. Für die Oberfläche. Gar nicht so für Hippiekram. Von wegen Seele und Tiefe und Ideale. Kitsch. Aber vor drei Jahren hätte ich mich beinahe bekehren lassen. Bei einem Konzert von Embryo, die heute wieder in München auftreten.

Es war also vor knapp drei Jahren, auf dem Domagkgelände. Als es noch ganz Künstlerkolonie war. Als der Wildwuchs dort aber schon in seinen letzten Zügen lag.

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Ganz nah an das alte Kasernengelände hatte sich die Parkstadt Schwabing schon herangearbeitet. Mit ihren akkurat geschnittenen Rasenflächen, den glitzernden Stahl-Glas-Konstruktionen und den Plakaten, auf denen Büroflächen angeboten wurden – und wahrscheinlich immer noch werden.

Doch an der Domagkstraße war bis dahin Schluss gewesen. 300 Kreative hatten dort die ehemalige Funkkaserne zu einer der größten Künstlerkolonien Europas gemacht.

Auch Embryo gehören dazu und es gab wohl kaum einen besseren Ort für ein Konzert der Band, als dieses Gelände im Norden Münchens, wo ein Jahr später die Abrissbagger anrollten, um Platz zu schaffen für ein neues Wohngebiet und nur das Haus 50 übrig ließen, das als Ateliergebäude erhalten blieb, sogar renoviert wurde – für jetzt nur noch 150 Künstler.

Embryo sind eine Legende, eine Kultband. Seit 1969 sind sie unterwegs, spielten abertausende Konzerte überall auf der Welt, mehr als 300 Musiker haben bei dem Münchner Kollektiv um Mastermind Christian Burchard mitgemacht. Die Band hat viele Strömungen populärer Musik erlebt, sich aber von keiner überrollen lassen, hat keiner nachgegeben, nie ihre Ideale verkauft und denkt bis heute nicht ans Aufhören.

Damals fühlte sich das auf dem Domagkgelände tatsächlich an wie eine beinahe phantastische Welt. Kaum jemand war zu sehen, ein Hase hoppelte ungestört an einer alten Panzerreparaturwerkstätte vorbei. Nur ein paar Meter von dem evangelikalen Gemeindezentrum entfernt, lag, versteckt hinter Bäumen, die „Schlagbar“, Münchens einziger SM-Club. Auf einer Wiese daneben stand Miro Klose und schoss sein erstes Tor für die Bayern. Nein, ein Fernseher stand auf der Wiese, zeigte Klose und drum herum standen fünf Bierflaschen mit ihren Besitzern. Irgendwo brannte ein Lagerfeuer. Es herrschte eine außerweltliche, fast gespenstische, ruhige Atmosphäre. Von der prometheischen Dynamik, draußen vor dem Tor, war hier, zwischen grünem Wildwuchs, nichts zu spüren. Und so wie sich dieser Ort anfühlte, so klingt noch heute die Musik von Embryo. Außerweltlich und unfassbar. Geheimnisvoll und improvisiert. Immer im Wandel und doch immer gleich.

Als es dunkel geworden war, bauten Embryo vor dem mächtigen U-förmigen Haus 50 ihre Instrumente auf. Eine verrostete Tonne, Holzlatten, ein paar Betonbrocken: Das war die Bühne, von alten Wohnzimmerlampen und Lampions in warmes Licht getaucht. Zwischen Schlagzeug und Vibraphon wucherte Unkraut. Für das Publikum lagen ein paar Teppiche auf dem Betonboden. Es war eine fast postapokalyptischen wirkenden Szenerie für ein außergewöhnliches Konzert. Die Musik wucherte, wie immer bei Embryo, irgendwo zwischen psychedelischem Jazz und extatischem Krach. Ein Embryo-Auftritt ist ein musikalisches Experiment, das von vielfältigsten, international folkloristischen Einflüssen befeuert wird, absolut spontan, pulsierend, voller Entwicklungsspannung. Etwas an die Wand gedrückt wirkten die damals neun Musiker. Doch hinter ihnen gibt es ein kleines Fenster, das in eines der Ateliers führte. Dort stiegen sie nach dem Konzert hinein. Sie flohen in einen Raum der Kunst, weg von Baggern und Glastürmen und Hitparaden und Moden.

40 Jahre Embryo
23.04.2010
20 Uhr

schwere reiter
Dachauerstraße 114
München

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