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In Nantesbuch auf den Boden kommen – Podcast mit Katrin Schneider über eine unterschätzte Ressource
Alle reden über seltene Erden – dabei ist es Zeit, auch mal über den ganz normalen Boden zu sprechen. Fruchtbarer Boden ist eine begrenzte Ressource, die als nicht erneuerbar eingestuft wird. In der neuen Folge des Podcasts MUNICH NEXT LEVEL reden wir mit der Geografin Dr. Katrin Schneider, Leiterin der Bodeninitiative in Nantesbuch, über die weitreichende Bedeutung dieses Rohstoffs für Klimaschutz, Gesundheit und regionale Wirtschaftskreisläufe.
Nantesbuch und Karpfsee waren zwei stillgelegte Höfe, die die Stiftung Kunst und Natur seit 2012 zu einem Ort der Begegnung, der Teilnahme und der Kultur- und Naturvermittlung umgebaut hat. Hinter der Stiftung steht mit BMW-Miteigentümerin Susanne Klatten eine Frau, die offenbar die Leidenschaft als auch die Mittel besitzt, ein solches Projekt langfristig aufzubauen. Seit das Lange Haus nach den Plänen des für seine nachhaltigen Konzepte bekannten Architekten Florian Nagler im Jahre 2017 als Veranstaltungsraum eingeweiht wurde, lädt die Stiftung regelmäßig zu Lesungen, Konzerten und Workshops. Mit nachhaltiger Landwirtschaft und Tierhaltung, Kultur und Wanderungen will Nantesbuch das Verhältnis von Mensch und Natur verbessern. Hier bei Bad Heilbrunn im Tölzer Land, nur 40 Kilometer südlich von München, wird auf 320 Hektar Land auch ganz konkret an der Wiedervernässung von Mooren geforscht.
Wir stehen und bauen auf ihm, wir versiegeln ihn, entwässern ihn, überfahren ihn. Und trotzdem wissen wir erstaunlich wenig über den Boden. Dabei ist er Klimaschützer, Wasserspeicher, Lebensraum, Nahrungsgrundlage – und eine der am meisten unterschätzten Ressourcen unserer Zeit.
Die Bodeninitiative der Stiftung Kunst und Natur möchte ein neues Bewusstsein für unsere Böden schaffen und bestehendes Wissen besser vernetzen. Im Podcast MUNICH NEXT LEVEL erläutert Katrin Schneider im Gespräch mit MUCBOOK-Macher Marco Eisenack viele ungeahnte Chancen und Risiken im Umgang mit unserem Boden.
Moore: Die unterschätzten Giganten
Die meisten Menschen denken bei Mooren an gruselige Geschichten, Nebellandschaften und gut konservierte Zeugnisse früherer Zeiten. Dabei haben die Moore für unsere Zukunft enorme Bedeutung: Seit Jahrzehnten wird Mooren weltweit Wasser entzogen, um ihren fruchtbaren Boden für Ackerbau und Viehzucht zu nutzen. Rund 95 Prozent der deutschen Moore sind inzwischen trockengelegt – mit verheerenden Folgen. Intakte Moore sind enorme Kohlenstoffspeicher. Werden sie entwässert, kehrt sich ihre Wirkung ins Gegenteil um. Der Boden beginnt zu oxidieren und setzt CO₂ frei. Das Ergebnis? Sieben Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen stammen aus trockengelegten Mooren – mehr als aus dem gesamten Flugverkehr.
Die Lösung klingt einfach: Wiedervernässung. Doch die Umsetzung ist ein komplexer Prozess. Selbst wenn die Landwirte mitmachen wollen. „Man kann nicht einfach die Drainagen rausreißen“, betont Schneider. Man müsse mit Nachbarn, Behörden und der Hydrologie arbeiten. Jede Maßnahme hat Auswirkungen – und die müssen wir verantworten.
In Nantesbuch wird dieser Prozess seit Jahren erprobt. Gräben werden geschlossen, Wasserstände langsam angehoben, und die Natur darf sich regenerieren.
Landwirtschaft neu denken: Paludikultur als Gamechanger
Wie kann man Landwirte motivieren, ihre Äcker wieder in Moore umzuwandeln? Wohr die wenigsten können es sich leisten, wertvolle Anbauflächen einfach aufzugeben. Die entscheidende Frage lautet also: Wie kann man wiedervernässte Moore bewirtschaften? Die Antwort heißt Paludikultur. Statt Mais oder Kartoffeln wachsen dann Schilf, Rohrkolben oder Großseggen, die als nachhaltige Baustoffe, Dämmmaterial oder zum Beispiel für Verpackungen genutzt werden könnten. Hier haben die Hersteller jedoch noch Nachholbedarf. (Anmerkung der Redaktion: Die Hürden aus der Perspektive einer Bauherrin, die gerne mit Paludibaustoffen bauen würde, kann man in dem Podcast mit Melanie Hammer anhören.) „Das Problem ist das klassische Henne-Ei-Dilemma“, erklärt Schneider. Es fehle der Markt für diese Produkte, und ohne Markt fehle den Landwirten der Anreiz, umzustellen.
Doch es gibt Hoffnung: Bundesweit gibt es viele Pilotprojekte, in Bayern fördert das „Moorbauernprogramm“ Landwirte, die auf nasse Grünlandnutzung umstellen wollen. In Nantesbuch wird erforscht, wie sich diese neuen Wertschöpfungsketten aufbauen lassen – von der Ernte bis zur Vermarktung. Es geht nicht darum, Flächen stillzulegen, sondern auch darum, “zu schauen, wie kann ich die dann wirtschaftlich auch nutzen”.

Ein Netzwerk für die Zukunft
„Mich fasziniert am Boden vor allem, dass wir so wenig über ihn wissen“, sagt Katrin Schneider im Podcast. „Da schlummert noch unglaublich viel – fast wie bei Mond und Tiefsee.“ Tatsächlich wissen wir relativ wenig über das komplexe Leben im Erdreich unter unseren Füßen. Mithilfe moderner DNA-Sequenzierung werde erst langsam sichtbar, welche Bakterien, Pilze und Mikroorganismen dort wirken, erklärt Schneider im Podcast – und welche Rolle sie für Gesundheit, Landwirtschaft und sogar zukünftige Medikamente spielen könnten.
Der Boden sei „eine Schaltzentrale”: Er filtere Wasser, speichere Kohlenstoff, ermögliche Pflanzenwachstum, schütze vor Hochwasser und Hitze. Und doch gilt er als selbstverständlich. Ein fataler Irrtum.
Boden ist praktisch nicht erneuerbar. „Das, was wir heute unter unseren Füßen haben, diese ein, zwei Meter, haben sich mehr oder weniger seit der letzten Eiszeit gebildet”, erklärt Schneider. „Es kann Tausende von Jahren dauern, bis sich ein Meter Boden gebildet hat.“ Wenn Boden zerstört oder versiegelt werde, lasse sich das nicht so einfach reparieren.
In der EU gelten laut Schneider heute rund 60 Prozent der Böden als degradiert. Weltweit sieht es nicht besser aus. Erosion, Übernutzung, Versiegelung – all das reduziert die Fähigkeit des Bodens, seine lebenswichtigen Funktionen zu erfüllen.
Die Bodeninitiative der Stiftung Kunst und Natur ist kein klassisches Umweltprojekt. Sie ist ein Netzwerk aus Wissenschaftlern, Künstlern, Landwirten und Aktivisten, die gemeinsam daran arbeiten, die Herausforderungen rund um das Thema Boden sichtbarer zu machen. „Unser Ziel ist es, den Nährboden dafür zu bereiten und die Akteure im Netzwerk dann auch zusammenzubringen und Synergien zu bilden”, betont die Geografin, die unter anderem am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und dem Center for Climate Change in Innsbruck tätig war.

Nantesbuch schafft auch einen Boden für inspirierende Begegnungen
In dem Podcast erklärt Schneider, warum Nantesbuch auch ein Ort der Kultur ist: Auf dem Gelände finden Konzerte, Lesungen und Workshops statt. “Ich kann mich da inspirieren lassen, kann mich mitnehmen lassen, kann aber gleichzeitig den Ort als solchen auf mich wirken lassen”, erklärt Schneider. Ob als Spaziergänger, Workshop-Teilnehmer oder Besucher einer der vielen Veranstaltungen – hier kann jeder mitmachen.
- Veranstaltungen: Von Konzerten über Lesungen bis zu Workshops – das Programm ist vielfältig. Besonders empfehlenswert sind die „Nantesbucher Bodentage“ und die „Bar mit Blick“, eine Sommerreihe mit Musik und Aussicht.
- Selbst erkunden: Das Gelände ist frei zugänglich. Ein Wegeführer hilft dabei, die schönsten Ecken zu entdecken – bitte bleiben Sie auf den Wegen, um die Natur nicht zu stören! Infos zur Anfahrt hier.
Katrin Schneiders Buchtipps aus dem Podcast:
- „Drecksarbeit“ Veronika Straaß, Claus-Peter Lieckfeld (Faszinierende Mikroaufnahmen aus dem Boden)
- „Zeitbewusstheit“ von Marcia Björnerud (Geologisches Denken und wie es helfen könnte, die Welt zu retten
- „Geflochtenes Süßgras“ von Robin Wall Kimmerer (Die Weisheit der Pflanzen: indigenes Wissen und moderne Ökologie)
Tipp der Redaktion:
Franziska Tanneberger, Vera Schröder (SZ-Journalistin Vera Schröder nimmt uns mit einer der bekanntesten Moorforscherinnen Deutschlands zu Mooren auf der ganzen Welt und zeigt, warum die Sumpflandschaften Teil der Klimarettung sein müssen.)
Hör jetzt die ganze Folge auf Spotify & Co.
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MUNICH NEXT LEVEL ist eine Produktion der Redaktion von MUCBOOK, dem unabhängigen Metropolmagazin aus München.
Host: Marco Eisenack
Redaktion: Elena-Knuth Pollok
Musik und Schnitt: Enik
Wir freuen uns über Feedback und Sprachnachrichten per Email an redaktion@mucbook.de oder via DM auf Insta @mucbook
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