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„The Future Is Stupid“ – für den gesellschaftskritischen Künstler Antony Micallef ist die Zukunft von gestern
Zwischen geopolitischen Krisen, gesellschaftlicher Spaltung und der unaufhaltsamen Ausbreitung von künstlicher Intelligenz ist die Zukunft für Viele vor allem eines: unsicher. Besonders optimistisch blickt auch der britische Künstler Antony Micallef nicht nach vorne, doch ist er sich wohl sicher, wie die Zukunft aussehen wird – nämlich ziemlich dumm. Statt mit der Überblicksausstellung „The Future Is Stupid“ im Münchner Museum of Contemporary and Urban Art (MUCA) eine Bilanz seiner Karriere zu ziehen, möchte Micallef in diese Zukunft blicken – und sucht dabei nach Spuren in der Vergangenheit.

Von einer Retrospektive wollen weder der Künstler Antony Micallef, noch die Mitgründerin des MUCA, Stephanie Utz, sprechen – Utz meint, das klänge zu sehr als wäre der Künstler dem Tode nahe. Außerdem möchte die am 08.05.2026 gestartete neue Ausstellung im Münchner MUCA nicht zurück, sondern in die Zukunft blicken, wie schon der Titel verrät: „The Future Is Stupid“. Und doch fällt beim Presserundgang durch die Ausstellung in Begleitung des Künstlers auf: Der Blick über die Schulter, sowohl in die eigene künstlerische, als auch die historische Vergangenheit ist hier eine Voraussetzung des kritischen In-die-Zukunft-Schauens – und klärt eventuell auch einige vom Titel der Ausstellung aufgeworfene Fragen.
Das Neueste zuerst: Micallefs Residenz im KUNSTLABOR 2 gibt den Ton an
Die Karriere des britischen Künstlers Micallef erstreckt sich inzwischen über mehr als 20 Jahre. Seit seiner Auszeichnung mit dem zweiten Platz des BP Awards im Jahr 2000 hat er verschiedene künstlerische Phasen durchlaufen und in der ganzen Welt ausgestellt. Nun schafft die Ausstellung im MUCA zum ersten Mal einen Überblick über dieses vielfältige Werk. Vom „critical pop“ der 2010er Jahre, bei dem Micallef Markenlogos und Pop-Ikonen wie Micky Maus subvertierte (ausgestellt im MUCA Bunker) bis zu abstrakten, reliefartigen Selbstporträts der letzten Jahre und Experimenten mit Skulpturen aus Ölfarbe ist alles dabei.
Doch eröffnet wird die Ausstellung von einem neuen Kapitel in Micallefs Schaffen: Beim Eintreten in die große, helle Ausstellungshalle mit der hohen Decke fällt der Blick zuerst auf zehn ca. zwei Meter hohe Metallplatten, auf denen sich überlebensgroße schwarze Figuren abzeichnen. Diese Gemälde, die der Ausstellung ihren Namen geben, sind über das letzte Jahr während Micallefs Künstlerresidenz im KUNSTLABOR 2 eigens für die Ausstellung entstanden und zeichnen mit ihrem glänzenden Metall und den dystopisch anmutenden ein scheinbar wenig optimistisches Zukunftsbild – oder doch einen kritischen Blick auf die Gegenwart?
Micallef erklärt, dass er verschiedene Techniken des Stempelns und Verwischens genutzt hat, um einen dynamischen Effekt zu erzielen, und tatsächlich: die bedrohlichen Silhouetten mit unkenntlichen Gesichtern scheinen fast schon auf die Betrachtenden einzufallen, schüchtern ein und setzen ihre Autorität im Raum durch. Einer der thematischen Einflüsse lässt sich in der Haltung und den Formen der Figuren erahnen: viele der Gemälde sind entstanden, während sich die Nachrichten des gewalttätigen Vorgehens der US-Einwanderungsbehörde ICE häuften.

Die Zukunft ist… Vergangenheit? Zurückblicken, um nach vorne zu gehen.
Effizient, modern und kalt wirken die glänzenden Aluminiumplatten, besonders in der industriell anmutenden Ausstellungshalle mit dem kalten Deckenlicht. Die verwischte schwarze Ölfarbe, das traditionelle Medium, das den Figuren ein fast gespenstisches Eigenleben verleiht, erzählt eine andere Geschichte. Auch das Werk „A book of Oils: a time to dance“, das ebenfalls im KUNSTLABOR 2 entstanden ist, stellt dem strahlenden Metall dicke Schichten alten Papiers und abstrakte Zeichnungen entgegen, die alte Geschichten evozieren: Micallef verweist auf die mittelalterliche Karte des Kosmos, in der die Erde und der Mensch im Zentrum des Weltbilds stehen, auf die Mob-Mentalität der Hexenjagden und Massenhysterien, auf eine Tanzplage des 16. Jahrhunderts, die heutzutage als Stressreaktion auf gesellschaftliche Krisen gesehen wird – Mob-Mentalität, gesellschaftlicher Stress und menschlicher Egozentrismus? Irgendwie kommt das alles bekannt vor… Vielleicht ist ja das die Frage, die der Titel der Ausstellung aufwirft: wie aufgeklärt sind wir wirklich?

Grenzgänge und Fragen der Perspektive, ein kritischer Rückblick
Dieser Grenzgang zwischen künstlerischer Tradition und Innovation, zwischen gesellschaftlichen wie persönlichen Fragen und Malerei zieht sich durch die ganze Ausstellung. Micallefs Selbstporträts aus der Reihe „Raw Intent“ mischen Ölgemälde und Dreidimensionalität, Porträt und Abstraktion, und sein früheres Werk, das eindrucksvoll an den schwarzen Wänden des MUCA Bunkers ausgestellt wird, beschäftigt sich mit Konsum, Markenkult und Globalisierung.
Doch auch hier bietet die Ausstellung Gelegenheit zu einem kritischen Rückblick mit Gegenwartsbezug – Wie erscheint der „critical pop“ Micallefs, der in den 2010er Jahren als innovative und subversive Attacke auf die Konsumgesellschaft gefeiert wurde, und so selbst großen kommerziellen Erfolg erlangte, aus einer heutigen Perspektive, in der der Zynismus gegenüber großen Marken genauso wie die Abhängigkeit von Ihnen zugenommen hat?
Wie nehmen wir zehn Jahre später Micallefs Trump-kritisches Projekt von 2016 war, bei dem er ein Porträt des damals frisch gewählten Präsidenten auf eine Zigarettenschachtel malte, mit der prägnanten Unterschrift „seriously harms you and others around you“, und das Bild gratis für politischen Protest zur Verfügung stellte? Solche Fragen lässt die Ausstellung nicht etwa unter den Tisch fallen, sondern regt zur Reflektion an – auf dass die Zukunft doch nicht ganz so „stupid“ wird.
Vom Schaffensprozess zur Ausstellung – Einblicke und Inspirationen
Neben diesen spannenden Perspektiven zwischen Rückblick und verschiedenen Bildern der Zukunft bietet die Ausstellung auch Einblicke in den künstlerischen Prozess, der für Micallef ganz nah an der Entwicklung dieser Ausstellung lag. Auf dem Mezzanin der großen Ausstellungshalle sind seine plastischen Experimente mit getrockneter Ölfarbe neben einem Schaukasten ausgestellt, in dem Poster und Bilder aus seinem Studio, seine Farbbespritzten Schuhe und sogar ein Stück des Bodens des Studios zu sehen sind, auf dem sich Schichten von Ölfarbe türmen. Mit einer Miniatur seines Londoner Studios kann sich auch jeder und jede Besuchende den Prozess vor Augen führen – und vielleicht selbst inspiriert werden.
Infos zur Ausstellung auf einen Blick
Antony Micallef
The Future Is Stupid
Wann? 8. Mai bis 18. Oktober 2026
Wo? MUCA, Hotterstraße 12, 80331 München
Alle Fotos: (c) MUCA