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Kultur

Wie entsteht Freiheit? Spielarten zwischen Kunst und Politik beim 16. Literaturfest München

Sofia Blaettner

Fast schon wie ein Kampfschrei liest sich das Motto des diesjährigen Münchner Literaturfestivals: „FREIHEIT!“ wird hier großgeschrieben, und mit Ausrufezeichen. Ein Motto, das aufruft, Aufmerksamkeit verlangt, aber auch Interpretation beansprucht. Dieser so einfache und doch mehr als je idealisierte, umkämpfte und missbrauchte Begriff wird vom 21. bis 30. April 2026 unter der Kuration der schweizerisch-rumänischen Autorin Dana Grigorcea in all seinen Spielarten erkundet – in Debatten zu Streitschriften und Sachbüchern, Roman-Lesungen, Dialogen, einer Ausstellung im Literaturhaus, und zum ersten Mal auch mit einer Öffnung des literarischen Raumes hin zur Musik.

Doch beim Literaturfest 2026 sind es nicht nur die verschiedenen Künste, die in einen Dialog treten: beim Thema Freiheit sind Kunst und Politik eng verwoben. Wir haben fünf Empfehlungen mit denen sich diese gespannte und spannende Beziehung erkunden lässt

1. Freiheit als künstlerisches und politisches Work in Progress: Der „Freedom Artist“ Dan Perjovschi

Die oft unheilvolle Wirkung der Politik auf die Kunst hat der international angesehene Künstler Dan Perjovschi, dessen wachsende Ausstellung im Foyer des Literaturhauses das Festival begleitet, selbst erfahren: Zensur, Propaganda und Staatskontrolle prägten das Rumänien seiner Kindheit während der Ceaușescu–Diktatur und werden in seiner Kunst, die direkt auf den Wänden des Ausstellungsraumes entsteht, zwischen Zeichnung, Performance und Comic, zwischen Grafik, Symbol und Wortspiel kritisch erkundet.

Die Installation entsteht also vor den Augen und sogar mithilfe des Publikums – Freiheit als künstlerisches und kollaboratives Work in Progress, täglich 11-22 Uhr während des Festivals. Dana Grigorcea, die den „Freedom Artist“ durch seine Arbeit in Rumänien kennenlernte, und mit ihm die Leidenschaft für Freiheit in der Kunst und politisches Engagement teilt, ist am Samstag den 25.04. ab 14:30 Uhr mit Perjovschi im Gespräch über Kunst als unmittelbaren Raum des politischen Widerstands – „genau dort, wo sie stört“.

Der Künstler Dan Perjovschi, ein weißer Mann mittleren Alters mit mittellangen Haaren und Bart malt mit einem schwarzen Marker cartoon-artige Kunstwerke auf eine weiße Wand

© Pirje Mykkänen

2. Privates und Politisches zusammenschreiben: Gabriela Adameșteanu im Dialog

Dass dieser Raum des politischen Aufbegehrens auch ganz intim und persönlich sein kann zeigt am Freitag um 18:30 Uhr in der Bibliothek des Literaturhauses die rumänische Romanautorin Gabriela Adameșteanu, deren neuer Roman „Stimmen auf Abstand“ (Wallstein, dt. von Jan Koneffke) extra für das Literaturfest München auf deutsch übersetzt wurde. Im Dialog mit ihrem Übersetzer Jan Koneffke erkundet die Autorin vor dem Hintergrund ihrer Romane die Freiheit in ihren intimsten Bedeutungen, und wie in diese intimen Freiheiten in totalitären Systemen eingegriffen wird. Sie beleuchtet die Beziehungen zwischen Menschen, aber auch die zwischen Privatem und Politischem, zwischen Gesellschaft und Vergangenheit und zwischen Literatur und Erinnerung.

3. Streiten für die Utopie: Wolfgang Kaleck fragt, was internationales Recht heute noch bedeutet

Fragen, die uns zur Zeit täglich beschäftigen versucht Wolfgang Kaleck zu beantworten. Als international renommierter Strafrechtler, der unter anderem Edward Snowden juristisch unterstützt hat, kennt sich Wolfgang Kaleck mit den komplexen Zusammenhängen zwischen Recht und Freiheit aus – und damit, was von der Freiheit übrig bleibt, wenn statt dem „utopischen Projekt“ des internationalen Rechtes das Recht des Stärkeren herrscht. Damit setzt er sich vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges, Donald Trumps Grönland-Bestrebungen und dem Nahost-Konflikt in seiner Streitschrift „Die Stärke des Rechts vs. Das Recht des Stärkeren“ (Kunstmann Verlag) auseinander. Am 24.04. um 20:30 Uhr erkundet Kaleck zusammen mit dem Politikwissenschaftler Stephan Bierling im Saal des Literaturhauses und im Stream Ansätze für Reformen, die den Weg zur Utopie ebnen, für eine gemeinsame Streitkultur, die das Recht stärken könnte – entgegen des Unrechts des Stärkeren.

4. Freiheit live in concert: Daniel Kahn verbindet musikalische und kulturelle Welten

Am 25.04. um 20:00 Uhr treffen im Saal des Literaturhauses Pop, Punk und Klezmer, Bob Dylan und Kurt Tucholsky, jiddische Poesie und multi-instrumentale Virtuosität aufeinander. In dieser Kollision von Tradition und Aktualität sieht der internale Musiker und Wahl-Berliner eine Praxis der Freiheit, einen Ort für die Aushandlung „unbequeme[r] Fragen“ (Deutschlandfunk Kultur). So formuliert er es auch in seinem Song „Freedom is a Verb“, der den Abend prägt: Freiheit ist eine Handlung, ein Prozess, ein immer wieder neu zu performendes Konzert eben. Auf Klavier, Akkordeon und Gitarre reißt Kahn das Publikum mit in diese praktizierte Freiheit.

Der Musiker Daniel Kahn, ein junger weißer Mann mit scharzen, mittellangen Haaren, Bart und einem schwarzen Hut sitzt mit einer Ukulele auf dem Schoß vor einem Mikrofon

© IMAGO Photopress Müller

5. Handeln, aber wie – und wie nicht? Debatte zu Kriegsdienst und Pazifismus

Nirgends werden Prozesse der Aushandlung so sichtbar, wie in öffentlichen politischen Debatten, und nirgends stoßen individuelle und kollektive Freiheit so stark gegeneinander, wie in der Frage um den Kriegsdienst. Im Gespräch „Kämpfen für die Freiheit“ treten – wieder ganz im Sinne der Freiheit als kollaboratives Work in Progress – drei starke, unterschiedlich eingestellte Stimmen zu dem Thema in Dialog: Für den Dolmetscher ukrainischer Soldaten und Sachbuchautor Artur Weigandt („Für euch würde ich kämpfen“, C.H. Beck) muss Freiheit erkämpft werden. Obwohl er sich eigentlich als glühenden Pazifisten sieht. Während Oly Nymoen vor dem Hintergrund seines Buches „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“ (Rowohlt) fragt, ob der Kampf tatsächlich im Zeichen der Freiheit stehen kann. Die Romanautorin und Journalistin Mithu Sanyal moderiert im Kontext ihres Engagements gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht. So werden am Montag den 27.04.26 im Saal des Literaturhauses und im Stream ganz essenzielle und brandaktuelle Aspekte des Themas Freiheit diskutiert – zwischen politischem Kampfschrei und kultureller Fragestellung.

Übrigens :Der Prozess der Freiheits- und Kreativitätsfindung weitet sich in der Münchner Schiene, dieses Jahr von der Münchner Volkshochschule ausgerichtet und von Christina Madenach und Christian Schüle kuratiert, auf den ganzen Stadtraum aus – auch an unerwarteten Orten. Neben Events in bekannten Locations der Münchner Kulturszene wie dem Lyrikkabinett und dem Gasteig HP8 bieten zum Beispiel eine besondere Live-Performance in der Nymphenburger Porzellanmanufaktur und Spaziergänge mit lokalen Schriftsteller*innen zu den literarischen Orten Münchens Einblicke in die Entstehungsformen der Literatur und laden zu Gespräch und Beteiligung ein – Freiheit als Handeln, Freiheit als Austausch, Freiheit als Kunst eben. Und als immerwährender Prozess.

Text: Sofia Blaettner

Titelbild: ABGEFAHREN, 2022 / Fotocredit: Pierre-Jarawan