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In Klang gekleidet – in der Performance Sharper Than A Needle erkundet das Ensemble Dressed in Sound die Grenzen von Musik und Material
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Vor mehr als einem Jahr schaffte es das Sound- und Textilkunst-Kollektiv um Stephanie Müller und Klaus Erika Dietl mit ihrer Uraufführung die Therese-Giehse-Halle der Münchner Kammerspiele bis auf den letzten Platz zu füllen. Zum Release des Live-Albums dieser Uraufführung ist die “welterste Textil-Sound-Convention” an die Kammerspiele zurückgekehrt. Im Interview gibt Stephanie Müller einige Perspektiven auf den neuartigen Textil-Sound und die zweite Performance eines einmaligen Abends.
Konzentriert stehen Stephanie Müller, auch unter dem Künstlernamen Rag*Treasure bekannt, und Klaus Erika Dietl über einen Wäscheständer gebeugt, den wahrscheinlich jedes Publikumsmitglied so oder so ähnlich zuhause stehen hat, doch nichts erinnert an eine alltägliche Haushaltsszene. Beide in fantastischen bunten Kostümen aus verschiedenen Stoffen, im Hintergrund eine atemberaubende Ansammlung von Textilien, Maschinen und kreativem Chaos – hier wird keine Wäsche aufgehängt. Vielmehr entlockt das Münchner Künstlerpaar dem Haushaltsobjekt erst einen dunklen, gezupften Basston, dann wird mit einem Kleiderbügel schrill auf den „Saiten“ des Ständers gegeigt. Hinter einem durchsichtigen, zerschnittenen Vorhang rattert ein Chor aus Nähmaschinen, an der Strickmaschine schafft Karen Modrei mit jeder Bewegung des Schlittens komplex gemusterte Stoffbahnen sowie eine dichte, rhythmische Untermalung des scheinbaren Klang-Chaos. Zum zweiten Mal luden die Textil-Sound-Convention Dressed in Sound am 03.06.2026 in die Münchner Kammerspiele zur Performance Sharper Than A Needle ein, diesmal um den Release ihres Live-Albums zu feiern – aufgenommen bei der Uraufführung der Performance am Bundestagswahlabend 2025. In Zusammenarbeit mit dem Label Rheinschallplatten hat Dressed in Sound den einmaligen Klang der Performance auf Vinyl gebunden – hier verschwimmen die Grenzen zwischen Instrumenten, Werkzeugen und Maschinen, zwischen Musik und Material.
[Die Maschinen] können einen dichten Klangteppich weben
Diese Verwischung der Grenzen zwischen Sound und Textil ist für Stephanie Müller das Besondere an der Musik der Textilmaschinen: „Sie können einen dichten Klangteppich weben“, beschreibt sie im Interview mit MUCBOOK, „Vor allem die Strickmaschine. Die Nähmaschine kann sehr rhythmisch sein. Stefan [Wischnewski] mit dem XXL-Drum-Nähkästchen, zusammen mit dem Spinnrad, die können fast schon in so etwas Technoides reingehen. […] Sema Schäffer nutzt ihren Rollstuhl parallel zum Spinnrad als Radharfe, […] also wie man sich vielleicht so eine Fabrik vorstellt, von diesem rhythmischen Rattern und Ratschen, vom Schiff, das hin und her fährt, bei der Strickmaschine bis zur Nähmaschine.“
Um dieses komplexe Zusammenspiel von Geräuschen, Rhythmen und Textilien zu ermöglichen braucht es viele Hände, die Fäden an Mikrofonen entlangführen, Stoff schneiden, weben, reißen, Knöpfe und Pedale bedienen. Dressed in Sound besteht neben Dietl und Müller aus Stefan Wischnewski, der in der Performance einen zur Beat-Maschine umgebauten Nähkasten bespielt, und der Textilkünstlerin Karen Modrei, die an der Strickmaschine in Echtzeit Schriftzüge und Bilder in die Performance einstrickt. Zusätzlich bringen die Licht- und Videokünstlerin Licia Lumen und die Rollstuhltänzerin Sema Schäffer, sowie die neun Künstler*innen des Nähmaschinen-Chors ihre Kunst in die Performance ein. Die Arbeit im Kollektiv ist nicht nur das Resultat eines materiellen Zwanges der großen Performance, vielmehr ist sie für Stephanie Müller eine produktive Quelle von Ideen und Kreativität. „Kollektiv ist für mich ganz viel Hinhören, Reinspüren, Wartezeiten aushalten. […] Das ist wirklich so ein Sprudeln. Wenn du alleine an deiner Nähmaschine sitzt, da hast du was Fixes vor und hast die eine Idee. Und dann kommt etwas dazu, wie wenn sich völlig neue Fenster öffnen, die vorher geschlossen waren. […] Gemeinsam ist wirklich viel kommunikativer.“

© Florian Freund
Es ist für uns wichtig, dass da was hinkommt, was nicht von uns ist
Das kreative Potenzial der Zusammenarbeit scheint auch in der Performance durch: richtig spannend wird es dann, wenn sich zwei oder mehr Künstler*innen von ihren Stationen lösen und anfangen, zusammen etwas Neues zu schaffen. So wird Licia Lumen kurzerhand zum menschlichen Webstuhl, indem sie sich einen Gürtel mit langen Stoffbahnen umschnallt, und sofort von einigen der Nähmaschinen-Musiker*innen mit Stoffresten eingewoben wird. Ein absolutes Highlight des Abends: Die Rollstuhltänzerin Sema Schäffer wirbelt im Kreis, ein Arm über ihrem Kopf gehalten. Ein langer, aus dem Ärmel ihres Pullovers gelöster Faden verbindet sie mit Karen Modrei, die ihn in einen Wollwickler einfüttert. Mit jeder Drehung löst sich Schäffers Ärmel ein bisschen weiter auf, bis der Faden schließlich an der Schulter reißt; das aufgewickelte Garn ist zum erneuten Verstricken in der Strickmaschine bereit.

© Peter A. Pfaff
Diese Art von Recycling ist eines der Grundprinzipien der Textil-Sound Kunst: Die Kostüme bestehen aus den verarbeiteten Überresten der Uraufführung vor einem Jahr und bei vielen ihrer kleineren Performances repariert Stephanie Müller Live auf der Bühne alte Kleidung. Als „Zero-Waste-artig“ beschreibt Müller auch das Entstehen des Live-Albums in Zusammenarbeit mit dem Münchner Noise-Musiker Colin Djukic. Obwohl einige Teile des Mitschnitts der Uraufführung gekürzt werden mussten, ist nichts verloren geganen: „[Colin Djukic] hat alles, was verworfen wurde genutzt und recycelt, das ist der letzte Teil von der Platte. […] Er hat eine Art Coda gemacht, wo er diese Fragmente für einen treibenden Beat genutzt hat.“ Auch hier gehört die Zusammenarbeit zum künstlerischen Konzept: „Es ist für uns wichtig, dass da was hinkommt, was nicht von uns ist, was wieder jemand weiterstrickt“.
Ich glaube, dass Menschen viel mehr aushalten können
Dieses Weiterstricken überlässt das Kollektiv allerdings nicht nur anderen Künstler*innen. Über die vertrauten Geräte und Materialien, die in der Performance ins Spiel kommen, möchte Stephanie Müller ihrem Publikum einen Zugriff zu komplexen, schwer greifbaren Themen öffnen – ohne jedoch auf eine einzige festgelegte Message hinauszuwollen- „Nee, ehrlich gesagt, ich selber glaube da gar nicht dran“, reagiert sie auf die Frage, ob ihr wichtig ist, dass genau das beim Publikum ankommt, was sie senden möchte. „Ich glaube, du mit deiner Vorerfahrung, was du mit Textilien erlebt hast oder was dich vielleicht interessiert, du wirst wieder etwas Anderes sehen als jemand, der sich ständig kritische Berichte über Sweatshops reinzieht. […] Die [Zuschauer*innen] sehen oft wirklich Zusammenhänge, die sind im Ansatz da, aber die sind uns vielleicht im Machen noch gar nicht so klar. Das finde ich voll interessant, wenn das Ganze zu so einer Schwarmintelligenz wird.“
Im Gegensatz zur harten Kritik der Punk-Szene, in der Müller lange tätig war, soll die Arbeit von Dressed in Sound eher eine offene Ansprache sein, die zum Weiterdenken anregt: „Ich habe Lust auf etwas Spielerisches, Freies, was Lust macht auf eine Auseinandersetzung. Das kann auch etwas Träumerisches sein, aber auch immer was Kritisches. […] Ich war früher beim Student*innen Radio, und wir haben ganz oft darüber gesprochen, was die Hörer*innen überfordern könnte. Und ich glaube da nicht dran, nicht mehr. Ich glaube, dass Menschen viel mehr aushalten können, man kann Ihnen mehr zutrauen.“

© Peter A. Pfaff
Obwohl ein paar Zuschauer*innen während der Performance die Halle verlassen, ist ein Großteil des Publikums wohl von dieser Herausforderung angetan: wie auch die Uraufführung ist die Therese-Giehse-Halle am 03.06. auf den letzten Platz ausgebucht. Als das Publikum nach der Performance auf die Bühne eingeladen wird, um sich die Maschinen und Stoffe näher anzusehen, ist ein Durchkommen zu den Performer*innen vor lauter Glückwünschen kaum vorstellbar. Für Stephanie Müller liegt diese Begegnung, die Kommunikation zwischen Künstler*innen, zwischen Mensch und Maschine, oder zwischen Kunst und Mensch, im Kern ihres künstlerischen Schaffens: „Manchmal sind Begegnungen am Anfang vielleicht hart. Aber an guten Tagen kann man es wirklich schaffen, dass eine coole Kommunikation draus wird. […] Aus einer Reibungsfläche kann oft etwas sehr Konstruktives kommen.“
Ein spielerischer, experimenteller, leicht verträumter Kommunikationsansatz – so lässt sich der Textil-Sound vielleicht gut beschreiben. Mit dem Release des Live-Albums beim Label Rheinschallplatten ab dem 08.06.2026 kann dieser einmalige Sound jetzt auch immer wieder gehört werden, von immer neuen Ohren.
Titelbild: © Florian Freund