Aktuell, Kultur

“Tinder der Kultur” – der Kulturatlas Bayern matcht die Kreativeszene

Sofia Blaettner

Was verbindet einen Grafik-Designer aus Niederbayern, eine Künstlerin und Kuratorin aus der Oberpfalz und eine Kulturreferentin aus Oberbayern? Paul Wick, Miriam Ferstl und Anke Hellmann tragen alle auf ihre eigene Art zu Bayerns Kulturbetrieb bei und sie sind auch drei der dreizehn Kulturbotschafter*innen der Stiftung Kulturzukunft Bayern. In dieser Funktion vernetzen sie Kulturschaffende und bringen ganz eigene Perspektiven in die Arbeit der Stiftung ein – überregional und spartenübergreifend. Jetzt hat die Stiftung ihr neues Projekt vorgesetellt, ein digitales Infoportal, das als Gamechanger für Bayerns Kulturschaffende antritt.

Vernetzung und Zusammenarbeit innerhalb der Kulturbranche wie sie im Stiftungsrat geschieht, wo völlig unterschiedliche Akteur:innen zusammenwirken, steht im Fokus des Projekts Kulturatlas Bayern. Die Website kulturatlas-bayern.de, auf der sich bayerische Kulturschaffende seit Juni 2026 kostenfrei anmelden können, soll es einfacher machen, Wissen zu teilen, sich zu vernetzen und auf Förderungsmöglichkeiten aufmerksam zu werden.

Im Metropol Kunstraum in Schwabing haben sich zum offiziellen Launch die Kulturbotschafter*innen, Vorstandsmitglieder, Mitarbeiter*innen und Freund*innen der Stiftung versammelt, um den öffentlichen Start der Plattform zu feiern – und daran zu erinnern, „dass Kultur Zukunft braucht, aber auch, dass jede Zukunft Kultur braucht“, Herzog Franz von Bayern in der Pressekonferenz betont. Der Kunstmäzen aus dem Hause Wittelsbach ist ebenfalls Mitglied des Stiftungsvorstandes.

Seit ihrer Gründung im Vorfeld der bayerischen Landtagswahl 2022 setzt sich die Initiative Kulturzukunft für eine starke und nachhaltig aufgestellte Kulturbranche in Bayern ein – immerhin beschreibt sich der Freistaat in Artikel 3 der Bayerischen Verfassung als „Kulturstaat“. Nun möchte die aus der Initiative gewachsene Stiftung mit der Plattform Kulturatlas Bayern die Infrastruktur der bayrischen Kulturlandschaft revolutionieren, dank digitaler Vernetzung, Transparenz und Wissensteilung.

„Es ist ein bisschen, wie wenn man ein Kind kriegt“, sagt Anna Kleeblatt, die stellvertretende Vorsitzende des Stiftungsvorstandes. Eine lange Geburt: Ehrenamtlich arbeiten die Vorstandsmitglieder der Stiftung Kulturzukunft inzwischen seit zwei Jahren am Projekt Kulturatlas.

Dieses erste große Projekt der Stiftung entstand aus dem Bedürfnis, aus der 2022 zur Landtagswahl gestarteten bürgerschaftlichen Initiative Kulturzukunft einen nachhaltigen Mehrwert für die regionale und überregionale Kulturlandschaft zu schaffen. Aus dem Stand versammelte die Initiative damals über 16.000 engagierte Mitglieder:innen.

Schnell zeigte sich, dass ein Netzwerk, das interessierte Bürger*innen, Förderorganisationen, Institutionen und Vereine in Austausch bringt, nicht nur kreatives und solidarisches Potenzial birgt, sondern auch eine Lücke in der bestehenden Infrastruktur anspricht. So erzählt es Rebecca Zimmermann, ehrenamtliche Geschäftsführung und selbst seit langem in verschiedenen Sparten der Kulturbranche tätig, wobei sie selbst kleinere kulturelle Netzwerke gegründet und die Fruchtbarkeit guter Vernetzungsmöglichkeiten in der Kulturbranche erlebt hat: „Da entstanden dann einfach überall Folgeprojekte, Ideen, Kooperationen, und sowas zu erleben hat mich einfach umgehauen. Deswegen war klar, der Kulturatlas, der gibt dem Ganzen jetzt plötzlich eine Infrastruktur, eine Plattform, einen Ort, wo das passieren kann, und das ist natürlich das Größte.“

Wissenspool, Eventradar und Kontaktbörse

Ein Netzwerk der Netzwerke soll die Plattform sein, keine bestehenden Infrastrukturen ersetzen, sondern Lücken füllen, wo Bedarf besteht. Um diesen Bedarf gezielt zu identifizieren hat die Stiftung über die letzten zwei Jahre Bedarfsanalysen und Workshops mit unzähligen Kulturschaffenden veranstaltet, Feedback von Testnutzer*innen gesammelt und auf die Mitgestaltung der Kulturakteur*innen gesetzt, die die Plattform nutzen werden.

Aus diesem Prozess ergibt sich ein klares Bild: besonders drei Punkte beschäftigen Bayerns Kulturschaffende, rauben Zeit und Energie. Steigende Herausforderungen in Bürokratie und dem digitalen Bereich zusammen mit dem Wissenssterben durch Nachwuchsprobleme im kulturellen Ehrenamt schaffen zum Beispiel einen Bedarf an Wissensmanagement. Um auf dieses Problem einzugehen, bietet der Kulturatlas einen Kow-How-Pool, kostenfreie Beratung ehrenamtlicher Expert*innen zu den verschiedensten rechtlichen, digitalen und kulturellen Problemen, sowie den Event-Radar für Seminare und Fortbildungen und auch in Themen-Communities können Fragen beantwortet und Wissen geteilt werden.

So wird auch das Problem der unübersichtlichen und umständlichen Vernetzung gelöst: als „Tinder der Kultur“ bezeichnet Rebecca Zimmermann die Funktionen der Plattform, die ein „Match“ zwischen Suchenden und dem passenden Angebot erleichtern sollen, etwa für das Mieten einer mobilen Bühne. Innerhalb und außerhalb der eigenen Sparte soll gegenseitige Hilfe geleistet und kommuniziert werden, und über eine Interaktive Kartenansicht können Nutzende Gleichgesinnte und Institutionen in ihrer direkten Umgebung finden. So sollen tragfähige Strukturen für einen starken und geeinten Kultursektor der Zukunft entstehen – unter Kulturschaffenden, aber auch zwischen Bürgerschaft, Politik und Kultur.

Mit dem Förder-Kompass das nötige Geld finden

Neue Strukturen sind für Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Dr. Markus Michalke essenziell, um die Schwierigkeiten zu überwinden, mit denen sich der Kultursektor immer wieder konfrontiert sieht: Seiner Meinung nach rauben immer knappere finanzielle Ressourcen, steigender Wettbewerb um staatliche Förderung und bürokratische Zeitsauger Kulturschaffenden den Raum. Um ihnen zu ermöglichen, sich auf die eigene Arbeit zu konzentrieren und verfügbare Fördermittel zu finden, bietet der Kulturatlas den Förder-Kompass. Mithilfe individueller Filter können Kulturschaffende den Wust an privaten, öffentlichen und EU-Fördermitteln navigieren. So werden nicht nur kreative Projekte finanziert, sondern auch die Zukunft der Förderungsangebote gesichert – diese bleiben nämlich nur bestehen, wenn sie in Anspruch genommen werden

Die Bemühungen der Stiftung Kulturzukunft haben sich erstmal gelohnt: bereits vor dem offiziellen Launch waren über 1000 Nutzende vorab auf der Plattform registriert, bis zur Sommerpause hofft Anna Kleeblatt auf mindestens 2000 Registrierungen. Doch das eigentliche Projekt besteht darin, eine neue Form des Zusammenhaltes für die Kulturbranche zu ermöglichen, sagt Rebecca Zimmermann. Fast als eine Art Lobby, oder zumindest ein Verständnis als geeinter Sektor mit gemeinsamen Interessen, so soll eine zukunftsfähige Kulturbranche aus Sicht der Stiftung funktionieren.

Um sich auch immer wieder neu auf diese Branche einstellen zu können, soll sich auch der Kulturatlas entwickeln, zusammen mit seinen Nutzenden. Sie sind angehalten, Ideen und Anliegen mit der Stiftung zu teilen – obwohl die Mitglieder selbst noch zahlreiche Ideen zum Ausbau der Funktionen haben. So soll die Plattform auch für neue Hürden und Herausforderungen bereit sein und auf individuelle Bedürfnisse der vielen verschiedenen Stimmen der Kulturlandschaft Bayerns eingehen können – von Trachtenverein, über Street-Art bis Oper. Für Dr. Markus Michalke soll der Kulturatlas „so lebendig und bunt wie die Kultur selbst“ werden.

Bild ganz oben: Vertreter:innen der Stiftung Kulturzukunft Bayern bei der Vorstellung des Kulturatlas Bayern am 18. Juni 2026 in München von links oben nach rechts unten: Geschäftsführerin Rebecca Zimmermann, Vorstandsvorsitzender Dr. Markus Michalke, Vorstandsmitglied Max Wagner, Vorstandsmitglied Herzog Franz von Bayern, stellvertretende Vorstandsvorsitzende Anna Kleeblatt, / Foto: Toby Binder