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Was soll ich als Nächstes lesen? Die meisten von uns stellen diese Frage inzwischen Amazon, Instagram oder verlassen sich auf einen anderen Algorithmus. Stephanie Wissmann will analog gegensteuern: mit einen Raum voller Bücher, die ihre Titel verbergen und stattdessen nur eine Farbe zeigen.
Noch bis zum 30. Juni verwandelt sich ein Teil des Concept Stores akjumii im Gärtnerplatzviertel in die „Bibliothek der Gefühle“ – eine begehbare Pop-up-Ausstellung, in der Bücher nicht nach Autor, Genre oder Bestsellerlisten sortiert werden, sondern nach Gefühlen wie Sehnsucht, Rastlosigkeit, Verliebtheit, Erschöpfung oder Trost. Alle Bücher sind in farbiges Papier eingeschlagen. Auf den Karten steht kein Klappentext, sondern ein einziger Satz, der das Gefühl beschreibt, das zwischen den Seiten wartet.
Die Idee dahinter: Menschen suchen oft nicht nach einem Buch, sondern nach einem Zustand. Statt immer ähnlicher Empfehlungen will die Bibliothek überraschende Begegnungen ermöglichen – mit Geschichten, Gedanken und Büchern, die längst aus den Auslagen verschwunden sind, aber vielleicht genau jetzt jemanden treffen.
Über die Wochen wuchs die Ausstellung dabei selbst weiter. Besucher:innen hinterlassen eigene Gefühlskarten, Bücher werden gelesen, markiert und weitergegeben. So entsteht nicht nur eine Bibliothek, sondern ein Archiv der Stimmungen einer Stadt.
Doch warum investiert eine Wissenschaftlerin so viel Zeit, Bücher nach Gefühlen zu katalogisieren? Weshalb hält sie Nichtwissen für eine unterschätzte Kulturtechnik? Und warum könnte ausgerechnet München der richtige Ort für ein Projekt sein, das sich dem Diktat von Effizienz, Empfehlungen und Dauerbeschallung entzieht?

Was kann man in der Bibliothek der Gefühle genau tun?
Nichts, was man muss – und das ist der Punkt. Kein Kaufzwang, kein Ziel, keine Liste, die man abarbeitet. Man sucht sich ein Gefühl aus, keinen Autor. Man bleibt, solange man will, blättert in den Büchern, entdeckt Sätze, schreibt sie sich heraus oder nicht, trägt sich ins Gästebuch ein und wird so selbst Teil der Ausstellung. Oder man schaut einfach nur ganz kurz herein was Neues ausliegt, weil die Bibliothek jeden Tag wächst. Oder man leiht sich ein Buch und setzt sich damit an die Isar.
Die meisten Menschen suchen Bücher nach Autor, Genre oder Bestsellerliste. Du hast beschlossen, all das wegzulassen. Wer hat dich so enttäuscht – der Buchmarkt oder der Algorithmus?
Autor, Genre, Bestsellerliste – das sind alles Filter. Sie entscheiden vor, was uns überhaupt begegnet, und halten uns in der eigenen Spur. Dabei passiert das Spannende, wie so oft im Leben, im Nicht-Erwartbaren.
Der Buchmarkt macht es nur schneller: Über die Bücher, die letztes Jahr auf der Shortlist zum Buchpreis standen, spricht heute keiner mehr; ein Buch geht bei Instagram durch die Decke und zwei Wochen später spricht keiner mehr darüber. Der Algorithmus ist der perfekteste Filter von allen – er spült uns in den Feed, was wir ohnehin schon denken, und schließt die Schleife. Dabei ist das Eigentliche an der Literatur das Gegenteil dieser Schleife: Sie zeigt uns Perspektiven, die uns sonst fremd blieben – die der Kinderlosen, die der Putzfrau, die des Fremdgängers. Und im Fremden sind auch immer wir.
Ich habe deshalb jeden dieser Filter weggenommen, auch den letzten und unsichtbarsten: die Frage, worum ein Buch angeblich geht. Würde ich ein Buch über Adoption lesen? Betrifft mich nicht. Aber wie ein Kind, das einem fremd ist, zum eigenen wird – das geschieht nicht nur bei einer Adoption. Sich etwas vertraut machen, sich trennen, Abschied nehmen. Es ist nie nur das Thema eines Buches. Es ist das Viele dahinter.
Wie erklärt man die Bibliothek der Gefühle jemandem, der gerade nur schnell einen Kaffee am Gärtnerplatz trinken wollte?
Ein Raum voller Bücher. Jedes Buch in farbiges Papier eingeschlagen. Kein Autor, kein Titel, kein Cover – nur eine Karte, die in einem Satz ein Gefühl benennt, das es beantwortet, oder die Frage, der es nachgeht. Man sucht keinen Namen, sondern eine Stimmung. Man blättert hinein, angestrichene Sätze und Eselsohren führen zu den schönsten Stellen. Wer es genau wissen will, findet im Inneren eine Karte, die verrät, welches Buch er da in den Händen hält. Und ein Querverweis schickt einen gleich zum nächsten.
Das Einschlagen nimmt das Statussignal weg. In Japan schlagen die Leute ihre Bücher in der U-Bahn ein, weil ihnen zu privat ist, was andere sie lesen sehen. Bei mir ist es umgekehrt gemeint: Niemand muss seinen Geschmack vorführen, keiner muss sich für ein Buch schämen – auch nicht für ein Selbsthilfebuch. Jedes Buch hat hier seinen Platz, sogar eines über Statusangst, gut versteckt. Ein Streifzug durch die großen Fragen des Lebens und die kleinen Probleme.

Wann hattest du zum ersten Mal die Idee zu diesem Projekt – und warum hat sie so lange auf ihre Umsetzung warten müssen?
Vor gut acht Jahren bekam ich die Anfrage eines Hotels, das ein Literaturkonzept wollte. „Etwas mit Büchern.“ Schon damals dachte ich: Dem Thema Lesen müsste man sich anders nähern. Ungezwungener.
Warum es dann so lange gedauert hat? Weil die Idee in ihrer konsequenten Form aufwendig ist, schwer zu pflegen und betriebswirtschaftlich unvernünftig. Jedes Buch von Hand einschlagen, lesen, anstreichen, eine Karte schreiben – das skaliert nicht. Aber ich wollte die Konsequenz nicht opfern, nur damit es leichter wird. Also habe ich fast sechs Jahre immer wieder nach einem Weg gesucht und das Konzept verfeinert: das Verhältnis von Eselsohren zur Seitenzahl, die Frage, wie ich die Farben begründe. Die Farbpsychologie habe ich irgendwann verworfen – bis ich auf einer Reise in Rom, in der Casa di Goethe, seine Farbenlehre entdeckte. Viele Mosaiksteine, über Jahre zusammengesetzt.
Und dann war im Juni dieser Raum frei. Erst als ich wirklich einen Raum füllen musste – und durfte –, sind die losen Fäden im Kopf zusammengekommen, und das Konzept wurde stärker. Vieles entstand erst im Tun. „Zu spät erfüllte Sehnsucht labt nicht mehr“ habe ich mal gelesen. Meine Antwort war also: jetzt machen.
Welches Gefühl war am schwierigsten zu bibliothekarisieren?
Gar kein einzelnes. Ich wollte die ganze Bandbreite – nicht nur die „guten“ Gefühle wie motiviert oder ausgelassen, sondern auch die, die wir umgehen oder uns nicht eingestehen: ängstlich, verzagt. Und die dazwischen, wie rastlos. Man soll lesen können, was man gerade fühlt: ins Gefühl hineingehen, es verstehen oder in ein ganz anderes wechseln.
Schwierig war eher etwas anderes: ein ganzes Buch auf ein Gefühl, auf einen Satz zu bringen. Das ist ein Eingriff. Ich entscheide, was das Buch im Kern ist, und doch viel Offenheit zu lassen für alle anderen Lesarten. Die Angst, ihm nicht gerecht zu werden, war groß. Tröstlich nur: Ein Titel ist ja noch einschränkender.
Gab es Bücher, die du beim Kuratieren völlig neu entdeckt hast, obwohl sie schon jahrelang in Regalen standen?
So viele! Und nicht nur Bücher – auch Gefühle, die ich lange nicht mehr hatte. Um die Sätze anzustreichen, musste ich jedes Buch wieder lesen, und mit den Sätzen kamen die Gefühle zurück.
André Gorz’ „Brief an D.“, die späte, kompromisslose Zärtlichkeit eines Philosophen für seine Frau – ich hatte vergessen, dass ein Buch das kann.
Bei Michael Andricks „Erfolgsleere“ erkannte ich meine eigenen Berufs- und Karrierewege wieder, die Leere hinter dem nächsten Erfolg. Nele Pollatscheks „Kleine Probleme“ über das ewige Aufschieben, „das Hoffen auf Morgen, auf den richtigen Zeitpunkt, der nie kommt“. Und mitten in einem Roman wieder dieses irrationale Verknalltsein, „sehr nahe am Kitsch, das selbst ein so abgedroschenes Wort wie Kitsch rechtfertigt“.
Beim Einschlagen in farbiges Papier, beim Beschriften der Karte habe ich jedes einzelne Buch wieder in die Hand genommen. Ein Wiederauftauchen. Alles wieder da.
Die Bibliothek der Gefühle wirkt wie das Gegenteil des Internets: langsam, unpräzise und voller Zufälle. Ist das Absicht oder Nebeneffekt?
Geplant war es nicht. Aber Lesen ist ohnehin das Gegengift zum Scrollen durch TikTok und Instagram. Ich merke an mir selbst, wie ich mich mit Podcasts zuballere, um einer Leere zu entfliehen. Daraus entstand der Wunsch nach einem Ort, an dem es ruhig ist, an dem man eintauchen kann – immer mit Leichtigkeit und Farbe.
Und doch ist es nicht das Gegenteil des Internets, sondern das Gegenteil des heutigen Internets. Ich bin mit einem Blog stepanini groß geworden, in den Anfängen des Netzes – als man auf etwas stieß, das einen überraschte, sich von einem Link zum nächsten treiben ließ, in Weiten geriet, von denen man nichts geahnt hatte. Genau das baue ich analog nach: der Querverweis als der gute Hyperlink, das Stöbern als Methode. Das Gute des Internets behalten, die Weite, das Entdecken. Auch eine Bibliothek ist aus der Zeit gefallen und gerade deshalb erhaltenswert: Hier muss man nichts, nichts konsumieren, kann Nachmittage verschwenden, Wissen wirken lassen, seinen Interessen nachgehen und sich einfach ausprobieren.
Als Wissenschaftlerin beschäftigst du dich beruflich mit Vertrauen und Legitimität. Wie landet man von dort bei farbig eingepackten Romanen in einem Concept Store?
Nicht über einen logischen Weg. Die Wissenschaft muss die Sehnsucht nicht erklären. Ich wollte diese Idee einfach realisiert sehen. Ich glaube, Menschen werden bitter, wenn sie etwas immer machen wollten und es nie tun – und dann anderen ausreden, es zu versuchen. So wollte ich nie werden. Ich probiere aus, dazu ist das Leben ja da. Auch wenn es vordergründig keinen Sinn ergibt, auch wenn ich draufzahle. Das Leben ist kurz, wir haben nur noch eine bestimmte Zahl an Sommern. Also: machen.
Und es hat sich schon so gelohnt. Weil es Menschen findet, die die Schönheit und Poesei darin sehen. Eine junge Frau, die lange bleibt und sich Sätze herausschreibt. Ein Paar, das sich Sätze zuwirft, die es gerade gelesen hat, und in ein Gespräch abtaucht, das sich sonst vielleicht nie ergeben hätte.
Denn beim Lesen geht es auch um das Erkanntwerden. Man liest einen Satz und denkt: Genau so. Da hat jemand Worte für etwas gefunden, das man selbst nicht hätte ausdrücken können. Der Philosoph Peter Bieri zählt das zur Bildung – ein Schulen auch der Gefühle, das Erkennen der eigenen Wut, das genaue Hinschauen statt Wegsehen. Ich glaube ans Machen, an den Mut. Vielleicht ist das die ehrlichste Verbindung zu meiner Forschung: Beide Male geht es darum, tiefer zu gehen, das Eigentliche zu suchen.
Was sagt die Bibliothek der Gefühle über München aus – und warum funktioniert so ein Projekt vielleicht gerade hier?
Vielleicht die Hoffnung, dass so etwas in München möglich ist – wo man ja immer sagt, das gehe nur in Berlin. Warum gerade hier? Ich denke oft an Chris Martin von Coldplay. Als er letztes Jahr hier sein Konzert gab, verbrachte er den Tag in München: Biergarten, in der Isar schwimmen. Sein Fazit: „You people in Munich know how to live.“ Die Langsamkeit, das Genießen. Der Biergarten, in den man auch mal früher geht. Nicht ans Büro gekettet sein, sondern genießen. Das Surfen auf der Isarwelle – so wie das Surfen in Büchern. Vielleicht erkennt das, wer in München lebt.
Im Gärtnerplatzviertel wird viel über Lifestyle gesprochen. Ist Lesen vielleicht der unterschätzteste Luxus überhaupt?
Lesen ist gerade sehr lifestylig: Buchclubs florieren, von Dua Lipa bis Reese Witherspoon, und Luxuslabels wie Miu Miu steigen ein. Aber während jeder sich ein Luxuslogo aufklatschen kann, ist ein Buch noch etwas, das man sich erarbeitet. Ein wenig wie Handwerk.
Und gerade jetzt, im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, die alles für uns zusammenfasst, liegt darin der eigentliche Luxus: Anna Karenina lässt sich nicht zusammenfassen. Der Wert ist die Dauer – über Hunderte Seiten mitzuleiden, mitzuhadern, sich eine Meinung zu bilden und die eigene wieder zu verwerfen. Das dauert Zeit. Es ist die Verteidigung der Langsamkeit, eine Poesie des Nichtwissens, gegen das ständige Informiertsein, das Schnell-Schnell der News.
Roger Willemsen hat das einmal die Großzügigkeit der Kulturgenießenden genannt: Wir lassen uns auf etwas ein, das nicht das unsere ist. Das öffnet den Horizont, im Kopf und im Herzen. Und ja, das ist ein Luxus, den ich mir nehmen möchte. Und mit der Bibliothek der Gefühle auch anderen geben.

Fotos von Stephanie Wissmann: Juliane Haerendel
Auf einen Blick:
1.–30. Juni 2026, Mi–Sa, 11–18 Uhr
akjumii, Reichenbachstraße 36, München
Eintritt frei
Kuration: Stephanie Wissmann