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Konzeptkünstler gründet Niemandsland in München

Marco Eisenack

Rot-weißes Absperrband. In München, Hauptstadt der Baustellen, eigentlich kein Ereignis. Doch das markierte Areal vor der Alten Pinakothek kennzeichnet etwas anderes: Die Fläche wurde von Konzeptkünstler Peter Kees zu „Niemandsland“ erklärt.

Mit der Guerilla-Aktion NIEMANDSLAND verwandelt der in Bayern und Berlin lebende Künstler öffentlichen Raum in ein Gedankenexperiment.  Kein neuer Staat, keine Besetzung, keine Utopie zum Einziehen – sondern eine künstlerische Behauptung, die unsere Vorstellungen von Besitz, Grenzen und gesellschaftlicher Ordnung berührt.

Dass Peter Kees solche Fragen lieber in die Welt stellt als auf Leinwände malt, passt zu seinem bisherigen Werk. Seit vielen Jahren arbeitet er an den Schnittstellen von Kunst, Politik und gesellschaftlicher Imagination, gründet Botschaften für Arkadien, vermisst Sehnsuchtsorte und schafft Interventionen, die oft erst auf den zweiten Blick ihre volle Wirkung entfalten. Lesetipp: Ein Bericht zu seinen Landnahmen findet sich hier im Tagesspiegel.

Das Projekt NIEMANDSLAND wurde 2024 das erstmal in enem Waldstück nahe Grafing umgesetzt und sorgt seither an verschiedenen Orten in Europa für Irritationen im Alltag. Nun liegt sein jüngstes Gedankenspiel mitten in München.

Für unsere Fragebogen-Rubrik wollten wissen: Peter Keese, warum tust du das?

Du hast vor der Alten Pinakothek zwei Flächen zum „Niemandsland“ erklärt. Wie erklärst du dieses “Landnahme” der Landeshauptstadt München?

Künstlerische Eingriffe im öffentlichen Raum sind aus meiner Sicht essentiell, denn kleine Irritationen können das Denken, das Begreifen öffnen, Diskussionen provozieren. Übersetzt: Künstlerisches Handeln kann die Begrenzungen unseres Denk- und Handlungsraums verschieben, Räume schaffen, in denen das Selbstverständliche fragwürdig wird. Oder wie es Schopenhauer formulierte: Kunst befreit den Geist vom Zwang des Willens – von der „Zuchthausarbeit des Wollens“.

Warum brauchte unsere Stadt ein Niemandsland?

Ideal gesprochen: Die ganze Welt sollte Niemandsland sein. Und gerade in München, einer Stadt des Kapitals, könnte man doch die Besitzverhältnisse mal mit einem Fragezeichen versehen.

Der erste Mensch, der sagte „Das gehört mir“, kommt bei Rousseau nicht besonders gut weg.

Es war der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau, der in seiner 1755 veröffentlichten Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes) Eigentumsverhältnisse mit einem Fragezeichen versah:Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und dreist sagte: ‘Das ist mein’ und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wieviele Verbrechen, Kriege, Morde, Leiden und Schrecken würde einer dem Menschengeschlecht erspart haben, hätte er die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinesgleichen zugerufen: ‘Hört ja nicht auf diesen Betrüger. Ihr seid alle verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Früchte allen gehören und die Erde keinem.

Rousseaus Eigentumsbegriff begleitet mich schon lange. Sein Ansatz hat mich immer fasziniert. Warum brauchen wir – ohne jetzt die Sozialismuskiste zu öffnen – eigentlich Eigentum? Was passiert mit unserem Denken, wenn wir Eigentum einmal nicht als Naturgesetz betrachten?

Gibt es Regeln im Niemandsland – oder ist genau das die Regel?

Kennst Du ein Niemandsland, in dem es Regeln gibt?

Du erklärst seit Jahren Orte, Quadratmeter und sogar ganze Ideen zu etwas anderem, als sie vorher waren. Was fasziniert dich so sehr an Grenzen?

Grenzen sind etwas, das unser Dasein von Anfang bis zum Ende begleitet. Wir werden zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort geboren – man trifft auf Regeln, die man sich vielleicht so nicht ausgesucht hätte. Diese Regeln – und damit auch Grenzen – darf man doch mal in Frage stellen. Eine einzige Grenze gibt es, die wir nicht überwinden können, das ist der Tod. Alle anderen dürfen doch gern mal mit einem Fragezeichen versehen werden.

Andere Künstler malen Bilder. Du gründest Botschaften und annektierst Quadratmeter. Wie kam es dazu eigentlich?

Spätestens seit Marcel Duchamp, der als Begründer der Konzeptkunst gilt, gibt es andere Ansätze in den Künsten. Das war vor über hundert Jahren. Mich hat daran immer fasziniert, dass Kunst nicht nur Dinge herstellen, sondern auch Begriffe, Regeln und Gewissheiten mit einem Fragezeichen versehen kann. Ein Niemandsland auszurufen oder eine Botschaft zu gründen ist letztlich nichts anderes als der Versuch, Wirklichkeit für einen Moment anders zu denken.

Was würde passieren, wenn plötzlich jemand einen Gartenzaun um dein Niemandsland baut?

Über Reaktionen aller Art freue ich mich immer.

Seit der Gründung deiner Embassy of Arcadia beschäftigst du dich mit Utopien und alternativen Gesellschaftsentwürfen. Die Welt ist seitdem nicht unbedingt besser geworden. Woraus ziehst du deine Motivation weiterzumachen?

Zunächst: Die Künste sind erst einmal lediglich so etwas wie Möglichkeitsräume, Resonanzräume der Wirklichkeit, die natürlich auch gesellschaftliche Verhältnisse hinterfragen können – und sie sind Denkräume für Freiheit. Aber sie sind nicht gestaltende Politik.

Natürlich ist es richtig, dass die Welt in den letzten Jahren nicht besser geworden ist. Kunst ist zwar per se politisch, aber eben nicht Politik. Die Künste erreichen uns auf anderen Ebenen, die mindestens so notwendig sind wie Essen und Trinken.

Was momentan auffällt, ist, dass wir in einer Zeit sind, in der die Künste an Bedeutung verlieren. Der gesellschaftliche Boden, den die Künste einmal hatten, scheint gerade weg zu brechen. Waffen sind inzwischen ja auch wieder hoffähig geworden.

Woran erkennst du, ob deine Intervention funktioniert hat?

Zum Beispiel daran, dass Du mir diese Fragen stellst.

Fotos: Peter Kees

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