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„Zerschlagt diese Filmförderung“ – Gespräch mit dem lebenslangen Kino-Rebell Matthias Helwig
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Seit 40 Jahren prägt Matthias Helwig mit den Breitwand-Kinos die Filmkultur im Münchner Umland. Als der HFF-Student mit 25 Jahren ein Kino in Gilching übernahm, war das eher ein Zufall. Mit großer Cineasten-Leidenschaft machte er aus dem kleinen Vorstadt-Kino eines der profiliertesten Programmkinos Bayerns.
Als das Gilchinger Kino 1998 einem Neubau und einem Mainstreamkino weichen musste, gabt Helwig nicht auf, sondern legte erst richtig los: Schon ein Jahr später eröffnete das Breitwand in Herrsching, im selben Jahr kam der Kinosaal im Schloss Seefeld hinzu, kurz darauf folgte das Kino in Starnberg. Heute gehören Gauting, Starnberg und Seefeld zum Breitwand-Verbund.
Aus seiner Leidenschaft für Filme, die im normalen Kinobetrieb kaum eine Chance bekommen, entstand 2007 schließlich das Fünf Seen Filmfestival. Was zunächst als Festival im regionalen Umfeld begann, ist inzwischen eines der großen Filmfestivals Süddeutschlands. Bei der 20. Ausgabe vom 3. bis 13. September 2026 werden mehr als 150 Filme auf 14 Leinwänden in Starnberg, Gauting, Seefeld und Weßling gezeigt.
Helwig hat damit nicht nur vier Jahrzehnte Kinogeschichte erlebt, sondern auch den Wandel des Publikums, den Aufstieg von VHS, Streaming und Social Media und die zunehmende Dominanz großer Filmproduktionen. Im Gespräch mit MUCBOOK erzählt Matthias Helwig, warum er fest an die Zukunft des Kinos glaubt, weshalb er die deutsche Filmförderung am liebsten „zerschlagen“ würde – und warum ein Kinosaal in Zeiten permanenter Reizüberflutung vielleicht gerade wieder an Bedeutung gewinnt.

Matthias Helwig mit Hannelore Elsner am Starnberger See. Die Schauspielerin war eine langjährige Unterstützerin des Fünf-Seen-Filmfestes. Nach ihrem Tod im April 2019 rief das Festival einen Filmpreis in ihrem Gedenken ins Leben. Erste Preisträgerin im Jahr 2019 war Barbara Auer.
Du warst an der HFF, hattest Vorbilder wie Wim Wenders und wolltest ursprünglich Regisseur werden. Wie kam es, dass du Kinobetreiber wurdest?
Das war im Prinzip reiner Zufall. Ich war an der Filmhochschule in München, hatte meinen Abschlussfilm fertig und wollte ihn gerne im Kino in meinem Heimatort Gilching zeigen. Leider wurde eine Summe aufgerufen, die für mich als Student mit 25 Jahren damals nicht erschwinglich war.
Ich hatte schon die Tür in der Hand und wollte gehen. Dann habe ich mich noch einmal umgedreht und gefragt: „Haben Sie denn nicht vielleicht einen Job?“ Ich hatte damals schon zwei Kinder und eine kleine Familie und musste einfach ein bisschen Geld verdienen.
Ein paar Wochen später hat sich der Kinobetreiber Herr Felten tatsächlich gemeldet. Ich wurde Filmvorführer und habe versucht, mit dem Studium zu verbinden. Kurz darauf ist Herr Felten plötzlich verstorben. Niemand wollte dieses Gilchinger Kino haben. Es galt als das schwächste Kino im Landkreis. Und da habe ich plötzlich gedacht: Vielleicht mache ich es.
Und dann hast du das Kino bekommen – ohne Businessplan und ohne Erfahrung?
Ohne Businessplan, ohne Ahnung von Finanzierung, Buchhaltung und all diesen Dingen. Aber ich habe der Witwe einen Brief geschrieben, in dem ich meine Begeisterung beschrieben habe.
Ich glaube, es war diese Mischung aus Filmhochschule, meiner Begeisterung für Kino und auch meiner familiären Prägung. Mein Vater war sehr filmbegeistert. Er war Leiter eines Internats und hatte eine große Leidenschaft für den Film. Ich war erst elf, als er starb, aber wir haben gemeinsam sehr viele Filme gesehen.
Wie hast du die Finanzierung damals hinbekommen?
Der Kinowert bestand natürlich nicht nur aus Sesseln und Projektionsanlagen, sondern vor allem aus dem Kundenstamm. Aber der war in Gilching nicht besonders groß. Trotzdem waren 50.000 Mark für mich eine enorme Summe.
Die erste Bank wollte mir keinen Kredit geben, weil sie mich für nicht kreditwürdig hielt. Dann bin ich zur zweiten Bank gegangen und die hat es gemacht. Am Anfang war es wirklich sehr schwer.
„Ich habe einfach begonnen, ein ungewöhnliches Programm zu machen“
(Matthias Helwig)

Matthias Helwig bei der Präsentation des Dokumentarfims „Bulldogs“ von Walter Steffen im Jahr 2007 auf dem Fünf-Seen-Filmfest. Der Film handelt vom Leben und Arbeiten mit alten bayerischen Traktoren („Bulldogs“).
Was war deine erste Idee für das Programm des Kinos?
Ich habe einfach begonnen, ein Programm zu machen, das für die damalige Zeit ungewöhnlich war. Damals gab es in den Kinos üblicherweise nur einen Film pro Woche, eventuell noch einen Kinderfilm dazu.
Ich habe Spätvorstellungen gemacht, Matineen und verschiedene Programmschienen eingeführt. Also zum Beispiel um 18 Uhr einen anderen Film als um 20 Uhr.
Das Problem ist: Die großen Filme, die Geld bringen, verlangen häufig, dass man alle Vorstellungen mit ihnen bespielt. Das ist bis heute so. Und das führt zu einer Reduzierung des Programmangebots. Gerade für Einzelkinos ist das extrem schwierig.
Hattest Du ein Vorbild für diese Art Kino?
Ja, zum Beispiel das Oklahoma und natürlich das Theatiner. Das Cinema hat auch mit Spätvorstellungen und Double Features gearbeitet und verschiedene Filme miteinander kombiniert.
Damals ging das Repertoirekino noch. Klassiker wie „Sorbas“, „Harold und Maude“, „Spiel mir das Lied vom Tod“, „Kinder des Olymp“ oder „Das Leben des Brian“ wurden noch gesehen.
Ich hatte den Vorteil, dass ich jung war und mein Publikum junge Leute waren. Ich bin damals einfach in die Gilchinger Schule gegangen, zum Schulsprecher, und habe mit ihm etwas ausgemacht.
Das war auch die Zeit der VHS-Kassette. Viele sagten damals schon: Das Kino ist bald tot.
Ja. Aber rückblickend hatte ich enorm viel Glück, weil sich die Zeit gleichzeitig verändert hat. Regisseure wie Jim Jarmusch, Almodóvar oder Wim Wenders hatten ihre große Zeit. Außerhalb der Stadt entstand ein immer größeres Bildungsbürgertum, das an Filmen interessiert war, vor allem an Filmen, die auch einen Hintergrund hatten.
Und die Gesellschaft war in Bezug auf Mainstream ganz anders. Jugendliche wollten bewusst etwas anderes sehen als das, was ihnen von den großen Firmen angeboten wurde – Disney, Warner und so weiter.
Ich glaube schon, dass es heute genauso interessierte Jugendliche gibt. Aber in der heutigen Medienwelt ist es sehr schwer, diese Filme überhaupt zu finden.
Warum? Was hat sich seitdem verändert?
Der Jugendliche von heute ist überhaupt nicht anders als der Jugendliche von vor 40 Jahren. Die sind genauso offen. Aber sie haben es viel schwerer.
Heute gibt es zig Medien, Bilder, Filme, Content, durch die du erst einmal hindurchgehen musst. Und das bedeutet Anstrengung.
Ich hatte diese Anstrengung damals nicht. Ich wusste: Dieses Medium muss ich nehmen. Bayern 2, die SZ – das war einfach eine bestimmte Kulturwelt. Ich war damals getragen von einer Gruppe. Meine Freunde waren geprägt von den 68ern. Da kam gar nicht die Frage auf, ob Mainstream gut ist. Man ging bewusst in einen Buñuel, einen Truffaut oder einen Godard.
Heute kann ein Jugendlicher einen japanischen Film entdecken, aber er sitzt damit möglicherweise allein im Kino. Er kann sich weltweit mit Leuten darüber unterhalten, aber seine besten Freunde kennen den Film nicht.
Gerade die jungen Filmemacher machen Filme für junge Leute und treffen auch deren Themen. Aber dann sitzt bei mir im Festival oft ausschließlich ein älteres Publikum, weil die jungen Leute, für die der Film gemacht wurde, gar nicht erreicht werden.
Woran liegt das?
Daran, dass die Werbekraft des Mainstreams viel zu groß ist. Wenn ein großer Film 250 Millionen kostet, werden dafür auch zig Millionen für Werbung ausgegeben. Ein kleiner Film hat vielleicht ein Werbebudget von 1.000 Euro. Wie soll der Film gefunden werden?
Ich hatte zum Beispiel einen wunderschönen Kinderfilm, „Sommer des Falken“. Im Breitwand hat sich der Film zu einem Erfolg entwickelt. Heute würde ich ihn zeigen und es kämen vielleicht drei Leute durch Zufall. Vielleicht noch eine Oma mit zwei Kindern.
Der Film hatte ein Werbebudget von 1.000 Euro. Wie soll der Film gefunden werden?
Und da sind wir bei der Filmförderung und bei ganz vielen Themen, die meiner Meinung nach falsch laufen.
Darauf kommen wir noch. Erstmal zu der Frage, waum das so oft totgesagte Kino noch immer da ist. Was kann Kino, was andere nicht können?
In der heutigen Zeit ist es vor allem der Raum. Ein Fernsehfilm ist ein völlig anderer Raum als ein Kino. Im Kino ist es dunkel und du kannst nicht anders, als auf diese Leinwand zu schauen.
Zu Hause weiß der Film, dass nebenbei gespült wird, die Kinder ins Bett gebracht werden, die Oma anruft oder Werbung kommt. Deshalb müssen bestimmte Dinge wiederholt werden.
Wenn du das Gleiche im Kino machst, sagt der Zuschauer nach einer Viertelstunde: Das habe ich doch schon längst gesehen. Was erzählst du mir denn jetzt?
Es ist ein viel schwierigeres Erzählen.
Dazu kommt die Bildsprache. Auf einem Handy hast du vielleicht eine Fläche von zehn mal fünf Zentimetern. Da kannst du natürlich nicht erkennen, wie ein Bild komponiert ist. Wenn du auf zehn mal fünf Meter etwas komponierst, muss es anders sein als auf fünf mal vier Zentimetern.
Wird das Kino Streaming überleben?
Hundertprozentig. Ich glaube, Kino wird weiter existieren.
Es gibt eine Community, wie das heute heißt, die einfach ins Kino geht. Die ins Theater geht. Die in die Oper geht. Für manche ist es völlig absurd: Warum geht der in die Oper? Wenn du in die Oper gehst, ist sie aber brechend voll.
Genauso ist es beim Kino. Es gibt diese Leute, und das sind nicht wenige. Die ins Kino gehen und auch dabei bleiben.
Kommt auch eine neue Generation nach? Und welche Vorlieben beobachtest du da?
Ja. Im Moment ist es eher das Horror-Genre, das in dieser Generation erfolgreich ist. Weniger das Drama. Ich glaube auch, weil das Drama noch stark besetzt ist. Das schauen die Alten oder die Großeltern.
„Ich habe das Filmfestival gemacht, weil ich wusste: Es gibt Filme, die kommen bei uns gar nicht auf den Markt“
(Matthias Helwig)

Der Kameramann Michael Ballhaus war 2008 Ehrengast beim Fünf-Seen-Filmfestival von Matthias Helwig (re.). Das Festival widmete ihm seine Retrospektive. Foto: Fünf-Seen-Filmfestival.
Warum hast du das Filmfestival gegründet?
Weil ich andere Filmfestivals gesehen habe und wusste: Es gibt Filme, die kommen bei uns gar nicht auf den Markt, aber die sind sehr gut. Mein Antrieb war und ist, diese Filme hier zu zeigen.
Es gibt immer noch Filme, die wirklich filmisch denken. Es gibt Regisseure, die immer noch Filmbilder machen wollen. Und wenn es die nicht gäbe, wäre es schlimm. Dann würde ich irgendwann sagen: Das interessiert mich jetzt wirklich nicht mehr.
Was fasziniert dich an solchen Filmen?
Es gibt zum Beispiel eine Szene in dem Film “17” von Kosara Mitić, einem unserer aktuellen Wettbewerbsfilme. Ein Mädchen fährt auf Klassenfahrt. Sie ist hochschwanger, hat das aber vertuscht. An der Grenze bringt sie ein Kind zur Welt und lässt es zurück.
Dann fährt der Bus weiter. Sie steigt wieder ein. Der Bus kommt in einen Stau an der Grenze. Zehn Meter weiter steht wieder dieses Mädchen. Und du denkst als Zuschauer: Mach was, mach was! Du weißt, dass da das Kind auf der Toilette dieser Tankstelle liegt. Und es dauert und dauert. Die Spannung wächst und wächst. Und dann macht sie etwas.
Das ist eine unglaublich verdichtete Szene. Und das muss sich jemand ausdenken.
Oder eine schöne Liebesszene. Ich mag das auch. Wenn am Ende zwei Menschen sich küssen und ein Feuerwerk kommt, kann das total kitschig sein. Aber wenn es dezent gemacht ist, bin ich glücklich.
Man darf keine Angst vor dem Kitsch haben. Man muss ihn nur richtig einsetzen.
Warum bist du kritisch gegenüber der Filmförderung?
Zerschlagt endlich diese Filmförderung. Zerschlagt sie einfach, sie ist an ein völliges Ende gekommen. Und ich bin mir sicher: Danach kommt etwas Neues.
Es gibt immer kreative Menschen, die ihre Filme machen wollen. Ich bin ein Mensch, der sagt: Wenn man etwas fördert, dann soll man das fördern, was die Förderung nötig hat. Was sonst nicht existiert.
Bei uns werden zu einem großen Teil Marktinstrumente gefördert. Also Filme, bei denen es darum geht: Wie verdiene ich viel Geld?
Man nimmt einen Bestseller aus dem Ausland oder macht die dritte Fortsetzung der zweiten Fortsetzung und versucht damit Geld zu verdienen – und bekommt dafür auch noch Förderung.
Was wäre die richtige Form von Förderung?
Es sollten künstlerische Kriterien gelten. Man muss sagen: Das ist ein Film, der eine politische oder gesellschaftsrelevante Aufgabe hat – der bekommt Förderung.
Das Problem ist auch, dass sich die Förderung zu sehr auf das Entstehen des Films konzentriert ist. Zu wenig wird darüber nachgedacht, was danach passiert.
Du hast einen Film gemacht und vielleicht sogar einen Verleih gefunden. Und dann kommt der Film ins Kino. Aber wenn du kein Geld für Werbung hast, sieht ihn niemand.
Ein kleiner Film bekommt vielleicht 10.000 oder 20.000 Euro Verleihförderung für ganz Deutschland. Ein Teil davon geht schon für das Büro drauf. Am Ende bleiben vielleicht 5.000 Euro für Flyer und Plakate.
Und dann kommt der Film ins Kino und erreicht in Deutschland vielleicht 3.000 bis 10.000 Zuschauer. Wie soll das funktionieren?
Was müsste sich ändern?
Wenn ich an meinen Film glaube, dann muss ich auch dafür sorgen, dass Leute ihn sehen. Wenn ich einen Film fördere und sage, er kostet zwei Millionen, dann muss ich mindestens zehn Prozent zusätzlich für die Vermarktung einkalkulieren. Sonst beschäftigt sich die Filmbranche nur mit sich selbst. Kamera, Regie, Drehbuch – alle bekommen vorher ihr Geld. Die Produktion ist bezahlt.
Und danach soll der Film ins Kino.
Was passiert dann?
Jedes Jahr kommen junge Filmemacher zu mir aufs Festival. Sie sind glücklich, wenn sie einen Verleih gefunden haben und denken: Jetzt sind wir im Kino. Und ich weiß oft schon: Die kommen noch nicht einmal auf 1.000 Besucher.
Aber sie machen trotzdem weiter. Sie hoffen, dass sie nach dem Debütfilm einen zweiten Film machen können. Und gleichzeitig drehen die alten Regisseure, die 80 sind. Alle sind in diesem riesigen Pool.
Wenn du eine gute Idee hast, dauert das heute oft acht Jahre, bis sie umgesetzt wird – was ist das für ein Verlust an Kreativität?
Chaplin hat ein Kamerateam genommen, ist zu einem Brand gefahren, hat sich die Geschichte dort ausgedacht und gefilmt. Ich meine nur: zehn Minuten Kreativität zu acht Jahren zu machen – das kann doch nicht richtig sein.
„Was sich totlaufen wird, sind die dauernden Wiederholungen“
(Matthias Helwig)

Matthias Helwig bei Interview mit MUCBOOK vor seinem Breitwand-Kino in Starnberg. Foto: MUCBOOK
Wie sieht die Zukunft des Kinos aus?
Ich bin hundertprozentig sicher, dass das Kino weiter existiert. Weil es Menschen gibt, die Kino lieben – so wie andere die Oper, Literatur oder Theater lieben.
Was sich totlaufen wird, sind meines Erachtens die dauernden Wiederholungen. Auch wenn man noch mehr Geld hineinsteckt, glaube ich – oder hoffe –, dass wieder das Bild und das Filmkönnen zurückkehren und auch gesehen werden.
Dieser Kinosaal ist eigentlich so anachronistisch. Und gerade deswegen könnte er eine enorme Kraft haben. Die Leute werden noch mehr in ihren Medien sein, in ihrer dauernden Ablenkung. Und du gehst im Kino in einen Raum, fast wie in eine Kirche, wo du einfach konzentriert bist. Ich kann mir vorstellen, dass das gewinnen wird.
Je mehr wir in dieser völligen Bilder- und Medienflut sind, desto stärker wird vielleicht der Wunsch: Da kann ich mich mal anderthalb Stunden einfach hinsetzen und schauen.
Du bist inzwischen 66 Jahre und betreibst neben den drei Kinos in Gauting, Seefeld und Starnberg zusätzlich das Fünf-Seen-Festival. Wie lange willst du das noch machen?
Sicher noch länger. Das ist mein Job und ich liebe ihn. Aber ich merke natürlich, dass die Grenzen kommen. Im Prinzip habe ich zwei Vollzeitjobs. Und das ist in meinem Alter zu viel.
Wenn man ein Festival in dieser Größe anschaut, ist das normalerweise ein Vollzeitjob über das ganze Jahr. Irgendwann muss man sich fragen: Wer macht das weiter?
Es ist völlig in Ordnung, wenn jemand mit 40 oder 50 kommt und das anders macht. Aber es muss weiterentwickelt werden. Oder es stirbt. So einfach ist das. Ich habe meine Sachen gemacht. Vielleicht kommt irgendwann ein 25-Jähriger.
Aber ich glaube, ich muss erst den Weg freigeben. Es kommt keiner, solange ich da bin.
Das klingt danach, wie du es selbst oft erlebt hast: Erst als sich in Gilching eine Tür geschlossen hat, konnte etwas Neues entstehen.
Genau. Der damalige Kinobesitzer ist gestorben. Erst dadurch wurde der Weg frei.
Und wie ich vorher gesagt habe: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere.
Was man zunächst als dramatisches Ende sieht – das Ende von Gilching –, ergibt am Ende eine ganz andere Richtung.
Ich glaube, erst in dem Moment, in dem ich sage: Okay, ich mache es wirklich nicht, kommen auch die Leute, die vielleicht Interesse haben. Damit bin ich fein.
Das hast einmal gesagt, dass das Umland heute provinzieller wird. Was meinst du damit?
In den 80ern wurden im Umland viele Kulturkreise und Kulturverbände aus Eigeninitiative gegründet. Diese Leute gibt es teilweise noch. Aber sie sind heute 70 oder 80. Und viele ringen um Nachwuchs.
Den jungen Leuten fehlt die Zeit, so eine Aufgabe zu übernehmen. Und dadurch tendiert vieles dazu zu sterben, wenn die 70-Jährigen nicht noch einmal fünf Jahre dranhängen.
Und dann heißt es überall: Wir müssen sparen. Und woran spart man? An der Kultur.
Am Ende bleibt dann die Massenkultur. Dann zeigt man den Eberhofer und das war’s. Das Kulturverständnis mag für manche Menschen reichen. Für mich reicht es nicht.
Aber es gibt doch besonders im Umland das gut gebildete, kulturinteressierte Publikum.
Natürlich gibt es das. Fürstenfeldbruck hat zum Beispiel mit dem Haus 10 und dem Kulturinstitut Strukturen, die von der Stadt gefördert und gesichert sind.
Im Landkreis Starnberg haben wir so etwas kaum. Man geht nach München in die Oper oder ins Residenztheater. Aber vor Ort ist wenig da.
Mein Filmfestival ist nach all den Jahren etwas, worauf die Menschen stolz sind. Aber die Frage ist: Wer macht es irgendwann weiter? Vor ein paar Jahren habe ich gesagt: Wir müssen darüber nachdenken, wer das eigentlich übernehmen soll. Und die Antwort war im Prinzip: Das ist nicht unser Problem. Aber bloß weil ein Privatmann etwas macht, heißt das nicht, dass es selbstverständlich existiert.
Wenn du einen Nachfolger gefunden hast und noch einen Abschlussfilm zeigen könntest – welchen würdest du auswählen?
Das ist schwierig. Es gibt Filme, die mich geprägt haben und die ich immer noch zeige.
„Sein oder Nichtsein“ von Lubitsch. „I Vitelloni“ und „La Strada“ von Fellini. Die Komödien der 30er-Jahre, Frank Capra und so weiter.
Aber am Ende wäre mein Abschlussfilm wahrscheinlich etwas sehr Persönliches. Etwas, das ich mit meiner Familie verbinde.
Ich habe zum 40-Jährigen einen Kinderfilm noch einmal gezeigt, den ich im Studium an der HFF gemacht habe. Und da ist mir etwas aufgefallen, was ich damals, als ich 20 war, überhaupt nicht gesehen hatte.
Es ging darum, das Absurde oder zunächst Unmögliche möglich zu machen. Kinder fordern darin Freiheit für ihre Stofftiere. Da dachte ich plötzlich: Das ist eigentlich ziemlich typisch für mich. Aber solche Dinge erkennt man erst später. Nicht in dem Moment, in dem man sie macht.
20. Fünf Seen Filmfestival auf einen Blick
3.–13. September 2026 | Starnberg, Gauting, Seefeld, Weßling
- Über 150 Filme aus 44 Ländern – Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme
- Rund 300 Vorstellungen auf 13 Leinwänden
- 6 Wettbewerbe und 8 Filmpreise
- Mehr als 100 Filmschaffende zu Gast und über 100 Filmgespräche