Aktuell, Kultur
“Es tut schon weh zu sehen, dass das jetzt erstmal auseinanderbricht” – mit dem Fat Cat macht auch das Live Evil dicht
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Ende September baut das Live Evil im Fat Cat, dem ehemaligen Gasteig, seine Boxentürme ab. Damit endet nicht nur eine besondere Zwischennutzung, sondern auch ein wichtiger Ort für Münchens Nachtleben und Subkultur. Auch die MUCBOOK-Redaktion hatte einige Monate im Fat Cat Unterschlupf gefunden und das Programm des Live Evil lieben gelernt. In den vergangenen Monaten ist in interimsgetriebener Rekordzeit ein lebendiger Kulturort und Treffpunkt für Musiker:innen, Künstler:innen und Nachtschwärmer:innen entstanden.
Bevor endgültig das Licht ausgeht, haben wir mit Maurice Löw darüber gesprochen, was vom Live Evil bleibt, warum es neue Clubs und Kulturräume in München so schwer haben und wie es für ihn und sein Team im Westpark, wo er jetzt den Biergarten am Rosengarten betreut, vielleicht irgendwann an einem neuen Standort weitergeht.
Fangen wir ganz vorne an: Wie ist das Live Evil eigentlich im ehemaligen Gasteig gelandet?
Wir haben davor nebenbei eine Kultur- und Nachbarschaftskneipe in Haidhausen betrieben und die ist für unser damaliges Chaos erstaunlich gut angenommen worden. Die Kneipe war in der Location der ersten Unterfahrt. Wir hatten da natürlich dann eine Bühne reingebaut und das hat viele MusikerInnen, die dort früher schon gespielt hatten, angezogen. Da hat sich recht schnell eine hochkarätige Community an MusikerInnen und MusikliebhaberInnen gebildet.
Als das Projekt geendet hat, waren wir auf der Suche nach einer neuen Location und sind dann über unsere Freunde und damaligen Stammgäste von Aqua Monaco an Barbara und Till vermittelt worden. Denen hat das Konzept zugesagt und dann haben wir einfach mal gestartet. Wir haben dann einfach eine Bar auf die Terrasse gestellt und Getränke verkauft. So lange, bis wir den Laden einrichten konnten. Und dann ist es einfach immer weiter gewachsen.

Eine Zwischennutzung hat ja etwas charmant Unvernünftiges: Man baut etwas auf, obwohl man weiß, dass es schnell wieder weg muss. Hat euch dieses Ablaufdatum mutiger gemacht?
Eigentlich eher das Gegenteil. Das Ablaufdatum hat uns vorsichtiger gemacht.
Man hinterfragt jede größere Investition wirtschaftlich, aber auch aus Nachhaltigkeitsgründen, wenn man weiß, dass alles nur für ein paar Jahre ist. Wir hätten an vielen Stellen gerne dauerhafter gebaut, gerade weil wir gemerkt haben, wie enorm der Bedarf an solchen Kulturräumen ist.
Und jetzt ist es tatsächlich so weit: Im September endet Live Evil. Wie fühlt sich das an – eher wie das Ende eines Clubs oder wie das Ende eines Kapitels Münchner Stadtgeschichte?
Ob das ein Stück Münchner Stadtgeschichte war, müssen am Ende andere beurteilen. Wir hoffen natürlich, dass wir ein paar positive Spuren in der Münchner Kulturlandschaft hinterlassen haben. Vor allem haben wir vielen MusikerInnen und MusikliebhaberInnen einen Raum gegeben und unglaublich viele schöne Veranstaltungen erlebt. Dafür sind wir einfach dankbar. Ich glaube aber auch nicht, dass dieses Kapitel schon vorbei ist.
“An einem Ort wie dem Gasteig zu zeigen, was Subkultur kann, finde ich ein enorm wichtiges Statement.”
Was wird euch am meisten fehlen: der Raum, die Nächte, die Menschen – oder etwas ganz anderes, das man erst bemerkt, wenn es nicht mehr da ist?
Das Projekt Fat Cat hat echt viele tolle Menschen zusammengebracht und wir haben ein unglaublich wertvolles Team aufgebaut. Es tut schon weh zu sehen, dass das jetzt erstmal auseinanderbricht. Ich bin mir aber sicher, dass daraus noch einige schöne Sachen entstehen werden.

Wenn ihr auf die Fat-Cat-Zeit zurückblickt: Was bietet eine Zwischennutzung, was eine klassische Kulturplanung vielleicht nicht geschafft hätte?
Eine Zwischennutzung funktioniert nur, wenn viele Leute daran mitwirken. Und diese Teilhabe macht so eine Zwischennutzung einfach deutlich vielschichtiger als die dann doch oft leider kommerziell getriebene Kulturplanung. Und gerade an einem Ort wie dem Gasteig zu zeigen, was Subkultur kann, finde ich ein enorm wichtiges Statement.
Und andersherum gefragt: Was hat nicht funktioniert? Wo hat die viel beschworene Freiheit der Zwischennutzung ihre Grenzen gezeigt?
Grüße gehen raus ans KVR und die LBK! Im Ernst: Die größte Grenze ist irgendwann leider die Bürokratie. Gerade bei temporären Projekten treffen Regeln, die für dauerhafte Nutzungen gedacht sind, auf Orte, die eigentlich große Flexibilität und schnelle Entscheidungen brauchen.
München hat bekanntlich ein ziemlich kompliziertes Verhältnis zu allem, was laut, spät und ein bisschen unberechenbar ist. Was habt ihr über diese Stadt gelernt, indem ihr das Liv eEvil betrieben habt?
Der Bedarf an Kulturflächen und gerade an bezahlbaren, niedrigschwelligen Kulturflächen ist enorm. Solche Orte können nur funktionieren, wenn die Stadt, VermieterInnen, BetreiberInnen, KünstlerInnen und Gäste ihren Teil dazu beitragen. Ich glaube, es braucht aktuell einfach viel Flexibilität von allen Seiten, um diese Orte zu erhalten und auch neue Orte zu schaffen.

Wenn morgen der neue OB bei euch anruft und fragt: „Was brauchen Münchens Clubs eigentlich wirklich?“ – was wäre eure Antwort?
Den Schutz als Kulturstätte und eine Gleichberechtigung in der Budgetierung des Kulturetats wären ein Anfang. Dazu würde eine Abschaffung bzw. Ausnahme von völlig sinnlosen Regeln wie einer Stellplatzablöse schon einiges bringen. Und wenn man dann dem KVR mehr Handlungsspielraum bei der Auslegung von Flächennutzungsplänen geben würde, hätten wir reale Chancen auf interessante Neueröffnungen.
“Man sieht aktuell auch bei vielen BetreiberInnen in München eine größere Offenheit für Livemusik und Kulturprogramme”
Was sollte von LiveEvil bleiben, wenn die Türen geschlossen sind – eine bestimmte Idee, ein Netzwerk, ein Stück Haltung oder einfach die Erinnerung daran?
Ich glaube, dass die Kernidee eines offenen, niedrigschwelligen Kulturraums weiterbestehen wird, weil es einfach der richtige Ansatz ist. Ich hoffe, dass wir damit auch den einen oder anderen inspiriert haben. Man sieht aktuell auch bei vielen BetreiberInnen in München eine größere Offenheit für Livemusik und Kulturprogramme. Vielleicht haben wir da auch unseren Teil dazu beigetragen.
Wenn ihr dem nächsten Team, das irgendwo in München einen Kulturort aufmacht, einen einzigen Rat mitgeben dürftet: Welcher wäre es?
Einfach mal starten. Es ist zwar nicht immer leicht, aber am Ende klappt’s schon.
Und zum Schluss: Wie geht es jetzt weiter? Wie wäre es, wenn ihr das Wirtshaus im Westpark zum Club machen würdet?
Wir werden viel davon, was das Live Evil ausgemacht hat, mit in den Westpark nehmen. Es wird jetzt aber kein klassischer Club, weil der Ort dafür leider nicht passt. Aber unsere Kernwerte ziehen wir weiter durch. Unser Kulturprogramm fährt nach und nach hoch. Wir haben jetzt auf der Außenbühne schon die ersten Konzerte und werden ab Herbst die Veranstaltungsräume kulturell bespielen. Da kommen einige spannende Sachen, wenn auch in einem anderen Setting. Für das LiveEvil sind wir natürlich auch immer noch auf der Suche nach einer Nachfolgelocation. Da sind wir in einigen vielversprechenden Gesprächen. Es ist super kompliziert, aber wir sind sicher, dass wir einen Ort finden werden, an dem wir weitermachen.