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XOLO in der Leopoldstraße – ein neuer Geheimtipp der Münchner Clubkultur
Während München vielerorts über sterbende Clubs trauert, hat sich das XOLO still und heimlich auf die Tanzfläche geschlichen: Im Juli hat der Club in der Leopoldstraße eröffnet – und erstaunlich viele haben es bisher noch gar nicht mitbekommen.
Dabei könnte genau hier gerade etwas entstehen, wonach das Münchner Nachtleben sucht: ein neuer Ort mit eigener musikalischer Handschrift. Julius Zimmer hat bei MUCBOOK gerade beschrieben, wie Clubs trotz widrigster Bedingungen immer wieder neu entstehen. Das XOLO ist ein ziemlich gutes Beispiel dafür: Clubkultur kann Krise. Sie verändert sich. Und manchmal kommt das nächste große Ding ziemlich unerwartet um die Ecke.
Wer steckt hinter diesem neuen Ort? Warum ausgerechnet die Leopoldstraße? Und warum soll man im XOLO möglichst viele Tracks hören, die man vorher noch nicht kennt?
Wir haben den Macher Andrea gefragt – und mit ihm über den Zustand der Münchner Clubszene, den Kampf gegen den Mainstream, Social-Media-Partys, die Macht der DJs und die Frage gesprochen, wie ein Club heute überhaupt noch funktionieren kann. Vielleicht ist das ja der Anfang einer neuen guten Nachtgeschichte.
Wie kommt es, dass du plötzlich das XOLO machst? Wie kamst du zu dem Ort? War es schon lange dein Traum? Was hast du vorher gemacht?
„Plötzlich“ ist tatsächlich die richtige Wortwahl. Die Betreiber vom Frida haben mich kontaktiert, weil wir uns schon länger kennen. Sie wussten, dass ich neben meinen eigenen Läden und DJ-Auftritten, auch viel beratend arbeite, Gastronomiekonzepte für Unternehmen entwickle und in der Vergangenheit bereits Clubkonzepte gestaltet habe.
Als ich die Location zum ersten Mal gesehen habe, war mir ziemlich schnell klar, dass man hier nicht einfach irgendetwas Banales hinstellen sollte. Der Ort hat das Potenzial für etwas Eigenständiges und auch etwas Undergroundigeres. Ich hatte sofort Bilder im Kopf: Vinyl-Sets auf der Terrasse, ein bestimmter Sound und eine klare Vorstellung davon, wie der Raum gestaltet sein könnte.
Ich habe dann Häppy, also DJ Robotiq, kontaktiert. Ursprünglich war meine Idee, ihm die Sonntage mit Vinyl-Sets auf der Terrasse zu überlassen. Aber unsere Ideen sind ziemlich schnell weitergaloppiert und irgendwann war klar, dass er eine wesentlich größere Rolle im XOLO spielen sollte. Von da an haben wir unsere Vorstellungen gemeinsam weiterentwickelt und umgesetzt.
Ich bin ihm sehr dankbar, dass er dabei ist. Allein durch seine Präsenz, seine Erfahrung und seine Arbeit haben wir von Anfang an unglaublich viel positives Feedback bekommen. Für mich ist Häppy tatsächlich eine Art Qualitätssiegel. Das musikalische Konzept ist sehr klar und die DJs vertrauen ihm.
Gerade in der Anfangsphase ist das enorm wichtig gewesen. Viele DJs sind uns sehrentgegengekommen und haben das Projekt stark unterstützt. Dass wir dieses Vertrauen schon so früh bekommen haben, haben wir zu einem großen Teil Häppy zu verdanken.
Mit unserem Line-up haben wir von Anfang an kommuniziert, was wir hier vorhaben. Und nein, es war nicht mein lang gehegter Traum, unbedingt einen neuen Club zu eröffnenVielmehr war da plötzlich dieser Ort, und ich hatte sofort eine Idee davon, was daraus werden könnte. Genau daraus ist das XOLO entstanden.

Andrea und Häppy (DJ Robotiq)
Was kann dieser Raum, was ein klassischer Clubraum vielleicht nicht kann? Gibt es architektonische oder atmosphärische Besonderheiten, die das Erlebnis im XOLO prägen?
Eine Besonderheit ist sicherlich die Kombination aus Innenraum und Terrasse. Wir können auch auf der Terrasse mit einer guten Lautstärke arbeiten, während wir innen einen wirklich besonderen Sound haben. Gleichzeitig befinden wir uns in einer extrem zentralen Lage mit vergleichsweise wenigen direkten Anwohnern. Diese Mischung ist nicht selbstverständlich und gibt uns viele Möglichkeiten.Dazu kommt unser Wasserfall, der 1986 von Hans Rucker entworfen wurde und hoffentlich bald wieder in Betrieb sein wird. Er macht die Terrasse auch optisch zu einem sehr besonderen Ort. Zusammen mit den Vinyl-Sets entsteht dort eine authentische, fast zeitlose Atmosphäre. Trotzdem liegt unser Fokus als Club ganz klar auf den Stunden im Innenraum und auf dem eigentlichen Cluberlebnis.
Welche Rolle spielt dabei das Frida? Ist der XOLO als eigenständiger Club gedacht oder als Teil eines größeren Kosmos, in dem Restaurant, Bar und Club ineinandergreifen?
Der XOLO ist ganz klar als eigenständiges Konzept gedacht. Natürlich gibt es durch die räumliche Nähe Berührungspunkte, aber die Konzepte sind ziemlich unterschiedlich und verfolgen auch unterschiedliche Ziele. Der XOLO soll deshalb eine ganz eigene Identität entwickeln.
Die Leopoldstraße war einmal eine der großen Münchner Ausgehmeilen und hat in den vergangenen Jahren eher an Attraktivität eingebüßt. War es für dich auch ein bewusster Schritt, gerade hier wieder einen Ort für Nachtleben zu schaffen?
Wir haben nicht gezielt nach einer Location in Schwabing gesucht. Als sich aber dieGelegenheit ergeben hat, hier einen Club zu eröffnen, hat es sehr schnell gefunkt. Die Idee, in einem ehemaligen Kultviertel etwas Neues zu schaffen, hat uns sofort inspiriert. An einem Ort mit so viel Geschichte etwas aufzubauen, ist natürlich extrem motivierend. Gleichzeitig haben schon vor uns einige neue und spannende Konzepte in der Gegend eröffnet. Wir hoffen, dass wir ein weiterer Grund dafür sein können, dass sich die Leopoldstraße wieder stärker als Ausgehviertel etabliert – und vielleicht motiviert das wiederum andere gute Konzepte, ebenfalls hierherzukommen.
Besonders spannend finde ich, dass mittlerweile mehrere Clubs und Bars entlang derselben U-Bahn-Strecke – U6 und U3 – liegen. Das schafft wieder die Möglichkeit für echtes Bar- und Club-Hopping: Man beginnt den Abend an einem Ort, zieht weiter und entdeckt dabei vielleicht noch etwas Neues. Genau diese Dynamik macht Nachtleben spannend. Am Ende profitieren alle davon, wenn eine Stadt oder ein Stadtteil lebendig ist. Es geht nicht darum, dass ein einzelner Laden funktioniert. Ein Viertel wird interessant, wenn unterschiedliche Orte entstehen, die sich gegenseitig ergänzen und gemeinsam Menschen in die Gegend bringen.
Das künstlerische Konzept

Der XOLO widmet sich elektronischer Musik. Was ist dein musikalischer Anspruch? Welche Sounds, Künstler und Szenen sollen hier eine Heimat finden?
Unser klares Ziel ist es, einen künstlerischen Mehrwert zu schaffen. Der XOLO soll ein Ort, fast eine Art Spielwiese sein, die für viele Menschen zugänglich ist. Im Mittelpunkt steht guteelektronische Musik, die sich ein Stück weit von rein kommerziellen Überlegungen distanziert und mehr Substanz mitbringt.
Wir wollen relativ schnell eine eigene musikalische Handschrift und einen wiedererkennbaren Sound entwickeln. Wenn diese Identität einmal steht, können wir von dort aus auch bewusst Ausflüge in andere elektronische Nischen machen.
Wichtig ist uns außerdem, dass der XOLO ein Ort ohne Vorurteile und unnötige Abgrenzungen wird. Am Ende soll man hier vor allem richtig feiern und Spaß haben können. Dabei möchten wir auch die Rolle des DJs wieder stärker als die eines musikalischen Kurators verstehen. Die Gäste sollen sich über einen Track freuen, den sie noch nicht kennen, anstatt darauf zu warten, die gleichen Songs zu hören, die sie ohnehin schon kennen. Genau deshalb ist die Auswahl der DJs so wichtig. Man vertraut dem DJ und seiner Auswahl – schließlich hat er oder sie sich Gedanken darüber gemacht, wie dieser Abend musikalisch funktionieren soll.
Perspektivisch möchten wir den Raum außerdem für mehr als Clubnächte öffnen. Es soll Möglichkeiten für Ausstellungen, Vorträge und andere kulturelle Formate geben. Gerade in München ist es für Künstler und kleinere Projekte oft schwierig, bezahlbare Flächen zu finden. Wenn wir dafür Möglichkeiten schaffen können, möchten wir das tun.
Was unterscheidet den XOLO von den vielen anderen Clubs für elektronische Musik in München? Was soll man bei dir erleben, das man anderswo nicht bekommt?
Wir erfinden das Rad nicht neu – und das ist auch gar nicht unser Anspruch. Wir gestalten unsere Spielwiese so, wie wir glauben, dass sich Menschen bei uns wohlfühlen, gute Musik erleben und gemeinsam eine besondere Nacht haben können.
Unser DJ-Pult ist offen und befindet sich mitten im Raum. Das beschreibt eigentlich schon ganz gut, worum es uns geht: Nähe statt Distanz. Der DJ soll nicht irgendwo weit weg auf einer Bühne stehen, sondern Teil des Raumes und der gemeinsamen Erfahrung sein.
Gleichzeitig stellen wir unseren DJs modernstes Equipment und eine sehr gute Anlage zur Verfügung, damit sie ihre Performance bestmöglich präsentieren können. Auch unser Lichtkonzept ist darauf ausgerichtet, die Musik und die Atmosphäre zu unterstützen – und nicht davon abzulenken. Technik und Design sollen sich bei uns nicht selbst inszenieren, sondern der Musik dienen.
Dadurch soll eine unmittelbare und familiäre Atmosphäre entstehen. Die Terrasse und der Clubraum sollen für Münchner ein Ort werden, an den man gerne immer wieder zurückkommt. Gleichzeitig möchten wir auch Gäste, die schon den einen oder anderen Club auf der Welt gesehen haben, musikalisch überzeugen und ihnen einen Ort bieten, an dem sie sich wohlfühlen.
Am Ende wollen wir nicht krampfhaft anders sein. Entscheidend ist für uns, dass die einzelnen Elemente zusammenpassen und daraus eine eigene Identität entsteht.
Was bedeutet für dich heute eigentlich „Clubkultur“? Geht es vor allem um Musik – oder genauso um Begegnung, Subkultur, Kunst, Mode, Design und einen bestimmten sozialen Raum?
Clubkultur kann den eigenen Horizont erweitern und Vorurteile und Distanzen abbauen. Wenn du in einem guten elektronischen Club bist, erlebst du erstaunlich selten negative Energie. Unterschiedliche Sprachen, Kulturen und Lebensstile bringen Menschen zusammen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären.
Und selbst wenn man überhaupt nicht miteinander spricht, merkt man auf der Tanzfläche, wie Menschen miteinander verbunden sind. Neid und Distanz verschwinden für einen Moment und man taucht gemeinsam in eine andere Welt ein. Genau dadurch treffen Kunst, Subkulturen, Mode und unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinander. Voraussetzung dafür sind Akzeptanz und echtes Interesse am anderen.
Eine authentische, genuine Clubkultur und die Erfahrungen, die daraus entstehen, sind für mich deshalb extrem wertvoll. Für mich ist das ein bisschen vergleichbar mit Backpacking in anderen Kulturen: Man verlässt seine gewohnte Umgebung, trifft Menschen, denen man sonst nicht begegnet wäre, und kommt im besten Fall mit einem etwas größeren Horizont zurück.
Die Zukunft der Clubkultur
Clubs stehen heute vor ziemlich unterschiedlichen Herausforderungen: steigende Kosten, verändertes Ausgehverhalten, Lärmschutz, Flächenknappheit und gleichzeitig der Wunsch nach neuen kulturellen Orten.
Wie zukunftsfähig ist das klassische Clubmodell aus deiner Sicht? Ich glaube, diese Entwicklung wird von Stadt zu Stadt sehr unterschiedlich und auch unterschiedlich schnell verlaufen. Teure Städte haben grundsätzlich den Nachteil, dass sie wenig Spielraum für unternehmerisches Risiko lassen. Wenn du dich in einer Stadt wie München mit einem Konzept verschätzt, können sehr schnell sehr hohe Summen verloren gehen.
In günstigeren Städten oder Vierteln kannst du eine gute Idee eher einmal ausprobieren. Und wenn sie nicht funktioniert, bist du nicht gleich wirtschaftlich ruiniert. Dadurch entstehen dort häufig junge, frische Konzepte, die unglaublich inspirierend sein können. Das Problem teurer Städte ist, dass Gastronomie und Nachtleben dadurch irgendwann in bestimmte Muster verfallen können. Alles wird kalkulierbarer und damit ähnlicher. Im Extremfall ist irgendwann jedes Gericht auf das Gramm genau dosiert. Wirtschaftlich ist das nachvollziehbar, kulturell führt es aber dazu, dass Orte ihre Wiedererkennbarkeit verlieren.
Und irgendwann werden Städte dadurch schlicht weniger spannend. Eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken, ist, Subkultur und Kunst bewusst zu fördern und ihnen Flächen zur Verfügung zu stellen. London zeigt beispielsweise, dass eine sehr teure Stadt trotzdem kulturelle Räume erhalten kann, wenn ein entsprechendes Bewusstsein dafür vorhanden ist. Gleichzeitig sehen wir schon lange, dass kleinere Städte keineswegs automatisch unspektakulär sind. Im Gegenteil: Immer mehr Menschen sind überrascht, wie interessant und aufregend kleinere Städte geworden sind.
Beobachtest du bei einem jüngeren Publikum ein anderes Verhältnis zum Nachtleben als früher? Wird weniger „durchgemacht“ und stärker nach besonderen Erlebnissen gesucht?
Ich glaube, das kann man nicht pauschalisieren. Es gibt unglaublich viele junge Menschen, die von Vinyl, Musik und echter Clubkultur fasziniert sind und sich ganz bewusst weit vom Mainstream entfernt bewegen.
Was sich meiner Meinung nach verändert hat, ist die Wirkung von Social Media auf den Mainstream. Man sieht zehn Sekunden aus einer zehnstündigen Party und bekommt vermittelt, die gesamten zehn Stunden hätten auf genau diesem Energielevel stattgefunden. Ein gutes Video erzeugt sofort das Gefühl: Ich habe gerade die ultimative Party verpasst.
Dadurch entsteht teilweise ein merkwürdiger Kreislauf. Menschen gehen auf Partys, um wiederum Videos zu produzieren, mit denen sie zeigen können: Ich war dort. Das Erlebnis bekommt für manche erst dann einen Wert, wenn es anschließend gezeigt werden kann. Es geht also nicht nur um das eigene Erleben, sondern auch darum, bei anderen das Gefühl auszulösen, etwas verpasst zu haben.
Das war meiner Meinung nach schon einmal anders. Ich glaube aber auch, dass unsere Gäste grundsätzlich nach etwas anderem suchen.
Und welche Rolle spielt dabei die Musik selbst? Erleben wir gerade eine neue Lust auf elektronische Musik – oder ist das längst Mainstream geworden?
Alles, womit sich Geld verdienen lässt, wird irgendwann kommerziell genutzt. Im Moment gilt das eben auch sehr stark für elektronische Musik. Das bedeutet aber überhaupt nicht, dass es nicht weiterhin sehr gute und spannende elektronische Musik gibt. Für mich war die Suche nach Musik schon immer ein Teil der gesamten Erfahrung. Man hat gesucht, entdeckt und sich gegenseitig Dinge gezeigt. Heute ist nahezu alles sofort verfügbar und unglaublich bequem geworden. Du kannst dir die Top 100 auf einer Plattform anschauen, die Tracks herunterladen und theoretisch direkt auflegen gehen. Das ist aber nicht unser Anspruch.
Interessanterweise erzeugt jeder Mainstream gleichzeitig eine Nachfrage nach etwas Authentischem. Ohne die großen Fast-Food-Ketten hätten wir wahrscheinlich auch nicht diesen enormen Boom hochwertigen Essens erlebt. Sobald etwas massenkompatibel wird, entsteht auf der anderen Seite wieder das Bedürfnis nach Individualität, Qualität und echter Auseinandersetzung. Bei elektronischer Musik ist das nicht anders.
München: Wie verändert sich die Stadt?

Nach dem Aus für Live Evil, Blitz, DNA, Harry Klein – wie erlebst du die Stadt gerade als Nachtleben-Standort? Was macht München gut, was macht es schwierig?
Dass solche Clubs schließen, bedeutet für mich nicht automatisch, dass die elektronische Szene kaputt ist. Es ist vielmehr ein ziemlich deutliches Zeichen dafür, wie teuer es geworden ist, solche Konzepte dauerhaft zu erhalten. Die Läden waren ja nicht leer. Sie waren voll – aber offenbar nicht voll genug, um sämtliche Kosten dauerhaft tragen zu können. Darüber sollte man sich Gedanken machen.
Gleichzeitig hat sich auch unser Verhältnis zur Musik verändert. Musik ist heute über unzählige Anbieter jederzeit und sehr günstig verfügbar. Dadurch nehmen wir ihren künstlerischen Wert teilweise weniger bewusst wahr. Auch die Rolle von Radiosendern, die früher eine gewisse Verantwortung dafür übernommen haben, neue und gute Musik zu verbreiten, hat sich stark verändert.
Wenn gleichzeitig auf jedem Club ein enormer Umsatzdruck liegt, steigt natürlich die Versuchung, musikalisch auf Nummer sicher zu gehen. Dann ähnelt ein Club irgendwann dem nächsten. Für mich ist das ein bisschen wie die achttausendste Buchverfilmung: Man nimmt eine Geschichte, von der man bereits weiß, dass sie funktioniert, statt eine neue Geschichte zu erzählen, bei der man nicht weiß, ob das Publikum sie annimmt. Wenn sich niemand mehr erlauben kann, ein Risiko einzugehen, entsteht Stillstand. Dann landet man schnell bei: „Das haben wir schon immer so gemacht.“
Wir sehen alle, dass sich das Ausgehen stark verändert hat und weiter verändern wird. Ich glaube nur, dass wir noch nicht genau wissen, wie diese Veränderung am Ende aussehen wird. Wenn man beispielsweise sieht, was auf Ibiza mit neuen, riesigen Erlebniswelten umgesetzt wird, ist das beeindruckend. Gleichzeitig macht auch diese Form der maximalen Inszenierung nicht jeden glücklich.
Wie die neue Cluberfahrung genau aussehen wird und worauf es den Menschen künftig ankommt, wissen wir noch nicht. Was es meiner Meinung nach aber immer geben wird, ist eine Underground-Szene, die von Kunst, Kultur und echter Leidenschaft getrieben ist.
Was hat sich in den vergangenen Jahren positiv verändert? Und was wird aus deiner Sicht gerade schwieriger für die freie Club- und Kulturszene?
Positiv finde ich, dass eine größere Offenheit entstanden ist. Themen wie Awareness und ein respektvoller Umgang miteinander haben heute einen ganz anderen Stellenwert. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass in manchen Bereichen auch der Fokus auf Qualität zurückkommt. Ich sehe in vielen Clubs für elektronische Musik wieder eine große Liebe zum Detail. Es reicht eben nicht mehr, einfach eine Box in einen Raum zu stellen und zu sagen: Wir sind jetzt ein Club. Die Leute beschäftigen sich wieder intensiver mit Sound, Licht, Raum, Atmosphäre und dem gesamten Erlebnis.
Schwieriger wird es ganz klar, die Kosten eines Clubs dauerhaft tragen zu können. Gleichzeitig ist vieles extrem schnelllebig geworden. Wenn ein eigenes Konzept nicht innerhalb kürzester Zeit funktioniert, wird schnell ein externer Veranstalter gebucht, der bereits eine große Community mitbringt und im besten Fall den Club füllt.Dadurch entsteht aber eine gewisse Abhängigkeit. Veranstalter und Künstler mit großen Follower-Zahlen werden für Clubs immer attraktiver, weil sie vermeintlich garantieren, dass genügend Menschen kommen. Dieses Prinzip, Follower als eine Art Kapital zu betrachten, sehe ich sehr zweischneidig. Natürlich ist Reichweite wichtig. Aber wenn sie zum entscheidenden Kriterium wird, besteht die Gefahr, dass nicht mehr die Qualität einer Idee, eines DJs oder eines musikalischen Konzepts entscheidet, sondern vor allem die Größe der bestehenden Community. Gerade für eine freie Club- und Kulturszene ist das schwierig, denn eigentlich sollte sie auch ein Ort sein, an dem etwas Neues entstehen kann, bevor es bereits zehntausende Follower hat.
Denkst du, dass es mit dem grünen und jungen OB anders leichter wird für die Clubkultur in München?
Ich glaube, dass die Münchner Oberbürgermeister grundsätzlich immer relativ offen dafür waren, der Clubszene eine Chance zu geben. Gleichzeitig braucht eine Stadt natürlich Regeln. Das Problem ist eher, dass diese Regeln manchmal überstrapaziert werden. Das ist das ewige Thema: Alle möchten in lebendigen Vierteln wohnen – und wenn es dann tatsächlich lebendig und laut wird, wird die Polizei gerufen. Diesen Widerspruch kann vermutlich auch ein Oberbürgermeister nicht einfach auflösen.
Ich glaube aber schon, dass ein Interesse daran besteht, München als kunst- und kulturreiche Stadt zu erhalten. Ich würde mir wünschen, dass dafür möglichst viele Menschen einbezogen werden, die Gastronomie, Nachtleben und Kultur wirklich von innen kennen und leben – und nicht nur Akteure, die Gastronomie rein als Investment betrachten und heute Essen und morgen ein völlig anderes Produkt verkaufen würden.
Wenn du als Clubmacher einen Tag lang Bürgermeister wärst, was würdest du sofort verändern?
Ich habe zu viel Respekt vor der Arbeit anderer, um ohne das notwendige Hintergrundwissen zu behaupten, ich könnte als Bürgermeister einfach ein paar Dinge sofort besser machen.
Hinter fast jeder politischen Entscheidung stehen unglaublich viele Interessen, Abhängigkeiten und Kompromisse. Was ich aber sicherlich tun würde: Ich würde noch stärker den Menschen zuhören, die tatsächlich Gastgeber sind und Gastronomie jeden Tag leben. Ich würde mir ihren Input holen und nicht ausschließlich auf Investoren und Spekulanten hören, für die Gastronomie am Ende nur ein Geschäftsmodell unter vielen ist.
Wenn man sich unsere Innenstädte anschaut, sieht man immer mehr Konzerne und große Unternehmen, die Gastronomie betreiben. Was Städte meiner Meinung nach aber dringend brauchen, sind echte Gastgeber.
Diese Menschen gibt es. Nur werden sie häufig nicht ausreichend gefördert – oder durch die Rahmenbedingungen sogar abgeschreckt.
Zum Schluss
Was soll jemand über den XOLO erzählen, wenn er oder sie morgens nach einer Nacht bei euch nach Hause geht?
Dass er eigentlich noch gar nicht gehen wollte. Dass die Zeit völlig verflogen ist. Dass er die meisten Tracks des Abends vorher nicht kannte und unglaublich viel neue Musik entdeckt hat. Und dass er irgendwann einfach nicht mehr aufhören wollte zu tanzen.
Und wenn wir uns in drei Jahren wiedersehen: Woran würdest du merken, dass das Experiment XOLO funktioniert hat?
Dass wir uns in drei Jahren tatsächlich wiedersehen – und immer noch darüber reden.
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