Loyle Carner - Vicky Grout - B&W Kopie
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Ain’t Nothing Changed, oder? Loyle Carner am 17.10. in der Muffathalle

Gloria Grünwald

Gloria ist ein Münchner Kindl, das leider kein Bayrisch sprechen kann. Hört, macht und schreibt gerne über: Musik.
Gloria Grünwald

Vor wenigen Jahren spuckte der Süden Londons Kate Tempest auf die großen Bühnen – jetzt hat der Bezirk wieder einen rising Rap Star: Loyle Carner. Im März war er schon einmal in der Stadt, um die Songs seines Debütalbums zu präsentieren. Wer das (ausverkaufte) Konzert im Ampere damals verpasst hat, sollte sich den 17. Oktober vormerken – da spielt er in der benachbarten Muffathalle.

Für Loyle Carner hat sich in den letzten Jahren doch so einiges verändert

Der Aufstieg zur neuen Hip Hop-Hoffnung aus UK beginnt für Benjamin Coyle-Larner, wie er eigentlich heißt, schon 2014: er nimmt eine Single mit Kate Tempest („Guts“) auf, darf Joey Bada$$ auf Tour supporten und veröffentlicht seine erste eigene EP. So richtig aus dem Untergrund auf den größeren Radar hebt ihn die BBC, als sie ihn Anfang letzten Jahres im „Sound of 2016“ listet. Im Februar 2017 erscheint dann sein Debüt „Yesterday’s Gone“. Die Platte bringt ihm mit 22 Jahren eine Nominierung für den Mercury Prize, den wichtigsten Musikkritikerpreis Englands, ein. Hip Hopper wie er, Kate Tempest oder J Hus gelten auch in diesem Jahr als Favoriten.

Rückblickend scheint es heute, als wäre sein Weg zum Musikerdasein vorbestimmt gewesen

Erste Gedichte schreibt er als Schulkind, der (Stief)vater ist selbst Musiker, mit Rap Battles auf Spielplätzen vertreiben sich Ben und seine Freunde die Zeit. Dass er das Ganze mal professionell machen könnte, davon beginnt Loyle Carner erst zu träumen, als er mit Grime der 2000er in Berührung kommt. Künstler wie Dizzee Rascal ermutigen ihn, dass man auch mit britischem Akzent im Hip Hop ernst genommen werden kann.

Trotzdem will er es zunächst als Schauspieler probieren und besucht eine Drama School im Süden Londons. Die Musik bleibt sein Hobby, das er nebenbei betreibt. Kurze Zeit später stirbt sein Stiefvater (der leibliche Vater hat die Familie früh verlassen) und Loyle Carner bricht die Ausbildung ab, um für seine Familie da zu sein. In diesem Moment entscheidet er sich dafür, es doch ernsthaft mit der Musik zu probieren.

Flash Forward

Bei der Verleihung des Mercury Prize 2017 vorletzte Woche macht das Rennen ein anderer Newcomer: Sampha. Aber kein Problem für Loyle Carner – Fotos von der Preisverleihung zeigen ihn als das reinste Strahlemännchen. Warum auch nicht den anderen ihren Erfolg gönnen?

Mein Fazit

Am Boden geblieben ist er, dieser Loyle Carner. Man könnte sagen, er ist so etwas wie die gute Seele des britischen Hip Hop.  Familienmensch, jung und bodenständig, sozial. Loyle Carner ist kein Gangster. In seinen Texten geht es nicht darum, wie gefährlich, cool, oder abgefuckt sein Leben ist, es geht nicht um Party, Drogen oder Sex, es geht um sein bescheidenes Leben als junger Erwachsener – um seine Eltern, die Pancakes seiner Oma, seinen Struggle mit ADHS und seiner Leseschwäche.

Wer jetzt gähnt und „laaaaangweilig“ denkt, der ist vielleicht bei Rap mit Motherfucker-Lyrics und aggressiven Voll-in-die-Fresse-Beats besser aufgehoben. Bei Loyle Carner bekommt ihr aber eine Form von laid-back Hip Hop, wie sie heute nicht oft zu hören ist. Auf „Yesterday’s Gone“ vereint er 90er BoomBap-Sounds und jazzige Rhythmen mit seinem eigenwilligen Rap-Stil.

Dabei sind es weniger die lauten, als vielmehr die leisen Töne, die der Platte ihre emotionale Kraft verleihen. Klar, bei Hits wie „Ain’t Nothing Changed“, „No Worries“ oder „No CD“ kann man gar nicht anders, als mitbouncen. Aber wenn Loyle Carner mal wieder Zeilen einer Liebeserklärung an seine Familie sanft ins Mikro murmelt, kann es schon passieren, dass einem ein angenehmer Schauer den Rücken herunterläuft.

Im Album-Closer „Sun Of Jean (Ft. Mum And Dad)” bekommen sein verstorbener Stiefvater und seine Mutter dann auch einen eigenen kleinen Auftritt in Form einer gesampelten Klaviermelodie und eines Gedichtes. Familie ist alles – das ist die Message von Loyle Carner, die er nicht müde wird, zu wiederholen. Auch diesen Sommer beim Glastonbury Festival: am Ende des Gigs bittet er seine Mutter Jean auf die John Peel Stage, um sie vor versammeltem Publikum hochleben zu lassen. So sympathisch!


In aller Kürze:

Was? Loyle Carner
Wann? Dienstag, 17.10.2017
Wo? Muffathalle, Muffatwerk, Zellstraße 4, 81667 München
Tickets? 30 Euro zzgl. Gebühren, z.B. bei MünchenTicket.


Beitragsbild: via Muffatwerk

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