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Dido wird an ihrem gebrochenen Herzen sterben! – „Warum nochmal?“

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich

„Und 15 Minuten Pause!“ – Dass ein Stück mit diesem Satz beginnt, ist ungewöhnlich. Doch ungewöhnlich ist die gesamte Dido-Variation „When we are laid in earth“, inszeniert von Kevin Barz. Das beginnt schon beim Aufführungsort: In die winzige „Opernbude“ im Hof der Kammerspiele passen maximal fünf Zuschauer und ebensoviele Schauspieler. Beide Seiten sitzen einander gegenüber, jeweils auf antiken Stühlen. Lediglich eine halbhohe Trennwand schafft eine gewisse Distanz – und gleichzeitig eine Aufführungssituation, die man aus dem Puppentheater kennt.

Viermal Dido: Marie-Therese Fischer, Henrike Commichau, Mira Huber und Mona Vojacek Koper. Ausstattung von Aleksandra Pavlović.

Hinter der Trennwand agieren jedoch keine Puppen, sondern vier Schauspielerinnen in schrillen Kostümen und aufwendig toupierten Barock-Frisuren. Leise ist die typische Geräuschkulisse einer Pause im Theater  zu vernehmen und die vier starren mit festem Blick ins Publikum. Als sie mit einem geseufzten „Ach!“ beginnen, sich zu schminken, begreift man allmählich die metatheatrale Situation:
Es soll sich tatsächlich um die Pause einer Theateraufführung handeln – genauer gesagt der Oper „Dido und Aeneas“ von Henry Purcell – während der die Hauptdarstellerin in der Garderobe noch einmal ihren Text wiederholt. Ihr Blick in den winzigen Zuschauerraum suggeriert dabei ihre Selbstbetrachtung im Spiegel; die synchronen Bewegungen und Seufzer verdeutlichen, dass alle vier Schauspielerinnen dieselbe Rolle verkörpern: Dido.

Jede studiert ihre Textpassagen auf einer anderen Sprache ein, teilweise laut und erregt – bis sie wieder innehalten und leise das Lied „When we are laid in earth“ anstimmen, wodurch eine Art chorisches Element entsteht. Eine der Dido-Darstellerinnen jedoch setzt sich auf die Trennwand und trägt dem Publikum eine Zusammenfassung der Oper vor. Damit durchbricht sie zum ersten Mal die Illusion, dass die Darstellerinnen nur ihr eigenes Spiegelbild betrachten: Sie nimmt Blickkontakt zu jedem der wenigen Zuschauer auf.

„Die Opernbude schafft ein Maximum an Nähe – ohne aufdringlich zu sein“

In dieser kleinen Bude werden kurze Klanginstallationen und Variationen der Dido-Oper inszeniert © Max Zimmermann

Das Publikum ist dadurch nicht mehr eine identitätslose betrachtende Masse – was ein spannendes, aber auch ungewohntes Gefühl hervorruft. „Diese Nähe zum Publikum schafft eine Intimität, die man sonst im Theater nicht so oft erlebt. Man spürt sofort jede Reaktion und der Zuschauer bekommt im besten Fall den Eindruck, wirklich involviert zu sein“, erzählt Mira Huber, eine der Dido-Darstellerinnen. Allerdings kann dieser Kontakt auch Ausweichmechanismen auslösen, manche Zuschauer schauen sogar verlegen weg, berichtet Kevin Barz. David Martons Konzept der Opernbude ermögliche „minimale Distanz und maximale Nähe“ – sei aber dank der Trennwand nicht aufdringlich. Durch diese räumliche Situation lässt sich die Garderoben-Szene gut umsetzen.
Der metatheatrale Gedanke wird noch weitergesponnen: Als die rezitierte Zusammenfassung mit Didos Tod endet, durchfährt die Darstellerinnen auf einmal ganz bewusst die Erkenntnis, dass ihre Rolle „wegen Liebesverrats“ umkommt. Plötzlich stellen sie sich die Frage nach dem Warum:

„Dido wird an ihrem gebrochenen Herzen sterben – und warum gleich nochmal?“

Es entbrennt eine hitzige Diskussion zwischen den Frauen, die nun nicht mehr alle dieselbe Rolle, sondern reale Personen mit eigener Meinung sind. Die Standpunkte sind dabei sehr verschieden: Von „Der Tod war ihr einziger Ausweg aus dem Verrat“, über „Was für eine pubertäre Reaktion, jeder wurde doch schon mal verlassen“ bis hin zu „Sie als Königin hätte sich doch einfach einen anderen angeln können“. Der Streit wird jedoch unterbrochen, als die Hauptdarstellerin zu ihrem Finale auf die Bühne gerufen wird. Die Schauspielerinnen stehen seufzend auf: Egal, ob sie das Handeln ihrer Rolle nachvollziehen können oder nicht – sie müssen trotzdem auf die Bühne und Didos Tod darstellen.

Als Kevin Barz sich für seine Dido-Variation mit Purcells Oper auseinandersetzte, sei er „über die Grundfigur des Liebestods gestolpert“, für ihn aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar. Über diese Thematik diskutierte er mit den Darstellerinnen, denen es ähnlich ging; daraus entwickelte sich die Perspektive auf eine Theaterpause: In diesem „Zwischenmoment“ ist der Schauspieler weder als Figur auf der Bühne, noch er selbst. Er beschäftigt sich kurz vor dem Finale noch einmal intensiv mit seiner Rolle, zu deren Haltung er plötzlich im Konflikt steht. Auch Mira Huber kennt dieses Problem: „Als Schauspieler muss man versuchen, die Logik der Rolle zu begreifen, dann erschließen sich auch ihre Handlungen. Wenn man nur von sich ausgeht, stößt man schnell an Grenzen.“

Die Inszenierung thematisiert das Identifikationsproblem eines Schauspielers mit seiner Rolle

Statt bloßer Reproduktion des Dramas thematisiert Kevin Barz mit seiner komischen „Theater-im-Theater“-Inszenierung das Dilemma von Schauspielern, sich mit ihrer Rolle nicht identifizieren zu können – diese aber dennoch glaubhaft verkörpern zu müssen. Aufgrund der Nähe zu den Schauspielerinnen sind deren Konflikte und Gefühle für das Publikum besonders gut nachzuempfinden – durch die Identität, die man als Zuschauer in der kleinen Opernbude erhält, wird man selbst fast zum Darsteller: Dieser Eindruck festigt sich ganz zum Schluss, als der Applaus des Publikums genauso laut ist wie das Klatschen der Schauspielerinnen für ihre Zuschauer.

Fazit: Die Inszenierung in der Opernbude ist für beide Seiten eine spannende und interessante Erfahrung.

Weitere Aufführungstermine und Informationen zur Opernbude findet ihr hier.

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