Kultur

Das Ende des Import/Export – „So ein Ort, der macht etwas mit dir“

Sebastian Gierke

Journalist, frei, in München und im Netz.
Sebastian Gierke

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Das Import/Export hatte sich in den vergangenen Monaten in München als eine der interessantesten, aufregendsten Lokalitäten mit – nicht nur – subkulturellem Anspruch etabliert. Am Donnerstag wird in der Goethestraße Abschied gefeiert, der Laden muss schließen, der Mietvertrag wurde nicht mehr verlängert. Wir haben mit den beiden Betreibern Michael Schild und Tuncay Acar über die vergangenen elf Monate gesprochen, über das Bahnhofsviertel, Gentrifizierung, warum man die Gesellschaft verändern muss – und die Zukunft nach dem Import/Export.

Wie stellt ihr euch den letzten Abend vor? Was habt ihr geplant?

Tuncay: Wir schauen uns das Material an, das wir haben und dann werden wir uns etwas ausdenken. Wir wollen das auch nicht groß inszenieren.

Michael: Es gibt Filmchen, es gibt viel Fotomaterial. Wie das genau präsentiert wird, wissen wir noch nicht genau. Ich werde auch etwas Persönliches sagen. Wie ich die Zeit wahrgenommen habe.

Tuncay: Was interessant ist, sind auch die Leute, die dahinter stehen und ohne die das Import/Export nicht möglich gewesen wäre. Das klingt zwar sehr standardmäßig, aber die Leute, die hier arbeiten, die hinter der Bar stehen, das sind unsere Freunde geworden. Da haben wir bei jedem einzelnen das Gefühl, dass er mit Herz und Seele dabei ist.

Michael: Der Freundeskreis, der macht den Laden aus. Wenn man die Leute austauschen würde, dann wäre es nicht das Import/Export. Wie unser Runner, der auf die Bühne geht, der ein großartiger DJ ist und eine riesengroße Plattensammlung dabei hat.

Wie ist eure Gefühlslage, so kurz vor dem Ende?

Michael: Das alles ist noch so gegenwärtig, so vereinnahmend und es passiert ja immer noch etwas. Es wäre Verschwendung, jetzt in Trauer zu gehen, dann könnte man das ganze Wunderbare gar nicht mehr genießen. Ich gehe immer in der Situation voll und ganz auf.

Tuncay: Die Stimmung ist bombig, richtig gut. Wir haben aus einem einmonatigen Projekt ein Projekt gemacht, das über 10 Monate läuft – und das in einer Stadt wie München. Wir haben drei Mal den Vertrag verlängert bekommen, was wir nie gedacht hätten. Wir haben wahnsinnig viel Resonanz bekommen, wir haben ein begeistertes Klientel, wir haben unser Netzwerk erweitert, wir haben jetzt auch die Kommunal- und die Landespolitik mit drin (lacht).

Und wir merken auch, wie wir aufgenommen werden, hier im Viertel. Sei es der alteingesessene Geschäftsmann, der türkische Hotelbesitzer, auch die Leute von der Straße. Man hat direkte Bezüge, das waren zwar nicht immer nur positive Bezüge, klar, es gibt auch negative, aber es waren immer direkte Bezüge und das ist für mich das Wichtigste. Wir arbeiten und leben hier, wir sind mitten drin, wir sind akzeptiert, wir haben uns unseren Platz geholt, nicht nur hier in der Goethestraße, sondern in der Kulturlandschaft der Stadt. Jetzt gilt es, nach vorne zu schauen. Jetzt kann alles Mögliche passieren. Das ist ein tolles Gefühl, damit kann ich auch abschließen. Und deshalb geht es mir nicht so Nahe, dass wir hier raus müssen.

Michael: Es geht weiter. Es ist nur ein Ort. Aber die Menschen sind ja noch da. Man kann nicht an allem immer festhalten. Aber die tollen Leute, die kenne ich ja trotzdem. Räume können sich verändern, die Menschen bleiben.

Hat es euch überrascht, dass das Import/Export so gelaufen ist, wie es gelaufen ist.

Tuncay: Instinktiv habe ich immer das Gefühl: Das wird die Bombe. So gehe ich an Sachen ran. Mein Anspruch ist, dass es etwas Eigenes wird, etwas Profilmarkantes – und dass es einschlägt. Insofern war ich nicht überrascht, dass es auch so gekommen ist. Im Detail ist es aber schon so: Wenn Du ein paar Abende hast, an denen keiner kommt, obwohl die hochkarätigsten Acts auf der Bühne stehen, dann bist du natürlich schon enttäuscht. Aber eigentlich hatte ich hier ein sehr sicheres Gefühl.

Michael: Ich habe in den zehn Monaten München wieder neu für mich entdeckt. Vor zehn Jahren bin ich aufs Land gegangen, weil ich in München keinen Platz gefunden habe. Doch jetzt habe ich hier noch mal einen Schub bekommen: Es gibt hier so viele unglaublich kreative Leute. Künstler und Publikum. So angenehme und nette Menschen. So viele. Ich wusste schon, es gibt sie. Aber so viele! Und so verschiedene. Durch alle Altersstufen und soziale Schichten. Was ich mitnehme: München hat wahnsinnig viel Potential. Das habe ich vorher noch nicht so wahrgenommen.

Welcher Moment aus den letzten Monaten bleibt hängen?

Michael: Viele Momente. Am Abend hatte ich oft das Gefühl, ich kann nicht mehr. Und am nächsten fieberst du, dass du endlich wieder hinfahren kannst.

Tuncay: Ja, es waren viele Momente. Besonders war zum Beispiel der, als Hannes Beckmann auf der Bühne stand und ich ihn und seine Band mit ein paar persönlichen Worten eingeleitet habe. All diese hochkarätigen Musiker aus Deutschland, Serbien, Ungarn, Mosambique – der Altersdurchschnitt war so groß wie der zwischen mir und meinem Vater. Ich hatte eine geballte Ladung Energie im Rücken – das Gefühl, das man hat, wenn man aufrichtige Anerkennung bekommt.

Du hast einmal gesagt, dass ihr es nicht geschafft habt, dass der Supermarktbesitzer von gegenüber zu euch gekommen ist.

Tuncay: Es kommen Menschen aus dem Viertel hierher, aber das sind Kulturaffine gewesen, Theaterschauspieler, Leute die kultur- musik- und kunstinteressiert sind. Aber die Alltagsleute, die hätte ich eben auch gern hier gesehen. Das haben wir nur selten geschafft.

Michael: Wir wollten zu den Läden hier gehen und die Leute einladen, vielleicht mal auf einen Tee. Aber das war zeitlich nicht möglich.

Tuncay: Aber Verbindungen zur Nachbarschaft sind da. Allein weil ich auch kulturell und von der Sprache her ein Bindeglied war. Zum Beispiel kam der Dönerladenbesitzer von drüben, mit seinem Gefolge. Man kam sich vor wie bei ihm zu Hause. Auch das Interesse ist da. Man muss sich nur speziell den Leuten zuwenden. Dazu hatten wir aber bisher nicht die Zeit. Wir mussten den Laden erstmal zum Laufen bringen. Jetzt hätten wir die Zeit dazu. Jetzt könnten wir Stadtteilarbeit machen. Jetzt könnte man in eine neue Dimension einsteigen. Das steht jetzt an.

Was sagt ihr zu dem Vorwurf, dass Künstler und Kulturschaffende wie ihr, die Vorhut der Gentrifizierung sind?

Michael: Hier in der Gegend gibt es Hotels und Versicherungsunternehmen, die hochdrücken. Das hat aber mit der Kultur nichts zu tun. Die Kultur ist da eher Schutz. Kultur schafft da eher Oasen, bevor alles damit zugepflastert ist. Ohne Kultur gibt es nur noch Shopping.

Tuncay: Diese Gentrifizierungsgefahr sehe ich nicht, weil hier schon längst eine Turboinvestition stattfindet. Das Viertel ist schon attraktiv genug für die, die hierher kommen wollen. Die Hotelbesitzer.

Michael: In anderen Vierteln Münchens war das anders. Das waren zum Teil unattraktive Wohngegenden, die attraktiv gemacht wurden, weil´s da nichts gegeben hat. Aber hier ist die Infrastruktur eine ganz andere.

Tuncay: Der Herr Heubisch (Kulturminister Bayerns, FDP) hat am Montag hier gesagt, dass man alles so lassen soll, wie es ist. Dass man sich als Landesregierung nicht einmischen soll. Aber dann hast du hier bald nur noch Hotels und Spielhallen. Stattdessen wünsche ich mir von dem Herrn Heubisch, dass er sich darum bemüht, dass sich die Landesregierung Gedanken darüber macht, ob man nicht Förderprogramme schafft, so dass Kulturschaffende dazu in der Lage sind, durch Gründung einer Genossenschaft oder eine Kooperative, durch gute Kredite, Förderung, Unterstützung, wie auch immer, Gebäude aufzukaufen, ohne in Schulden zu versinken und dort dann kreativ tätig werden zu können. Der einzige Schutz dagegen, dass sich das Kapital breit macht, auch in Immobilien breit macht, ist: Man muss die Immobilien kaufen, man muss sie besitzen. Der Bürger muss in der Lage sein, durch bestimmte Institutionen, ich nenne es mal Kollektive, auch wenn der Begriff ein bisschen kommunistisch rüber kommt, Immobilien zu kaufen. Man braucht mehr privates Gemeinschaftseigentum.

Michael: Wenn man sich vornimmt, dass es hier multikulturell ist, dann muss man sich dafür einsetzten. Wenn man es so belässt, dann wird das Bahnhofsviertel bald einer der teuersten Stadteile Münchens sein – und glatt.

Ihr wollt mit eurer Arbeit auch verändern?

Tuncay: Das hat uns zusammengebracht. Bis vor ein paar Jahren habe ich das nicht so klar formuliert, das habe ich mich – angesichts  des Turbokapitalismus überall um uns herum – auch nicht getraut. Es war ja verpönt, die Welt verbessern zu wollen. Dem hatte ich mich auch eine zeitlang gebeugt. Das war ja uncool.

Michael: Man muss ja nicht sagen: verbessern. Besser beinhaltet immer eine subjektive Einschätzung. Man kann ja immer sagen: Ich möchte es anders machen. Den momentanen Zustand verändern. Und mit Sachen wie dem Import/Export veränderst du etwas.

Tuncay: Aber man kann es auch besser machen. Ich will mitwirken. Die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben, das ist eine gute, seine sehr schöne Frage. Die impliziert nämlich, dass man selbst in der Lage ist, die Gesellschaft so zu formen, wie man es als Mensch angenehmer empfindet. Momentan erzählt mir jeder zweite: ‚Wie sicherst du deine Existenz. Ich muss ja auch von irgendwas leben.’ Das sind Sprüche, die ich ständig höre. Aber es geht doch einfach nur um das Leben selbst. Wir sind hier um zu leben. Wir sind nicht hier, um ständig nur unsere Existenz zu sichern. Es geht darum eine Gesellschaft zu schaffen, in der du neben einen dem Existenziellen, dem Alltäglichen auch eine kulturelle Persönlichkeit bist. Viele Menschen hier im Westen kommen sich in dieser angeblich freien Welt toll vor. Aber im Grunde sind sie auch Sklaven eines sehr kommerziell orientierten Systems.

Gab’s einen Moment, in dem ihr gedacht habt, wir haben mit dem Import/Export jemanden verändert, etwas verändert.

Michael: Jeden Abend. Hier kamen die Menschen her und haben miteinander gesprochen. Früher bist du fünf Jahre lang in den gleichen Laden gegangen und keiner hat dich angesprochen. Hier war es vom ersten Abend so, dass Leute alleine hergegangen sind und wenn sie wieder gegangen sind, hatten sie drei, vier Leute kennengelernt. Am Abend mit jemandem sprechen, ohne den anzumachen, das war hier ständig der Fall. Also: Hier ist ein Mensch, der interessiert mich, wir unterhalten uns. Wie das ja in anderen Ländern der Fall ist. Wenn du dich in Istanbul im Supermarkt in die Schlange stellst, dann sprichst du mit deinem Vorder- oder Hintermann. Sich auszutauschen, das habe ich hier täglich miterlebt. Es war familiär, auch in einer großen Gruppe.

Tuncay: So ein Ort, der macht etwas mit dir.

Michael: Vielleicht kann man das auch mit nach draußen nehmen, mit raus nehmen aus dem Import/Export. Vielleicht geht da schon die Veränderung los.

Könnt ihr diesen Ort anderswo reproduzieren?

Tuncay: Wir haben gerade drüber gesprochen. Aber wir wissen es nicht. Schon allein wegen dem Namen. Import/Export, das ist Goethestraße, das ist Bahnhofsviertel. Import/Export heißt Bahnhofsviertel, Migrationshintergrund. Und: alles ist möglich. Das ist international.

Michael: Aber abgesehen von dem Namen. Wenn wir beide noch mal etwas machen an andere Stelle, dann wäre der Spirit, dann wären die Werte sehr ähnlich. Ich könnte kein Projekt machen, das diese Seele nicht in sich trägt.

Tuncay: Es würde auch seine Energie aus dem direkten Umfeld nehmen.

Konkrete Pläne?

Tuncay: Keine konkreten Pläne, alles noch sehr schwammig.

Michael: Es sind verschiedenen Geschichten im Gespräch, aber alles noch nicht spruchreif.

Macht ihr zu Zweit weiter? In der Konstellation?

Tuncay: Das macht Sinn. Wir sind noch nicht am Ende unseres gemeinsamen Wegs, denke ich.

Wo geht ihr jetzt abends hin? Wo fühlt ihr euch in München so wohl, wie hier im Import Export?

Tuncay: Ich weiß gar nicht, ob ich so viel weggehen werde.

Michael: Ich bin sowieso kein Nachtmensch. Mir haben schon die vielen langen Nächte hier Probleme bereitet.

Tuncay: Ich könnte die Glockenbachwerkstatt empfehlen. Aber sonst. Gewissensberuhigt kann ich sonst kaum eine Empfehlung aussprechen (lacht). Vielleicht das Vereinsheim.

Das Import/Export Finale am 31. März: Mit der Express Brass Band und WorldbeatsParty mit den Dj’s Tovarasu Tim + Toma Trei (Balkanstylee) und Dj’ Carli (Alpenradio 4)

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