Kultur, Stadt

Das hat es mit dem traditionellen Schäfflertanz auf sich

MUCBOOK Redaktion

Beim diesjährigen Brauertag auf dem Marienplatz am 20. Juni tritt der Schäfflertanz außerhalb seines traditionellen Sieben-Jahres-Rhythmus auf – als besonderes Highlight für 32 Jungbrauerinnen und Jungbrauer, die dort feierlich freigesprochen und vom Münchner Oberbürgermeister freigeschlagen werden. Ein seltener Moment: Denn kaum ein Münchner Brauch verkörpert die Identität der Stadt so eindrucksvoll wie der Schäfflertanz.

Ein kulturelles Ereignis höchsten Ranges

Er ist weit mehr als eine historische Zunfttradition. Seit Jahrhunderten gehört der Schäfflertanz zum kulturellen Selbstverständnis Münchens. Seine herausgehobene Stellung zeigt sich an einem der sichtbarsten und symbolträchtigsten Orte der Stadt: dem berühmten Glockenspiel am Marienplatz. Traditionell war die erste Aufführung einer Saison dem König vorbehalten – eine Ehre, die sich in der heutigen Präsentation vor dem Bayerischen Ministerpräsidenten bis in die Gegenwart erhalten hat.

Seine besondere Aura verdankt er dabei nicht nur seiner langen Tradition und der beeindruckend aufwendigen Darbietung, die von den Tänzern über Monate hinweg einstudiert wird, sondern auch seiner Seltenheit: Er wird nur alle sieben Jahre aufgeführt. Gerade dadurch wurde er über die Jahrhunderte zu einer ehrwürdigen und zugleich geheimnisvollen Rarität, auf die die Stadt immer wieder mit großer Vorfreude blickt.

Die Pestlegende und ihre tiefere Bedeutung

Nach der bekannten Ursprungserzählung geht der Schäfflertanz auf die Zeit nach einer schweren Pestepidemie zurück. Die Stadt soll von Krankheit, Tod und Angst gezeichnet gewesen sein; das öffentliche Leben war erstarrt. In diesen düsteren Zeiten sollen Schäffler auf die Straßen gezogen sein, um die verängstigten Menschen wieder aus ihren Häusern zu locken. Der Tanz sollte Mut machen, wieder hinauszutreten, einander zu begegnen und ins Leben zurückzufinden.

Der Schäfflertanz auf dem Marienplatz, 1863. Illustration aus “Das festliche Jahr” von Otto von Reinsberg-Düringsfeld.

Doch möglicherweise erzählt der Schäfflertanz nicht von einem einzelnen historischen Ereignis, sondern von etwas Grundsätzlicherem und Zeitlosem. Er berührt Menschen auch Jahrhunderte nach der letzten Pest noch auf erstaunlich unmittelbare Weise – vielleicht, weil er wie viele alte Rituale weniger historische Tatsachen erzählen will als zeitlose Weisheiten.

Ordnung, Chaos und der verbindende Bogen

Der Tanz beeindruckt vor allem durch die außerordentliche Struktur und Strenge seiner Abfolge. Jeder Schritt und jede Bewegung folgen einer bis ins Detail vorgegebenen Ordnung. Die parallel dazu auftretenden Kasperln und Narren scheinen nicht dazuzugehören – sie ordnen sich in keiner Weise dem Tanz unter, durchbrechen frech die Reihen der Tänzer und versuchen, diese abzulenken. So wird in der Aufführung die Polarität zwischen Ordnung und Chaos, Strenge und Witz anschaulich demonstriert.

Das zentrale Symbol der Schäffler ist der Bogen. Im Fassbau verbindet er die einzelnen Dauben miteinander und hält alles zusammen. Wie eine Brücke verbindet er zwei gegenüberliegende Seiten und führt zusammen, was zunächst getrennt erscheint. Jeder Schäffler trägt einen solchen Bogen – meist aus Buchs, einer immergrünen Pflanze, die Beständigkeit symbolisiert – und ist über ihn mit den anderen verbunden.

Der Tanz beginnt stets mit der Schlangenfigur – einem der ältesten Sinnbilder menschlicher Kultur für das Unbekannte und Schicksalhafte. Dass er mit diesem Bild beginnt und dann in Ordnung, Gemeinschaft und Lebensfreude übergeht, ist seine eigentliche Botschaft: Selbst dort, wo Dunkelheit herrscht, kehrt irgendwann das Leben zurück.

Ein Brauch mit zeitloser Botschaft – mitten in der Altstadt

Damals wie heute erinnert der Schäfflertanz daran, dass die Kunst des Menschen darin besteht, zwischen den Gegensätzen nicht unterzugehen, sondern durch sie zu wachsen.

Für die Jungbrauerinnen und Jungbrauer, die am Brauertag in einen Beruf mit langer Tradition starten, bekommt dieser Moment eine besondere Qualität – mitten auf dem Marienplatz, wo München seinen ältesten Bräuchen seit jeher den würdigsten Rahmen gibt. Und wem dabei ein Kasperl eine schwarze Nase aufmalt: Das soll Glück bringen. So will es der Brauch.

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Dieser Text wurde MUCBOOK von Autor Ruben Stelzner zur Verfügung gestellt und für die Veröffentlichung von der Redaktion gekürzt und angepasst. Der ursprünglichen Text ist hier zu finden.

Dr. Dr. Ruben Stelzner studierte Medizin, Jura und Philosophie und gründete ein Gesundheitsunternehmen, das jährlich über 500.000 Patienten den Zugang zu bezahlbarer Zahnmedizin ermöglicht. Sein interdisziplinärer Hintergrund führte ihn zu der Überzeugung, dass hinter aller fachlichen Vielfalt dieselben universellen Muster stecken. In seinem Buch „Verlorene Weisheit” macht er sich daran, diese Prinzipien zu beschreiben und neu zugänglich zu machen.

Beitragsbild: Henning Schlottmann