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Der Katzelmacher weckt Fantasien – aber nicht beim Publikum

Natalie Adel

Ist München-Liebhaberin, weil es sich hier so herrlich mit dem Rad durch die Stadt düsen lässt und fast nichts über einen Sommerabend an der Isar geht. Ansonsten Theaterfan und immer dabei, neue Dinge auszuprobieren.
Natalie Adel

Jeder hat seine Rolle und weiß, wo er hingehört. So gehört Marie zu Erich, Paul schlägt seine Freundin Helga. Diese will Sängerin werden und schläft deshalb für Geld mit Erich. Peter lässt sich von Elisabeth aushalten und tut, was sie von ihm verlangt.
So weit, so gut. So funktioniert wohl eine Gesellschaft. Machtstrukturen, Sex und Ökonomie. Dann taucht der Katzelmacher auf. Elisabeth hat ihn hergeholt, er soll bei ihr als Gastarbeiter arbeiten. Die Gesellschaft, welche sich ohnehin schon langweilt und nicht weiß, wohin mit ihrer erstarrten Leben, hat nun eine Beschäftigung gefunden. Das sonst so dröge Leben nimmt an Fahrt auf, als herauskommt, dass der Katzelmacher nun mit Marie zusammen ist. Die Gerüchte verbreiten sich zunehmend, die Ordnung, welche nicht mehr da zu sein scheint, muss wieder hergestellt werden.

Carolin Hartmann, Pascal Fligg, Mara Widmann, Jonathan Müller © Gabriela Neeb

Carolin Hartmann, Pascal Fligg, Mara Widmann, Jonathan Müller © Gabriela Neeb

Abdullah Kenan Karaca hat Katzelmacher als Abschlussarbeit an der Theaterakademie Hamburg inszeniert und ist damit noch vor seiner Premiere zum Radikal Jung Festival des Münchner Volkstheaters eingeladen worden. Er hat sich Mühe gegeben, die kleinbürgerliche Welt in all ihrer Verkrampftheit und Starrköpfigkeit darzustellen. So besteht das Bühnenbild aus einer Wand mit aufgemalten Frühlings-Idylle, in der Löcher für die Figuren in vorgefertigten Positionen ausgespart sind. Die Rollenbilder der Gesellschaft scheinen festzustehen, die Figuren lösen sich zwar immer wieder aus ihren verkrampften Haltungen, kehren jedoch früher oder später wieder dorthin zurück. Die Illusion der heilen Welt wird bildlich mit dem Auftritt des Katzelmachers aufgebrochen. Die Wände teilen sich und der deutlich als „Fremde“ markierte Gastarbeiter, gespielt von Timocin Ziegler, tritt auf. Er ist der Einzige, der nicht auf bäuerlich-burlesque Art und Weise in Latex-Tracht gekleidet ist. Den Mädels gefällt das, sie kürzen ihre Dirndl und bemühen sich um ein „Ficki-ficki“. Mehr und mehr kommt ein bisher unterdrücktes Verlangen der Figuren zum Vorschein. Damit das auch ja jeder mitbekommt, lässt Karaca die Schauspieler in der ausgeleuchteten Unterbühne immer mal wieder sexuell aufreizend umherkrabbeln.

Eine nette und brave Inszenierung wird gezeigt
Timocin Ziegler, Tamara Theisen © Gabriela Neeb

Timocin Ziegler, Tamara Theisen © Gabriela Neeb

Die Idee ist gut, aber leider nichts Neues. Das Ich kämpft gegen das Es, das Oben gegen das Unten. Hier liegt der Knackpunkt dieser Inszenierung: Man hat das alles schon einmal gesehen. Die Ansätze sind gut und durchdacht, aber es ist nichts radikales, junges oder neues darin zu erkennen. Hier wird typisches Stadttheater gezeigt, wie es jeder Theatergänger kennt und zum Teil sicherlich auch schätzt.

Karaca, der 1989 geboren ist, präsentiert den Katzelmacher auf eine brave und traditionelle Art und Weise. Er tut keinem damit weh, die traurige Illusionslosigkeit des bürgerlichen Alltags muss schließlich nicht ein Jeder auf sich selbst beziehen. Die Künstlichkeit der selbst geschaffenen Gesellschaftsstrukturen wird von dem Ensemble jedoch schön ausgespielt. Keine Emotion zu viel, die Sprache hoch geschraubt. Das passt alles zu Fassbinder und geht mit ihm deckungsgleich einher. Alles arbeitet steig auf einen Höhepunkt hin zu, nach einer guten Stunde ist das Stück dann schon vorbei. Die Zuschauer haben einen traditionellen Theaterabend präsentiert bekommen, nach dem man sich entspannt noch auf ein Glas Wein treffen kann. So konform sich die Figuren ihren Rollenbildern entsprechend enthalten, so gesittet geht Karaca inszenatorisch mit dem Theatertext um.
Von einem radikal jungen Ansatz kann hier leider keinerlei Rede sein.

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