Bei der diesjährigen Verleihung des SpaceNet Awards wurde Maike Suter unter anderem für ihre Kurzgeschichte „Die beiden Seiten der Gleichung“ ausgezeichnet.
Kultur

Die beiden Seiten der Gleichung 

Maike Suter
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von Maike Suter 

Mathematiker erkennen einander schon aus großer Entfernung. Ich zumindest sehe es jemandem sofort an. Die meisten Menschen würden in dem großen, dunkelhaarigen Mann, der auf der U-Bahn-Treppe sitzt, nur einen obdachlosen Bettler sehen. Mir aber fällt auf, wie er den Mülleimer fixiert, bevor er eine zerknüllte Brötchentüte oder eine leere Zigarettenpackung hineinwirft. Wie er im Kopf die ideale Flugbahn visualisiert und jedes Mal trifft, auch wenn es windig ist. Und dass sich sein Platz genau im Schnittpunkt mehrerer wichtiger Sichtachsen befindet: Ob man vom Bratwurststand, vom Zeitungskiosk oder vom Ticketautomaten kommt, man sieht ihn und seinen Pappbecher mit den Münzen, bevor man das Wechselgeld eingesteckt hat. 

Als ich ihn vor drei Monaten zum ersten Mal hier sitzen sah, wusste ich gleich, dass er Mathematik in sich hatte, auch wenn er ein Gestrandeter war. Dann ging ich näher heran, sah in sein Gesicht und erkannte ihn. Zog meinen Schal über Mund und Nase, schlich mit gesenktem Kopf vorbei, um mich unsichtbar zu machen. Heute muss ich das nicht mehr. Er sieht blicklos durch mich hindurch, obwohl ich gerade direkt vor ihm stehe. Aber das bin ich gewohnt. Mich kann niemand mehr erkennen, denn ich bin letzten Monat gestorben. 

66 Jahre, Infarkt. Ich hatte es kommen sehen, mein Herz war seit einem Dreivierteljahr schon nicht mehr rund gelaufen. Schottmüller hat einen schwülstigen Nachruf verfasst, als Dekan musste er das wohl oder übel. 

Bereicherung der Fakultät … Vorbild und Freund … Wissenschaftler von internationalem Rang …“ Mit dem internationalen Rang spielte er darauf an, dass ich das Collatz-Problem gelöst habe. Brachte es aber nicht über sich, es so hinzuschreiben, denn er hat mir diesen Coup immer geneidet. Die Testamentseröffnung ließ ich mir natürlich nicht entgehen. Das ist einer der Vorteile, wenn man tot ist: Man kann überall hin, ohne dass es jemand mitkriegt. 

Nur eine kleine Runde hatte sich beim Notar eingefunden, ich war ja unverheiratet und kinderlos gewesen. Eine Nichte und ein entfernter Cousin, das war schon alles an Familie. Beide bekamen einen kleinen Betrag. Mehr hatten sie auch nicht erwartet. Schottmüller aber, der zu seiner Verwunderung auch geladen worden war, erlebte eine Überraschung. Ich hatte fast alles der Uni vermacht und verfügt, dass mit dem Geld ein Förderprogramm ins Leben gerufen werden solle, das sozial benachteiligten Talenten ein Mathematikstudium ermöglichen würde. Er, Schottmüller, solle das Projekt betreuen. Allerdings gab es eine Auflage: Den ersten Stipendiaten hatte ich selbst bestimmt. Einen obdachlosen Mittzwanziger, der, so versicherte ich, großes Potenzial habe, aber auf einen unglücklichen Weg geraten sei. Ich nannte seinen Namen und beschrieb, wo man ihn finden konnte. Allein für das Gesicht von Schottmüller hatte sich das Sterben gelohnt. 

Während ich mich neben den Obdachlosen auf die Treppe setze, denke ich über unglückliche Wege nach. Auch über meinen eigenen, denn ich war nicht immer Hochschulprofessor. Mein Weg führte mich damals nicht auf die Straße, sondern als Lehrer ans Gymnasium. Ein Albtraum! Bis heute verfolgen mich die Erinnerungen an eine besonders schreckliche achte Klasse. Die Mädchen gingen noch. Klar, sie nervten mit ihrem dämlichen Gekicher, wenn ich von Kurven oder Potenzen sprach, und die unsägliche Laura-Sophie legte manchmal Reißzwecken auf meinen Stuhl. Aber das klappte nur ein-, zweimal, danach war ich vorbereitet. Die Jungen waren schlimmer. Unberechenbarer. Kaulquappen in meiner Trinkflasche zum Beispiel, wer kommt auf so etwas? Das waren die Zwillinge, wie hießen sie noch mal, Joshua und Jeremy, glaube ich. Dann war da noch Leander. Leander, der eines Tages eine Ratte mit in den Unterricht brachte, sie mit gespieltem Erstaunen an sein Ohr hielt, als ich eine Aufgabe an der Tafel vorrechnete, und verkündete: „Gundula sagt, die Länge der Hypotenuse müsste 72 Zentimeter betragen und nicht 81. Sollte Ihnen da beim Wurzelziehen ein Malheur passiert sein? Das arme Tier ist ganz verstört.“ Alle brachen in Gelächter aus, und während ich nachrechnete und feststellte, dass der kleine Klugscheißer wie immer Recht hatte, sagte er in diesem blasierten Ton: „Vielleicht sollte Gundula in Zukunft den Mathematikunterricht übernehmen. Qualifiziertes Fachpersonal ist so wichtig, nicht wahr?“ Die Klasse tobte. 

Ich tat, was ich konnte. Strafarbeiten, Nachsitzen, Tadel. Nichts half, sie trieben es immer toller. Zwischen Leander und mir wurde die Sache zunehmend persönlich. Leider schrieb er hervorragende Klassenarbeiten, doch bei der mündlichen Note ließ sich immer etwas drehen. Im Halbjahreszeugnis gab ich ihm eine Drei. Zu meinem Erstaunen kam keine Beschwerde, nicht von ihm, nicht von seinen Eltern. Ich lobte ihn nie im Unterricht für gute Leistungen. Einfach weil ich ihn nicht leiden konnte – das Privileg derer, die am längeren Hebel sitzen. 

Und wenn sie an der Uni nun auch ihr Hebel-Privileg nutzen, fährt es mir durch den Kopf, während der Obdachlose sich gemächlich eine Zigarette dreht. Ich bin tot, das könnte man einen ziemlich kurzen Hebel nennen. Wer garantiert mir, dass sie die Auflage wirklich erfüllen? Sie könnten behaupten, sie hätten ihn nicht gefunden oder er hätte abgelehnt. Womöglich würde ein findiger Anwalt erwirken, dass sie trotzdem das Geld bekämen. Dagegen wäre ich machtlos, weil: kurzer Hebel. Aber wissen will ich es. Ich werde hierbleiben und schauen, ob jemand von der Uni aufkreuzt. Ob alles seinen Gang geht oder nicht. Dann werde ich mich davonmachen. Wie es danach weitergeht, interessiert mich nicht. Soll Schottmüller den barmherzigen Samariter spielen, dem liegt so etwas. Mir nicht. Ich bin kein guter Mensch, war ich noch nie. Besonders Leander gegenüber nicht. 

Dafür gab es gute Gründe, er hatte den Bogen überspannt. Dass er es war, der „Hypotenusenhonk“ auf mein Auto gesprüht hatte, konnte ich natürlich nicht beweisen. Aber er war es. Ich wusste es. Da ich ihn nicht offiziell dafür bestrafen konnte, wartete ich seine nächste freche Bemerkung ab. Dann schrieb ich auf einen Zettel: 

Beweise oder widerlege folgende Behauptung: Bildet man eine Zahlenfolge von einer beliebigen natürlichen Zahl ausgehend, indem man alle geraden Zahlen durch 2 dividiert und alle ungeraden mit 3 multipliziert und 1 hinzuaddiert, so steht am Ende immer der sich endlos wiederholende Zyklus 4, 2, 1.“ 

Das löst du bis Freitag“, sagte ich, „es sei denn, du möchtest eine mündliche Sechs eingetragen bekommen.“ Leander nahm den Zettel gleichmütig entgegen, nicht ahnend, worauf er sich einließ. 

Ich ging davon aus, dass er es kurz versuchen und dann aufgeben würde. Dass er am Freitag mit leeren Händen käme und ich ihn vor der Klasse rundmachen könnte. Doch er kam zu mir ans Lehrerpult und bat um Aufschub. Er sei noch nicht fertig und die Aufgabe doch ein bisschen schwieriger, als er gedacht habe. Ich gab ihm Zeit bis zum nächsten Dienstag. Am Montag war er blass und fahrig, wie jemand, der zu wenig geschlafen hat. Tags darauf legte er mir mehrere eng beschriebene Blätter auf den Tisch. Ich warf einen kurzen Blick darauf. Er hatte es tatsächlich versucht. Glaubte wirklich, es gelöst zu haben. Ein mathematisches Problem, das in der ganzen Welt als unlösbar galt. Lächelnd steckte ich seine Arbeit ein. Am Nachmittag machte ich es mir damit auf meinem Sofa gemütlich und suchte den Fehler, um ihm den am nächsten Morgen unter die Nase reiben zu können. 

Er hatte es geschickt angefangen, ging das Ganze rückwärts an: Wenn man, so war sein Ansatz, von 1 ausgehend unendlich lange Reihen aus natürlichen Zahlen bildete, indem man alle ungeraden Zahlen verdoppelte, die geraden dagegen entweder ebenfalls verdoppelte oder nach Subtrahieren von 1 durch 3 dividierte, dann müssten alle Zahlenfolgen, die man auf diese Weise bilden konnte, zusammen sämtliche natürlichen Zahlen enthalten, anderenfalls wäre die Behauptung falsch.  

Schlau, das musste man ihm lassen. Doch der Hammer kam erst noch: Er stellte fest, dass viele dieser Reihen ab einem gewissen Punkt nur noch aus Verdopplungen bestanden, es für das Erreichen aller ungeraden Zahlen bis ins Unendliche aber notwendig war, oft genug die Operation (n-1):3 durchzuführen. Sobald dabei jedoch eine durch 3 teilbare Zahl auftauchte, würde die betreffende Reihe danach wiederum nur noch Verdopplungen produzieren. Mit einer ebenso kreativen wie simplen Berechnung wies er dann nach, dass man ab einer gewissen Größe der Zahlen nicht mehr alle ungeraden erreichen konnte – und hatte die Collatz-Vermutung widerlegt. Ich brach in hysterisches Lachen aus, prüfte alles nach, wieder und wieder. Es gab keinen Fehler. Der kleine Mistkäfer war ein verdammtes Genie. Und er wusste es nicht einmal. 

Danach kam eins zum anderen. Mir fiel ein, dass eine japanische Firma vor einigen Jahren ein Preisgeld für die Lösung des Collatz-Problems ausgelobt hatte, umgerechnet ungefähr eine Million Euro. Ich formulierte Leanders Lösung ein bisschen wissenschaftlicher, fasste seine Gedankengänge in mathematische Formeln und präsentierte meine Arbeit. Denn inzwischen fühlte es sich an, als wäre es meine. Leander bekam von all dem nichts mit. 

Das Ganze war eine kleine Sensation. In der Mathematikwelt sogar eine etwas größere. Es dauerte nicht lange, bis mir eine Professur angeboten wurde, und ich verließ die Schule ohne Bedauern. Arbeitete an der Uni, hielt Gastvorträge, lernte neue Leute kennen. Und ich war reich. Da war es endlich – das Leben, das ich mir immer gewünscht hatte. 

Leander vergaß ich darüber völlig. Bis ich ihn fünfzehn Jahre später, wenige Wochen vor meinem Tod, an der U-Bahn-Treppe wiedersah. Ich habe nachgeforscht und erfahren, dass es mit ihm schon kurz nach der Schulzeit bergab ging. Irgendetwas muss ihn aus der Bahn geworfen haben, und dann ist er nicht wieder auf die Beine gekommen. Ihm war sein Potenzial wohl nie wirklich bewusst. Er hat nirgends Bestätigung oder Ermutigung erfahren, weiß gar nicht, wer er ist. 

Falls sie ihn jetzt tatsächlich an die Uni holen, wird er natürlich früher oder später hinter die Sache mit der Collatz-Vermutung kommen. Egal. Ich habe mein Leben gelebt. Wenn alles herauskommt, wird manch einer denken, dass mich am Ende doch noch mein Gewissen gezwickt habe. Aber das ist es nicht. Es ist eher ein mathematischer Impuls: dieses unbefriedigte Gefühl, wenn eine Gleichung nicht aufgeht. Ich habe mein Glück auf einem Erfolg aufgebaut, der mir nicht zustand. Weil mir eine Chance in den Schoß gefallen war. Leander hatte einen Erfolg verdient, der ihm verwehrt wurde. Er soll sie auch haben, seine Chance. Man muss immer auf beiden Seiten einer Gleichung dieselbe Operation durchführen. Wenn er dann nichts daraus macht, hat er es nicht besser verdient. 

Leander zieht seine schäbige Jacke fester um sich und betrachtet die Münzen in seinem Becher. Ich sehe ihm an, dass er überlegt, irgendwohin ins Warme zu gehen, als ich auf der anderen Straßenseite plötzlich Schottmüller entdecke, der sich zögernd nähert. Geh nicht, Leander. Nicht jetzt. Heute ist dein Glückstag. Schottmüller steuert den Zebrastreifen an, dann bleibt er stehen, dreht sich um. Hat er es sich anders überlegt? Er betritt eine Bäckerei. Ich möchte stöhnen, kann es aber nicht. Nach einer Weile öffnet sich die Tür, und Schottmüller kommt wieder heraus, in jeder Hand einen Coffee-to-go-Becher. Langsam, ganz langsam überquert er die Straße. Mit einem Gesicht, als würde er sich fragen: Was zur Hölle tue ich hier gerade? Aber er geht weiter, einen Schritt nach dem anderen, immer weiter, auf uns zu. Auf Leander zu.