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Donnersbergerbrücke wird abgerissen und völlig neu gedacht – Baureferentin Ehbauer über eine Jahrhundertchance für München
München steht das nächste Mammut-Projekt ins Haus. Die Donnersberger Brücke ist so marode, dass sie nicht mehr zu retten ist. Experten sehen keine Alternative zu einem Abriss. Nicht verwunderlich: der Mittelteil hat bald hundert Jahre auf dem Buckel.
Das Problem: Der Koloss aus Beton und Stahl ist eine der am dichtesten befahrenen innerstädtischen Straßen Europas. Sie wird täglich von 120.000 Fahrzeugen überrollt, die hier streckenweise auf bis zu acht Spuren im Stau stecken – 1,2 Kilometer lang und bis zu 47 Meter breit, überspannt die Brücke 27 Gleise der Hauptverkehrsachse Münchens. Mit diesen Dimensionen zählt das Bauwerk zu den größten Verkehrsknotenpunkten Europas.
Wie soll man so ein Projekt wuppen, wenn der Verkehr nicht einfach abgeschaltet werden kann? Hannah Mayer und Marco Eisenack haben mit Baureferentin Jeanne-Marie Ehbauer gesprochen, um zu erfahren, ob sie mit so einem Projekt vor der Brust noch ruhig schlafen kann.
Im Interview erklärt Münchens offenbar furchtlose Bau-Chefin, wie die Internationale Bauausstellung (IBA M) helfen soll, das Thema anzupacken und zu einer Jahrhundertchance für München zu machen. Das Baureferat möchte die zehnjährige Laufzeit der Innovations-Platform IBA M nutzen, um das Mobilitätsmonstrum zu bändigen.

Das Luftbild zeigt die gewaltige Dimension des Bauwerks. Foto: © Landeshauptstadt München – Kommunalreferat – GeodatenService 2023
Wenn nichts unternommen wird, droht in den 2040er-Jahren der Brücke aus Sicherheitsgründen die Sperrung. Gemeinsam mit dem Planungsreferat und anderen Referaten hat sich Ehbauer das Ziel gesetzt, die berühmte Brücke nicht nur zu erneuern, sondern sie zu einem “ikonischen Bauwerk” zu machen – und dabei völlig neu zu denken. Wenn schon alles neu werden muss, warum dann nicht auch alles ganz anders machen?
Mit der Verbesserung der Bushaltestelle und schöneren Rad- und Fußwegen will sich Ehbauer nicht zufriedengeben. Am Rande des IBA-Tages auf dem das Projekt Donnersberger Brücke Anfang Dezember 2025 zum offiziellen IBA-Kandidaten gekürt wurde, berichtete Ehbauer von Ideen für die künftigen zusätzlichen Nutzungen auf der Brücke, die für viele unvorstellbar erscheinen mögen: Die Referentin hat schwebende Bauten im Kopf vom Kiosk mit Platz für Sundowner-Sitzplätze über Bürogebäude und eine Event-Location bis hin zu Wohnraum – vieles ist aus technischer Sicht denkbar, wenn man die Brücke baulich verbreitert. Eine Machbarkeitsstudie soll Anfang des Jahres vom Stadtrat beauftragt werden, um sämtliche Ideen aus den bisherigen Workshops zu bewerten und ihre Umsetzbarkeit zu beziffern.
Baureferentin Dr.-Ing. Jeanne-Marie Ehbauer erzählt im MUCBOOK-Interview erstmals mehr über das ambitionierte Projekt und über die Idee, zusätzliche Gewerbefläche auf der Brücke zur Refinanzierung der Baukosten zu nutzen.
Münchens Baureferentin Jeanne-Marie Ehbauer ist seit 2022 im Amt und hat sich schnell einen Ruf als mutige Macherin erarbeitet. Im MUCBOOK Interview stellt sie ihr bisher größtes Projekt vor. Mit ihren rund 4000 Mitarbeiter:innen ist sie unter anderem verantwortlich für den Straßen-, Brücken- und U-Bahn-Bau, die Gestaltung von Grünflächen sowie die bauliche Verbesserung der Münchner Radinfrastruktur. Promoviert hat die gebürtige Karlsruherin in ökologischer Stadt- und Hochbauplanung. Vor ihrer Amtszeit in München war sie Leiterin des Baudezernats in Bremerhaven und hat die Seestadt von 2015 bis 2020 als Mitglied im Bau- und Verkehrsausschuss des Deutschen Städtetages vertreten. Foto: Leonhard Simon
MUCBOOK: Frau Ehbauer, wie haben Sie sich als Baureferentin in München eingelebt?
Dr.-Ing. Jeanne-Marie Ehbauer: Ich bin schon seit drei Jahren hier, sprich die Hälfte meiner Amtszeit ist schon rum. Man hat es mir sehr leicht gemacht. Es herrscht eine gute Zusammenarbeit.
MUCBOOK: Mit Ihrer Amtszeit wird auch immer wieder ein Kulturwandel im Baureferat in Verbindung gebracht.
Ehbauer: Für mich ist wichtig, dass bei Gesprächen möglichst die mit am Tisch sitzen, die direkt am Projekt beteiligt sind, um bei Rückfragen ins Detail gehen zu können. Außerdem gibt es jede Woche eine Besprechung, bei der meine Referatsleitung, die Leitungen unserer großen vier technischen Bereiche, die Rechtsabteilung und der Personalrat zusammenkommen. Dort werden die wichtigsten Themen besprochen. Und ich lege großen Wert darauf, dass die Zusammenarbeit mit den anderen Referaten gut funktioniert. Mir ist es auch sehr wichtig, dass wir noch intensiver als bisher den Menschen erklären, was das Baureferat für sie Tag für Tag leistet.
MUCBOOK: Welche Erwartungen haben Sie an die IBA?
Ehbauer: Es ist die erste IBA in Bayern und sie ist ein vielversprechendes Instrument, um innovative Ansätze und zukunftsfähige Lösungen zwischen Fachreferaten, Zivilgesellschaft und Wissenschaft zu erarbeiten und in der breiten Öffentlichkeit zu diskutieren. Man muss die IBA als Prozess verstehen, der erlaubt wirklich sehr weit in die Zukunft zu denken, vielleicht auch mal ein bisschen größer. Die IBA ist eine Chance für München, sich damit auseinanderzusetzen, wie Räume der Mobilität von morgen aussehen können und sollen.
Die IBA wird seit vielen Jahrzehnten in Deutschland eingesetzt, um pionierhafte Stadtplanung in die Umsetzung zu bringen. Die erste IBA fand 1910 in Darmstadt statt und widmete sich dem Wohnungsbau. Am bekanntesten ist heute wohl die IBA Emscher Park, bei der es um die Nachnutzung der alten Zechen im Ruhrgebiet ging. Auch Hamburg hat 2013 bis 2023 die IBA eingesetzt, um Modellprojekte für zukunftsfähige Quartiere zu entwickeln. Doch nicht nur Experten werden während der IBA dazu eingeladen, Projekte mitzugestalten. Auch die Zivilbevölkerung soll sich aktiv an der Gestaltung beteiligen. Ziel der IBA M, die unter dem Motto “Räume der Mobilität” steht, ist, dass die Metropolregion in den nächsten zehn Jahren zu einem internationalen Vorreiter in Sachen Mobilität wird. Hier geht es zu der Website der IBA M mit den ersten 16 Projektkandidaten.

Im Berufsverkehr wird es hier eng, wenn sich Radfahrer, ÖPNV-Nutzer:innen und Fußgänger:innen den Platz zwischen Zugang zur S-Bahn und Bushaltestelle teilen müssen. Foto: MUCBOOK
MUCBOOK: Kommen wir zur Sache: Warum soll die Donnersberger Brücke neu gebaut werden?
Ehbauer: Dass die Donnersberger Brücke in die Jahre gekommen ist, ist jetzt keine neue Erkenntnis aus meiner Amtszeit. Ein Gutachten und den ersten Stadtratsbeschluss dazu gab es schon 2018. Seither ist klar, dass nur einige Teile der Brücke sanierbar wären. Ausgerechnet der mittlere Teil, der über die Gleisanlagen führt, ist in 10 bis 15 Jahren am Ende seiner Lebensdauer.
MUCBOOK: Warum kann man die Brücke nicht einfach nur sanieren?
Ehbauer: Man muss dazu wissen, dass die ältesten Teile der Brücke, so wie wir sie heute kennen, aus dem Jahr 1935 stammen. Aus ingenieurtechnischer Sicht handelt es sich nicht um eine Brücke, sondern um neun verschiedene Brückenteile unterschiedlicher Konstruktion und Errichtungszeiträume. Einzelne Elemente wären noch instand zu halten, aber wesentliche Bereiche müssen definitiv ersetzt werden. Man könnte einen Eins-zu-Eins-Ersatzneubau für den alten Teil machen. Das würde aber den heutigen Anforderungen an moderne Mobilität überhaupt nicht mehr gerecht.
MUCBOOK: Haben Sie keine Angst vor einem so großen Projekt?
Ehbauer: Die Brücke hat eine Gesamtlänge von 1.124 Metern und eine Breite zwischen 26,5 und 47 Metern, das heißt also eine Gesamtfläche von 35.700 Quadratmetern. Sie überspannt 27 DB-Gleise. Das ist eine Wahnsinns-Verkehrsachse. 120.000 Fahrzeuge fahren da im Schnitt pro Tag drüber. Das macht die Donnersberger Brücke zu einer der meistbefahrenen innerstädtischen Brücken Europas mit aus meiner Sicht sehr starken Defiziten für Rad-und Fußverkehr.
Gleichzeitig ist die Donnersberger Brücke eigentlich ein Umsteigeort, also ein ÖPNV-Knoten. Das heißt, er müsste eigentlich für die Zufußgehenden und die umsteigenden ÖPNV-Nutzer ganz anders aussehen.
Deswegen finde ich, ist diese Brücke neu zu bauen eine Mega-Chance, all diese Defizite zu verbessern.
MUCBOOK: Was soll besser werden?
Ehbauer: Da fällt mir viel zu ein. Wir haben bereits viele Stakeholder befragt, von Fachleuten bis zu Menschen, die vor Ort leben und arbeiten. Natürlich auch die MVG und die Bahn. Denkbar wäre etwa, die Brücke so zu planen, dass auch die Straßenbahn drüberfahren könnte. In einem Workshop haben wir bereits Ideen zusammengetragen. Manch einer hat sich dabei ein Café oder ein Kiosk obendrauf gewünscht, andere möchten dort Sport machen können. Eine Idee war auch, dass man die Brücke sogar in irgendeiner Form für Olympische Spiele als Sportstätte nutzen könnte. Künstlergruppen haben auch bezüglich der Gestaltung angefragt. Ein anderer Vorschlag war, die historischen Brücken wie die Rialtobrücke in Venedig oder die Ponte Vecchio in Florenz als Vorbild zu nehmen, auf denen bis heute rege Handel getrieben wird. Und es gibt natürlich auch Wünsche aus den BAs, dass man so baut, dass das Bauwerk die Stadtteile nicht mehr zerschneidet, sondern sie verbindet.
Auch was es an Möglichkeiten unter, auf und neben der Brücke gibt, muss mitbedacht werden. Natürlich kommen dann Aspekte auf wie Begrünung und Aufenthaltsqualität. Heute ist die Brücke eher ein Unort. Die neue Brücke soll ein Landmark werden. Gibt es nachher vielleicht Handel oder Wohnraum obendrauf? Alles vorstellbar, deswegen macht man bei Projekten wie diesem einen Wettbewerb und sammelt möglichst viele gute Ideen ein.

Was viele nicht wissen: Unter der Donnersberger Brücke finden Streetart-Fans eine der größten Freiluftgalerien Deutschlands. Die Typografische Gesellschaft hat hier einen Beitrag über die in der Open-Air-Galerie sichtbaren Künstler:innen geschrieben. Und berichtet von der Entstehung auf Initiative des Münchner Künstlerkollektiv Writers Corner München im Jahr 2012 in Kooperation mit dem Baureferat. Foto: MUCBOOK
MUCBOOK: Wenn man auf der Brücke Handel betreiben oder sogar wohnen kann, dann würde das ja bedeuten, dass sie breiter wird als sie eh schon ist. Wie kann man sich das vorstellen?
Ehbauer: Das mit der Verbreitung ist nichts Neues. Bei meiner Recherche bin ich auf einen Entwurf gestoßen, mit der Idee, die gesamten Gleise bis zum Hauptbahnhof zu überdecken. Das ginge dann ziemlich in Richtung Stuttgart 21. Ich weiß aber nicht, ob sich München das antun möchte. Als nächsten Schritt werden wir voraussichtlich im April den dann neuen Stadtrat bitten, uns mit einer Machbarkeitsstudie zu beauftragen, um zu prüfen, in welche Richtung wir überhaupt weiterdenken können.
MUCBOOK: Was man ja auch noch hat, ist der Raum unter der Brücke. Der wurde in der Vergangenheit auch schon genutzt. Was sehen Sie da für Möglichkeiten?
Ehbauer: Es gibt immer wieder Anfragen auf Nutzungen. Das Problem ist, dass vieles nicht genehmigt werden kann, zum Beispiel weil es zu laut ist. So etwas könnte man beim Neubau beheben. Aber auch da müssen wir schauen, was geht und was nicht geht. Sehr gut kann ich mir vorstellen, dass der Raum unter der Brücke als Verbindung der Quartiere gedacht wird. Mir als Frau ist zudem wichtig, dass endlich Angsträume beseitigt werden, die jetzt zum Teil vorhanden sind.
MUCBOOK: Welche Mitmachmöglichkeiten gibt es denn?
Ehbauer: Wir sind grundsätzlich für alle konstruktiven Anregungen dankbar, über welchen Kanal auch immer. Das weitere Vorgehen sieht so aus, dass wir auf Basis der Machbarkeitsstudie in die Planung gehen wollen. Im Prozess sollen aber nicht nur Fachleute und politische Vertreter zu Wort kommen, sondern auch Menschen, die die Interessen derjenigen repräsentieren, die mit der Maßnahme unmittelbar konfrontiert sind.
MUCBOOK: Die Hackerbrücke soll ja auch saniert werden. Wenn jetzt aber die Donnersberger das nächste große Thema wird, schließen Sie dann die Verkehrsberuhigung auf der Hackerbrücke aus, weil wir diese als Entlastung für die Umbauphase an der Donnersberger brauchen?
Ehbauer: Das schließe ich ganz und gar nicht aus. Die Hackerbrücke wird jetzt ertüchtigt und wird danach wieder mehr Last aufnehmen können, das ist richtig. Aber dass man die Hackerbrücke trotzdem zu einer Fuß- und Radwegbrücke macht, schließe ich nicht aus. Es kann natürlich passieren, dass man sie als Ausweichoption braucht, aber ehrlich gesagt, ist der zwangsläufige Neubau der Donnersberger für die Hackerbrücke sogar die beste Chance, dass sich die Situation für den Fuß- und Radverkehr dort deutlich verbessert. Wenn wir mit dem Neubau der Donnersberger Brücke zu lange warten, laufen wir nämlich Gefahr, irgendwann sagen zu müssen, LKWs dürfen sie nicht mehr befahren, weil sie das nicht mehr aushält, und müssten stattdessen über die Hackerbrücke fahren.
MUCBOOK: Können Sie schon abschätzen, wie lange der Neubau der Donnersbergerbrücke in etwa dauern würde?
Ehbauer: Da mache ich keine Prognose. Das kommt sehr darauf an, wie sie gebaut wird und es ist auch eine Frage der Verkehrsplanung.
MUCBOOK: Vielen Dank für das Gespräch, Frau Ehbauer!

Freie Sicht gen Westen – so könnte der Blick von einer Sundowner-Bar auf der Brücke aussehen. Foto: MUCBOOK