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Ausstellung der Hochschule München in der Neuen Ziegelei . Foto:Myriam Zeh
Manche Geschichten liegen nicht im Museum, sondern direkt vor der Haustür. Wer durch Bogenhausen läuft, kommt an Häusern vorbei, die vom Aufbruch der 1920er-Jahre, von moderner Wohnkultur und von einem fast vergessenen jüdischen Architekten erzählen: Helmuth Wolff. Eine Ausstellung in der Neuen Ziegelei folgt seinen Spuren im Viertel und zeigt, wie viel Geschichte in Fassaden, Innenhöfen und Treppenhäusern steckt.
Wolff war ab 1924 als selbstständiger Architekt in München tätig. Er war erst Anfang Dreißig als er Ende der 1920er-Jahre in den Stadtteilen Bogenhausen und Untergiesing große Wohnblöcke konzipierte. Seine durchdachten und innovativen Wohnanlagen werden zwischen Moderne, Art Deko und Münchner Tradition verortet.
Seine Bauten in Bogenhausen sind bis heute erhalten, sein Name dagegen geriet weitgehend in Vergessenheit. Dabei prägte der gebürtige Berliner mit Wohnanlagen wie dem Isar-Block an der Prinzregentenstraße (Hausnummer 81, 83 und 87) das Stadtbild des Viertels entscheidend mit. Zwischen 1927 und 1930 entstanden dort 171 Wohnungen auf einem ehemaligen Brauerei- und Fabrikgelände, mit begrünten Innenhöfen, funktionalen Grundrissen und dem Anspruch, modernes Wohnen mit Licht, Luft und Grünflächen zu verbinden.
Besonders spannend wird die Ausstellung dort, wo Architektur mehr erzählt als nur Stilgeschichte. Im „Grünen Block“ zeigt sich zum Beispiel, wie sichtbar soziale Hierarchien damals gebaut wurden: repräsentative Treppenhäuser mit Aufzügen für die wohlhabende Bewohnerschaft, separate schlichte Eingänge für Dienstboten. So wird ein Wohnhaus zum Zeitdokument der 1920er-Jahre.
Bogenhausens erstes Kino baute er in einem Wohnhaus
Fun Fact: Wolff plante in der Geibelstraße 6 das erste Kino Bogenhausens. Das Kamera-Kino lag nicht an einer großen Vergnügungsmeile, sondern als Teil eines Wohnneubaus mitten im Viertel. 482 Plätze, ein Kinosaal im Innenhof, das Foyer im Erdgeschoss: Also ein Stück Weimarer Freizeitkultur, versteckt in der Architektur des Alltags.
Doch die Ausstellung bleibt nicht bei Gebäuden stehen. Sie verbindet Wolffs Werk mit seiner Biografie: 1933 emigrierte der jüdische Architekt mit seiner Frau Annemie in die Niederlande. Im Exil gründeten die beiden ein Fotoatelier. Nach der Besetzung der Niederlande durch das nationalsozialistische Deutschland nahm sich Wolff 1940 das Leben.

Annemie und Helmuth Wolff, in den 30-er Jahren in Amsterdam. Foto: Wikipedia, Urheber unbekannt
Gerade deshalb wirkt die Ausstellung nicht wie eine reine Architekturschau. Sie ist eher eine Spurensuche: nach einem Namen, der aus dem Münchner Stadtgedächtnis verschwunden ist, obwohl seine Gebäude geblieben sind – und bis heute prägend wirken.
Wer also denkt, Architekturausstellungen seien nur etwas für Fachpublikum, sollte der Neuen Ziegelei trotzdem einen Besuch abstatten. Entstanden ist die Ausstellung aus einem Forschungsseminar von Architekturstudierenden der Hochschule München unter der Leitung von Prof. Dr. Karl R. Kegler und in Kooperation mit NordOstKultur.
Statt ihre Recherche im Seminarraum verschwinden zu lassen, haben die Studierenden Pläne, Modelle, Fotografien und biografisches Material zusammengetragen und daraus eine zugängliche Ausstellung gemacht. Sie zeigt, was entstehen kann, wenn studentische Forschung nicht nur für die Uni gedacht ist, sondern zurück in die Stadt getragen wird.
Infos zur Ausstellung auf einen Blick:
Werk & Biografie des Architekten Helmuth Wolff
Wann? 07.05. – 12.06.26
Wo? Neue Ziegelei, Ruth-Drexel-Str. 34, 81927 München Bogenhausen
Das Projekt wurde von Studierenden der Hochschule München (Fakultät für Architektur) unter der Leitung von Prof. Dr. phil. Karl R. Kegler erarbeitet und in Kooperation mit dem Verein NordOstKultur realisiert. Die Ausstellung ist im Bürger- und Kulturtreff „Neue Ziegelei“ zu sehen. Ziel ist es, einen weitgehend in Vergessenheit geratenen Architekten der 1920er-Jahre wieder sichtbar zu machen und seine Bedeutung im Kontext der Architektur- und Zeitgeschichte, insbesondere für München, einzuordnen.
Titelfoto: Eleni Kalpakas