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Die unsichtbaren Barrieren der Stadt – unterwegs mit den Raumpilot*innen

Das Körpergewicht lehnt sich auf den Kinderwagen. Die Vorderräder heben ab und landen auf dem Bordstein. Danach folgen die Hinterräder – ein kurzer Ruck, dann ist es geschafft. Ein Kraftakt, der sich bei einem Spaziergang durch die Stadt ständig wiederholt. Ist man oben auf dem Gehweg angekommen, wird es für Eltern samt Kinderwagen nicht leichter. Es ist eng und ständig muss man die Spur korrigieren: Ein E-Scooter ragt in den Weg, weiter vorne steht ein Auto halb auf dem Bordstein und Passanten betreten die Straße, um dem Kinderwagen auszuweichen. Viel Platz ist hier keiner vorgesehen. Das Aushandeln von Raum in einer Stadt ist für einige Menschen körperlich spürbarer als für andere. Es hat auch etwas mit Privilegien zu tun. 

Menschen mit Rollator, im Rollstuhl oder mit kleinen Kindern an der Hand erleben die Stadt auf andere Weise als Menschen, die in ihrer Bewegungsfreiheit nicht eingeschränkt sind. Unweigerlich stellt sich dabei die Frage: Für wen planen wir eigentlich unsere Städte? Ein Blick auf viele deutsche Innenstädte gibt eine ernüchternde Antwort. Mehrspurige Straßen durchziehen die Viertel, Autos bestimmen den Takt. Fahrräder bewegen sich am Fahrbahnrand und Fußgänger:innen arrangieren sich mit dem, was übrig bleibt.

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Leitfaden für eine bessere Stadt 

An der Technischen Universität München haben sich drei Studierenden des Lehrstuhls Urban Design Pauline Elena Philipp, Pia Winder und Lara Brezing unter dem Namen Raumpilot*innen, diese Frage der Raumverteilung genauer betrachtet. Das Ergebnis: ein Handbuch für eine gendergerechte Stadt. Es soll zeigen, wie gerechtere Planung geht – so, dass die gebaute Umwelt alle Menschen mitdenkt. 

Die Theorie ist das eine, der Stadtraum das andere. Die Raumpilot*innen bringen beides zusammen und luden, organisiert vom Münchner Forum, zu einem Spaziergang durch München ein, der zum Perspektivwechsel aufforderte. Mit Rollator, Blindenstock, Krücken oder Zwillingskinderwagen unterwegs, erlebten die Teilnehmenden, wie schnell sich scheinbare Selbstverständlichkeiten in Hindernisse verwandeln.

Von der autogerechten zur gerechten Stadt 

Etwa an einer großen Straßenkreuzung in München. Verkehr, Tempo und Lärm sind hier Alltag. Der Raum scheint darauf ausgelegt, möglichst viele Fahrzeuge möglichst schnell hindurchzuleiten. Pendler:innen werden hier klar priorisiert. Seit der Charta von Athen orientiert sich Stadtplanung stark am Auto. Mobil ist, wer fahren kann. Und wer nicht fährt, bewegt sich entlang dieser Logik – oft in ihrem Schatten. 

Doch viele Wege sind eben keine Pendelwege. Sie sind kleinteiliger und brauchen mehr Zeit, gerade für Menschen, die einer Form von Care-Arbeit nachgehen – was noch immer zum Großteil Frauen sind. Hier geht es nicht um Schnelligkeit, sondern um Sicherheit. Etwa, wenn man die pflegebedürftige Oma zum Arzt bringt oder die Kinder in den Kindergarten. Genau dann wird deutlich, dass es in der Stadt an breiten Gehwegen, Bänken und sicheren Querungen fehlt. Die Fläche wäre da, ist aber oft den Straßen und Parkplätze vorbehalten. 

Tatsächlich kennt Planung inzwischen neue Leitbilder, etwa die „15-Minuten-Stadt“.  Alles Wichtige soll in 15 Minuten zu Fuß erreichbar sein. Ein Fortschritt, aber auch ein Fortschritt mit blinden Flecken: Denn wer mit Kleinkind unterwegs ist, hält an jedem Bordstein und wer einen Rollator nutzt, macht Pausen. Die angestrebten 15 Minuten basieren auf der Geschwindigkeit eines gesunden aufrechtgehenden Menschen. Bei allen anderen werden aus den 15 Minuten gut und gerne 60 Minuten.

Auch banale Dinge verraten Prioritäten. Öffentliche Toiletten etwa: Es gibt zu wenige und wenn es sie gibt, sind sie oft verschmutzt. Dabei sind sie Voraussetzung für Teilhabe und sollten fair verteilt, ausreichend groß und angemessen ausgestattet sein – für alle Geschlechter und Bedürfnisse. Besonders Frauen sind hier benachteiligt. Sie brauchen im Schnitt mehr Zeit auf dem Klo, während Männer auf zusätzliche Urinale zurückgreifen können. Das Ergebnis: längere Warteschlangen für die einen, schnellere Durchläufe für die anderen. Eine Schieflage die durch smarte Planung behoben werden könnte.  

Doch nicht alle Barrieren sind so sichtbar wie ein zu schmaler Gehweg oder eine fehlende Toilette. Manche entstehen im Kopf: Die drei Raumpilot*innen richten den Blick beim Spaziergang deshalb auch auf Angsträume. Das sind meist Orte, die isoliert von der Außenwelt scheinen: wenn Bäume, Betonwände oder Baustellen Sichtachsen versperren oder eine unzureichende Beleuchtung Wege unübersichtlich macht. Viele, insbesondere Frauen, meiden solche Orte gezielt und weichen auf andere Wege aus, auch wenn diese länger sind.  

Die Studierenden aus München ziehen daraus eine klare Konsequenz: Stadtplanung muss breiter gedacht werden. Sie muss die Bedürfnisse aller abbilden. Denn wer Frauen, Menschen mit Einschränkungen, Kinder und Ältere mitdenkt, baut nicht für Minderheiten, sondern für die Mehrheit.

Instagram: Raumpilot*innen 

Bilder: 1 (Titelbild) © Vanessa Wagner, 2 @ Manuel Zeller, 3&4 @ Pia Wender