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Eishockey: Das Filetstück im Münchner Sport

Andreas Purzer
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König Fußball regiert die Sportstadt München und ist allgegenwärtig. Blaue Nostalgiker halten ihrem TSV 1860 bis in die Niederungen des Amateurfußballs die Treue, während erfolgshungrige Fans dem Serienmeister von der Säbenerstraße zujubeln. Kommerz bis an die Grenze des Erträglichen zur Finanzierung obszöner Ablösesummen sorgt jedoch, nicht erst seit dem Transferwahnsinn im vergangenen Sommer, für eine zunehmende Entfremdung zwischen Fans und Volkssport Nummer 1.

Bodenständiger geht es beim Eishockey zu. Auf der Suche nach leidenschaftlichem Spitzensport, bei dem schon mal Fäuste und Zähne fliegen, lohnt sich ein Besuch in der Olympia Eishalle, Heimat des Deutschen Meisters EHC Red Bull München.

Ein Gespräch mit tz-Sportreporter Florian Weiß, Autor des Buchs „111 Gründe den EHC Red Bull München zu lieben“, über Eishockey in der Landeshauptstadt und die Faszination des schnellsten Mannschaftssports der Welt.

Florian, was vermutlich nur die wenigsten wissen: München gehört zu den Pionierstädten des Deutschen Eishockeys.

Florian Weiß: Richtig. Der MTV 1879 spielte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Kleinhesseloher See im Englischen Garten Eishockey. Er war es, der 1922 die Vorherrschaft des Berliner Schlittschuhclubs brechen und als erste Nicht-Berliner Mannschaft den Meistertitel gewinnen konnte. Durch die Gründung des SC Riessersee in Garmisch-Partenkirchen wanderten aber zahlreiche Spieler in Richtung Süden ab, München verlor seine Mannschaften.

Erst 1967 kehrte München zurück auf die große Bühne, als der FC Bayern die Eishockey-Abteilung des Münchner EV übernahm. Man spielte zwei Jahre erstklassig, doch der FCB wollte sich auf den Fußball konzentrieren und verkaufte die kostspielige Eishockey-Abteilung 1969 ausgerechnet nach Augsburg. Es folgte der EHC 70 München, der aber nur ein Jahr lang (1980/81) erstklassig spielen konnte und schon 1982 wieder pleite war. Im selben Jahr wurde der legendäre EC Hedos geboren, der zwar die Massen begeisterte und 1994 Deutscher Meister wurde, sich finanziell aber komplett übernahm. Ein halbes Jahr nach dem Titelgewinn wurde der Verein von der Schuldenlast erdrückt und stellte noch während der Saison den Spielbetrieb ein.

Von 1999 bis 2002 gab es dann die München Barons, einen künstlich in den Olympiapark gepflanzten Verein, der von den Münchnern nie angenommen wurde. 2002 wurde er unter dem Namen Hamburg Freezers in die Hansestadt umgesiedelt und inzwischen aufgelöst. Den EHC München gibt es nun seit 1998, zwölf Jahre später stieg er in die DEL auf. 2012 war er so gut wie tot, dann kam Red Bull und bewahrte München vor der nächsten Eishockey-Pleite.

Pleiten, Pech und Pannen haben also Tradition. Gibt es die berechtigte Hoffnung, dass durch den Einstieg von Red Bull Profieishockey in München endlich eine langfristige Perspektive bekommt?

Aus meiner Sicht waren die Chancen für eine nachhaltige Etablierung von Profi-Eishockey in München nie besser als jetzt. Mit Red Bull ist nun ein finanzstarker Partner da, der weltweite Erfahrung im Sportbusiness und vor allem im Marketing hat. Dass hier langfristig Eishockey gespielt werden soll, zeigen auch die Pläne für eine neue Halle. Ohne potenten Sponsor, Gesellschafter oder Eigentümer ist Profi-Eishockey in Deutschland fast nicht mehr möglich – und in München, der Fußball-Stadt überhaupt, schon gar nicht.

Apropos Fußball: Red Bull ist als Investor von Leipzig ein rotes Tuch für gegnerische Fans. Wie verhält sich das beim Eishockey, wird München hier auch als reines Marketing Produkt gesehen?

Grundsätzlich ist auch der EHC seit der Red-Bull-Übernahme immer wieder das Ziel von Beleidigungen und Anfeindungen seitens anderer Fan-Lager – allerdings in geringerem Ausmaß als im Fußball. Das liegt vor allem daran, dass das deutsche Profi-Eishockey fast nur noch mit solchen Partnern funktioniert und das wissen die meisten Fans. Ultras oder Traditionalisten verschließen davor allerdings gerne die Augen. Hinter den Adler Mannheim steht beispielsweise der Software-Gigant SAP, in Nürnberg gibt es die Ice Tigers nur noch dank des Sponsorings von Schmuck-Hersteller Thomas Sabo und die Eisbären Berlin hängen am Tropf der US-amerikanischen Anschutz Entertainment Group.

Was Red Bull in München aber clever angestellt hat, ist der Fakt, dass die Vereinshistorie nicht gelöscht wurde. Man geht offen mit der Geschichte vor der Übernahme um und versucht den Verein so münchnerisch wie möglich zu belassen, den lokalen Bezug somit aufrecht zu erhalten. Auch die Vereinsfarben wurden nicht komplett geändert, sondern lediglich angepasst. Statt weiß-blau sind sie jetzt blau-weiß-rot – mit ganz wenig rot. Dass beispielsweise auf den Lederhosen der Spieler aber das Red-Bull-Logo zu sehen ist oder bei offiziellen Terminen gerne die Energy-Drink-Dosen präsentiert werden, zeigt natürlich, dass Marketing ein wesentlicher Bestandteil und auch die Aufgabe des EHC ist. In meinen Augen gelingt der Spagat zwischen Konzern-Verein und Münchner Wurzeln allerdings sehr gut.

Du berichtest auch über den TSV 1860 und den FC Bayern. Wie hat es Dich zum Eishockey verschlagen und was begeistert Dich so an der Sportart?

Wenn du ein Münchner Kindl bist, wirst du erst einmal Fußball-Fan – egal ob blau oder rot. Das liegt in der Historie der Stadt und der Vormachtstellung des Fußballs hier. Tatsächlich habe ich mich schon ab Mitte der 2000er für Eishockey interessiert, jedoch fehlte mir der klassische Vermittler, der mich mal in die Eishalle mitgenommen hätte. So blieb ich beim Fußball und schaute nur beiläufig darauf, was sich im Eishockey tat – bis zum Sommer 2010. Zum Aufstieg des EHC in die DEL hatte ich eine Freundin kennengelernt, die Dauerkartenbesitzerin war und die nahm mich zum Testspiel gegen Augsburg mit, das der EHC mit 5:2 gewann. Die laute und enge Atmosphäre, das hohe Tempo, die Intensität, das Fehlen des aus dem Fußball bekannten minutenlangen Taktierens – dieser Sport hat mich sofort gepackt. Seither pendle ich zwischen Fußball und Eishockey hin und her. Ich bin ja hauptberuflich Onlineredakteur bei Münchner Merkur und tz mit Schwerpunkt Fußball, mache aber seit 2015 für die tz zusätzlich die EHC-Berichterstattung.

Eishockey ist in meinen Augen das Filetstück im Münchner Sport, das leider zu viele noch nicht probiert haben. Es schmeckt nämlich richtig gut.

Ein Filetstück garniert mit deutschen Nationalspielern und nordamerikanischen Profis. Wer sind die herausragenden Persönlichkeiten im Münchner Team?

Da hätten wir Dominik Kahun, den absoluten Publikumsliebling. Er ist Stürmer und gerade einmal 22 Jahre alt, ein absolutes Ausnahmetalent mit bemerkenswerten technischen Fähigkeiten. Im Sommer 2015 wurde er sogar schon zu einem Trainingscamp der New York Islanders aus der NHL eingeladen. Dann haben wir Steve Pinizzotto, den „Sheriff vom Oberwiesenfeld“ oder, wie ihn Stadionsprecher Stefan Schneider gerne nennt, „den Mann mit der Hausordnung“. Der Deutsch-Kanadier ist das Raubein des EHC, der gerne auch einmal die Fäuste sprechen lässt. In der Liga wird er ebenso gefürchtet wie verteufelt, denn neben seiner aggressiven Spielweise ist er technisch überragend und treffsicher. Der dritte, den ich nennen möchte, ist Verteidiger Konrad Abeltshauser. Er ist das bayerische Aushängeschild des EHC, ein Original, das man nicht besser erfinden könnte. Bei offiziellen Terminen trägt der geborene Tölzer stets einen Trachtenhut, spricht grundsätzlich tief bayerischen Dialekt und ist bekannt für seine verschmitzten und lockeren Äußerungen. Weitere Namen, die man nicht vergessen sollte, sind unter anderem Kapitän Michael Wolf, Allrounder Yannic Seidenberg, Topscorer Keith Aucoin oder der verrückte Keeper David Leggio.

In Deinem Buch stellst Du „111 Gründe, den EHC Red Bull München zu lieben“ vor. Wodurch wird die Liebe beim ersten Besuch in der Eishalle entfacht?

Pure Action über 60 Minuten Nettospielzeit sind einfach mitreißend, jede Sekunde kann etwas passieren. Im Fußball kommt es vor, dass minutenlang der Ball hin und her geschoben wird – im Eishockey undenkbar. Auch Schauspielerei oder theatralisch stürzende Spieler findet man beim Eishockey nicht.

Der Sport wirkt ehrlicher und fairer – trotz der oftmals ruppigen Aktionen.

Dazu kommt die Atmosphäre. Der Zuschauer ist hautnah dran am Plexiglas, alles ist kleiner, enger, irgendwie familiärer und nicht so abgehoben wie im Profi-Fußball.

Mit klein und eng ist das in die Jahre gekommene Eisstadion im Olympiapark gut beschrieben. Charmant könnte man es auch als Oldschool bezeichnen. Red Bull plant den längst überfälligen Bau einer modernen Multifunktionsarena.

Die Pläne für eine neue Halle existieren bereits seit der Übernahme des EHC durch Red Bull, doch bis heute hat der Bau noch nicht begonnen. Das lag auch daran, dass der FC Bayern, dessen Basketballer die Halle als Mieter mit nutzen sollen, zwischenzeitlich aus dem Projekt ausgestiegen war. Seit der Rückkehr von Präsident Uli Hoeneß zum FC Bayern sind die Roten aber wieder an Bord. Auch mit der Stadt gab es wohl bürokratische Verzögerungen. Hoeneß hat aber im September auf die neue Arena angesprochen gesagt, er denke, „dass wir bis Ende des Jahres alles beieinander haben. Es läuft alles planmäßig“. Baubeginn könnte demnach 2018 sein, mit der Eröffnung dürfen wir 2020 oder 2021 rechnen – hoffentlich.

Einen kleinen Vorgeschmack darauf bieten die sogenannten „Hockey HALLEluja“ Spiele. Traditionell zieht der EHC zum Jahreswechsel in die große Olympiahalle, um dort seine Spiele vor 10.000 Fans auszutragen. Diese Saison stehen gleich drei Partien gegen Mannheim, Berlin und Nürnberg auf dem Programm. Was erwartet die Zuschauer?

Kurz gesagt: Ein sportliches Spektakel unter dem Zeltdach! Der EHC trifft als Meister auf drei absolute Topteams der Liga, die ihm den Titel streitig machen wollen. Besonders die bayerisch-fränkischen Derbys mit Nürnberg sind immer emotional und die Ice Tigers haben dem EHC in den letzten Jahren schon öfter ein Bein stellen können. Die Kulisse einer ausverkauften Olympiahalle tut ihr Übriges dazu, das altehrwürdige Rund kann beim Eishockey richtig kochen – wenn die Action auf dem Eis passt. Zudem wird es sicher wieder eine spektakuläre Intro-Show und zahlreiche Aktionen rund um die Spiele geben. Die HALLEluja-Spiele sind absolute Highlights und als Promo-Event für das Eishockey in München immens wichtig.

Pyrotechnik und gewaltbereite Fans gehören zum Bundesliga-Alltag. Von Randalen in der DEL ist wenig zu hören.

Das ist das Faszinierende an der Eishockey-Fanszene, sie ist mehr von Respekt und Spaß am Sport geprägt. Abgesehen von den Rivalitäten wie München-Augsburg oder Düsseldorf-Köln geht es rund um die Stadien und auf den Rängen gesitteter und ruhiger zu. Idioten gibt es überall, klar, aber Krawalle oder Ausschreitungen sind im Eishockey tatsächlich die absolute Ausnahme. Pyrotechnik gibt es in den Hallen eigentlich überhaupt nicht. Das macht einen Besuch im Eisstadion auch familienfreundlich, was sich mit Blick auf die Tribünen bestätigt. So ist der Frauen-Anteil bei den Zuschauern beispielsweise erheblich höher als beim Fußball.

In den vergangenen beiden Spielzeiten wurde der EHC souverän Deutscher Meister. Abschließend Deine Prognose, wie stehen die Chancen auf eine erneute Titelverteidigung?

Der EHC hat eine beeindruckende Vorbereitung und superstarke Gruppenphase in der Champions Hockey League hingelegt. Der Start in die Liga war holprig, aber das Team hat sich mittlerweile gefangen. Der Titel geht auch in dieser Saison nur über den EHC Red Bull München, da bin ich mir sicher. Allerdings ist die Konkurrenz mit Berlin, Nürnberg und Mannheim in meinen Augen deutlich stärker als in den vergangenen Jahren und in den Playoffs kann alles passieren. Bleibt der EHC aber konstant, von Verletzungen verschont und hat das notwendige Quäntchen Glück in den entscheidenden Phasen, kann es mit dem historischen Titel-Hattrick klappen. Der gelang in der DEL übrigens bisher nur Mannheim (1997-99) und Berlin (2011-13).

+++Gewinnspiel+++

Ihr habt jetzt Lust bekommen, das mal aus der Nähe anzuschauen? Das trifft sich gut, denn wir haben drüben auf Facebook je 2 Karten zu vergeben für das Hockey HALLEluja zum Jahreswechsel in der Olympiahalle:

Dienstag, 30.12. : EHC Red Bull München vs. Thomas Sabo Ice Tigers

Dienstag, 2.1. : EHC Red Bull München vs. Adler Mannheim

Freitag, 5.1. : EHC Red Bull München vs. Eisbären Berlin

 

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