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FENGEL’SCHER BILDATLAS #5 MIT WORTEN VON BERND GRAFF

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Noch ein Nachschlag für die Fengel-Fans! Dieses Bild ist nicht frisch an den Nagel gekommen, sondern hängt bereits etwas länger in der Villa Stuck. Doch wir wollen euch auf keinen Fall vorenthalten, zu welchen Gedanken das Werk Bernd Graff, SZ-Redakteur im Ressort Kultur, inspiriert hat:

Der Mensch hat eine natürliche Herangehensweise beim Betrachten von Fotografien: Er sucht das Motiv darauf. Er sieht nicht das Bild als ganzes Bild. Sondern er sucht, warum es gemacht wurde: Das Motiv. Deswegen gibt esauch so viele schlechte Fotografien. Denn sie werden deswegen gemacht: Sie bilden ein Motiv ab. Menschen vor den Säulen der Akropolis oder der Münchner Oper, Beine abgeschnitten, Kopf halb weg, so klein, dass man sie nur an der baseballkappe erkennen möchte. Babys auf der Wickelkommode, Katzen in Kartons. Unmöglich sind sie in ihrer Komposition, aber das Objekt, um das es gehen soll, ist irgendwie drauf. Solche – schlechten – Fotografien sind Abbildungen von Raum zu einem gegebenen Zeitpunkt. Der Begriff Schnappschuss trifft das ganz gut: Man schnappt in den Raum zu einer bestimmten Zeit. Es sind Augenblicksräume also, die nicht vom gewünschten Motiv und der Zeit seiner Aufnahme getrennt werden können.

Das Bild, um das es hier geht – es ist ein gutes –, ist kein Schnappschuss, es ist kein Griff in den Raum zu einer bestimmten Zeit. Es bildet Ewigkeit ab und unzählbare Vergangenheit. Es ist zweidimensional, es ist flächig, es ist farbig, aber kein abfotografiertes Irgendwas, auch wenn es an zentraler Stelle ein Stück wuchtig-kantigen Felsens zeigt, der auf einem runden, vierfüßigen, hockerähnlichen Sockel steht, der vielleicht ebenfalls aus Stein ist.

Dieses Foto-Bild ist wunderschön: Es vermittelt eine Stimmung, kein Motiv. Auch wenn lauter Motive darauf sind.

So ist der hochkant stehende Felsen, vielleicht Granit, vielleicht Marmor höher als sein dunkelbraun-rötlicher Sockel. Dieser weist auf seiner Grundoberfläche noch zwei weitere, jeweils kleiner in ihren Radien werdende Scheiben auf, auf deren kleinster eben der dunkle Stein sitzt. Nein, er sitzt nicht, er schnellt aus seinem Hockerpodest in die Höhe wie ein Glattwal aus dem Südpazifik. Der Wal-Eindruck stellt sich tatsächlich ein. Nicht nur wegen der dunklen Farbe des Steins. Denn seine dunkel schimmernde Außenhaut zeigt große, weiße, eisblumenartig strahlende Flächen, die wirken wie die von Wal-Läusen verursachten Hautwucherungen im Kopfbereich von Südkapern, das sind Wale. Es die Wunden des Steins.

Damit wäre das Zentralmotiv beschrieben: Sternförmig, tentakelig, feuerwerksexplosiv gefleckter dunkler Wal-Stein auf bräunlichem Steinhocker. Doch da ist ja noch mehr. Hocker und Stein befinden sich in einem ins Graue gehenden, fleckig verputzen weißen Raum, der kaum breiter und kaum tiefer ist als der Hocker, auf dem der Stein steht. Links könnte ein Fenster sein, jedenfallssieht man eine anthrazitfarbene Steinfensterbank. Und irgendwoher muss das Licht ja kommen. Alles ist aus Stein, auch der dunkelgrau bläuliche Fußboden.

Die Stirnwand hinter dem Steinhockergebilde zeigt an den beiden Seitenkanten deutlich schwarze Vertikallinien, unterschiedlich breit, die bis an die Decke reichen müssen, die man hier aber nicht sieht. Die Schwarzlinien gehen ins Unendliche. Man gewinnt also keine Größenvorstellungen, aber sollte die auf den Fluchtpunkt der Zentralperspektive zulaufende Fensterbank Menschenmaße, also Maße, die Menschen gewohnt sind, haben, dann werden Hocker und Stein etwa 1,50 Meter hoch sein. Was aber komplett egal ist. Denn das Bild ist Farbfläche, die von diesen Tönen dominiert wird: Schwarz, grau, anthrazit, braunrot und schmutziges Weiß. Letzteres akzentuiert den Stein und wiederholt sich in Flecken an den Wänden, an denen der Grau-Putz abgeblättert ist. Folgt man den geometrischen Linien dieser Komposition, sieht man den auf einen fernen Mittelpunkt zulaufenden dicken Strich der Fensterbank, die beiden unterschiedlich breiten Vertikalen in Schwarz, welche die Rückwand markieren, die Rundungen des Hockers, die schwarze Fläche des Fußbodens und das schmutzige Grau der Wandflächen. Und natürlich im Zentrum: den Orakelstein, ein an Kubricks seltsames Gebilde aus „2001“ erinnerndes Rätsel aus hartem Material, hier mit weißen Eisblumen weichgezeichnet. Und obwohl alles sauber, allenfalls gealtert aussieht, obwohl in diesem Steinarrangement alles durch Linien undFlächen klar geordnet erscheint, lediglich hingestellt ein Steinding auf seinem Sockel, ist die tote Kälte dieses Ensembles erschütternd. Denn man möchte – wie Goethe in „Über den Granit“ schrieb, genau das schreien: „Ich kehre von jeder schweifenden Betrachtung zurück und sehe die Felsen selbst an, deren Gegenwart meine Seele erhebt und sicher macht. Ich sehe ihre Masse von verworrenen Rissen durchschnitten, hier gerade, dort gelehnt in die Höhe stehen, bald scharf übereinander gebaut, bald in unförmlichen Klumpen wie übereinander geworfen, und fast möchte ich bei dem ersten Anblicke ausrufen: Hier ist nichts in seiner ersten, alten Lage, hier ist alles Trümmer, Unordnung und Zerstörung.“

Und doch! Ausgelöst von dieser Bildfläche mit schroffen Ordnungen, von erloschener Glut und matt glänzenden Farben, von den abrupten Übergängen ins Weiß-Schwarze, ausgehend also von dieser innehockenden Verfestigung der Todesfurcht und Endgültigkeit, wächst Hoffnung auch in aller leblosen Kälte. Auch hier muss man Goethe wieder hören: „Du gehst nicht wie in jenen fruchtbaren schönen Tälern über ein anhaltendes Grab, diese Steine haben nichts Lebendiges erzeugt und nichts Lebendiges verschlungen, sie sind vor allem Leben und über alles Leben. So einsam, sage ich zu mir selber, wird es dem Menschen zumute, der nur den ältesten, ersten, tiefsten Gefühlen der Wahrheit seine Seele eröffnen will. Ja, er kann zu sich sagen: Hier auf dem ältesten, ewigen Altare, der unmittelbar auf die Tiefe der Schöpfung gebaut ist, bring ich dem Wesen aller Wesen ein Opfer.

Martin Fengel hat eine Altarfläche für die erwachsene Versöhnung mit der Zeit komponiert mit dieser Fotografie. Sie ist eine der Guten.

Bernd Graff
(Goethe-Zitat: Goethe, Ãœber den Granit, Goethe-HA Bd. 13, S. 254 ff.)

Die Hintergründe zum Projekt “Wachs” von Martin Fengel:
Martin Fengel schickt jede Woche einem Künstler, Autor und anderen Menschen, dessen Arbeit oder Werk er besonders schätzt, ein Foto mit der Bitte, dies zu betrachten ein paar Zeilen über die einströmenden Assoziationen aufzuschreiben. So entsteht zu dem optischen auch ein textliches Kompendium, was sowohl die Möglichkeit der Interpretation oder einfach nur der Beschreibung birgt.

Auf mucbook und auf dem Blog der Villa Stuck zeigen wir jeden Montag – wenn das neue Bild aufgehängt wird – was sich eine Person dazu dachte. Gerne ist auch jeder Leser des Blogs dazu eingeladen, in der Kommentarzeile frei und ungestüm weiter zu assoziieren. Begleitet wird Fengel‘scher Bildatlas durch vier Veranstaltungen, allesamt musikalischen Ursprungs, die in enger Zusammenarbeit mit Martin Wöhrl, Bernd Zimmer, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und dem Münchner Label GOMMA entstehen.

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