Die Band Fruchtiger Beigeschmack.
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Fruchtiger Beigeschmack: Mit Texten und Trompeten die Welt löschen

Der “linke Sommerhit des Jahres”, Support auf der Tollwood-Mainstage und virale Videos: Die Band Fruchtiger Beigeschmack ist gerade das Gesprächsthema in der Musikszene der Stadt und hier im Porträt. Über ihre Verbindung von Indie und Jazz, Subkultur und Star-Allüren und wie Friedrich Merz auf ihre Musik reagieren würde. 

„Habt ihr schon den Pinken Pueblo probiert?“, paukt Milena in die Runde. Gerade als wir mit dem Interview für diesen Artikel beginnen wollen, entfacht sich in der Band eine lebhafte Diskussion um die neueste Drehtabak-Sorte. „Nein, noch nicht, ich bleibe beim blauen.“, entgegnet Levi an diesem Mittwochmorgen im Baader Café und fährt mit der Zunge das Pape entlang. Die Zigaretten glimmen, das Klischee der rauchenden, linken Indies ist erfüllt. Ich habe die Ohren der Band und frage, was sie gerade beschäftigt. „Unser neuer Song ,Heimweg’!“, sagt Felix und das Klavier torkelt los. Der Gesang von Milena schlendert dazu, die Drums von Felix und jazzige Bläser posaunen und der Bass von Levi schmiegt sich ein.

Milena, Levi und Felix von der Band Fruchtiger Beigeschmack.

Fruchtiger Beigeschmack erfrischen mit ihrer Verbindung von Indie mit Jazz. Foto: Südpol Musik.

Kraftvoll und unberechenbar rauschen die Jazz-Fanfaren dahin und zwischendrin schlängelt sich eine lebendige Stimme mit aufgeladenen Zeilen hindurch. Es geht um sexualisierte Gewalt an Frauen. Ein Thema, das – leider – so oder so ähnlich derzeit immer wieder in Songs behandelt wird. Doch die Art wie Fruchtiger Beigeschmack dies machen lässt doppelt aufhorchen.

Mit Latinjazz gegen die AfD 

Von der Subkultur spielte sich Fruchtiger Beigeschmack innerhalb weniger Monate in alle Ohren bis auf die Mainstage des Tollwoods.

Die Videos zu ihren Songs auf Instagram gehen regelmäßig viral und die Kommentarspalten sind voll. Ihre Songs sind so luftig leicht zu hören und behandeln doch so schwere Themen, die genau am Zahn der Zeit balancieren. Sexuelle Gewalt an Frauen, der Kampf gegen die AfD oder das Klarkommen mit der hektischen Welt. Ihr Song „Löschzug“ ist so für viele der „linke Sommerhit des Jahres“. In Latinjazz gekleidet singt Milena hier vom Merzschen Stadtbild, dem Genozid in Israel, der Wehrpflichtdebatte und über allem schwelt der Dolch des Faschismus.

Fröhlich und wild tanzt die Meute junger Leute im Video einer verbrannten Welt entgegen und setzt mit eindringlichen Zeilen zum Löschvorgang an. In ihrem Klang spielt die Band dabei mit den Tempi, es geht auf und ab, die Instrumente springen voller Lebensfreude über die Tonspur. Linker Aktionismus in der Musik, das kann auch abseits von „Indie-Boys und Hip Hop Mackern“ funktionieren. Fruchtiger Beigeschmack zeigen es uns.

„Ich weiß, dass Menschen gerne verdrängen, aber es kann nicht sein, ihr seht es doch brennen.“
– Löschzug, Fruchtiger Beigeschmack (2026)

Gleichzeitig fängt die Musik die Lebensrealität der jungen Generation ein. Ganz ohne Kitsch, mit Poesie, Energie und einem Hauch Lethargie zugleich. So auch in „Ich hör mich nicht“. Zwischen Streitereien an der Edeka-Kasse, schreienden Kindern und dem weinenden Zeitungsmann gleicht dieser Song einem Spaziergang durch das stressige Großstadtleben. Mit Apathie und einer gewissen Wollust beobachten wir durch Milenas Zeilen das Geschehen. Was am Anfang noch ruhig und entspannt mit ein paar verträumten Trompeten dahinfließt, wird mit den Gedanken im Kopf immer lauter und aufbrausender, bevor es mit den Zeilen „Ich hör mich nicht und behalt so den Verstand“ endet. Doch fragt man die Band, wie es zu dieser Verbindung von Indie mit Jazz in ihrer Musik kam, schauen sie sich lachend an. Richtige Jazz-Fanatiker seien sie nie gewesen und ihre erste EP „Skript I. des Nichts“ war hauptsächlich Indie. „Die hatte vielleicht 3 % Jazz-Anteil“, stellt Milena fest. Erst durch die Live-Musik und ihre Mitmusikerinnen, alles totale Jazzheads, seien sie da mehr und mehr hineingerutscht.

Alles fing am Lagerfeuer an…

Der feste Kern bei Fruchtiger Beigeschmack, der sind Milena, Levi und Felix. Das Trio kennt sich seit Schulzeiten und bringt ganz unterschiedliche Hintergründe mit. Während Felix – ganz klassisch – schon mit vier Jahren am Klavier saß, später, nach heftigen Betteln bei seiner Mutter, wie er erzählt, an die Drums wechselte und in der gymnasialen Big Band spielte, kam Levi erst so nach und nach zur Musik. Was mit der Ukulele anfing, darauf folgten Bass, Gitarre und erste Songs. „Ich hab so erst in der späteren Jugend gemerkt, dass ich da Bock drauf habe und mehr machen will.“ Währenddessen schrieb Milena schon in der Grundschule Songs und saß lustlos im Klavierunterricht, wie sie erzählt. Bevor sie sich selber das Akkordeon beibrachte und dann das Singen und Songwriting dazukam. „…und nach dem Abi saßen wir dann bei einem Lagerfeuer zusammen und haben schnell gemerkt, dass wir zusammen Mucke machen wollen“, erzählt die Frontfrau in der leuchtend gelben Adidas-Jacke. Eine Bandgeschichte wie das Drehbuch für einen Highschool-Film. Im Laufe der Zeit kamen noch weitere Mitmusiker:innen hinzu und bei Live-Konzerten wächst die Band zu einem achtköpfigen Ensemble heran.

 

Sogar ZAZ ist Fan

Mit dem spielten sich FruBei, wie sich die Band in ihrer Kurzform nennt, in den letzten Monaten vom Herzen der Subkultur, dem Substanz, bis zuletzt auf die Mainstage des Tollwood, als Supportact von ZAZ. Eine prägende Erfahrung für die Band. „Wir haben damit überhaupt nicht gerechnet und die Reaktionen waren toll. Das Publikum hat teilweise mitgesungen und geklatscht. Also wenig dieser typischen Vorband-Blicke.“, beschreibt Felix und auch der fanzösischen Chanteuse, die nach Ihnen das ganze Zelt mit ihrer Stimme verzauberte, gefiel die Musik des Indie-Jazz-Trios. „Eine halbe Stunde haben wir schonmal überlebt“, scherzt Milena und meint, gerne wieder Tollwood, aber gleichzeitig genießen sie auch die Vorzüge der Subkultur und den Charme von Clubshows.

Gleichzeitig hat die Band in den letzten Monaten auf Instagram mit ihren Reels für ordentlich Welle gesorgt. Was andere Bands eher als nerviges Übel ansehen, dem nahmen sich Milena, Levi und Felix mit sichtbar viel Spaß, Freude und kreativen Ideen an und prompt war der Hype um Fruchtiger Beigeschmack da. Ein zentraler Auslöser dafür: Eine jazzige Coverversion des Ikkimel-Songs „Keta und Krawall“. Ganz laisser-faire übersetzte die Band den provokanten „Fotzenrap“ in ihre eigene Sprache und das Internet rastete aus. Über eine halbe Millionen Views, doch der Band wachsen dadurch noch lange keine Star-Allüren. „Das war schön und gut und nett, aber was kann ich damit jetzt anfangen? Und es war nicht mal unsere eigene Musik.“, sagt Levi, zündet sich die nächste Zigarette an und rückt seine Schiebermütze zurecht.

Und wie würde Friedrich Merz auf eure Musik reagieren? 

Doch eine Frage brennt mir zum Schluss noch auf der Zunge: Wie würde Friedrich Merz auf eure Musik reagieren?
Die drei überlegen und Milena sagt schließlich: „Er sitzt in seinem Büro und will Radio hören, logischerweise Bayern 2. Die ersten 20 bis 30 Sekunden von ,Löschzug’ gefallen ihm noch, weil das sind ja nur Zitate von ihm. Aber dann wahrscheinlich „Nein, Nein, Nein!“. Er würde ausmachen und weiter arbeiten.“
„Wie ein richtiger Chef!“, fügt Felix hinzu und lacht.

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