Kultur
Grüne Creole
- Grüne Creole - 21. Juli 2026
von Rita Janaczek
Apokalyptisch schwebt die Wolke über dem Bungalow und wirft ihren Schatten über das gesamte Grundstück. Meine Finger berühren den Auslöser. Meine Gedanken wandern unwillkürlich zurück.
Damals war ich gerade in einen Wohnblock gezogen, der sich an die Ausfahrt einer Bundesstraße schmiegte. Meine Wohnung lag ganz oben, im dritten Stock. Von meinem Balkon aus hatte ich einen guten Blick auf die Ausfahrt. Doch mich interessierten weder Autos noch Straße, nur das verwilderte Grün in ihrer Mitte. Im Sommer blühte es dort in allen Farben, im Herbst leuchteten die Sträucher goldrot. Ich hatte mein Haus genau ein Jahr nach Margittas Tod verkauft. Es war mir von Tag zu Tag leerer erschienen, nachdem wir es fast vierzig Jahre gemeinsam mit Leben gefüllt hatten. Nur unseren kleinen Traumgarten vermisste ich schmerzlich. Es vergingen jedoch nur wenige Wochen, bis ich mich mit dem Gestrüpp an der Ausfahrt tröstete. Dieses Fleckchen Wildnis verdiente einen Namen, ich nannte es die Grüne Creole.
Im Frühjahr brauchte es nur einige Tage zu regnen, dann begann alles saftig auszuschlagen. Wenige Wochen später rückten die Mitarbeiter der Stadt mit ihren orangen Fahrzeugen an und mähten das Rund aus. Nur die drei Birken, der junge Ahorn und der Schmetterlingsflieder blieben unangetastet. Jetzt, wo jeder Halm kurz war, konnte ich vom Balkon aus die farbigen Akzente erkennen. Mit jedem Tag sah das Areal bunter aus, bis es mir zu bunt wurde. Ich bewaffnete mich kurzerhand mit Arbeitshandschuhen und zwei Eimern, verließ das Haus, umrundete das Gebäude und folgte dem Bürgersteig. Als ich die Ausfahrt erreichte, schwang ich mein Bein über die Leitplanke. Froh darüber, zu solch gymnastischen Hochleistungen noch fähig zu sein, überquerte ich die Fahrbahn und kletterte in den sicheren Bereich. Die Grüne Creole war übersät mit Müll. Ich hatte mich schwer verschätzt, denn die Eimer waren bereits randvoll, als ich noch nicht einmal ein Viertel der Fläche vom Abfall befreit hatte. Ich besorgte Müllsäcke, und am Abend war das komplette Rund vom Unrat befreit. Ich krönte meine Arbeit, indem ich noch bienenfreundliche Wildblumen aussäte, an denen auch Margitta Gefallen gefunden hätte. An diesem Abend genoss ich den Anblick der sauberen Natur vom Balkon aus. Doch als ich nach dem Duschen mit einer Flasche Weizenbier dorthin zurück ging, lagen schon wieder zwei Plastiktüten im Gras. Konsterniert ließ ich mich in den Korbsessel sinken und starrte auf die Straße. Ein schwarzer Kombi nahm die Ausfahrt, eine gefüllte Papiertüte flog aus dem Fahrerfenster. Selbst wenn man sich die krudesten Entschuldigungen zurechtlegte, gab es keinen Grund für diese Hinterlassenschaften. Was dachten die sich?
Margitta wäre genau jetzt zum satirischen Teil übergegangen. Ich sah sie vor mir sitzen, beobachtete, wie sie das graublonde Haar hinter ihr linkes Ohr strich, und hörte sie reden.
Natürlich gibt es entschuldbare Gründe, seinen Müll in der Natur zu hinterlassen. Dort ist schließlich viel mehr Platz für das Zeug. Da gibt es auch Feingeister die das Ganze als Kunstobjekt betrachten. Trash meets Nature. Sie war in diesem Moment so lebendig. Ich nahm einen Schluck Weizenbier und schloss die Augen. Margitta würde jedes Stück Müll persönlich nehmen. Niemals würde sie diesen Umweltfrevlern das Feld überlassen. Ich wusste, was ich zu tun hatte.
Einige Wochen gingen ins Land und je länger ich mein Ziel verfolgte, umso mehr Probleme taten sich auf. Regelmäßig sammelte ich das Areal ab. Die Pfandflaschen schob ich in den Automaten beim nahegelegenen Supermarkt und drückte die Spendentaste. Der Rest an Unrat füllte nicht selten einen kompletten Müllsack. Doch für diese Mengen war der Container hinter dem Mietshaus nicht ausgelegt. Nachdem sich die Nachbarn mehrmals beschwert hatten, lagerte ich die Müllsäcke gut verzurrt in meinem Kellerraum und hoffte, sie würden kein Ungeziefer anlocken. Der Anblick der blauen Wand, die sich im hinteren Bereich beinahe bis unter die Decke stapelte, ließ meinen Blutdruck deutlich ansteigen. Besonders den Insassen des schwarzen Kombis hatte ich auf dem Kieker. Stets im Feierabendverkehr setze sein Müll zum Tiefflug an.
Ich beschloss, dem nicht mehr tatenlos zuzusehen. An einem Freitag wartete ich mit meinem Auto am Ende der Ausfahrt. Als der schwarze Kombi auftauchte, folgte ich dem Wagen bis in ein abgelegenes Wohngebiet. Alte Villen, schicke Neubauten und scheußlich moderne Klötze säumten die Straßen. Der Wagen bog ab und fuhr auf ein penibel gepflegtes Grundstück mit einem Flachdachbungalow. Weißes Haus, anthrazitfarbenes Pflaster, Carport und Steinbeet in der gleichen Farbe. Eine Alibi-Rasenfläche, auf der sich ein kleiner Mähroboter herumtrieb. Drei Palmen, eingepfercht in rechteckige Kübel. Ich wartete, bis der Mann im Haus verschwunden war. Dann stieg ich aus dem Wagen und platzierte den mit einem Zettel präparierten Müllsack mitten vor der Haustür. Nur ein schlichter Satz stand darauf.
Sie haben das hier verloren!
Die Enttäuschung war groß, denn die Aktion verpuffte ohne Effekt. Bereits am nächsten Werktag pfefferte der Mann seinen Müll wieder in meine Grüne Creole. Wie ignorant konnte man sein?
Nach knapp drei Monaten war der Kellerraum komplett mit Müllsäcken befüllt. Mir ging die Pumpe bei diesem Anblick. Kurzentschlossen mietete ich einen Anhänger und brachte mehrere Fuhren zur Deponie vor der Stadt. Am Abend zog ich Bilanz: Einen halben Tag Arbeit, und fast hundert Euro Restmüllgebühren. Für die Natur war es den Einsatz allemal wert. Dennoch – Sisyphus hätte gewusst, was in mir vorging. Doch mein Entschluss weiterzumachen war unumstößlich. Gleichzeitig reifte in mir die finale Idee.
Es wurde Herbst. Der Fahrer des schwarzen Kombi lieferte nach wie vor zuverlässiger als alle anderen. Mein Kellerraum war inzwischen wieder randvoll. Der Anhänger stand bereit, doch die Fuhren gingen nicht mehr zur Deponie. Im alten Industriegebiet hatte ich eine kleine Halle gemietet, die schon lange leer gestanden hatte. Mit meinen laufenden Kosten überstieg das bei weitem meine Rente, doch ich hatte ja zum Glück die Rücklage aus dem Hausverkauf. Ich hatte einen langen Atem.
Die Zeit flog dahin und schwemmte mich mit. Im Frühjahr brachte der Regen alles zum Sprießen und lockte die orangen Männer an, die das erste Grün beschnitten. Danach säte ich die bienenfreundlichen Wildblumen aus und dachte dabei an Margitta. Ich hatte einen bequemen Gartenstuhl inmitten der Blumen platziert, neben einem mannshohen Ginster. Der Sommer brachte eine formidable Farbenpracht. Sie erinnerte mich an die lauschigen Abende in den Korbsesseln, die wir bei einem Gläschen Wein in unserem Garten verbracht hatten. Ich pflückte die wilden Himbeeren, während der schwarze Kombi seine Grüße hinterließ. Es gelang mir, dem Gezwitscher der Vögel und dem Zirpen der Grillen zu lauschen, ohne mich vom Lärm der Straße gestört zu fühlen. Ich konnte ihn innerlich auf ein unbedeutendes Hintergrundrauschen herunterdimmen. Der Herbst nahm das Areal unter Feuer, das Laub leuchtete in bestechender Schönheit. Mancher Autofahrer sah mit großen Augen zu mir herüber, während ich in eine Decke gewickelt in meinem Garten weilte und las. Der ein oder andere touchierte dabei beinahe die Leitplanke. Ich rettete einen Igel, der sich in einem weggeworfenen Plastikbecher, festgefahren hatte. Trotz Rückwärtsgang war die enge Garage hartnäckig an ihm kleben geblieben. Regelmäßig sammelte ich alles ab, was nicht in die Grüne Creole gehörte. Ende Oktober brachte ich meinen Gartenstuhl zu seinem Kumpel auf den Balkon. Die schlanken Birken waren jetzt kahl, aber nicht weniger ästhetisch. Anfang Dezember fiel der erst Schnee. Doch meine Grüne Creole verlor schnell ihr unschuldiges Weiß, matschig grau, von Salz und Abgasen angefressen und zugemüllt.
Fünf Jahre waren schnell vergangen. Die Halle war voll und meine Wut war inzwischen kühl und kalkuliert.
Als Privatmann an ein derart großes Schleppnetz zu gelangen war nicht einfach gewesen. Es war ein Montag im Mai und ich hatte Mühe, das feinmaschige Gewerk auf dem Vorplatz der Halle auszubreiten. Eine Öffnungsmechanik am Schreibtisch zu entwickeln war das eine gewesen, das Netz entsprechend zu präparieren das andere. Ich murkste etliche Stunden herum. Um am nächsten Tag ausgeruht zu sein, ging ich früh zu Bett und lag natürlich wach. Um Mitternacht begann es zu regnen, das Prasseln ließ mich endlich zur Ruhe kommen. Am nächsten Morgen nahm ich mir Zeit für ein ausgiebiges Frühstück, bevor ich mich auf den Weg zur Halle machte. Ich begann damit, das Netz zu füllen. Jeden der blauen Müllsäcke schleppte ich ran, schnitt ihn auf und entleerte ihn auf die Maschen, die den Asphalt wie feine Schuppen zierten. Zunächst hatte es den Anschein, die Halle würde sich niemals leeren, doch am Nachmittag wusste ich, dass ich am frühen Abend fertig sein würde. Den Gestank nahm ich irgendwann nicht mehr wahr. Als ich nach getaner Arbeit völlig verschwitzt meine Wohnung betrat und als erstes einen Blick auf die Grüne Creole warf, flog gerade ein Konvolut von Müll aus dem schwarzen Kombi. Nach einer heißen Dusche fiel ich an diesem Abend hundemüde ins Bett.
Die Sondergenehmigung steckte ich in meine Jackentasche. Die Behörde hatte nicht wirklich verstanden, was ich da transportieren wollte. Das konnte denen letztendlich egal sein. Ich hatte alle erforderlichen Unterlagen beigebracht und die Gebühr war bereits bezahlt. Diese Aktion fraß genau wie die Halle einen nicht unerheblichen Teil meiner finanziellen Reserven auf, doch das war mir schlichtweg egal. Der Pachtvertrag für die Halle lief morgen aus, ich würde sie besenrein übergeben. Die wenigen Minuten Wartezeit auf dem Vorplatz der Halle machten mich kirre. Doch dann fuhr wie vereinbart der Kranwagen und ein Begleitfahrzeug auf das Gelände. Die Firma hatte alle Details über die Fahrtroute und die Einsatzbedingungen vor Ort recherchiert. Das Ganze sollte schließlich reibungslos ablaufen. Es war komplizierter als gedacht, dass Schleppnetz wie geplant an den Haken zu bringen, ohne die Öffnungsmechanik zu blockieren. Ich diskutierte eine Weile mit den drei Mitarbeitern und entschied, dass ich ihrer Kompetenz vertrauen konnte. Dann baumelte das Schleppnetz gefüllt mit der Arbeit von fünf Jahren am Haken. Die Fahrt ging im Kriechtempo vom alten Industriegebiet über die nördliche Umgehungstraße. Der riesige Kokon schwankte ununterbrochen. Ich saß im Begleitfahrzeug, betrachtete schweigend das Schauspiel und lauschte den Funkdurchsagen. Nach einer gefühlten Ewigkeit bog der Kranwagen in das Wohnviertel ab. Das Schleppnetz streifte in der Kurve beinahe das Dach einer Villa. Dann hielten wir vor einem penibel gepflegten kleinen Grundstück mit einem Flachdachbungalow. Weißes Haus, anthrazitfarbene Auffahrt, Carport mit dunklem Kombi und Steinbeet in der gleichen Farbe. Eine Alibi-Rasenfläche, der kleine Mähroboter machte gerade Mittagspause. Die drei Palmen hatten etliche braune Blätter, in den viel zu kleinen Kübeln würden sie über kurz oder lang eingehen.
Ich stieg aus dem Begleitfahrzeug und warf den Zettel in den Briefkasten. Auch diesmal stand nur ein schlichter Satz darauf. Sie haben das hier verloren! Langsam schritt ich zum Fahrzeug zurück. Meine Verantwortung für den Einsatz hatte ich schriftlich hinterlegt und die Mitarbeiter mit einem großzügigen Trinkgeld bedacht. Einer fuhr gerade den Teleskopausleger aus und brachte das Anhängsel in Position.
Da stehe ich nun und bin mehr als ergriffen von diesem Anblick. Apokalyptisch schwebt die Wolke aus Müll über dem Bungalow und wirft ihren Schatten über das gesamte Grundstück. Ich spüre, wie mir die Fernbedienung in die Hand gedrückt wird. Tiefe Ruhe breitet sich in meinem Innern aus. Ich brauche nur noch auf den grünen Knopf zu drücken.