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Ausstellungstipp: Schüler und Geflüchtete begegnen sich in der Kunst

Anna-Elena Knerich

ist francophil und Europtimistin. Denkt (zu) viel und schreibt deshalb. Am liebsten über Kultur, die Helden des Alltags und das Thema mit dem "Zuhause".
Anna-Elena Knerich

„Kunst = Begegnung“ heißt die aktuelle Ausstellung in der Färberei, das mag zunächst vielleicht etwas verwundern. Denn meist verstehen wir Kunst als etwas, das man in Museen und Galerien betrachten kann – aber kann man ihr auch begegnen? Oder, anders gefragt, ist es nicht auch schon Kunst, wenn wir jemandem begegnen?

Bei der Vernissage erklärt die Künstlerin Gloria Gans den Titel der Ausstellung, bei der außergewöhnliche Portraitmalerei zu sehen ist: Seit Herbst 2014 leitet sie einen Malkurs am Pestalozzi-Gymnasium, für malbegeisterte Schüler aller Jahrgangsstufen. Sie machten, was man immer beim Portraitieren macht – sie schauten genau hin. Sie ergründeten die Gesichtszüge ihrer Mitschüler – oder im Spiegel die von sich selbst, sie studierten auf Fotos die Gesichter von Stars, von Hundertjährigen oder von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen.

Wir begneten uns malend und zeichend.

„Wenn man in der Gesichtslandschaft eines Fremden spazieren geht, wird man mit ihm vertraut“, findet Gloria Gans, und ging deshalb in Flüchtlingsheime, wo sie minderjährige Geflüchtete nach Fotovorlagen Portraits von den Pestalozzi-Schülern malen ließ. Das war der erste Kontakt der so unterschiedlichen Jugendlichen, die doch eines verband – die Freude am Malen. Später nahmen dann besonders interessierte Geflüchtete aus Afghanistan, Syrien und dem Irak direkt am Portrait-Wahlkurs im Pestalozzi-Gymnasium teil, an insgesamt sechs Samstagen trafen sich die Jugendlichen dort zum Malen. „Wir begegneten uns malend und zeichnend“, sagt die Künstlerin, dabei seien oft keine Worte nötig gewesen – obwohl die Flüchtlinge schon gut Deutsch sprechen.
Sie malten Fotos ab, die Gloria Gans ihnen mitbrachte: Jazzsänger, Säureopfer, Schwangere oder Flüchtlinge aus dem Lager in Idomeni. „Trotz der ernsten Themen war die Stimmung leicht, denn in solch toleranter Umgebung gedeiht die Kunst“, sagt Gans. Die Jugendlichen porträtierten sich auch gegenseitig, wurden dadurch noch mehr miteinander vertraut und hatten Spaß. „Nach einigen Treffen sind wir dann etwas mehr aufgetaut, es wurde gesungen und gelacht“, berichtet Nora Fath aus der elften Klasse. Sie ist dankbar, dass ihr diese bereichernde Begegnung ermöglicht wurde, die Portraitkurs-Gruppe sei durch die intensiven Treffen zu einer „kleinen Künstlerfamilie“ zusammengewachsen.

Nun präsentiert der Wahlkurs in der Färberei einige der Portraits, die im letzten Schuljahr entstanden sind – und mit ihnen die Begegnungen, die hinter jedem einzelnen Kunstwerk stecken. Viele verschiedene Gesichter blicken einem aus den unterschiedlichsten Perspektiven entgegen: Kohlezeichnungen eines liegenden Frauenkopfes, bunte Abbildungen von Flüchtlingskindern oder Mädchen mit Kopftuch, schwarz-weiße Porträts im Profil. An einer Wand hängt eine Landkarte aus dem Erdkunde-Unterricht, auf die sich der Kunstkurs mit Acrylfarben selbst abgebildet hat Die Bilder in den zwei Ausstellungsräumen sind ihren Farbklängen und -rhythmen entsprechend angeordnet und bieten einen harmonischen Gesamteindruck.

„Von der braunen Hauptstadt der Bewegung zur bunten Hauptstadt der Weltbürgerbewegung“

Dieser wird durch die Darbietungen bei der Ausstellungseröffnung erst recht abgerundet: Der frischgebackene Abiturient Mert Başar (18) spielt sensibel frasiert ein Stück von Bach auf der Geige, dann ein schwieriges Stück von Hindemith, bei dem der Bogen nur so über die Saiten springt. Am Ende gibt er eine Eigenkomposition zum Besten, die er eigens für diese Ausstellung geschaffen hat. Passend zum Thema „Kunst = Begegnung“ treffen darin laute, herbe Töne auf das melancholische Thema eines türkischen Schlaflieds, die beiden Welten stehen in starkem Kontrast zueinander, bis irgendwann die harten Klänge mit den orientalisch anmutenden Melodien verschmelzen. Der junge Musiker, der Konzertmeister beim Schwäbischen Jugendsinfonieorchester ist und bei den LGT Young Soloists spielt, fühlt sich bei Vernissagen wohler als auf Konzerten: „Hier bin ich auf einer Ebene mit den Besuchern, umrahme die Ausstellung mit meinen Melodien und rege zum Nachdenken an. Die Musik verfliegt, aber die Gemälde bleiben länger und so beginnt man, zu reflektieren.“

Auch der Poetry Slam von Ozan (19), Philosophie- und Soziologiestudent und seit Jahren im Münchner Schülerbüro aktiv, regt zum Nachdenken an. Er wisse, dass es (noch) eine Utopie ist und dennoch formuliert er seinen Traum, dass München „von der braunen Hauptstadt der Bewegung zur bunten Hauptstadt der Weltbürgerbewegung“ werde.
Ähnliches fordert Nasim, der von seiner Flucht aus Afghanistan erzählte: „Ich bin 1988 geboren worden. Als Mensch. Hier bin ich ,Flüchtling‘ – aber eigentlich ist doch egal, welche Religion man hat und aus welchem Land man kommt: Wir sind Menschen.“

Begegnungen all dieser Menschen durch die Kunst, das ist das Ziel von Gloria Gans. Bis zum 10. Juli sind jeden Nachmittag immer ein Pestalozzi-Schüler und ein Flüchtling in der Färberei, damit sie mit den Besuchern über das Wahlkurs-Projekt sprechen können. Auch bei der Vernissage sind einige Flüchtlinge anwesend, obwohl sie momentan viel lernen müssen – denn viele bereiten sich auf ihre Quali-Prüfung vor. „Ich habe in Mathe eine 1, aber ich will mich noch mehr auf die Schule konzentrieren“, erzählt Hamid, der vor zweieinhalb Jahren alleine aus Afghanistan geflohen ist und mittlerweile zusammen mit anderen Flüchtlingen und Studenten im Wohnheim in Obersendling lebt.

Er spricht gut Deutsch, denn er ist sehr offen – und zielstrebig. Bis er 16 war, konnte er nicht lesen und schreiben und nun macht er innerhalb von nur drei Jahren den Quali-Abschluss. Vor drei Wochen feierte er seinen 18. Geburtstag – zum zweiten Mal: „Die deutschen Behörden haben in meinen Pass 1.1.1998 als Geburtsdatum eingetragen, wie bei so vielen anderen Flüchtlingen. Also feiere ich jetzt immer zweimal“, lacht er verschmitzt. Um sich von dem vielen Lernen abzulenken, nimmt er alle möglichen Angebote und Projekte wahr: Er hat schon ein Praktikum im Marstalltheater gemacht, wirkt in der Gartengruppe über Naturschutz mit, nimmt Klavierstunden, schreibt Artikel für die Schülerzeitung – oder malt Portraits mit den anderen Kursteilnehmern. Er wird ebenfalls in der Färberei anzutreffen sein, und freut sich über viele Begegnungen.

In aller Kürze:

Was? Ausstellung „Portraitmalerei“
Wann? 1. bis 10. Juli 2016, Mo-Fr 15-18 Uhr, Sa/So 13-18 Uhr
Wo? Die Färberei, Claude-Lorrain-Str. 25
Wie viel? Kostenlos.

Fotocredit: Gloria Gans

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