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Lucas Hillen über Martin Fengel #16

plakat

Heute schreibt uns Lucas Hillen, Performancekünstler und Gründer des deutsch-niederländischen Künstlerkollektivs coca braun, was ihm zum aktuellen Foto von Martin Fengel einfällt.

Lieber Martin,

dein Foto erinnert mich an ein Atelier. Und da mein Onkel Thomas und meine Tante Susi und meine Mutti Andrea ein Atelier haben und dort malen und da ich dort seit eh und jeh zu Besuch bin, erweckt dieses Foto von Martin Fengel auch einige Erinnerungen aus meiner Kindheit. Und Teenagerzeit. Und die Zeit zwischen zwanzig und dreißig.

Wenn ich an etwas erinnert werde, dann bezieht sich das auf die Vergangenheit. Und das gefällt mir an einem Kunstwerk eigentlich gut. Wenn es imstande ist, mich an etwas zu erinnern. Mich zu rühren. Aber nicht zu sehr! Nur für einen Augenblick. Das ist mir nämlich unangenehm, wenn ich zu lange an Vergangenes erinnert werde. Warum auch!? Das ist nicht mehr aktuell! Hat nichts mehr mit mir zu tun. Ich meine, nichts mit dem wie oder wer ich heute bin. Wie ich mich jetzt fühle. Aber trotzdem gucke ich mir Kunstwerke an, auch wenn sich dabei
das Risiko erhöht, an Vergangenes erinnert und emotionell zu werden. Ich rede mir ein, dass es ok oder gar gut ist, sich Kunstwerke anzusehen. Und hoffe dann, dass die Emotionen, die entstehen können, kurzlebig sind: Ich sehe es. Und gehe weiter. Oder blättere um. Und schon ist es weg. Manchmal bleibt das sentimentale Gefühl natürlich in meinem Kopf noch etwas länger. Manchmal sogar länger als mir lieb ist. Aber das ist mein Problem. Ich kann dagegen ja auch etwas tun. Mich ablenken. Aufhören zu denken. Den Künstler will ich nämlich nicht verantwortlich machen. Oder gar beschuldigen. Das wäre mir unangenehm! Leute oder Tiere oder Dinge beschuldigen.

Ich weiß nun aber gar nicht, ob dieser Erkennungs- oder Erinnerungsmoment etwas mit deiner Fotografie zu tun hat. Ich bin mir wirklich unsicher. Na, Erkennungsmoment schon: Ich kenne Bilder, die an der Wand gelehnt stehen und noch nicht ganz fertig sind oder kaputt oder heruntergekommen. Und auch wenn ich auf deiner Homepage durch die Bilder klicke (was ich jetzt nicht tue, aber schon einmal getan habe) dann erkenne ich Objekte wieder. Nicht genau das Objekt, das du fotografiertest, aber zumindest so ein Ähnliches habe ich in meinem
Gedächtnis, aber manchmal ist es auch seltsam, was du dort vor der Linse aufstöberst und dann denke ich, dass Menschen wirklich albern oder verrückt sein können. Dass sie so sehr an etwas glauben können. Dass sie so vernarrt sein können. Ausgestopfte Tiere an der Wand oder Kondomautomaten oder Bierdeckel oder Biergläser. Ich habe das Gefühl, daß auch du diese Gegenstände, die alle so nonchalant, als wäre es ganz normal, wie sie durch unser Leben tanzen, einigermaßen krass oder krank oder auf jeden Fall beeindruckend findest.
Lucas Hillen

cocabraun
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Hintergründe zum Projekt “Wachs” von Martin Fengel:
Martin Fengel schickt jede Woche einem Künstler, Autor und anderen Menschen, dessen Arbeit oder Werk er besonders schätzt, ein Foto mit der Bitte, dies zu betrachten und ein paar Zeilen über die einströmenden Assoziationen aufzuschreiben. So entsteht zu dem optischen auch ein textliches Kompendium, was sowohl die Möglichkeit der Interpretation oder einfach nur der Beschreibung birgt.

Auf mucbook und im Blog der Villa Stuck zeigen wir jeden Montag – wenn das neue Bild aufgehängt wird – was sich eine Person dazu dachte. Gerne ist auch jeder Leser des Blogs dazu eingeladen, in der Kommentarzeile frei und ungestüm weiter zu assoziieren. Begleitet wird Fengel‘scher Bildatlas durch vier Veranstaltungen, allesamt musikalischen Ursprungs, die in enger Zusammenarbeit mit Martin Wöhrl, Bernd Zimmer, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und dem Münchner Label GOMMA entstehen.

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