Aktuell, Kultur
München hat eine neue Sehenswürdigkeit: The Pit versammelt 30 Künstler:innen für eine Hall of Fame
Für die Natur sind Brachflächen sehr wichtig. Denn wenn der Mensch Flächen nicht bebaut, nicht wirtschaftlich nutzt, können dort neue Lebensräume, Biotope entstehen. Auch kulturelle Biotope können sich auf diese Art entwickeln, wie eine 3000 Quadratmeter große Brache an der Ganghoferstraße 49 in München beweist.
Dort, wo seit Jahren eine Schule geplant ist, gibt es seit kurzem die Zwischennutzung „Im Dazwischen“, zu der ein Kreativ-Café, eine Bar und ein Biergarten gehören. Am 24. Juni 2026 wurde dort außerdem „The Pit“ eröffnet. Eine neue „Hall of Fame“, eine Graffiti-Wand, auf der das Sprühen nicht verboten, sondern sogar erwünscht ist.
Gemacht wurde das bereits ein paar Tage zuvor. Am 20. und 21. Juni entstand in der Junihitze auf rund 60 Meter Länge ein von rund 30 Street-Art-Künstler:innen geschaffenes Gesamtkunstwerk. Dafür wurde die mit ein paar wilden Tags und Schmierereien versehene, ansonsten graue Wand meerblau grundiert. Dann haben alle Künstler:innen das „gleiche Paket an Farben“ bekommen, wie Michael Gmeiner am Tag der Eröffnung erzählt. „Aber sonst“, sagt er, „gab es keine Vorgabe“. Außer: „Nichts Politisches. Nichts Sexistisches. Aber das wissen die Leute.“
Gmeiner gehört zum Team von „Graphism“, das das zweitägige Graffiti-Event in der etwa 3000 Quadratmeter großen Baugrube im Westend zusammen mit der „Munich Graffiti Library“ organisiert hat. Graphism ist ein Kollektiv aus München, das sich seit 2010 an der Schnittstelle zwischen Urban Art, Kunst am Bau und Design bewegt und auch schon ähnliche Events gemacht hat. Das wahrscheinlich Wichtigste davon: Das Urban Art Festival „Deadline“, das 2015 und 2016 im Alten Viehhof in München stattfand.
Durch sein langes Wirken in der Szene hat Graphism ein breites Netzwerk gespannt, wie die Liste der an der „The Pit“-Premiere beteiligten Künstler:innen belegt. So waren neben Mitgliedern von Graphism etwa der bekannteste Münchner Street-Art-Künstler Loomit, Burns124, Fader, die Munich Wallflowers, Riko, Zack und viele andere aus der hiesigen und überregionalen Szene beteiligt. Von jung bis alt, mit Männern und Frauen sollte das Spektrum möglich breit sein, wie der mit einem gelben Shirt, blauen Shorts, blauen Sandalen und einer dunklen Sonnenbrille bekleidete Michael Gmeiner erzählt.

„Das findet leider nur selten statt, dass wir an einem Wochenende alle zusammenfinden“, sagt Gmeiner. Was schade sei, weil gerade da „neue Connections entstehen“. Wobei er auch sagt: „Das war schon grenzwertig am Wochenende.“ Gemeint ist: Das stundenlange Arbeiten bei 30 Grad. Aber das Ergebnis war es wert. Dazu gehören Styles, Stencils, Characters, abstrakte Formen, die ohne Sprühdosen und stattdessen mit Pinseln und Rollern entstanden. Das Frauen-Streetart-Kollektiv MunichWallFlowers hat Tiere, darunter einen Pinguin und Tiger, gemalt. Und dazu den Spruch: „What if Animals had weapons?“ Eine ökologische Botschaft?
Es gibt eine gemeinsame Arbeit von Loomit und Scout. Ein fliegender Kreis? Eine Maschine? Daneben haben mehrere Künstler:innen eine Hommage an den kürzlich verstorbenen Graffiti-Kollegen Story gesprüht. Gmeiners Resümee: „Ich bin echt total begeistert.“ Womit er auch die glatte Wand meint, auf der man sich „wirklich ausleben“ könne und die einen Überrest der 1998 geschlossenen Alten Messe München darstellt. Heute gehört die Wand der kommunalen Wohnungsgesellschaft Münchner Wohnen.
Vertreter der Münchner Wohnen waren auch bei der Eröffnung. Genauso wie der Leiter von Kreativ München, Dr. Olaf Kranz, Mitglieder des Kulturreferats, des Referats für Arbeit und Soziales und der Bezirksausschüsse 6 und 8. Deren Zusammenwirken hat es für „The Pit“ gebraucht. Und bis zum endgültigen „OK“ waren es, so Gmeiner, zwei bis drei Jahre. Die erwähnte Zwischennutzung „Im Dazwischen“, in der es laut Betreiberin Xenya Jäger neben Essen und Trinken unter anderem Lesungen und Konzerte, Yoga- und Tanzstunden geben soll, sei dabei ein Türöffner gewesen. „Es gab zuerst kaum Resonanz. Jetzt durch die Zwischennutzung ging es schnell.“
Aber so ist das wohl bei Biotopen, dass es dafür die richtigen Bedingungen braucht. Wie im Jahr 1985, als auf einem aufgelassenen Kasernengelände an der Dachauer Straße die größte Hall of Fame in Europa entstand. Mit dem Abriss der Hallen 1989 war es damit vorbei. Seit mehr als zehn Jahren gibt es an der Tumblinger Straße eine legale Hall of Fame. Nur gibt es da auch Verkehr.
Im Vergleich dazu sei es, so Gmeiner, bei „The Pit“ nun „ruhiger“, „angenehmer“. Wobei an der Wand vorerst eh nichts mehr passieren soll. Die Vision sei, dass es „einmal im Jahr so eine Graffiti-Aktion“ gibt. Und bis dahin? Kann man sich „Im Dazwischen“ einen Espresso oder Prosecco, Humus mit Pickles oder eine Zitronentarte gönnen und durch die Bäume die blau leuchtende Graffiti-Wand bestaunen
