Kultur, Nach(t)kritik

München stampft

Letzte Artikel von Christian Pfaffinger (Alle anzeigen)

2012-11-21_chp_Seeed_Olympiahalle_001

„Seeed“ machen die Olympiahalle zur pumpenden Dancehall. Zwei Stunden lang feiern die Berliner ihr Comeback – mit Neuem, Altem und Songs von Peter Fox.

Pierre wedelt wieder. Der passionierte Handtuchschwinger lässt den weißen Frottee-Stoff über den Köpfen der Münchner kreisen. Pumpend stampft er mit seinen schwarz-weiß-rot-braunen Lederschuhen auf den Boden, die Krawatte zappelt. Und immer wieder zeigt er auf die anderen, die um ihn herum hüpfen. Er will nicht, dass alle nur auf ihn starren.

Pierre Baigorry ist der Mann, der nicht mehr der irre erfolgreiche „Peter Fox“ sein, sondern wieder ganz in der nicht weniger erfolgreichen Band „Seeed“ aufgehen will. Zusammen mit Demba Nabé und Frank Dellé ist er das Frontgespann der Berliner Gruppe, die den Berliner Dancehall erfand und seit Jahren nichts von sich hat hören lassen. Nun sind sie zurück, kürzlich erschien das neue, selbstbetitelte Album, jetzt touren sie und haben auch München zum Stampfen gebracht.

Denn „Seeed“, das wurde in der Olympiahalle klar, heißt genießen, tanzen und das schöne Leben feiern. Die Band spielen auf wie die Botschafter des Hedonismus, aus jeden Takt klingt die Versuchung: Lass es ein bisschen mehr sein, beiß tiefer ins Brot, nimm einen größeren Schluck, fass ein bisschen fester hin, tanz länger, schrei lauter. Und kümmere dich um die schönen Frauen auf dieser Welt. Ist das zu sorglos? In einem Interview sagte Baigorry kürzlich, es sein einfach dankbarer über Ärsche zu singen statt über die Bankenkrise. Womit er wohl recht hat.

Und schon ist man wieder bei ihm, Pierre Baigorry. Schafft er es wirklich, sich wieder in das Bandgefüge einzugliedern? Und wie. „Seeed“ spielen in München auch Songs von Baigorrys Solo-Album, unter anderem „Alles neu“ und „Schwarz zu blau“ – in großartigen, instrumental angereicherten Versionen. „Mit Seeed klingt das einfach viel geiler“, ruft Baigorry und hat damit Recht. Seine Songs atmen viel mehr, wenn die Band sie spielt.

Überhaupt protzen „Seeed“ mit dem Sound. Die Band klingt breiter und dichter, der Bass steht nicht mehr so frei wie früher, dafür ist der Klang zu dem eines kleinen Orchesters angeschwollen. Die elektronischen Sounds sind klar, der Hall auf den Instrumenten klar, die Mischung ausgefeilt.

Sogar die Bläser klingen voll und satt. Wo man auf dem Album häufig Synthies und mit zu vielen Compressoren totproduzierte Bläser nicht auseinander halten kann, entdeckt man Live ganz neues Leben in den Stücken. Sogar die Techno-Polka „Waste my Time“ klingt dadurch weniger peinlich, was leider für den prolligen Partyknaller „Seeeds Haus“ nicht gilt. Überragend klingen dafür die aktuelle Single „Augenbling“ und „Elephants“ ebenso wie „Seeed“-Klassiker, die noch mit mehr Reggae daherkommen.

Nach eineinhalb Stunden ist das Konzert erst einmal vorbei. Doch Pierre Baigorry und seine Kollegen holen sich nur neue Handtücher zum wedeln. Für knapp eine halbe Stunde Zugaben. Die Bässe wobbern, die Blässer schillern, der Rhythmus pumpt. Die Olympiahalle stampft.

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