Kultur

Munich Disco

Sebastian Gierke
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Auf dem Isar-Bild ist Munich Disco zu sehen. Wirklich. Ich habe auf dem Heimweg von »Sounds like Munich« gemacht, einer Gesprächsreihe, in der es diesmal eben genau darum ging, um Disco und München und den Stenz und den Schnauzbart.

Thomas Meinecke war eingeladen: „Das Herumliegen im Park, an der Isar,  der Hedonismus, das Bohemistische, eine Stadt, die nicht so superehrgeizig ist, windig, oberflächlich, sich selbst genügend.“  So hat Meinecke Disco in München beschrieben, oder besser, die Haltung, aus der heraus München zu einer Discostadt von internationalem Ruf wurde, einer Stadt, die international als Disco-Hochburg wahrgenommen wird, stärker noch als das in München selbst der Fall ist. Meinecke meint das natürlich und völlig zu Recht: positiv.

Neben Meinecke (rechts) war auch noch Ex-Balletttänzer, Superpaper-Chef und Überall-DJ Mirko Hecktor eingeladen und es wurde ein unterhaltsames, anregendes Gespräch, das die beiden führten. Den Gastgeber, Johannes Moser (mitte), Professor am Institut für Volkskunde, hätten die beiden gar nicht gebraucht, sie spielten sich die Discokugeln selbst immer ziemlich perfekt in den Lauf.

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Die beiden wissen viel, sehr viel, und sie haben Spaß daran, es zu erzählen. Manchmal hatte man das Gefühl einem Namedropping-Wettbewerb beizuwohnen – den natürlich Meinecke gewinnem muss. Langweilig war es trotzdem nicht, weil die ausschweifenden, anekdotenreichen Erzählungen einem Munich-Disco viel näher brachten, als wenn die zwei nur auf die etwas trocken Fragen nach Disco-Protagonisten und Disco-Räumen geantwortet hätten.

Es ging in den Erzählungen ständig von München aus hinaus in die Welt, vor allem in die USA,  nach Philadelphia, Chicago, New York. Oder auch Paris, Stockholm, London. Und München hierarchielos darunter, mitten drin, als eine Stadt „in der die Wiege steht“, wie Hecktor glaubt. Als den Vater an der Wiege benennt er – natürlich – den kleinen Italiener Girgio Moroder, den Schnauzbartträger, ein „herbeigewehter Kastelruther Spatz“ (Meinecke) der „den Katalog des Cool nicht gelesen hat“ (Meinecke), aber dennoch in den legendären Musicland Studios am Arabellapark die Grundlagen für Disco legte und zusammen mit Donna Summer weltweit den Ruf Münchens als Disco-Stadt begründete.

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„Das war natürlich spießig, dieses über den Brenner gekommene, das hatte was Schlagerhaftes“ (Meinecke) sogar etwas „von Marschmusik“ (Hecktor). Doch man konnte das gegen den Strich lesen, auch zum Beispiel im schwulen Underground, und daraus etwas Progressives machen. „Deshalb ist der Trash auch nobel.“ (Meinecke)

Auf seine Platten, erzählt Meinecke, habe Moroder  damals „Industry District“ drucken lassen, um auch München und den Produktionsbedingungen eine Art postindustriellen Charakter zu verleihen. Gemeint war damit aber nur der Arabellapark, wo die Musiclineland (natürlich, Danke Lille) Studios standen, „die technisch besten des gesamten Kontinents“, wie Hecktor glaubt. Die Studios seien auch einer der Hauptgründe dafür gewesen, warum Disco in München so groß wurde, München für Disco stand. Als die U-Bahn dann zum Arabelleparkt bebaut wurde, war es vorbei, denn „die Studios begannen zu rauschen“. (Hecktor)

Doch neben den Studios sei eben auch der Charakter der Stadt, der Katholizismus, das Körperliche, all das, was die Menschen hier prägt, die Ursache für Munich Machine und Munich Disco gewesen, glaubt Hecktor. Und der Strizzi, der Monaco Franze, Helmut Dietl, das lockere, leichte: beste Bedingungen für den Disco-Hedonismus, fern ab vom Authentizitätskult des Rock.

Trotz Fashion, trotz Champagner und Koks, sei Disco eben auch eine proletarische Kultur, glaubt Meinecke. Er spricht von „Martin-Scorcese-Rührung“. Da sei eben nicht nur Schickeria. Es habe auch den Neo-Vokuhila von DJ Hell gegeben oder den komischen Cosmicsound von Hiltmeyer Inc. mit dem grandiosen Track: „I come from München Sendling and I don’t give a fuck!“ von Hiltmeyer Inc.

München Disco-Stadt. Das ist natürlich ein Mythos. Aber einer, der Früchte trägt. Und später, nach Giorgio Moroder, wurde das konserviert, wurden Stahlgerüste an Luftschlössern hochgezogen. Für das Geschäft ist es tatsächlich gut, wenn ein Disco-Label eine Münchner Adresse hat. Das kann man für die wenigstens Musikgenres behaupten. Für Indiebands gilt immer noch: Sie werden nicht berühmt, weil sie aus München kommen, sondern obwohl sie aus München kommen. Und auch wenn das Lockere und Leichte sich vielleicht nur in den Lebenswirklichkeiten einiger weniger junger Münchner tatsächlich findet, auch wenn die meisten gar nicht so viel Zeit haben, discomäßig an der Isar zu liegen, auch wenn der Ehrgeiz hier immer mehr überhand nimmt: Disco hat sich tief in den Charakter dieser Stadt eingeschrieben.

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