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Die Türkenstraße 52 in der Maxvorstadt erzählt eine Geschichte, die für den Münchner Wohnungsmarkt beispielhaft ist. Früher gab es hier rund 60 bezahlbare Mietwohnungen. Heute stehen hier Luxuslofts – mit Wohnflächen von bis zu 390 Quadratmetern und Quadratmeterpreisen von bis zu 30.000 Euro. Das Absurde daran: Viele dieser Wohnungen sind leer. Sie werden nicht bewohnt, sondern dienen als Geldanlage – sogenannte Opernwohnungen.
Genau deshalb wird die große Mietendemo am 7. Februar 2026 auch durch die Türkenstraße führen. Für die Organisator:innen steht sie sinnbildlich für das, was in München schiefläuft. Das macht Mitinitiatorin Julia Richter im Interview mit Mucbook deutlich. Sie kritisiert, dass es dabei längst um mehr geht als um steigende Mieten:
„Was dabei verloren geht, ist nicht nur Wohnraum, sondern Nachbarschaft. Am Ende können sich nur noch Menschen mit sehr hohen Einkommen das Leben in der Stadt leisten, während alle mit normalen oder schlecht bezahlten Jobs verdrängt werden oder an den Rand der Stadt ziehen müssen. Die soziale Mischung verschwindet, und damit auch ein wichtiger Teil von dem, was München eigentlich ausmacht.“
Orte wie die Türkenstraße 52 gibt es in München viele. Aus solchen Erfahrungen heraus hat sich die Mietendemo gegründet. Entstanden ist sie aus dem gemeinsamen Engagement verschiedener Initiativen, Betroffener und Organisationen – mit dem Ziel, dem Thema Wohnen vor der Kommunalwahl mehr politisches Gewicht zu geben.
Heute steht hinter der Mietendemo ein sehr breites Bündnis: Mehr als 110 zivilgesellschaftliche und gewerkschaftliche Gruppen unterstützen die Demo – darunter Mehr Lärm für München, #ausspekuliert und das Münchner Forum – ebenso wie Einzelpersonen aus Parteien und Mieterinitiativen, die aktuell ganz konkret von Entmietung bedroht sind.

Forderungen für bezahlbares Wohnen für Alle
Die Mietendemo fordert bezahlbares Wohnen für alle und ein Ende des sogenannten Mietenwahnsinns. Dabei benennt Richter im Interview mit MUCBOOK auch klar, wo sie als erstes ansetzen würde:
„Wenn wir unsere Forderungen auf ein oder zwei zentrale Punkte runterbrechen müssten, dann steht der Mietendeckel ganz klar an erster Stelle. Ein wirksamer Mietendeckel würde die Mieten sofort spürbar senken, und zwar nicht nur bei Neuvermietungen, sondern auch in bereits bestehenden Mietverhältnissen. Genau dort liegt ja für viele das eigentliche Problem, weil die Miete jedes Jahr weiter steigt, ohne dass sich an der Wohnung etwas ändert.“
Wichtig sei dabei, dass ein Mietendeckel nicht nur beschlossen, sondern auch konsequent umgesetzt wird:
„Dafür braucht es aus unserer Sicht eine städtische Stelle, die Mieterinnen und Mieter dabei unterstützt, gegen überhöhte Mieten und Mietwucher vorzugehen. Viele wissen gar nicht genau, welche Rechte sie haben, oder trauen sich nicht, sie einzufordern. Wenn die Stadt hier aktiv hilft, würde das schon sehr viel Druck vom Markt nehmen”, so die Sprecherin.
Eine zweite wichtige Forderung ist das soziale Bodenrecht. Es zielt auf einen zentralen Hebel der Münchner Wohnungsfrage – auf die Frage, wem der Boden in der Stadt gehört und wer an ihm verdient. Julia Richter erklärt das so: „Dabei geht es darum, leistungslose Gewinne aus Bodenspekulation abzuschöpfen und für die Allgemeinheit zu nutzen, statt sie privaten Investoren zu überlassen.“
Boden sei in München einer der größten Preistreiber. Entsprechend groß sei der Effekt, wenn man hier stärker eingreife – kurzfristig und langfristig. Eine solche Forderung ist im Übrigen bereits in der Bayerischen Verfassung verankert.

Unterstützung kommt aus der Politik
Auch Parteien wie die SPD, die Grünen oder Die Linke unterstützen die Forderungen der Demo. Gleichzeitig machen die Organisator:innen deutlich, dass politischer Rückhalt niemanden automatisch aus der Verantwortung entlässt.
„Für uns ist völlig klar, dass auch Parteien, die jetzt mit zur Demo aufrufen und in Regierungen waren oder sind, in der Vergangenheit Dinge versäumt haben“, heißt es im Interview. „Die Situation auf dem Wohnungsmarkt ist ja nicht vom Himmel gefallen.“
Besonders enttäuscht sei man von der großen Vorsicht im Rathaus. Denn obwohl viele ihrer Forderungen inzwischen in Programmen, Zielpapieren und Beschlüssen der Stadt auftauchen, komme bei den Mieter:innen wenig davon an. Es gebe immer Gründe, warum bestimmte Schritte angeblich nicht möglich seien – oft mit dem Verweis darauf, man dürfe Investoren nicht verschrecken, schließlich würden sie den Wohnraum bauen. Dazu komme, dass viele Mieter:innen Angst hätten, ihre Rechte einzufordern – obwohl Mietwucher längst verboten sei –, aus Sorge vor Eigenbedarfskündigungen oder anderen Konsequenzen.
Dass klarere Regeln oder stärkeres Eingreifen automatisch zu einem Baustopp führen würden, glaubt die Mietendemo nicht. Wohnen sei ein Grundbedürfnis und kein Luxus. Trotzdem habe man nicht den Eindruck, dass es im Rathaus bereits zu den wichtigsten Themen gehöre – auch wenn es auf Plakaten und in Reden regelmäßig auftauche.
„Wir wollen, dass die Mietenkrise so ernst genommen wird, dass keine Partei mehr daran vorbeikommt, Wohnen zu einem ihrer zentralen politischen Themen zu machen“, erklärt Mitorganisatorin Julia Richter.
Und sollte sich an der Situation nichts ändern, werde man auch in Zukunft wieder auf die Straße gehen. Dass es den Organisator:innen an Ausdauer mangelt, lässt sich ihnen jedenfalls kaum vorwerfen.
Ein Blick zurück zeigt, dass das Thema Wohnen seit Jahren viele Menschen mobilisiert: Bereits 2018 gingen im Vorfeld der Landtagswahl rund 7.000 Menschen bei der „Ausspekuliert!“-Demonstration gegen steigende Mieten auf die Straße. Viele der Initiativen von damals sind auch heute wieder aktiv – und tragen die Mietendemo mit. Jan Krattiger hatte damals in MUCBOOK 10 gute Gründe genannt, die Demo zu besuchen. Leider sind die Zahlen acht Jahre später noch dramatischer.
Wenn Widerstand Wirkung zeigt
Trotz all des Frusts sieht die Mietendemo dennoch Grund zur Hoffnung. Vor allem dort, wo sich Nachbarschaften zusammenschließen und gemeinsam gegen Verdrängung wehren, seien echte Erfolge möglich.
„Wir sehen an vielen Stellen, dass dort, wo sich Nachbarschaften zusammentun und sich gemeinsam gegen Miethaie wehren, auch echte Erfolge möglich sind“, erzählt Julia Richter im Interview. Ein Beispiel sei eine Wohnanlage am Luitpoldpark. Dort hatten sich Mieter:innen über Jahre hinweg organisiert, nachdem die Häuser an eine luxemburgische Fondsgesellschaft verkauft worden waren und Befürchtungen über Entmietung und Luxussanierung laut wurden. Am Ende wurde die Wohnanlage von der Stadt übernommen. Richter führt dies auch auf die Hartnäckigkeit der Mieter:innen zurück.
Ähnliche Erfahrungen habe es auch im Hasenbergl gegeben. Dort konnte vor einigen Jahren eine geplante Entmietung verhindert werden, weil sich Mieter:innen zusammengeschlossen und Unterstützung aus der Zivilgesellschaft bekommen hätten.
„Solche Beispiele machen Mut, weil sie zeigen, dass man nicht machtlos ist und dass Widerstand tatsächlich etwas verändern kann.“
Hoffnung gebe auch die Demo selbst. Sie zeige, dass viele Menschen in München nicht einfach zuschauen wollten, sondern bereit seien, sich gemeinsam zu wehren. Gerade im Vergleich zu anderen großen Krisen wirke das Thema Wohnen greifbarer. „Beim Thema Mieten erleben wir dagegen immer wieder ganz konkret, dass sich etwas bewegen lässt, wenn Menschen sich zusammenschließen, Druck machen und nicht locker lassen.“
Und genau deshalb sei das für sie ein Kampf, den sie weiterführen wollen: „Gemeinsam, entschlossen und mit langem Atem.“

Mietendemo
Samstag, 7. Februar, um 14 Uhr, Odeonsplatz.