Aktuell, Stadt
Was Münchens Verkehrspolitik wirklich trennt – und was sie überraschend eint
- Was Münchens Verkehrspolitik wirklich trennt – und was sie überraschend eint - 8. Januar 2026
- Stresstest fürs Klima – wie bleiben Städte lebenswert? - 7. Oktober 2025
- Gastbeitrag: Das Dorf in der Stadt – Wie sich unsere Warenhäuser ändern müssen! - 16. Januar 2025
Mitten im Messegetriebe der IAA mobility, zwischen Prototypen und Pionieren trafen die Mobilitätsexpert:innen der drei großen Stadtratsfraktionen aufeinander. Und es passierte etwas, das viele überraschen könnte: SPD, Grüne und CSU, die sich in Sachen Verkehrspolitik immer offener bekämpfen, diskutieren auf einem Podium – und finden erstaunlich viele Gemeinsamkeiten.
Lösungen im Blick – ohne die üblichen Reflexe und Vorwürfe. In der Sonderfolge des MUNICH NEXT LEVEL Podcasts treffen Paul Bickelbacher von den Grünen, Veronika Mirlach von der CSU/Freie-Wähler-Fraktion und Andreas Schuster von der SPD aufeinander, um über die Zukunft der Mobilität in München zu sprechen – und damit über eines der emotionalsten Themen dieser Stadt.
Ein Ritt über die Stolpersteine der Münchner Mobilität, der mehr inhaltliche Hürden gemeinschaftlich meistert, als man nach einem Blick in die Social-Media-Kanäle der Parteien vermuten würde.
Mobilität als Dauerbaustelle – politisch wie emotional
Wer regelmäßig durch München geht, radelt oder fährt, weiß: Mobilität ist längst mehr als Infrastruktur. Sie ist Projektionsfläche für Ängste, für Freiheitsvorstellungen und für das Gefühl, gehört oder übergangen zu werden. Umso bemerkenswerter war die Atmosphäre im Gespräch mit MUCBOOK-Herausgeber Marco Eisenack. Während draußen auf den Straßen oft Frust und Aggressionen dominieren, zeigen die drei Stadträt:innen bei den größten Herausforderungen und Zielvisionen viele Gemeinsamkeiten wie der Ausbau des ÖPNV – am besten mit möglichst viel autonomen Angeboten.
Einigkeit herrscht auch darin, dass es keinen einfachen Masterplan geben kann, der alle Probleme lösen kann. Fest steht für alle: Es fehlt dieser Stadt an Platz. CSU-Stadträtin Mirlach betont, dass “auch Autofahrer Kompromisse eingehen müssen”, damit “jeder einen Platz findet”. Beim Thema Prioritäten und Zumutbarkeit ist sie allerdings deutlich anderer Meinung als der Grüne-Stadtrat Bickelbacher. Diskussionspunkte sind entsprechend der Umbau der Lindwurmstraße und der Rückbau der Altstadt-Parkplätze. Aber immer wieder kehrt das Gespräch zu einem gemeinsamen Kern zurück: Mobilität soll funktionieren – für möglichst viele.

Die Positionen
Die Grünen: Fläche neu verteilen, Stadt neu denken
Paul Bickelbacher, Verkehrsplaner und dienstältester Mobilitätspolitiker im Stadtrat, argumentiert aus einer klaren Logik: Wenn München wächst und sich mehr Menschen die knappe Ressource des öffentlichen Raumes teilen, muss die Mobilität Fläche abgeben. Für Grün, für Aufenthaltsqualität, für Menschen. Paul Bickelbacher plädiert im Gespräch für:
- attraktiverer Fuß- und Radverkehr
- Tram statt U-Bahn, wo immer möglich (günstiger, schneller realisierbar)
- Vision Zero: keine Verkehrstoten
- langfristig autonome On-Demand-Systeme für den Stadtrand
- Reduktion des Autoverkehrs über Angebote, nicht über Verbote
Bickelbacher ist hauptberuflich Verkehrsplaner und wird in der Diskussion seinem Ruf eines fachlich sehr informierten und engagierten Politikers gerecht, der jedoch zugleich stets besonnen und vermittelnd auftritt. Eigentlich wollte der Planungssprecher der Grünen nach der aktuellen Legislaturperiode sein Mandat an den Nagel hängen, was nach Meinung vieler Beobachter:innen einen großen Verlust für Münchens Verkehrsexpertise im Stadtrat bedeutet hätte. Was bei der Aufzeichnung des Podcasts noch nicht feststand: Letztendlich hat sich Bickelbacher doch überreden lassen, zumindest auf einem hinteren Platz der Liste für die Kommunalwahl zu kandidieren. Gegenüber MUCBOOK begründete er es so: “Ich überlasse es den Wähler:innen, ob sie mich haben wollen.” Wenn er hochgehäufelt werden sollte, werde er sich dem Votum fügen.

CSU/Freie Wähler: Wahlfreiheit verteidigen, Konflikte entschärfen
Veronika Mirlach, stellvertretende Fraktionsvorsitzende, bringt eine andere Grundhaltung ein: Mobilität als Frage der individuellen Entscheidung. Für die CSU ist das Auto nicht das Problem – sondern ein Verkehrsmittel unter vielen. Zentrale Punkte auf der Agenda von Veronika Mirlach:
- „Angebote statt Verbote“
- Ausbau des ÖPNV ohne Ausschluss des Autos
- stärkere Trennung der Verkehre (Rad auf Nebenrouten statt Hauptachsen)
- Skepsis gegenüber Projekten wie Altstadt für alle
- Offenheit für autonomes Fahren, aber mit wirtschaftlicher Bodenhaftung
Die Juristin Mirlach sieht sich als Vertreterin einer Wählerschaft, die sich im Umbau der Stadt oft übergangen fühlt. Ihr erklärtes Ziel: Konflikte entschärfen, nicht zuspitzen. Einige Wochen nach der Podcast-Aufzeichnung ist die Ortvorsitzende CSU Solln/Thalkirchen und Vorsitzende der CSU München Süd auf Listenplatz 4 der Münchner CSU gewählt worden und Vertritt als U-40 auch eine neue Generation in der CSU.

SPD: Ausgleich schaffen, Gerechtigkeit herstellen
Andreas Schuster, Mobilitätssprecher der SPD, steht zwischen den Lagern – politisch wie biografisch. Durch seine langjährige Tätigkeit bei Green City tief verwurzelt in der ökologischen Bewegung, heute Teil der rot-grünen Regierungskoalition und verkehrspolitischer Sprecher der SPD. Schuster plädiert für:
- soziale Verkehrspolitik
- Beteiligung und Abwägung statt schneller Symbolpolitik
- Anerkennung, dass echte Wahlfreiheit erst entsteht, wenn Wege sicher sind
- klare Unterstützung für Umweltverbund (Fuß, Rad, ÖPNV)
- Skepsis gegenüber reinen Bepreisungsinstrumenten ohne sozialen Ausgleich
Schuster betont immer wieder: Die heutige Verkehrswelt ist nicht gerecht verteilt. Wer Kinder nicht sicher zur Schule gehen lassen kann, hat keine Wahlfreiheit. Kurz nach dem Talk gab Schuster bekannt, 2026 nicht mehr zu kandidieren. Die Entscheidung gilt als herber Verlust für die SPD.

Wer verstehen will, warum Mobilität in München so auflädt – und warum sie dennoch gestaltbar bleibt –, sollte diese Folge hören. Nicht wegen schneller Lösungen, sondern wegen der seltenen Einsicht, dass die politischen Fronten oft härter wirken, als sie im direkten Gespräch tatsächlich sind.

Hör jetzt die ganze Folge auf Spotify & Co.
Die Sonderfolge von MUNICH NEXT LEVEL zur IAA Mobility gibt es jetzt auf Podigee, Spotify, Apple Music, Deezer & Co.
Bitte teilt, kommentiert und bewertet diese Episode von MUNICH NEXT LEVEL
MUNICH NEXT LEVEL ist eine Produktion der Redaktion von MUCBOOK, dem unabhängigen Metropolmagazin aus München.
Host: Marco Eisenack
Redaktion: Elena-Knuth Pollok
Musik und Schnitt: Enik
Wir freuen uns über Feedback und Sprachnachrichten per Email an redaktion@mucbook.de oder via DM auf Insta @mucbook
Dir gefällt der Podcast? Dein MUCBOOK-Membership hilft uns bei der Produktion neuer Episoden. Link: https://shop.mucbook.de/produkt/memberpaket/