Die Netzwerk-Spinnerin und der Kulturhafen

31. März 2010
Feiern & Kultur

Das neue Projekt von München852 bietet sechs Stockwerke und 4000 Quadratmeter Platz für die freie Szene. Mucbook hat die 852-Macherin Zehra Spindler in “Puerto Giesing” getroffen.

***

Zehra Spindler steht mit Mirko Hecktor auf dem Dach von Puerto Giesing und schaut über Giesing, jedes Dach Münchens, bis zu den Bergen am Horizont. Puerto Giesing ist das neue Projekt von München 852: Ein sechsstöckiges, ehemals gewerblich genutztes Haus, 4000 Quadratmeter Fläche, mietfrei bis zum Abriss Ende des Jahres, aber Nebenkosten im vierstelligen Bereich, sie braucht Zulassungen, Versicherungen, Konzessionen. Aber wenn man auf dem Dach steht, ist das nicht mehr so wichtig. Dann ist es einfach nur geil. “Schon nicht ganz uncool”, nuschelt Mirko Hecktor, und überlegt laut, wie hoch denn die Antenne sein muss, um hier einen Radio-Sender zu starten.

Es ist ein riesiges Projekt für die Koordinatorin Zehra Spindler, nach der Tagesbar im Horses, Cars & Stars und dem Kulturbiergarten am Isartor ihr Größtes. Unter dem Label München 852 hat sie ein Subkultur-Netzwerk quer durch die Münchner Szene geschaffen. Sie bezeichnet als Netzwerkerin und Veranstaltungsgeneratorin, organisiert sich ausschließlich über Twitter, Facebook und Myspace. Sie hat tätowierte Oberarme, einen riesigen Schlüsselbund und kommt in der Regel zu spät.

Und jetzt hat sie ein 4000-Quadratmeter-Gebäude zu Bespielen. Reichen dafür 704 Facebook-Freunde, 2200 Twitter-Follower und die Idee, dass die Künstler sich selbst organisieren, wenn man ihnen eine Plattform und einen Ort dazu gibt?

Wo Puerto Giesing genau ist, will Zehra Spindler erst bekannt geben, wenn alle Verträge unterschrieben sind. Aber es soll zwei Clubs im Haus geben, einen im Keller, bespielt unter anderem vom Team From Hell, und einen kleineren in der ehemaligen Kantine des Hauses, der Mode-Designer Patrick Mohr arbeitet bereits in einem Stockwerk. Es soll Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Modenschauen geben. Die Designer von xhoch4, das Echokammer-Label, die LaBrassBanda, der Theaterregisseur Florian Bösch, sie alle sind im Boot,  Mirko Borsche hat ein Logo entworfen, dazu Ateliers, Büros. Und Mirko Hecktor, DJ und Mjunik-Disko-Herausgeber, macht Radio, wenn die Antenne hält.

München 851 hat Zehra Spinlder im letzten Jahr gegründet, als Reaktion auf den 850. Stadtgeburtstags, in diesem Jahr folgt nun München 852. Sie will Münchnern Künstler eine Plattform bieten, sich zu organisieren und abseits der etablierten Theater, Literaturhäuser und Museen aufzutreten und auszustellen. Sie will keine Werbung machen, sondern die Künstler dazu bringen, selbst die Initiative zu ergreifen. Veranstaltungen, Kooperationen, Auftritte sollen sich selbst generieren.

Früher war Zehra Spindler Redakteurin bei einem Münchner Stadtmagazin, und fing dann an, Veranstaltungen wie “Die lange Nacht der Musik” zu organisieren. Ihr erstes Projekt für München 851 war, sich nackt in die Leopoldstraße zu stellen und ein Ganzkörper-Bodypainting malen zu lassen. Es war der Beginn einer medialen Kunstfigur:  Zehra ist nicht ihr richtiger Vorname, als semi-fiktiv bezeichnet sie die Internet-Zehra. Eine billige Aufmerksamkeitsmasche, sagen manche. Billig war es, sagt Zehra Spindler: “Mein Budget beträgt null Euro.” Sie weiß, dass das kokettierend klingt, und sie weiß auch, dass sie Aufmerksamkeit braucht. Ihr Kapital sind ihre Kontakte und ihr Netzwerk. “Man kann flirten, man kann Nonsens produzieren, man kann Billig-Sein im Internet, das schafft alles Aufmerksamkeit.”, sagt sie. “Aber ich will Spaß haben und das machen, was mir Spaß macht.

Im letzten Jahr organisierte sie zusammen mit Patrick Gruban, dem Macher von sub-bavaria, rund 70 Veranstaltungen, von Nerd-Nites über die multimediale Lesungen in der Niederlassung bis hin zu Elektropop-Performances, Live-Konzerten, der Kunstmesse Stroke und einem experimentellen Theaterradio. Sie organisierte die Tagesbar im ehemaligen Horses, Cars & Stars und im August 16 Tage lang den Kulturbiergarten am Isartor. Freie Szene, Subkultur – sie hat keinen festen Kulturbegriff. Sie will keine Erwartungen bedienen, sie will Risse und Brüche in München, sagt sie.

Geld bekommt sie sporadisch, bezahlt machen tut sich ihre Arbeit nicht. Für die Tagesbar arbeitete sie jeden Tag im Horses, Cars and Stars, sieben Tage die Woche, umsonst. Während des Kulturbiergartens hatte sie sich in einem Hotel direkt am Isartor einquartiert, um ständig vor Ort zu sein. Nach Ende des Biergartens rechtfertigte sie zwei Stunden lang vor dem Bezirksausschuss Mitte, warum sie das Projekt gemacht hatte. Die Politiker erklärten sie, angesichts der völlig ungeklärten Finanzierung, für völlig wahnsinnig. Am Ende der Sitzung fragten sie Zehra Spindler, ob sie es denn noch einmal machen würde. Zehra sagte euphorisch ja – und bekam nachträglich Geld für  Strom, Technik und Logistik, für sie selbst blieb davon nicht mehr viel übrig. Ihre Arbeit bezeichnet sie als nicht-systemkonform und chaotisch. Sie brauchte vier Monate, um die Quittungen beim Bezirksausschuss einzureichen.

Auf dem Dach in Giesing ist die Antennenfrage inzwischen geklärt. Zehra und Mirko Hecktor klettern zurück ins Gebäude, gleich ist Arbeitstreffen mit Künstlern und Veranstaltern. Es gibt einen Google-Kalender, in den jeder seine Termine eintragen kann. In zwei Wochen soll es in Puerto Giesing losgehen – die Nebenkosten drücken. Von der Decke hängen noch Kabel, im Eingang steht ein altes Sofa, ansonsten ist das Haus leer und von den Wänden bröckelt der Putz. Nur der Google-Kalender mit den geplanten Veranstaltungen ist fast voll. Und Zehra Spindler erklärt den anderen gerade, dass ein Senioren-Tanznachmittag unbedingt auch ins Programm gehört.

Ihren Nachnahmen hat sie nicht fiktionalisiert. “Spindler, das passt so schön”, sagt sie grinsend. “Wegen spinnen.”

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Zehra Spindler in Puerto Giesing.

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Die Graffitis sind von Boris Dyset von xhoch4.

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Einer der Räume in Puerto Giesing.

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Der Blick vom Dach.

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Die schwarzen Symbole stellen ein 852 dar.

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Der Keller: hier soll unter der Regie des Teams from Hell ein Club entstehen.

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Zehra Spindler und Mirko Hecktor auf Besichtigungsrundgang.

Adrian Renner    Dieser Artikel wurde von geschrieben.
Adrian Renner ist freier Journalist. Er mag das Münchner Filmmuseum, Immanuel Kant und schlechte Wortspiele.
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  • 4 Kommentare

    um’s ganz web 2.0 zu sagen: gefällt mir!

    Von monale am 31. März 2010 um 19:41 Uhr.

    Ganz schöner Föhn. Viel heiße Luft. Und ein unglaubliches Aufmerksamkeitsbedürfnis, das Zehra Spindler da wieder mal an den Tag legt. Hauptsache, nicht ernsthaft arbeiten müssen, krampfhaft an der Jugend (auch noch mit 40) festhalten und auf jede neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird, aufspringen. Mal sehen, wer in einem Jahr noch drüber redet.

    Von Captain Kirk am 13. April 2010 um 15:18 Uhr.

    Zehra Spindler – die Koordinatorin und “Eventgeneratorin”. hat die schon mal in ihrem Leben gearbeitet?

    Von Herb am 05. Mai 2010 um 12:33 Uhr.

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