Kultur, Kunst

Und die Wuselweltenbühnenbilder drehen sich weiter

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Aleksandar Denics Bühnen, derzeit am Residenztheater in den Inszenierungen Reise ans Ende der Nacht und Faust zu erleben, (über)fordern regelmäßig ihr Publikum, sowie Werkstatt, Bühnenmeister und Schauspieler und bereiten dabei zugleich jedem Regisseur eine wahrhaft unbegrenzte, traumhafte Spielfläche.

Für diese seine Wuselwelt für Frank Castorfs Celine-Zertrümmerung Reise ans Ende der Nacht am Residenztheater wurde er dieses Jahr zum Bühnenbildner des Jahres gekürt, für die ästhetische Nibelungen-Revolution, die er die letzten Jahre ebenfalls zusammen mit Frank Castorf auf dem Grünen Hügel veranstaltete, erhielt er vor einer Woche sogar den Theater-Oscar FAUST. Wie passend, hat sich ja vor etwa einem halben Jahr Martin Kusej diesen Castrof’schen Haus- und Hofbühnenbildner für seine Interpretation des der Deutschen liebsten Klassikers „Faust“ mal ausgeliehen. Diese Inszenierung wiederum ist erst vergangene Woche mit dem Österreichischen Theaterpreis NESTROY als „Beste deutschsprachige Aufführung“ ausgezeichnet worden.

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Was also macht diese Bühnenbilder, die Aleksandar Denic entwirft, so einzigartig, bestaunenswert und so kurzweilig, fast filmisch?
Betrachtet man diese Kunstwerke auf den Bühnen, so scheint es, als hätte Denic Angst vorm (zu) leeren Raum – ein fast barocker horror vacui. Denn er baut nicht nur ein Bühnenbild, das sich flächig über die Horizontale ausbreitet, sondern mehrere Ebenen, die sich in die Höhe zu polylokalen Welten ineinander- und aufeinander schachteln. Dadurch wird nicht nur die Parallelität unserer Welt simultan, ohne Szenenwechsel, auf der Bühne sichtbar, sondern auch deren Unterschiede prallen gnadenlos aufeinander.

Ersteres lässt sich aus Reise ans Ende der Nacht herauslesen. Der Kriegswahnsinn und seine Nachwehen legen sich wie ein schwerer Teppich über die halbe Welt, und egal, wohin Bardamu, die Hauptfigur aus Ferdinand Celines Nachkriegsroman, kommt (Kongo, Amerika, und wieder Europa), überall liegt alles in Trümmern. „Bei 36 Grad wird“ nicht nur „alles banal“, es verschiebt sich auch die Wahrnehmung: da werden die drei französischen Worte zum Tor von Auschwitz, da splitten sich Figuren auf, da ist man einmal in Afrika, als nächstes in Amerika, und plötzlich in Europa, da wandern Bühnenszenen auf die Filmleinwand, die über allem schwebt, da geht es mit der Handkamera tief hinein in die Bühnen- sowie Seelenräume der Figuren.

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Letzteres wird in eindringlicher schwarz-weiß-Malerei in Faust symbolisch unübersehbar. Faust wandert durch dieses Nachtstück. Denics Bühne bereitet ihm eine dunkle, heruntergekommene, abgründige schwarze Welt, durch die er weiter, immer weiter an Mephistos Seite Befriedigung sucht. Dazwischen wird herangezoomt: Tor auf – strahlend weiß wird der Blick frei auf Gretchens keuschen Raum, den Faust zerstört und ihn zuletzt zu Gretchens blutigem Grab macht.

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„Wie textnah muss eine Inszenierung sein?“ – die ewige Regietheater-Diskussion wird gerade bei Denic auf die Bühne umgelegt. Wo die Ortsangaben der Textvorlagen wie bei den Nibelungen, bei Celine oder auch bei der goetheschen Textvorlage ein Stück geradezu unspielbar und für die medialen Beschaffenheiten der Bühne (die bekanntlich ohne Schnitt auskommen muss) scheinbar unmöglich macht, da beginnt bei Aleksandar Denic erst der Spaß, das Ausloten von Möglichkeiten, das Ignorieren von Grenzen, das Versammeln beliebig vieler Szenen. Um und durch diese Ebenen können nun die darin zum Sein verdammten Gestalten ungehindert der Wirklichkeit entfliehen, ihre Identität suchen, Grenzen überschreiten, in Camps und Abgründe stolpern – und dabei um die Bühne, umeinander und letztlich um sich selbst kreisen.

Das Residenztheater hat unter anderem auch den Aufbau von Faust gefilmt. Und was hier in wenigen Minuten steht, beschäftigt das Bühnenteam vor jeder Vorstellung ungefähr 8 Stunden.

Aufbau „Faust“ Zeitraffer from Residenztheater on Vimeo.

Durch die Bühnenwelten des Bühnenbildners des Jahres spielt sich derzeit gleich in zwei Inszenierungen am Residenztheater die Schauspielerin des Jahres Bibiana Beglau: einmal in FAUST als Mephisto neben Werner Wölbern (Faust) und Andrea Wenzl (Gretchen) und das andere Mal in REISE ANS ENDE DER NACHT als Ferdinand Bardamu.

Faust: 16./17./23./24. November 2014, je 19:00
und dazwischen am 21. November 2014 um 19:00 wieder in Reise ans Ende der Nacht.

Text: Valerie Kiendl
Fotos: (c) Matthias Horn
Video: Tobias Leitenstern

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