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Das ist Kunst und das kann weg (9): „Für immer schön“ im Residenztheater

Juliane Becker

Juliane Becker

Theaterwissenschaftlerin, Katzenfreundin und Journalistin. Schreibt bei mucbook über Theater, Konzerte und eigentlich alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hat.
Juliane Becker

Kaufen und verkaufen, fressen oder gefressen werden, einfach immer weitermachen: Cookie ist nicht mehr jung, aber glaubt weiterhin an den amerikanischen Lebenstraum. Als alternde Kosmetikvertreterin klingelt sie an fremden Türen und bietet Produkte an, die niemanden mehr interessieren, aber egal, the show must go on. Cookie zieht auch dann noch um die Häuser, wenn sie fast blind ist, auf blutigen Füßen und in zu engen Stöckelschuhen, es ist eine „groteske Via Dolorosa ohne Anfang und Ziel, eine kreisförmige Selbstoptimierungsreise durch die Verdammnis aus Vorgärten und Haustüren.“

Für immer schön heißt Noah Haidles neues, tragikomisches Stück über die Abgründe des American Way of Life. Haidle ist US-Amerikaner, neuer Hausautor am Mannheimer Nationaltheater und gerade 39 geworden. Im Vergleich zu den Autoren, die sonst gespielt werden, ist er damit eigentlich noch ein Jungspund. Auch im Theaterbetrieb scheint sich nun einiges zu tun. Übernehmen nach jahrhundertelangem Altherreninszenieren nun endlich die Jungen und Wilden das Theater?

Im Residenztheater, wo Für immer schön am 17. November Premiere feiert, auf jeden Fall. Und weiblich sind die jungen Wilden hier auch noch. Pure Frauenpower hinter den Kulissen: Regisseurin Katrin Plötner (*1985) , dieses „Kraftpaket voll Melancholie„, ehemalige Regieassistentin am Resi, hat es wieder nach München verschlagen. Mit dabei sind auch die Kostümbildnerin Lili Wanner (*1978) und die Bühnenbildnerin Anneliese Neudecker (*1984, v.r.n.l.). Es ist die erste gemeinsame Münchner Produktion seit über vier Jahren.

Mucbook: Im Theater gibt es normalerweise einen gewissen Durchlauf, Kostüm- und Bühnenbildner*innen arbeiten mit ganz verschiedenen Regisseur*innen zusammen. Ihr hingegen seid seit Jahren als Team unterwegs. Wie kam diese Dreierkonstellation zustande?

Lili Wanner: Kennengelernt haben wir uns hier, im Resi.
Katrin Plötner: Als ich angefangen habe, als freie Regisseurin zu arbeiten, war mir schnell klar: Ich möchte mit Anneliese und Lili weiter arbeiten. Wir kannten uns bereits vom Resi und ich wusste, dass sich unsere Ästhetik schön ergänzt. Am Anfang war das eher eine künstlerische Entscheidung, mittlerweile gehen wir sogar zusammen wandern.
Anneliese Neudecker: Zusammen gewohnt haben zwei von uns auch schon. Zu dritt allerdings noch nicht.

Wie funktioniert das, wenn ihr für Produktionen angefragt werdet? Taucht ihr dann im Dreierpack auf und sagt: Wir machen das nur zusammen?

Anneliese Neudecker: Eigentlich kommen wir sogar immer im Viererpack. Wir haben auch einen Musiker dabei (lacht).
Katrin Plötner: Wir haben schon ziemlich früh versucht, uns zusammen zu „verkaufen“, ja. Das hat auch relativ schnell gut geklappt.
Lili Wanner: Und Markus Steinkellner, unser Musiker, ist eigentlich auch an fast jeder Produktion beteiligt.

“Für immer schön” handelt von Cookie, einer in die Jahre gekommenen Kosmetikvertreterin, die unbeirrt an den “American Way of Life” glaubt. Das ist schon ein sehr amerikanischer Topos. Wie kann man den auch für ein deutsches Publikum aufarbeiten?

Anneliese Neudecker: Stimmt schon, das ist ein sehr amerikanisches Stück, ich hatte da gleich “Desperate Housewives” im Kopf. Aber das hat man ja nun schon oft genug auf einer Bühne gesehen, ich wollte dafür etwas Abstrakteres entwerfen. Stichwort: Pinke Hölle.
Katrin Plötner: Für mich geht es vielmehr um Oberflächen. Um die Haltung: Ich bekomme das schon alleine irgendwie hin. Ich muss mich nur genug bemühen, um mich im kapitalistischen System zu beweisen. Das ist etwas, was in Deutschland und Europa schon lange angekommen ist. Deshalb haben wir bewusst darauf verzichtet, eine 1:1-Umsetzung eines amerikanischen Vororts zu gestalten.
Lili Wanner: In den Kostümen wird ein „amerikanischer Touch“ angedeutet – das wollten wir aber gerade wegen der Setzung in dieser abstrakten Welt. Es verstärkt das Schablonenhafte und dadurch wieder Allgemeingültige der Figuren.
Katrin Plötner: Im Prinzip kann man “Für immer schön” als moderne Fortsetzung von “Tod eines Handlungsreisenden” sehen. Mit dem Unterschied, dass sich Cookie weigert, Opfer zu sein. Das finde ich so faszinierend an ihr.

Im Zentrum steht also eine starke Frauenfigur, vor mir sitzen jetzt drei weibliche Theaterschaffende, gleichzeitig kann von Gleichberechtigung im Theaterbetrieb keine Rede sein. Noch immer sind über zwei Drittel der inszenierenden Regisseure in Deutschland Männer, die allermeisten Häuser werden auch von Männern geleitet. Vor einigen Wochen ist der Verein Pro Quote Bühne an die Öffentlichkeit getreten und fordert eine fünfzigprozentige Frauenquote in allen Bereichen des Theaters. Was haltet ihr davon?

Katrin Plötner: Ich halte es für lächerlich, wie wenig Frauen in Theatern eine Führungsposition innehaben. Sieht man die bloßen Zahlen, dann bin ich davon überzeugt, dass es von alleine keine signifikanten Veränderungen geben wird. Es reicht ja schon, wenn die Personen, die gerade die Schlüsselpositionen besetzen, also diejenigen, die Anneliese, Lili oder mir einen Job geben, mal über diese Zahlen nachdenken. Ob dann am Ende eine Quote steht, ist im Endeffekt egal. Das Bewusstsein für die Problematik zählt, das ist ganz ähnlich wie beim Ensemble-Netzwerk.
Lili Wanner: Wobei ich engagiert werden möchte, weil ich gute Arbeit mache, und nicht, weil ich eine Frau bin.
Katrin Plötner: Wenn den Verantwortlichen klar wird, dass sie von Vorurteilen beeinflusst werden, sobald sie Leute engagieren, dann braucht man ja gar keine Quote mehr. Bis dahin finde ich es wichtig, dass sich ein Problembewusstsein aufbaut – auch durch Initiativen wie Pro Quote.

Unter Dramenautor*innen gibt es dieselbe Problematik.

Katrin Plötner: Wobei ich das da noch fast verheerender finde. Wie viele Theaterautorinnen fallen dir auf Anhieb ein? Dea Loher, Elfriede Jelinek…

…und Sibylle Berg.

Katrin Plötner: Genau. Und in den meisten Uraufführungen sind dann doch meistens wieder die Männer die Protagonisten. Frauenrollen heißen dann “Ehefrau”, selbst in zeitgenössischen Fließtextstücken.

Und das ausgerechnet im Theater, wo sich alle immer wahnsinnig progressiv geben.

Katrin Plötner: Theater ist insofern progressiv, als dass sich Arbeitgeber die unfassbar schlechten Arbeitsbedingungen hier angucken, um sie dann auf andere Berufe zu übertragen (lacht).

Was würde sich ändern, wenn es mehr Regisseurinnen an deutschen Theatern gäbe?

Katrin Plötner: Egal ob ein Mann oder eine Frau inszeniert: Ich denke, es gäbe mehr differenzierte Rollen für Frauen in der Theaterliteratur – man müsste sich allerdings die Mühe machen, sie zu suchen.

Gibt es ein Stück, das ihr gerne zu dritt bearbeiten würdet?

Anneliese Neudecker: Immer wieder gerne Horváth.
Lili Wanner: Da wäre ich sofort dabei.
Katrin Plötner: Und was genau?
Anneliese Neudecker: “Geschichten aus dem Wiener Wald”.
Katrin Plötner: Machen wir.

Wobei die Frauenfiguren aus “Geschichten aus dem Wiener Wald” auch nicht gerade klischeebefreit sind.

Katrin Plötner: Stimmt. Aber durch seine Bösartigkeit legt der Horváth zumindest offen, dass es da ein Problem gibt. Das schaffen selbst moderne Stücke nur sehr selten.

Vielen Dank für das Interview!

„Für immer schön“ feiert am 17.11. im Marstall Premiere. Weitere Termine: 21.11., 28.11., 06.12., 08.12.
Mit: Juliane Köhler, Pauline Fusban, Katharina Pichler, Nils Strunk, Mathilde Bundschuh


Beitragsbild: © Thomas Aurin

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