Kultur, Live

Die Wahrheit ist hässlich

Juliane Becker

Theaterwissenschaftlerin, Katzenfreundin und Journalistin. Schreibt bei mucbook über Theater, Konzerte und eigentlich alles, was irgendwie mit Kultur zu tun hat.
Juliane Becker

Ein Haus voller Geschichten: Das Residenztheater zeigt Der Stein im Marstall.

(c) Matthias Horn

(c) Matthias Horn

Ein schlecht gewählter Titel für dieses Stück. „Der Stein“. Er wird dieser Inszenierung kaum gerecht, suggeriert er doch Kargheit und Stillstand. Dabei ist Sarantos Zervoulakos Regiewerk alles andere als eine weitere träge Aufarbeitung der NS-Zeit. Mit Elan und Dynamik dreht sich die Geschichte um ein Haus, welches Generationen von Menschen eine Heimat geboten hat – und welches auch Schauplatz unvorstellbaren Leids war. Erinnerungen werden verfälscht, Legenden erfunden, Beziehungen geschönt. Begleitet von raschen Kostüm- und Jahreswechseln, zeigen Nora Buzalka, Juliane Köhler und ihre drei weiteren Mitspieler die Wandelbarkeit der Wahrheit auf. Die drei Meilensteine in dieser Inszenierung sind die Jahre 1935, 1978 und 1993. Inmitten des Nationalsozialismus wird besagtes Haus von Juden abgekauft; weit unter Wert, nicht besonders höflich. Trotzdem spinnt die Familie eine Saga um diese Handlung – zur Flucht verholfen habe man den Juden damals durch den Kauf. Der Großvater wird zum Held hochstilisiert, während sich die Lügen türmen, bis ins Jahr 1993 hinein. Krampfhaft hält man an den Geschichten fest, die wahren Umstände werden im Garten verscharrt.

(c) Matthias Horn

(c) Matthias Horn

Neben der drehbaren Bühne beeindruckt vor allem die schauspielerische Leistung der Beteiligen, die alle zwischen zwei und vier Rollen übernehmen. Der Wechsel geht Schlag auf Schlag, aus der betrogenen jüdischen Frau wird im nächsten Moment die wütende Nachmieterin. In nur knapp zwei Stunden vermag es der junge Regisseur, ein Familienepos ohnegleichen auf die Bühne zu bringen. Aus Marius von Mayenburgs trockener Vorlage wird so eine bildhafte, brilliante Inszenierung, deren schonungslose NS-Aufarbeitung den Wert eines Jelinek’schen Stücks gleichen Themas weit übersteigt.

 

Weitere Vorstellungen am 14. Januar, 24, Januar und 04. Februar. Karten ab 8 Euro.
Informationen und Spielplan unter www.residenztheater.de

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