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Lernen vom BaumEntscheid: Wie viel Mut braucht Veränderung?

Zwei Studierende haben in Rekordzeit 63.000 Unterschriften für den BaumEntscheid München gesammelt:  Doppelt so viele wie für das Bürgerbegehren nötig gewesen wären. Am 26. Oktober werden die Unterschriften offiziell bei der Stadtverwaltung eingereicht. Wie konnte das zwei jungen Menschen gelingen? Ein MUCBOOK-Interview mit den Initiatoren zeigt: Den Satz „Ich kann ja doch nichts ändern“, kann man wohl nicht mehr so stehen lassen.

Stefanie Günther, Bachelor in Psychologie und in den letzten Zügen des Masters Politics & Technology. Stefanie ist definitiv Frühaufsteherin und ein bisschen Nachteule, mag die Berge und das Glockenbach-Viertel.

Joseph Coenen, Bachelor in Landschaftsarchitektur und gerade mitten im Masterstudium Städtebau, ist eine Nachteule Er ist gerne in den Bergen und am Meer und sein Lieblingsviertel in München ist Schwabing.

Aus einem Gespräch in der Mensa entsteht eine Kampagne für Hitzeschutz. Als Stefanie und Joseph (beide 25) sich im Seminar „Changemakers“ an der TUM kennenlernen, ahnen sie noch nicht, dass bald überall in der Stadt Plakate des BaumEntscheids in München hängen und ihre Vision einer grüneren Stadt bald in allen großen Münchner Zeitungen steht. Wie haben die beiden Gründer:innen des BaumEntscheid München es in so kurzer Zeit geschafft, so viele Unterschriften für den Hitzeschutz und das Pflanzen von mehr als 12.000 Bäumen in der Stadt zu sammeln? Wir haben direkt bei ihnen nachgefragt.

Viele wollen etwas verändern. Die meisten scheitern daran, dass sie nicht sichtbar werden. Euch ist es in erstaunlich schneller Zeit gelungen, Zigtausend Unterschriften zu sammeln. Wie ist euch das gelungen? Welche Tools oder Maßnahmen haben sich als besonders effektiv erwiesen?

Stefanie: Ich würde sagen, eine Mischung. Wir haben von Anfang an versucht, alles Mögliche zu nutzen, was geht. Das Besondere an einem Bürgerbegehren ist ja, dass man die Unterschriften nur analog einsammeln kann. Und es war schon eine Herausforderung, erstmal zu überlegen, wie kommt man überhaupt an so viele Unterschriften. Da hat das Sammeln auf der Straße, also die Leute anzusprechen, sehr geholfen. Und es war super hilfreich, nach und nach eine gewisse Bekanntheit für die Initiative zu bekommen.

Joseph: Unsere Plakate waren auf jeden Fall das Wichtigste für die Sichtbarkeit. Das hat uns auch ein bisschen unterschieden von anderen Bürgerbegehren, dass wir schon so früh in der Kampagne plakatiert haben, um stadtweit die Aufmerksamkeit zu bekommen. Und dann haben wir auch ganz klassisch Pressearbeit gemacht, früh tollen Kontakt gehabt mit der Münchner Presse und auf Social-Media gute Reichweiten bekommen.

Das Wichtigste ist, schnell zu sein, auszuprobieren, wenn es nicht klappt, zu korrigieren, also nicht erst wochenlang etwas zu durchdenken.

Und woher wusstet ihr, wie das alles geht?

Joseph: Ich habe mich lange Jahre in einem zivilgesellschaftlich geführten Museum engagiert und da sehr viel im Marketing gelernt. Wir hatten natürlich auch Wegbegleiter, die schon Erfahrungen hatten, die uns Tipps gegeben haben. Und da war es auch ein bisschen Intuition und Try and Error. Ich glaube, das Wichtigste ist, schnell zu sein, auszuprobieren, wenn es nicht klappt, zu korrigieren, also nicht erst wochenlang etwas zu durchdenken und dann an einem Detail zu scheitern. Einen Plan braucht es natürlich schon, aber man sollte nicht zu viel diskutieren, sondern schnell anfangen.

Ich habe unterschätzt, wie sehr so eine Plakatier-Aktion und Sichtbarkeit in der Stadt helfen können, (…) dieses Thema näher an die Menschen zu bringen.

Stefanie: Und besonders bei Social-Media und der Presse kam dazu, dass wir seit August 2025 ein super Kernteam an der Seite hatten, was da viel reingesteckt und unter anderem Social-Media durchgehend bespielt hat. Das hätten wir zu zweit natürlich gar nicht so durchführen können. Das war eine sehr große Hilfe. Außerdem sind wir Teil vom BaumEntscheid e.V., unserer Dachorganisation. Und auch da haben wir gute Tipps bekommen, z.B. an welcher Stelle man die Presse vielleicht einbinden kann.

Also eine Kombination aus Learning by Doing und Tipps. Was hattet ihr anders eingeschätzt? 

Stefanie: Ich habe unterschätzt, wie sehr so eine Plakatier-Aktion und Sichtbarkeit in der Stadt helfen können. Eine Aktion, die nicht nur online ist, sondern wirklich bei jedem vor der Haustür dieses Thema näher an die Menschen bringt. Und zudem, wie viele Menschen sich in so kurzer Zeit für ein Thema begeistern und es gemeinsam tragen können. Das war besonders toll bei unserem Sammelteam zu sehen. Ich glaube, am Ende waren wir bei über 150 Ehrenamtlichen, die zusammen Unterschriften gesammelt, Boxen betreut, Plakate aufgehängt haben und das Kernteam, was die ganze Initiative mitaufgebaut hat. Das hat mich überrascht, wie toll das eine Community aus ganz unterschiedlichen Menschen zusammenbringen kann.

Wir haben die gesamte Initiative ohne großen Verband an der Seite aufgebaut.

Joseph: Ja, ich würde noch ergänzen: wir wussten schon, dass das Thema, mit dem wir versuchen, politische Veränderungen herbeizuführen, nicht schlecht ist. Uns war bewusst, dass der Schuh wirklich drückt. Aber dass uns so schnell so viele Leute supporten, einerseits im Team, aber auch aufseiten der Bürger: wir haben fast doppelt so viele Unterschriften gesammelt wie notwendig. Das haben wir nicht erwartet. Wir brauchten 33.000 gültige Unterschriften, gesammelt haben wir über 63.000, deutlich, deutlich mehr in nur vier Monaten, ohne dass wir davor irgendwie Bekanntheit hatten, selber als Personen oder über Verbände. Hinter dem Radentscheid zum Beispiel standen der ADFC und andere etablierte Verbände mit großer Struktur. Wir haben ohne Verband angefangen, waren lange alleine am Anfang, haben die gesamte Initiative ohne großen Verband an der Seite aufgebaut. Und das war schon cool zu sehen, dass unsere Einschätzung, dass das Thema echt ein Problem ist, so großen Anklang findet und viele sagen: Hey, okay, da machen sie mit.

 

Wie wichtig waren denn Marketing und Design?

Stefanie: Ganz, ganz zentral. Wir haben uns gefreut, dass wir mit der Agentur In A Nutshell zusammenarbeiten durften, die uns mit ihrer Erfahrung von anderen politischen Kampagnen sehr gut zur Seite stehen konnten, sodass wir einen jungen, frischen, kreativen, aber ansprechenden und klaren Auftritt hatten, der sich sowohl über den Unterschriftenzettel zog, bis hin zum Design der Website und der Plakate. Und den Leuten einen Wiedererkennungswert gegeben hat.

Wir wollen mit dem BaumEntscheid in Zeiten von knappen Stadtkassen keine Stadtverschönerung betreiben, sondern es geht uns darum: Wie kann man die Gesundheit der Münchner:innen schützen?

Die Plakate haben ein bisschen an die Illus von den Grünen beim Wahlkampf erinnert. Waren das die gleichen Zeichner oder war das Zufall?

Joseph: Das war Zufall. Wir beide sind ja ein überparteiliches Team: Steffi ist bei den Grünen, ich bin bei der CSU, aber auch im ganzen Team sind eigentlich alle demokratischen Meinungsbilder abgedeckt, weil das Thema des BaumEntscheids ja einfach auch keins ist, was einer Partei zugeschrieben werden sollte, sondern Hitzeschutz betrifft alle Menschen.

Bei der Kampagne haben wir uns überlegt, was sind so die drei zentralen Aspekte, die wir eigentlich mit unserer Initiative aufzeigen wollen. Wir wollen mit dem BaumEntscheid in Zeiten von knappen Stadtkassen keine Stadtverschönerung betreiben, sondern es geht uns z.B. darum, wie man in einer immer heißeren Stadt die Gesundheit der Münchnerinnen und Münchner schützen kann. Und deswegen ist z.B. das Motiv mit der Omi entstanden, die auf dem Heimweg vom Einkaufen im Schatten sitzen kann.  Das zweite Motiv ist die Illustration mit den Arbeitern, die exemplarisch für die Wirtschaft stehen, welche von Hitze besonders betroffen ist. Oder zuletzt das Thema Lebensqualität, das war das Motiv mit einer Familie, die im Schatten des Baumes sitzt, spielt und sich erholt. So wollen wir zeigen, was die zentralen politischen Themen sind, die eigentlich hinter der Idee des BaumEntscheids  stecken und für deren Zukunft wir uns dringend einsetzen müssen.

Da habt ihr euch sehr fokussiert. Wie viel Budget hattet ihr letztendlich für die Kampagne zur Verfügung und woher kam das Geld?

Joseph: Das Wichtigste ist das ehrenamtliche Kapital. Das sind ganz, ganz, viele Tausende Stunden ehrenamtliche Arbeit, die von unseren über 150 Ehrenamtlichen und uns beiden in den BaumEntscheid gesteckt wurden. Ohne das geht es nicht. Wenn der Bürgerentscheid käme, was ja einer der nächsten möglichen Schritte des BaumEntscheids sein könnte, dann sind wir auf dieses gemeinschaftliche Engagement auch nochmal angewiesen, um auch eine zweite Kampagne fahren zu können.

Finanzierung

  • Rund 50 Partner aus NGOs und Unternehmen
  • Unabhängige Initiative im BaumEntscheid e. V., finanziert über Spenden und Förderungen

Quelle: Website Baumentscheid München

Du hast ja gerade schon gesagt, dass ihr da wirklich sehr viele Stunden investiert habt, ihr beide. Wie habt ihr das neben dem Studium gemacht? Habt ihr pausiert oder Semesterferien dafür geopfert?

Stefanie: Wir haben jetzt diese Semesterferien auf jeden Fall und auch die Monate zuvor viel Zeit in den BaumEntscheid gesteckt. Insbesondere in der Sammelphase war es einfach sehr, sehr intensiv. Hat aber auch extrem viel Spaß gemacht. Und genau, Joseph, du hast ein paar Kurse an der Uni belegt. Ich muss eigentlich noch meine Masterarbeit schreiben. Die habe ich jetzt ein bisschen zurückgestellt und gehe es ein bisschen langsamer an.

Joseph: Der BaumEntscheid ist eine ehrenamtliche Team-Leistung. Wir beide haben die Idee gehabt und sehr früh ein Kernteam dazu geholt. Das waren dann ungefähr 20 Personen die mit uns gemeinsam die Initiative aufgebaut haben. Also nur zusammen geht’s.

Über die Monate ist das Team sehr schön gewachsen.

Wie habt ihr denn das Kernteam aufgebaut oder gefunden?

Stefanie: Das hat sich eigentlich sehr schön ergeben. Wir hatten im Juli 2025 unsere Kick-Off-Veranstaltung organisiert. Dafür kam ein Teil unseres Trägervereins BaumEntscheid e.V. aus Berlin und hat das mit uns gemeinsam gemacht. Wir hatten eine kleine Panel-Diskussion und im Anschluss einen Workshop, wo es direkt ins Brainstormen und Arbeiten ging. Und aus diesem Kick-Off heraus haben sich die ersten Ehrenamtlichen gefunden, die ins Kernteam hinzugekommen sind.

Und so ist es über die Monate schön gewachsen. Immer mal wieder hat jemand eine neue Person mitgebracht oder uns auf LinkedIn angeschrieben. So kamen dann ganz verschiedene Leute auf unterschiedlichen Wegen hinzu. Das ehrenamtliche Sammelteam haben wir dann über den März aufgebaut. Also da sind wir zu Veranstaltungen gegangen, haben in diverse Gruppen geschrieben, auf Social-Media Werbung gemacht, dass man ins Sammelteam hinzukommen kann, und auch Workshops angeboten, wo wir darüber gesprochen haben, wie man diese Unterschriften sammelt, was der BaumEntscheid in München eigentlich ist, und was dahintersteckt. Und auch dann kamen über den Sammelzeitraum zu unserer Freude immer noch mehr Leute hinzu, das hat uns riesig gefreut

Laut Freiwilligensurvey 2024 engagierten sich 36,7 Prozent der Menschen ab 14 Jahren in Deutschland freiwillig…

Joseph: Ich glaube, die Lust in Deutschland durch ehrenamtliches Engagement ein Problem zu lösen und die demokratische Gesellschaft zu stärken, ist absolut da. Und das ist das Schönste, was man als Initiatoren einer solchen Initiative erfahren kann:  Menschen, die uns ihre Freizeit schenken für die eigene Idee.

Den Mut, den ersten Schritt zu gehen, auch wenn man sich vielleicht am Anfang fragt, wie man diesen großen Berg erklimmen kann, der vor einem liegt. Und dann trotzdem zu sagen: ich brenne dafür.

Wie geht es jetzt weiter? Habt ihr Feuer gefangen?

Joseph: Am 26. Oktober reichen wir die Unterschriften ein, am 25. November entscheidet der Stadtrat über die Zulässigkeit. Danach gibt es drei Optionen: Der Bürgerentscheid, eine direkte Annahme unseres Begehrens durch den Stadtrat oder eine Verhandlungslösung mit der Stadt. Käme es zum Entscheid, ist natürlich klar, wir machen eine weitere Kampagne. Wir sind motiviert und freuen uns über alle, die uns auf diesem Wege supporten möchten. Auf unserer Website kann man sich jederzeit anmelden, um mitzumachen. Für den Entscheid müssten aber wirklich alle Menschen, die unsere Mission gut finden, im Wahllokal oder per Briefwahl für den BaumEntscheid abstimmen. Wir sind uns sicher für diesen Entscheid eine Mehrheit zu bekommen, aber das Quorum, also Ja-Stimmen von mindestens 10 Prozent aller Stimmberechtigten zu bekommen, das ist die Herausforderung. So oder so wird uns der BaumEntscheid nächstes Jahr auf jeden Fall begleiten.

Was würdet ihr sagen, was man von euch lernen kann?

Stefanie: Ich glaube mein Learning ist: Den Mut, den ersten Schritt zu gehen, auch wenn man sich vielleicht am Anfang fragt, wie man diesen großen Berg erklimmen kann, der vor einem liegt und dann trotzdem zu sagen: ich brenne dafür, das ist etwas, was mir wichtig ist. Dann mache ich den ersten Schritt und nicht nur den ersten Schritt, sondern auch den zweiten und den dritten.

Ihr möchtet den Mut an andere weitergeben.

Stefanie: Den wir ja auch wiederum von anderen mitbekommen haben. Da waren ganz viele inspirierende Leute, mit denen man gesprochen hat und die einen motiviert haben.

Wie geht es weiter?

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