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Eine Frage der Perspektive? Bye Bye Lolita im Residenztheater für die Bühne bearbeitet von Lea Ruckpaul und Nora Schlocker
Meeresrauschen. Eine Frau liegt auf der schrägen Bühne wie in einer Garageneinfahrt. Sie spricht über das Meer und was es in ihr hervorruft: Angst, Ruhe, Hingabe. CUT. Vier Schauspielerinnen in rosa Oversize-Sweatern betreten die Bühne. Sie sind wütend, sie fluchen und sie geben Lolita ganz unterschiedliche Gesichter und Stimmen.
In der Inszenierung von Nora Schlocker interpretieren fünf Schauspielerinnen die Rollen der 38-jährigen Dolores Haze und der jungen Lolita aus Dolores Erinnerungen jeweils sehr unterschiedlich. Während Katja Jung eine schroffe, abgeklärte Lolita mit rauchiger Stimme verkörpert, spielt die Jüngste im Residenz-Ensemble, Naffie Janha, mit einer berührenden Präsenz in einer tiefen Stimmlage.
Die Unterschiedlichkeit der Spielerinnen in „Bye Bye Lolita“ wird besonders durch deren einheitliche Kleidung und Perückenfarbe betont. So verwandeln sie sich abwechselnd in die drei Hauptcharaktere. Mit einem angeklebten Bart switcht Lolita in die Rolle von Humbert Humbert, mit roter Perücke in die ihrer Mutter. Erstaunlicherweise wirkt diese minimale Transformation glaubwürdig und die Zuschauer verfolgen gebannt, was auf der Bühne geschieht. Neben der Perspektive der Protagonistin hält das Stück auch noch einige andere überraschende Perspektiven bereit, die der Handlung neue Impulse geben.
Erzählt wird aus Dolores Perspektive, wie sie erwachsen wird. Ihre Erinnerung an ihre Jugend ist geprägt von der schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter und deren Untermieter Humbert Humbert. Lolita, zu Beginn 12 Jahre alt, ist seinen unangenehmen Blicken und belästigenden Händen ausgesetzt. Nach den ersten Szenen folgt eine kurze Episode im Sommer-Camp, später entführt Humbert Humbert Lolita und es beginnt ein Roadtrip, währenddessen er Lolita in Motelzimmern missbraucht. Mit Teppich ausgekleidet wirken die Wände des Motels so beengend wie ein Gefängnis – wird Lolita die Flucht gelingen? Visuell zieht sich die Popkultur der 80er- und 90er Jahre wie ein roter Faden durch das Stück: Mal taucht Mickey Mouse aus Lolitas Comics auf, ein anderes Mal sehen wir Rollschuhe, knallrote Herzluftballons… klar, der ikonische Lolli darf natürlich auch nicht fehlen, wobei Lolita eher lustlos und ironisch daran lutscht.
„Es gibt eine Sache, die ich nicht sein will: das Opfer eines hässlichen alten Mannes in einem Pyjama.“ (S. 85)
In ihrem gleichnamigen Debütroman „Bye Bye Lolita“, der 2024 bei Voland & Quist erschien und als Vorlage für die Inszenierung diente, schreibt die Autorin und Schauspielerin Lea Ruckpaul in einem eindringlichen Ton über das Frausein in einem System von Gewalt und Ungleichheit. Ihr Roman wurde damals im Feuilleton besprochen, der große Durchbruch blieb jedoch aus – das könnte sich jetzt ändern. Dabei steht vor allem die Frage im Zentrum: Wie kann man sich nach wiederholter Vergewaltigung aus der Opferrolle befreien? Die Leserin erlebt die Wut von Dolores, die durch eine lebhafte, moderne Sprache und Ausdrücke wie „fick dich“ vermittelt wird. Humorvolle Passagen kommen nicht zu kurz.
Titelbild: Hanna Scheibe, Lisa Stiegler, Naffie Janha, Katja Jung, Felicia Chin-Malenski © Birgit Hupfeld

Auch in der Bühnenfassung – bearbeitet von Lea Ruckpaul und Nora Schlocker – entwickeln die dialogischen Monologe der Dolores/Lolitas eine fesselnde Wirkung. Das Thema Selbstbefriedigung wird im Stück stärker in den Vordergrund gerückt, wodurch der Diskurs der weiblichen Sexualität spielerisch und kreativ aufgegriffen wird. Lolita schämt sich nicht für ihr „Gehoppel“ und die kollektive Szene, in der sich alle Lolitas gleichzeitig an der Schaukel reiben und andeuten, sich selbst zu befriedigen, ist sehr gelungen und steht für eine gesunde Beziehung zum eigenen weinblichen Körper.
Dolores gewinnt die Macht über ihre Geschichte zurück, indem sie gegen die Version von Humbert Humbert anschreibt. Literarisch wird es so gelöst, dass sie von hinten die leeren Seiten seines Taschenkalenders mit ihren Erinnerungen füllt. Der Kalender wird im Theaterstück als Requisite genutzt.
Sowohl in der Vorstellung als auch im Roman „Bye Bye Lolita“ wird nichts beschönigt. Auch wenn die Gewalt, die von Humbert Humbert ausgeht, nur sparsam gezeigt wird, reichen die Gedanken und Erinnerungen der Hauptfigur – gerade der Satz „er fickte mich dreimal“ – um selbst in das Geschehen hineingezogen zu werden. Und das ist nicht immer einfach. Ja, es tut weh. Als Frau kann man diese Gewalt spüren. Aber es soll wehtun. Hier hätte das Theaterstück noch mehr an die Schmerzgrenze gehen können.
Einerseits ist es eine Kunst, ein schweres Thema mit bissigem Humor aufzulockern und so den Zugang zu erleichtern – und ein eher schmerzhaftes Lachen auszulösen. Andererseits könnte die Geschichte noch mehr berühren, wenn die humorvollen Stellen im Theaterstück etwas reduzierter eingesetzt worden wären. Nach der Premiere habe ich mich gefragt: Könnte man dem Publikum ab 16 nicht etwas mehr zumuten?
Trotzdem war aus meiner Sicht die Rezeption von „Bye Bye Lolita“ schmerzhafter als die Täter-Perspektive in Nabokovs Lolita und zugleich empowernd. Im Buch hat die beschriebene Handlung mehr Raum, was natürlich dem Format geschuldet ist. Trotzdem wirkt das Stück im Vergleich zum Roman leicht überladen. Im letzten Drittel geht es um die Gegenwart der erwachsenen Dolores, wie schwierig es ist mit dem Trauma zu leben und ihre Vergangenheit zu verarbeiten. Weil diese Szenen wichtig sind, um die Konsequenzen eines Traumas darzustellen, war mir das Thema zum Schluss zu kurz abgehandelt. Entweder braucht es mehr Raum für die aktuelle Lebenssituation von Dolores oder sie sollte ganz weggelassen werden. Über diese kleineren Kritikpunkte sieht man angesichts der überzeugenden Inszenierung allerdings gerne hinweg.
Ähnlich wie im Roman von Jean Rhys Die weite Sargassosee, schaffen es Lea Ruckpaul und Nora Schlocker durch „Backwriting“ der Figur der Lolita eine Autorität zu verleihen und sie vom Objektstatus, aus der Opferrolle zu befreien. Trotz Schmerz, Wut und Trauma bleibt ein hoffnungsvolles Gefühl, das Frauen ermutigt – eine Einladung zum Nachdenken: „hallo ihr neuen Lolitas“!
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