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„Damit die nächste Generation junger Frauen in einer anderen Welt groß wird“
Regisseurin Nora Schlocker und die Autorin und Schauspielerin Lea Ruckpaul nehmen uns mit hinter die Kulissen: Sie haben gemeinsam eine Bühnenfassung von „Bye Bye Lolita“ erarbeitet, die derzeit im Residenztheater (Link zu den Terminen) zu sehen ist. Am Vorabend der Premiere (Hier geht es zur Nachbesprechung des Stücks auf mucbook.de) treffe ich die beiden vor dem Cuvilliéstheater. Im hallenden Foyer sprechen wir darüber, was sie an der Geschichte fasziniert und warum Fragen nach dem Male Gaze und den Erwartungen an Frauen weit über das Theater hinausgehen.
Während Lea mit ihrer rauen, klaren Stimme erzählt, spricht Nora mit dunkelrotem Lippenstift leise und eindringlich. In den Blicken und dem Lächeln der beiden liegt eine Wärme, die neugierig macht auf das, was ihre Zusammenarbeit ausmacht.
MUCBOOK: Heute nennt man es People-Pleasing, also abhängig sein von den Blicken anderer, wie ihr es genannt habt. Gibt es da noch einen anderen Umgang, außer die Erwartungen anderer zu erfüllen oder sich zu entziehen?
Lea Ruckpaul: Ja, das ist eine super interessante Frage. Das ist, finde ich, eine Frage nach dem Frausein. Der Blick konstruiert die Frau. Ich scheue mich davor, darauf eine letztgültige Antwort zu geben. Ich finde das wirklich schwierig. Und ich sehe auch ganz viele Frauen, die sich ganz anders mit diesen Blicken, die auf sie geworfen sind, auseinandersetzen, als ich das tue. Jede Frau muss, glaube ich, ihren eigenen Weg finden und man kann sich darin unterstützen. Voraussetzung ist, dass man sich den Blick bewusst macht.
„Es gibt nur zwei Möglichkeiten, den Blicken der anderen nicht ausgeliefert zu sein. Erstens: verschwinden, sich entziehen. Und zweitens: erfüllen.“ (S. 16)
Lea Ruckpaul: Der Blick geht nicht weg. Das ist schmerzhaft, weil „das Weibliche“ immer als „das Andere“ gilt. Als gäbe es „Mensch“ und „Frau“. Frauen schreiben „Frauenliteratur“. Männer sind Literaten. Die Männlichkeit funktioniert in der Abgrenzung zu allem was als „weiblich“ gilt: Weichheit, Schwäche, Emotionalität, Irrationalität etc. Dabei setze ich diese beiden Begriffe „weiblich“ und „männlich“ in dicke Anführungszeichen. Das sperrt uns alle ein.
Das merkt man im Theater oder im Film eben ganz doll, wenn man auf die Bühne geht, wenn man sich filmen lässt: was kriegt man zu spielen? Wie wird man gesehen? Was für einen Eindruck hinterlässt man? Wie kann man die eigene Wirkung steuern, verändern, die Grenzen davon verschieben? Es gibt zwischen den beiden Lösungen „Verschwinden oder Erfüllen“ ganz viel Spielraum. Ich wünschte allerdings, wir würden in einer Gesellschaft leben, ohne Vorurteile, ohne Stereotype, soziale Hierarchien und das ist natürlich utopisch. Also schön, aber utopisch.
Am nächsten Abend nach der Premiere sagte Lea zu mir, sie hätte noch einmal über die Frage nachgedacht und beim Anschauen des Stückes sei ihr eingefallen, dass eine Gemeinschaft von Frauen, wie es die Schauspielerinnen in den Proben und auf der Bühne waren, eine Möglichkeit sein könne, mit den Blicken der anderen umzugehen und diese zu reflektieren.
MUCBOOK: Du hast dich beim Schreiben lange mit belastendem Material auseinandergesetzt, Lea. Wie steuert man dagegen oder erholt sich davon?
Lea Ruckpaul: Ja, ich war beim Schreiben sehr diszipliniert. Ich habe nicht so lange geschrieben, so anderthalb Monate. Recherchiert habe ich natürlich länger. Im Schreibeprozess habe ich jeden Tag erstmal gefrühstückt, bin mit dem Hund spazieren gegangen, habe drei Stunden geschrieben, nicht länger, und obwohl ich das Gefühl hatte, ich kann noch weiter, habe ich mich gebremst und mir auch in meinem Kopf verboten, darüber nachzudenken und dann versucht klarzukommen.
„Beim Schreiben kann ich die Dosis des Schmerzes regeln.“ (S. 10)
Es gab Momente, da habe ich mich danach erschlagen ins Bett gelegt und geheult. Deswegen weiß ich auch, was die Spielerinnen da gerade durchmachen. Du musst dich in diesen Kosmos hineinversetzen. Du musst dir schreckliche Dinge immer und immer wieder vorstellen. Es ist die Arbeit, die SpielerInnen für das Publikum machen, gesellschaftliche Arbeit. Bei der Vorbereitung des Teams und der Spielerinnen habe ich gemerkt, was die noch alles gelesen und angeguckt haben zum Thema – das kann ich gerade nicht. Ich brauche jetzt erstmal eine Pause davon.
MUCBOOK: Ja, kann ich gut verstehen. So ähnlich ging es mir auch beim Lesen. Auch wenn ich dein Buch sehr schnell durchgelesen habe, brauchte ich abends ein bisschen Pause.

„Damals habe ich mich von Nabokovs Roman extrem angezogen und abgestoßen zugleich gefühlt.“
MUCBOOK: Nora, was war dein erstes Gefühl, als du Leas Text gelesen hast?
Nora Schlocker: Ich war total beeindruckt von der Wut und Sprachgewalt und gleichzeitig dieser Überlebensenergie dieser Figur. Mich hat diese Mutter-Tochter-Beziehung total berührt. Das Buch hat mich sehr zum Nachdenken angeregt, was Mütter generationenweise weitergeben an die nächste Generation von Frauen und Mädchen. Ich bin selbst Mutter von zwei Teenie-Kindern, die genau in der Altersspanne von Lolita sind.
Ich kenne diesen Roman von Nabokov schon sehr lange und habe tatsächlich eine Abi-Arbeit dazu geschrieben, in der es um den Spagat zwischen Inhalt und blumiger Sprache ging. Also habe ich mich damit schon mal sehr intensiv beschäftigt. Damals habe ich mich von diesem Roman extrem angezogen und abgestoßen zugleich gefühlt. Und ich finde, dass Lea einen ganz tollen Zugriff auf diesen Stoff wagt, ohne jemals dabei aber in irgendeiner Form von Abrechnung mit Nabokov zu gehen. Ich finde es toll, wie sie anhand dieser Sprachbewegung – wie sich die zwei Perspektiven von Humbert Humbert und Dolores aufeinander zubewegen, über diesen Taschenkalender – so den Griff rein in die Geschichte findet.

„Ich hatte gehofft, das Mädchen Lolita zwischen den Buchseiten dieses schwarzen Taschenkalenders einklemmen und ersticken zu können“ (S. 190)
MUCBOOK: Lea, wie hast du es geschafft im Roman eine Sprache der Gewalt zu finden?
Lea Ruckpaul: Ja, ich weiß gar nicht, ob ich das geschafft habe, diese Sprache der Gewalt zu finden, aber zumindest habe ich eine Annäherung versucht.
Im Gegensatz zu dem, was Nabokov macht, wo es ja immer poetisch wird und wo Natur-Beschreibungen reinkommen, wenn es eigentlich um Missbrauch geht, bin ich poetisch geworden, wenn ich über die Gedanken, die Gefühle und die, ich nenne es mal, Seele der Figur spreche, um dann eindeutig zu werden und ekelhaft, unangenehm und irgendwie monströs in der Sprache, wenn es um Missbrauch geht.
Also ich habe das Gegenteil von Nabokov versucht, weil es mich auch wirklich wütend gemacht hat, wie über das Verhalten und den Charakter dieses Mädchens gesprochen wird. Das ist wahnsinnig frauenverachtend, wie Lolita und auch ihre Mutter beschrieben werden. Also, dieses Buch strotzt vor Frauenverachtung, abgesehen von dem Missbrauch und der Entführung und so weiter. Da habe ich versucht, das genau umzudrehen und es so hart zu machen, dass ich es gerade noch aushalten kann, um es auch lesbar zu halten.
MUCBOOK: Wie unterscheidet sich die Bühnenfassung vom Buch?
Lea Ruckpaul: Das ist etwas ganz anderes. Das ist etwas ganz Neues geworden.
Also allein schon dadurch, dass so viele Köpfe mitgedacht haben und Bilder gebaut wurden: von der Bühnen- und Kostümbildnerin, zu der Art, wie die Spielerinnen das spielen. Das ist wirklich eine ganz eigene Welt geworden. Es ist eben vielstimmiger. Nicht nur, weil fünf Spielerinnen da sind und dann nochmal 13 Mädchen, sondern weil auch dieser Abend, und das ist Noras Verdienst, so viel Raum lässt, unterschiedliche Haltungen zum Stoff zu haben.
MUCBOOK: Wie habt ihr die Proben erlebt?
Nora Schlocker: Das Gute an den Proben ist, dass man nicht alleine ist. Also das macht schon einen Unterschied. Wir waren bis auf den Komponisten ein ausschließlich weibliches Team, bis hin zu allen Hospitierenden, Assistierenden. Sogar inklusive Bühnenmeisterin und Beleuchterin. Ich habe darum gebeten, soweit es ging, also bei der Regieassistentin zum Beispiel oder so. Und insofern hatte ich das Gefühl, es war schon ein großer Schutz- und Vertrauensraum auf der Probe. Es war wirklich eine ganz besondere Probenzeit. Ich habe den Eindruck, dass das gemeinsame Teilen, Sprechen, Auswerten und Vorlesen der Bücher allen hilft. Man bleibt mit dem Thema nicht alleine zurück.
Dann muss man in dem Zuge sagen, auch wenn das ein heftiger und auch sehr berührender Abend ist, hat der aber auch total viel Humor. Genauso wie Leas Roman. Ich glaube das macht die Qualität aus. Es ist ja auch eine Überlebensgeschichte.

„Es war mir nicht klar gewesen, dass ich die Küsserei jetzt öfter würde machen müssen“ (S.76)
Lea Ruckpaul: Das, was du über die Gemeinschaft sagst, Nora, das ist doch der Sinn von Theater. Das Veröffentlichen bringt in eine andere Position: Vom dieser Gewalt ausgeliefert sein, hin zu einer Verbindung mit der Öffentlichkeit, einer Gemeinschaft.
Ich bin sehr aufgeregt wegen der Premiere morgen, aber es gibt eine Zufriedenheit in mir, dass das stattgefunden hat, dass so viele Frauen zusammengekommen sind und sich damit auseinandergesetzt haben. Und auch die Mädchen, die sich miteinander beschäftigt haben. Es hat sich so gelohnt, den Raum dafür zu schaffen.
MUCBOOK: Wie lief eure Zusammenarbeit im Vorhinein und bei den Proben?
Lea Ruckpaul: Unsere Zusammenarbeit hat ja eigentlich bei Prima Facie angefangen. Und das hat extrem viel Spaß gemacht. Nora und ich hatten irgendwann das Gefühl, dass wir ein großes gemeinsames Gehirn haben. Ich stand allein auf der Bühne bei Prima Facie und da war Nora meine Spielpartnerin. Wir haben Gedanken gleichzeitig gedacht mit unserem Gemeinschaftsgehirn.
Nora muss kurz weghören: Was ich an Nora extrem schätze, ist, dass sie so inhaltlich ist. Der Inhalt der Geschichte kommt vor Ego, vor Dingen, die man durchdrücken will, sondern es geht wirklich um das, was man da miteinander macht. Ich habe das Gefühl, dass ich mich entwickeln kann im Zusammenarbeiten mit Nora. Diesmal nicht als Spielerin, sondern als Autorin und in dem, was wir miteinander herausfinden.
Das haben wir vorher noch nie gemacht. Wir waren vorsichtig. Der Deal war, wenn es nicht klappt, dann übergebe ich den Roman komplett an Nora und sie macht eine Fassung.
MUCBOOK: Wie siehst du das, Nora? Kannst du das zurückgeben?
Nora Schlocker: Ja, na, total. Also, Prima Facie war unsere erste Arbeit und ich war da schon sehr verknallt in Lea, einfach als Schauspielerin. Theater machen ist natürlich auch eine Chemiesache und manchmal begegnet man jemandem, wo es halt andockt und man sofort eine Sprache und auch ein großes Vertrauen miteinander teilt. Sie hat mir in den Proben von Prima Facie den Roman, der damals noch nicht veröffentlicht war, zu lesen gegeben.
Den habe ich gleich verschlungen und ihr eigentlich sofort – das ist ja wie so ein kleiner Heiratsantrag – gesagt: Ich möchte das unbedingt uraufführen. Ich mache ziemlich oft Uraufführungen und habe es oft auch mit Autor:innen zu tun, die eben nicht selber Spieler:innen sind. Und das ist natürlich ein Geschenk, weil Lea ein großes Bewusstsein dafür hat, wie es sich als Spielerin auf der Bühne anfühlt, mit Texten agieren zu können. Deswegen bringt sie ein anderes internes szenisches Verständnis mit.
Dann ist es einfach großartig, weil sie super uneitel ist. Das ist ja auch nicht bei vielen Theatermenschen so. Es war schon ein vorsichtiges Annähern. Ich wollte sie nicht verletzen. Dass ich den Roman großartig finde, war ja eh klar. Und trotzdem bedarf es beim Theatermachen ja einer anderen Textqualität und einer anderen Textstruktur.
Also ich habe erstmal versucht, einen Schritt zurückzugehen und ganz klar zu formulieren, was ich gerne damit machen wollen würde oder was mich besonders interessiert.
Im nächsten Schritt hat Lea neue Szenen geschrieben, die dann Material für die Spielerinnen sein können. Besonders schön war es ab dem Zeitpunkt, als wir schon wussten, wer die Spielerinnen sind. Das macht großen Spaß, wenn man denen Texte in die Münder reinlegt.

MUCBOOK: Warum habt ihr euch dazu entschieden, nicht nur Lolita, sondern auch Humbert Humbert von einer Frau bzw. mehreren Schauspielerinnen spielen zu lassen?
Nora Schlocker: Ehrlich gesagt, Humbert Humbert einfach so von einem Mann spielen zu lassen, der das ein weiteres Mal reproduziert, das hätte sich für mich ganz, ganz falsch angefühlt.
Aber jenseits davon, finde ich, geht es darum auch nicht in dem Roman von Lea, sondern es geht eigentlich im Zentrum um Erinnerung. Und das ist, finde ich, ein spannender Aufhänger für die Geschichte, weil dadurch, dass sich Dolores Haze erwachsen erinnert, ihre Geschichte rekonstruiert, auch nie weiß, wann sie Erinnerungen trauen kann, von gewissen Dingen getriggert wird. Dass es so Fetzen sind.
Das ist ein total spannender Vorgang und auch einer, der für die Bühne sehr reizvoll ist. Und diese Erinnerungsstrategie oder Erinnerungsgeschichte ist für mich verknüpft mit der Überlebensgeschichte. Und wenn man von einer Person ausgeht – ich finde so simpel ist es gar nicht – die dissoziiert, also jemand, der ein Trauma überlebt hat und sagt, ich habe aber noch meine verschiedenen anderen Alter-Egos und ich versuche mich immer wieder zu erinnern.
Wer gerade die Kraft hat, schnappt sich die Figur von Dolores und wer gerade die andere Position übernehmen will, tut das. Und wir haben nach einem Spielprinzip gesucht, in dem wir sehr zeichenhaft mit den Figuren umgehen und dadurch, finde ich, wird es eben auch wieder zu mehr als einem Individualfall. Insofern hat auch jede Spielerin den Freiraum, alle Figuren unterschiedlich zu deuten. Und so werden sie vielschichtiger.
Das ist erstens interessant, weil dadurch gibt es mehrere Entwürfe einer Mutter. Es bleibt die Frage übrig, wie war die wirklich, aber es meint auch verschiedene Mütter und genauso verschiedene Kinder und verschiedene Täter.

MUCBOOK: Kann man den Male Gaze abschütteln?
Nora Schlocker: Wir stellen das als Frage im Stück. Und zwar unserem Jugendensemble. Also bei diesem Abend spielen ja auch 13 Laien mit, die sind zwischen 10 und 14. Die funktionieren eher als eine Art Intervention, also spielen in keiner Weise mit in der Geschichte, sondern bringen eine neue Umdrehung mit, wie sie sich empfinden als Mädchen heute in der Welt. Und es ist aus denen rausgesprudelt. Daraus hätte man ein ganz eigenes Stück machen können. Aber es war natürlich irre, wie sehr sie diese Blicke beschreiben und wie früh das losgeht. Wie sie beschreiben, wie sich ihr Sein in der Welt da draußen anfühlt, wann sie Blicke wahrnehmen, ob sie sich oder wie sie sich vor denen schützen können, wie sie ihre Freiräume verkleinern, wie ungerecht das ist.
Das ist natürlich krass, wenn man das hört. Damit beschäftige ich mich eben auch als Mutter, weil ich mir natürlich wünschen würde, dass die nächste Generation von diesen jungen Frauen in einer anderen Welt groß wird oder dort einen Schritt weiter ist, als wir es waren in dem Alter. Und dass sie das auf der Bühne auch formulieren, finde ich total stark. Ich hoffe, dass da genug Leute kommen, die darüber weiter nachdenken.
Alle Fotos von © Birgit Hupfeld
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