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„Absurde Diskrepanz in der Verteilung von Kapital“: Maurin Dietrich ist neue Direktorin des Kunstvereins

Seit September zeigt die amerikanische Künstlerin Diamond Stingily (geb. 1990 in Chicago) im Kunstverein München Arbeiten, die sich um Materialität und Mythologie von Identität und sozialer Klasse drehen. In “Wall Sits“, ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in Europa, präsentiert sie alltägliche, gefundene Objekte, die sie in Bezug zu persönlichen Erinnerungen setzt, um somit soziale und ökonomische Fragen zu stellen.

Kuratiert wurde die Ausstellung von Maurin Dietrich. Es ist ihre erste Ausstellung als neue Direktorin im Kunstverein. Mit Mucbook hat sie über Ihre Pläne und Ziele für die nächsten Jahre gesprochen.

Von Berlin nach München

Die 1990 geborene Kunsthistorikerin ist gerade aus Berlin hergezogen, wo sie für das KW Institute for Contemporary Art und für das Residencyprogram schir arbeitete. Zudem organisierte sie Ausstellungen für den von ihr selbst mitgegründeten und geleiteten Projektraum Fragile.

Dabei reizen sie vor allem Institutionsstrukturen, mit denen sie möglichst nah mit den KünstlerInnen, der Produktion und vor allem dem Publikum arbeiten kann. Nachdem die Direktorenposition Ende letzten Jahres ausgeschrieben war, bewarb sie sich für die Stelle im Kunstverein München: „Das Fantastische an der Struktur des Kunstvereins ist, dass man für ein Publikum programmiert, das neben dem breiten Kunstpublikum vor allem auch seine Mitglieder umfasst. Dabei funktionieren diese wie eine Art Echoraum, in dem Sachen besprochen werden, Kritik widergespiegelt wird und man Diskurse verordnet oder hinterfragt“, so Dietrich.

Bald schon 200-jähriges Jubiläum

Dabei wird sich die Kuratorin gleich 2023 einer ganz besonderen Herausforderung stellen, wenn der Kunstverein sein 200-jähriges Jubiläum feiert. Mit seinen Räumen in den historischen Arkaden des Hofgartens gilt er als eine der traditionsreichsten Institutionen seiner Art in Deutschland.

Das Jubiläum wird den Anlass dazu liefern, seine Form und Aufgaben auf ihre heutige Sinnhaftigkeit zu überprüfen: „Ich denke, die Struktur des Kunstvereins ist noch nie so relevant gewesen wie heute, weil er sowohl lokal als auch international agiert.“

Viele Male in der Vergangenheit ist es die Stärke des Kunstvereins München gewesen, das Potenzial von bis dahin verkannten KünstlerInnen zu entdecken, ihnen die Möglichkeit zu ihrer oft ersten internationalen Einzelausstellung zu bieten und dabei einen bedeutenden Beitrag zu ihrer späteren Anerkennung zu leisten. Daran soll angeknüpft und dem bisher Ungesehenen ein Raum gegeben werden.

Konkrete Gemeinschaft im Vordergrund

Neben der Ausstellungstätigkeit rücken für Dietrich jedoch auch vermehrt Gesichtspunkte in den Vordergrund, die viel mit konkreter Gemeinschaft zu tun haben.

Sie will den Kunstverein mit neuen Formaten einem neuen Publikum öffnen: „Es soll vermehrt ein Ort entstehen, der neben den Mitgliedern auch Menschen außerhalb eines tradierten Kunstkontextes ein Zuhause bietet – beispielsweise über Vermittlungsangebote für Kinder und Jugendliche.“ Es geht Dietrich also um nichts Geringeres als um die Generierung einer neuen Gesellschaft innerhalb des Kunstvereins.

Dies wird auch inhaltlich in den Ausstellungen sichtbar: Die Fragestellungen der Kuratorin ergeben sich immer in Zusammenarbeit, sowohl mit der jeweiligen künstlerischen Arbeit als auch mit ihrem Kuratorenteam.

Soziale Klasse im Fokus

Im Moment drehen sie sich besonders um Themen der sozialen Klasse und um die Untersuchung der jeweiligen, sich daraus heraus formenden Formensprache: „Zwar gibt es im Kunstbereich die Fiktion, dass die sogenannte Kunstszene eine kreative Klasse für sich darstellt. Dennoch denke ich, dass Klassenunterschiede gerade hier sichtbar sind und sich ökonomische Umstände in den künstlerischen Werken ausdrücken.“

Einzel- und Gruppenausstellungen im Blick

Neben geplanten Einzelausstellungen von KünstlerInnen wie Andrea Büttner oder Pati Hill ist das Programm in den folgenden Jahren somit auch von Gruppenausstellungen strukturiert, in denen diese Konzepte ausformuliert werden und solchen Fragen nachgegangen wird.

Dabei reagiert Dietrich mit der von ihr gewählten Ausrichtung direkt auf die Stadt München, die ihr als neue Rahmenbedingung für ihre Arbeit neue Herausforderungen stellt: „Diese Thematik hat sich für mich natürlich auch aus der Auseinandersetzung mit der Stadt ergeben. Es geht um Produktion unter prekären Verhältnissen, ein Problem, das sich in urbanen Ballungsräumen um so stärker formuliert. Natürlich wird das in München, wo die Grenze zwischen oben und unten so klar gesteckt ist wie in kaum einer anderen Stadt, um so sichtbarer. Die sich daraus ergebenden Probleme haben für viele hier lebende KünstlerInnen oberste Dringlichkeit und betreffen sie oft jeden Tag, da im Kunstbereich eine teilweise absurde Diskrepanz in der Verteilung von Kapital herrscht.“

Der Kunstverein als Gegenentwurf

Diese Betrachtung führt Dietrich wieder zur Rolle des Kunstvereins zurück, die sie in den nächsten Jahren mit gestalten möchte. Mitten im Zentrum Münchens gelegen, soll die Institution einen Gegenentwurf zur gesellschaftlichen Entwicklung darstellen: „Wenn es ein Ziel ganz unabhängig vom Ausstellungsprogramm gibt, dann wäre es mein Wunsch, dass hier nach 5 Jahren tagtäglich KünstlerInnen ein- und ausgehen – und sei es auch nur um einen Kaffee zu trinken, den man sich sonst in der Gegend nicht mehr leisten kann.“ 


Bilder: © Kunstverein München e.V.

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